Den Märtyrerlook den Märtyrern überlassen

Und siehe da: Der Herrgott hat der sündigen Menschheit noch einmal einen Frühling geschenkt. Doch was machen die Menschen? Sie haben nicht einmal das Richtige anzuziehen!

Wie sagt doch der Dichter: „Drum wach, erwach, oh Menschenkind, daß dich der Lenz nicht schlafen findt.‘“ Weil der Lenz und mit ihm all die Chancen (MOBILITÄTSVERSPRECHEN) die er den Menschen kurzfristig bewilligt, sonst nämlich eine Fliege machen könnte.

Diesen Lenz trägt man Blue Jeans, Marimekko-1958-Streifenpullover wie die jungen Leute in Paris nous appartient, Baskenmützen von Tartosa und schwarze Sonnenbrillen. Dazu der Sound von Hammondorgeln. Paul Weller hat das für seinen Style Council begriffen. Doch gerade im äußeren Rückgriff auf eine Zeit, in der Dröhmeln, Dösen, Denken und Damen im emphatischen Sinne das Ding waren, bleibt man dieses Frühjahr im Inneren kühl und rational. Das Verhältnis Kleidung/Denken sollte sich dem Verhältnis Sonne/Temperatur in alpinen Höhenlagen anpassen: Es sieht alles sehr warm aus, aber der Schnee schmilzt trotzdem nicht.

Der andere große Kult heißt: Status durch Akzent. Roots durch Sprechen. Die Menschen entdecken wieder, daß eine Sprachmelodie – sei sie angeeignet oder naturbelassen – mehr verrät als tausend Modezeichen. Das Sprechen als Stimme von Milieu und Umwelt, Prägung und Erfolg, Niederlagen und Komplexen, Potenzen und zurückliegenden Katastrophen erlebt seine grandiose Renaissance. Öffentliche Lokale drehen die Musik leiser, Musiker sprechen lange Ansagen, um ihr Stimmprofil deutlich zu machen, Diskotheken bleiben leer, in den Innenstädten bilden sich scheinbar motivlos Menschentrauben, nur um einander zuzuhören: natürlich nicht dem dämlichen Was der Äußerung, sondern dem Wie. Wie spricht revolutionäres Bewußtsein? Man hat es einmal gewußt.

Die Kleidungsidee des Sommers: blutige Hemden. Warum den Märtyrerlook den Märtyrern überlassen? Jesse Jackson wurde berühmt, indem er sein bei der Ermordung Martin Luther Kings blutig gewordenes Hemd zwei Tage später bei einer Presse-Konferenz trug. Nun sucht den Helden oder den Anlaß für ein symbolisches Blutopfer. Mir fällt da gerade ein, daß Jackie E. von der Gruppe Ivanhoe (deceased) vor ein paar Jahren in Reutlingen oder Hindelang oder Hinterzarten bei einem Konzert besagter Gruppe ein blütenweißes Fenn-Feinstein-Hemd auf offener Bühne mit eigenem Blut besudelte, ohne daß ihn damals jemand verstand. Der grüne Blutattentäter Schwalba-Hoth wurde, ebenfalls seiner Zeit voraus, nur von Englands führender Denkerin Julie Burchill in gebührender Weise bestätigt.

Jetzt, wo Blut von einer breiten Koalition von Grün bis Schwarz per Zensurerhebung verboten und verbannt werden soll (wegen Video), bringt der Sommer Blut live. (Nur auf guten weißen Hemden.)