Irgendwann muß man auch mal was machen über die Pusher-Praktiken des Suhrkamp-Verlages. Als regelmäßiger User werde ich vielleicht eine Betroffenengruppe gründen. Ich kann einfach nicht an einem neuen stw- oder edition-Sammelband vorbeigehen, der mich durch Titel wie Postmoderne – Globale Differenz oder Paradoxien, Dissonanzen, Zusammenbrüche oder Die vergessene Dimension internationaler Konflikte: Subjektivität und geile Inhaltsverzeichnisse jieperig macht und von dem ich garantiert nicht mehr als einen bis drei der versammelten, im Schnitt 25 Aufsätze lese. Im Prinzip sollten die einschlägigen Theorie-Zines diese Dinger langsam ersetzen können (auf der anderen Seite sind die Theoriezines oft genau ein Produkt dieser Symposiumsmitschriften). Die Redaktion von Heaven Sent beschwerte sich neulich, daß ich sie als reines Theorieblatt beschrieben hätte und ihre diversen der leichten Muse gewidmeten Anstrengungen unterschlagen hätte. Sorry, aber genau diese Beiträge sind eben leider gerade die Schwäche von Heaven Sent. In der eben erschienenen Nummer 2 gefundene Sätze wie „Letztendlich ist Heavy Metal die einzige Musik, die in Brasilien genauso wie in, sagen wir, Schweden einen supranationalen Charakter hat, also nicht regional klingt“ oder „Dub ist nach Jazz die zweite genuin schwarze Musikform, die im wesentlichen instrumental funktioniert und hat seit dem Niedergang des Jazz Ende der Sechziger diesen in Punkto Kreativität locker überholt“ (wirklich locker, das muß man sagen, wie die circa fünf bis neun seitdem aktiven Dub-Produzenten die Produktion von circa fünfzigtausend Jazzmusikern „überholt“ haben), also großspurig bescheuerte Generalisierungen sind mir in meiner Jugend auch durchaus aus mancher Feder geflossen, aber wenn einem sein eigenes Kindergemüt, methodegeworden, als neue Zeitschriftenidee vorgespiegelt wird, darf man sich schon kurz erschrecken. Dafür sind Klaus Walters Netzer-Artikel, die Interviews mit Gremliza und Ernest Bornemann ziemlich gut, vor allem aber das Interview mit Slavoj Žižek, in dem wirklich jedes Wort ein Hit ist (und es nimmt acht Seiten ein), lohnt die Anschaffung des Heftes (für DM 7,– über Graben Verlag GBR, Lotzstr. 29-31, 6230 Frankfurt 80, 069/38 58 72).
Auch wieder da, inzwischen bei Nummer 3, Dank und Glas(z): Letzteres befragt so unterschiedliche Charaktere wie J Mascis und mich zum Thema „Utopie“ und druckt ein lesenswertes Selbstzerfleischungs-Kolloquium maßgeblicher Hamburger Musiker über die Verrohung der Sprache des Musikjournalismus (etwa die menschenverachtende Ungenauigkeit, die in dem Begriff „Brachialgitarre“ wohnt), ersteres sieht so lustig (Faksimile-Texte, Krickel-Krakel-Optik plus ein Vierfarbfoto-Insert) aus wie immer und hat in einem Herrn Dany einen begnadeten Eiferer gefunden, der zum Kreuzzug gegen Kippenberger und die von ihm versklavte Kunstwelt aufruft.
Artfan erscheint mittlerweile so häufig, daß man mit dem Zählen kaum noch nachkommt. Im Zentrum steht nach wie vor ein Interview (etwa mit Fareed Armaly oder in der neuen Nummer mit Sklavenhalter Kippenberger), die kleinen Tratschmeldungen (die auch einen großen Teil des Reizes von Dank ausmachen) sind aber ebenso wichtig und geben durch die strikte Einhaltung des situationistischen Anticopyrights jedem, der etwas zu erzählen hat, aber nicht dafür verantwortlich sein will, die Gelegenheit, seine wertvollen Informationen rüberwachsen zu lassen. Eine andere Form des Mitmachens, die Artfan gewährt: Für die geringe Summe von 3.000 Schilling kann man eine Nummer „kaufen“, heißt die Druckkosten übernehmen und sich so den Gegenstand des Interviews wünschen (wenn die Redaktion einverstanden ist).
Im Freiburger „ça ira“-Verlag (wo jetzt auch ein Buch über Franz Jung erschienen ist, das ich aber noch nicht lesen konnte) ist jetzt die Nummer 4/5 der großformatigen marxistischen Theoriezeitschrift (vielleicht die letzte von Interesse) Kritik & Krise herausgekommen. Ihr im Editorial formuliertes Selbstverständnis kann man vielleicht auf ein halb umgedrehtes Marx-Bonmot zuspitzen: Die Linken haben die Welt nur verschieden verändert, es kommt aber darauf an, sie richtig zu interpretieren. Für Erhalt und Reinigung der Begriffe, gegen ihre von „Versessenheit auf Praxis“ verursachte Auflösung. Der in diesem Heft unternommene Versuch, Antisemitismus als ursächlich von bürgerlicher Denkform schlechthin hervorgebrachte Ideologie vorzuführen, ist dennoch bzw. gerade deswegen von fast schon interventionistischer Aktualität. Dabei kommen nicht nur die verschiedensten Stimmen und Textformen – ein alter konkret-Kommentar von Ulrike Meinhof oder ein großangelegter theoretischer Versuch von Moishe Postone, „Nationalsozialismus und Antisemitismus“, der als Grundlage fungiert – vor, es wird auch weder auf Emma noch auf die „Marxistische Gruppe“ oder die Althussersche Marxismus-Schule in Gestalt von Étienne Balibar Rücksicht genommen. Obwohl es dann schon etwas irre klingt, wenn man liest: „Merkwürdige Vorstellung von Ideologiekritik, der wohl nur fähig ist, wer Das Kapital unter Althussers Kuratel gelesen hat“, als wäre irgendwas unter Althussers Kuratel zu tun das Allerbizarrste und anderswo wüßte jemand besser, wie man Das Kapital „richtig“ zu lesen hat. Es widerspricht zwar durchaus dem hier vorgestellten Denken, daß man es neben anderem (sehr gut) benutzen kann, ist aber so. Gerade weil von Žižek-Sätzen (vgl Heaven Sent-Interview: „Die gestohlene nationale Substanz“) vielen (auch mir) heutiger Rassismus so viel einleuchtender erklärt zu sein scheint, sind Analysen wie diese notwendig, die zeigen, daß das Einklagen von Nichtrassismus via deklarierter „Gleichheit“ der „Bürger und Bürgerinnen“ bei bestehender Nichtgleichheit nur die Unmöglichkeit jeder Umwälzung rassistischer Verhältnisse als verboten festschreibt, daß Rassismus eine Psychologie hat (die mit bürgerlicher Denkform nicht hinreichend erklärt ist), aber auch nicht ohne Kapitalismus auskommt. Eine Binse, die aber wichtig wird, wenn auch andere Seiten sich zur Zeit um Antisemitismus-Definitionen mühen: etwa Walter Seitter, der in einem Aufsatz, wo er den Deutschen die Entwicklung eines „thematischen Ethnozentrismus“ empfiehlt, ihnen einen „gewöhnlichen Antikapitalismus“ vorhält und in einer Fußnote ergänzt: „Auch der klassische Antisemitismus ist ein Antikapitalismus gewesen – ein besonders dummer. Dies vorläufig auch zum Antifaschismus“ (in „Vom rechten Gebrauch der Franzosen“, zuerst erschienen in der rechten Etappe, jetzt in dem – trotz allem: glücklicherweise – wiederauferstandenen Tumult, Band 15, bei Turia & Kant, wo auch der zweite deutsche Žižek-Band, Der erhabenste aller Hysteriker – Lacans Rückkehr zu Hegel, erschienen ist). Oder Roger Thiede, in dieser Gegend bekannt für seine Ernst-Jünger-, Arno-Breker- und Leni-Riefenstahl-Faszination, die er vor ein paar Jahren im Überblick auslebte und der jetzt im neuen Matthes-&-Seitz-Almanach Der Pfahl (eingerahmt vom neuen Bergfleth, in der Haft geschriebenen Distanzierungsreue eines alten Nazis und Axel Matthes x-ter bitterer Abrechnung mit den deutschen Intellektuellen, wo eine wirklich lustige Analogie zwischen einerseits Stalin und andrerseits Karasek oder Schirrmacher hergestellt wird – der ganze Almanach in einem Ton, wo ständig zwischen GROSSEN und kleinen Geistern unterschieden wird) den Begriff „antisemitisch“ historisch als jüdische Defensivmaßnahme entdeckt haben will: die philologisch-verbrämte Variante der alten deutschen Gewißheit, daß die Juden eh schon selber schuld gewesen sein werden. Vor diesem Hintergrund wird – solange sowas wie marxistische Lacanianer (Žižek kommt dem noch am nächsten: als Lacanistischer Marx-Leser und wie er in Heaven Sent sagt, „antikommunistischer Linker“) und Dekonstruktivisten jedenfalls hierzulande nicht zu haben sind, und wozu sollte man auch verschmelzen, was nicht zusammengehört, solange es dafür keinen Grund in der Logik eines spezifischen Aktivismus gibt, wie in den USA, wo man den „linken“ Gebrauch der „Franzosen“ seit Jahren beobachten kann – es wichtig, die Entwicklung und neue Selbstfindung marxistischen Denkens sympathisierend zu beobachten und zu verfolgen, ohne deswegen das von ihm ausgeschlossene und nicht vertretbare Andere, das in den letzten 15 Jahren „Franzosen“ (Thema der erwähnten Tumult-Nummer) vertreten haben, über Bord zu werfen. (Kritik und Krise, ça ira Verlag, Postfach 273, 78 Freiburg).