David Sardy lebt und arbeitet als einsames weißes Wesen neben der schrecklichsten U-Bahn-Station der Welt. Da können komische Effekte nicht ausbleiben.
Mann, David Sardy hat wirklich schon ’ne Menge erlebt. Mit 14 spielte er in der NY-Hardcore-Band Squirm. Seitdem hat er Musik studiert, wurde professioneller Engineer und entdeckte für sich den Blues und Hip-Hop. Seine Band Barkmarket hat gerade ihre zweite LP herausgebracht – The Easy Listening Record -, und da hat er „Pink Stainless Steel“ von der alten Red Crayola gecovert, das letzte Mal war es „Ready For War“ von John Cale. Ein guter Geschmack also. Will man seiner LP das größtmögliche Kompliment machen, sagt man, sie klänge wie eine Mischung aus Beefheart und Hip-Hop (und das ist gar nicht so wahnsinnig falsch).
„Ich glaube, daß Captain Beefheart wirklich der Größte überhaupt in der gesamten Geschichte der populären Musik ist, er wäre einer von zweien, von denen ich mich anstellen ließe, aber ich könnte das Zeug natürlich nie spielen.“ Dafür legt er bei allen Barkmarket-Platten hörbar großen Wert auf die Produktion, versucht den Nivellierungen durch neue Studiotechnologien so weit wie möglich entgegenzuwirken, Mikrophone so oft und oft genug für komische Effekte einzusetzen wie möglich. Daneben Samples. Einmal hat er für Public Enemy als Engineer gearbeitet, bei einem Gig in Chicago: „Man merkte die Spannung in der Band, daß sie sich bald auflösen würde. Immer hieß es, die Kirche wird dieses, die Kirche wird jenes nicht gut finden. Ich meine, Propaganda kann eine gute Sache sein, aber die sind eindeutig Opfer ihrer Propaganda, auch wenn ihre Musik die beste der Welt ist. Die Show war dann direkt neben der Kirche der Nation of Islam, und das ganze Publikum war voll mit diesen N.O.I.-Aktivisten, kein sehr angenehmer Ort für einen Weißen. Ich bin die unrassistischste Person der Welt, aber man wird halt immer wieder draufgestoßen.“ Vor allem, wenn man, wie David, in Bedford-Stuyvesant wohnt, als einziger Weißer in einem Radius von ein paar Kilometern. Schießereien sind an der Tagesordnung, auch an dem Tag, als er mit dem Masterband vor der Haustür stand und nicht wußte, ob er erst sein Leben oder seine LP in Sicherheit bringen sollte. „Leider hab ich kaum Kontakt mit meinen Nachbarn, was auch mit meinem Lebensstil zusammenhängt, aber unsere U-Bahn-Station hat die höchste Mordquote der Welt. Ich treffe nur Downtown auf Jazz-Sessions immer wieder Musiker, von denen sich dann herausstellt, daß sie bei mir um die Ecke wohnen.“ Zu seinen Jazz-Connections gehört ein enger Kontakt zu Marc Ribot, mit dem er oft in dessen Band spielt und der umgekehrt bei der letzten Barkmarket ausgeholfen hat, wie auch seine Schwester, Fall-Keyboarderin Marcia Schofield, und der in Köln lebende Künstler und gelegentliche Spex-Mitarbeiter Fareed Armaly. Sein Interesse an Sounds, Aufnahmetechniken und Raumklang hat ihn dann auch immer wieder zur Mitarbeit an der florierenden Collagen-Hörspiel-Kultur auf den besseren der US-College-Radiostationen gebracht, wo mit eingesandten Tapes, verfremdeten Commercials, Schweigen und durch Wölfe und Sampler gejagte Platten gearbeitet wird und Institutionen wie Negativland oder Culturcide ihre Heimat haben. Um so überraschender für ihn, daß er gestern in Amsterdam auf einem holländischen Sender damit noch Leute verwirren konnte. Dafür ist Barkmarket jetzt erstmals über den Projektstatus hinaus zu einer richtigen Band geworden (ein Trio mit dem Drummer von Miracle Room), die gerade seine Freunde von den Throwing Muses supportete. Sein Interesse an Propaganda und Massenbeeinflussung im Angesicht einer fast aussichtslosen Lage („in der Mitte meiner Straße zwischen Crack-Häusern und Halbtoten, die nichts zu verlieren haben, wenn sie dich abmurksen, kannst du die Lichter von Manhattan sehen …“), schlägt sich in Cover-Graphik, LP-Titel und Texten nieder. Fazit: „Wenn alle integren und intelligenten Menschen der Welt auf einmal anfangen würden zu handeln, gäbe es noch Hoffnung, aber da sie das nie tun werden, denke ich, daß nicht mehr viel zu machen ist …“