Der Anhang (6/91)

1. Boogie Down Productions: Live Hardcore Worldwide (BMG/Jive/Ariola)

Im strengen Sinne nicht, wie behauptet, die erste Live-Hip-Hop-Platte, dafür aber der einzige Hip-Hop-Act der Welt, der abend- bis nächtefüllende Bühnenaktion bieten kann. KRS-Ones kleiner Bruder Kenny Parker als Raggamuffin-DJ und diverse Stargäste (Gang Starr, Shabba Ranks, Nice’n’ Smooth, Sister Card), die gesamte BDP-Posse mit KRS-One und Jamalski wirft sich für jeweils zwei, drei Rhymes die Mikros zu, während Kenny Parker wie ein jamaikanischer Selector die immer gleichen drei vier Instrumentaltracks rewindet und wieder rewindet – so sah ich sie Anfang des Jahres in Amerika. Bei dieser Show, die neben Aufnahmen aus London und Paris auch auf dieser Platte verwendet wurde, fielen auch diese unsterblichen Worte: „We got to stop the violence! And start the revolution! Stop the violence by any means necessary. By any means necessary. Any means necessary! Some people wanna stop the violence with a flower. We’re not living like this. Some people wanna stop the violence with a banner. We’re not living like this either. If negativity comes with a 22, positivity comes with a 45!“

2. Sozialdemokraten are down

Björn Engholm im Spiegel TV. Nach getaner Arbeit sitzt der Politiker mit dem Sinn für die schönen Dinge des Lebens in seinem Eigenheim. Brüllend laut plärrt Dr. Alban aus seinen Speakers. Der Boden bebt. Stefan Aust is in the house. „Was hören Sie da eigentlich, Herr Engholm?“ Engholm nimmt einen tiefen Zug aus seiner Pfeife. Pause. Dann ganz knapp, ganz street: „Rap!“ Zur selben Zeit in Paris. Jacques Lang sitzt bei einer Talk-Show den Pariser Homeboys von N.T.M. (= Nique ta Mere = Fick Deine Mutter) gegenüber. Ob er die Texte, die Gewaltverherrlichung, die monotone Musik – ob er das nicht abstoßend, irritierend finde? „Nein“, Jacques Lang räkelt sich: „Für mich ist das wie Commedia dell’arte.“

3. Die Laclau/Mouffe-Geras-Debatte

Vor zwei Jahren erschien bei dem wichtigsten linken Theorie-Verlag der anglo-amerikanischen Welt, bei Verso, Hegemony And Socialist Strategy von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Ein seinerzeit aufsehenerregender und hier immer noch unübersetzter Versuch einer diskursanalytischen bis psychoanalytischen Lektüre einiger marxistischer „Klassiker“ (Rosa Luxemburg, Kautsky, Plechanov), die schließlich in einem Vorschlag an die Linke gipfelt, sich „towards radical democratic politics“ umzuorientieren, die liberale Ideologie nicht länger zu kritisieren, sondern beim Wort zu nehmen. Darin konnte Norman Geras nur Revisionismus und andere moralische Schlappheiten entdecken. In Discourse Of Extremities, ebenfalls bei Verso, rechnet er furios auf fast hundert Seiten mit Laclau/Mouffe ab. Die antworten ihm, nicht minder persönlich beleidigt und intelligent, unter „Post-Marxism without Apologies“ in Laclaus neuem Buch New Reflections On The Revolution Of Our Time (bei Verso!). Doch seine Antwort auf die Antwort hat Geras auch noch in Discourse Of Extremities unterbringen können, so daß er für den Moment das letzte Wort hat. Die Mischung aus dem, was man in England „Scholarship“ nennt, und dem angesichts der Erhitztheit aller in diesem Streit gefallenen Argumente auch verständlichen Einklagen von allen möglichen Höflichkeitsformen erinnert uns daran, daß in Deutschland Linke lange nicht mehr gleichzeitig auf so einem Niveau auch so erhitzt diskutiert haben.

4. Macka B: Peace Cup (Ariwa)

Darin vor allem dieser Satz: „Jah is the computer / I am the programmer“.

5. Hubert Fichte: Die Schwarze Stadt (Fischer)

Ein neuer Band der Geschichte der Empfindlichkeit – Interviews, Berichte, Essays, die zwischen ’78 und ’80 in New York – den Jahren der Graffiti und des frühen Hip-Hop – entstanden sind und auf die eine oder andere Art auch davon handeln. Darin besonders die drei Interviews mit dem schwarzen Kunstprofessor, Gefängnislehrer, Künstler und Aktivisten Michael Chisholm, der weder Graffiti noch Paul Wunderlich leiden kann, und der Essay-Exkurs „Die Beschreibung afrikanischer und afroamerikanischer Riten bei Herodot“, darin: „Herodots Landsleute, die Karer und Ionier, die als Söldner des Pharao um 591 Sgraffiti in die Kolosse von Abu Simbel ritzen, sind dem Kundigen entgangen. Er scheint also nicht bis Abu Simbel vorgedrungen zu sein; die sprachtheoretische Bedeutung dieser Sgraffiti war vergessen oder sie war noch so etwas Selbstverständliches, daß man sie nicht der Erwähnung für würdig hielt:

ἔγραψε δ’ ἔμε Ἄρχον – uns aber schrieb Archon.

Τήλεφος μ’ ἔγραψε – mich hat Telephos geschrieben.

καὶ Κρίθις ἔγραψαν ἐμέ – … und Krithis haben mich geschrieben.

Verwörterung der Welt: Das Wort sagt ich zu sich selbst.“

6. Brian & Tony Gold: Sound Ting

Typischer, aber sehr langsamer One-riddim-Dancehall-Reggae-Sampler. Cocoa Teas Version des Ting-Riddim heißt „Oil Ting“, darin vor allem: „Oil Ting / It’s a serious someting / Cause dem arab men / dem a no joking“.

7. Material: The Third Power (Ariola/BMG)

Neue von Bill Laswell zusammengestellte, Workshop-artige LP unter seinem alten Bandnamen Material, mit allem, was in New York Rang und Namen hat, von den Jungle Brothers bis zu Shabba Ranks. Darin vor allem die neue Version des alten Last-Poets-Poem, „E Pluribus Unum“, vorgetragen von Last Poet Jalal Nuriddin, eine dekonstruktivistische Lektüre eines US-Geldscheins mit den bislang besten Metaphern für Hyperkapitalismus oder Geld als die bare Münze des apriori, die aber für diese kürzere Fassung weggelassen wurden und nachzulesen sind in Last Poets: Vibes From The Scribes (Pluto Press, London 1985): „Cause paper money is like a bee without honey / with no stinger to back him up / and those who stole the people’s gold / are definitely corrupt / Credit cards, master charge, legacies of wills / real estate, stocks and bonds on coupon paper bills / Now the US mints, on paper prints, millions every day / and use the eagle for their symbol, cause it’s a bird of prey / The laurels of peace and the arrows of wars / are clutched very tightly in the eagle’s claws / filled with greed and lust, / and on the back of the dollar bill, / is the words In God We Trust / But the Dollar bill is their only God / and they don’t even trust each other / for a few Dollars more they’d start a war / to exploit some brother’s mother …“

8. Frank Zappa & The Mothers Of Invention: Weasels Ripped My Flesh (Barking Pumpkin/Intercord)

Bei der CD-Reissue-Reihe von Zappas Werk ist dann schließlich diese aus unveröffentlichtem Material nach dem Ende der ersten Mothers-Besetzung 1969 zum ersten Mal veröffentlichte Platte als vielleicht beste Zappa-Platte überhaupt hervorgegangen. Darin besonders, wie Zappa in „Toads Of The Short Forest“ live die erklärenden Untertitel zur Polyrhythmik seiner Band einspricht: „Right now on stage we have drummer a playing in 7/6 time, drummer b playing 3/4, the bass 3/4, the organ 5/8, the tambourine 3/4 and the alto sax just blows what it knows.“

9. „Express“, Köln, 7.5.1991

Darin besonders Seite 2: „Auch Kohl hätte zwei Kopfschüsse gekriegt“: „Wirr spricht er von dem Fernseher in seinem Kopf: ‚Das ist der Staatsterrorfunk‘ (…) Doch Ernst Baljer, Leiter der Wieslocher Klinikabteilung für psychisch kranke Rechtsbrecher (…): ‚Es gibt durchaus eine Zukunftsperspektive für Herrn Kaufmann. Er muß in langen Gesprächen erkennen, daß wir recht haben und nicht er. Aber wir haben schon schwierigere Patienten als geheilt entlassen.‘“ So sehr alles wesentliche zum Fall Kaufmann von Pohrt schon gesagt worden ist, so lustig ist es nicht nur, wenn die, die sich um die Verrückten kümmern sollen, wie im Witz genauso verrückt sind wie die Verrückten, sondern vor allem, daß jedem, der auf einen Staatsterror im Fernsehen, Kopf, Radio oder sonstwo sich spezialisiert hat, vom derart geschmeichelten Staat auch genau die Antwort auf der Spezialistenebene bekommt, auf der er sich beworben hat. Der Krankheitsgewinn ist auf beiden Seiten enorm.

10. Brett Easton Ellis: American Psycho (Picador oder Vintage/Random) und Jonathan Demme: Das Schweigen der Lämmer

Ob man das Buch widerlich findet und den Film für ein Meisterwerk hält, spielt nicht die entscheidende Rolle, wenn man ihre sozialpsychologischen Behauptungen extrahiert: So wie das Buch einen Zusammenhang zwischen extremem Warenfetischismus und extremer sexueller Folter behauptet, stellt der Film einen Zusammenhang zwischen Behaviorismus und Serienmorden her. Jodie Foster tut nichts, was sie nicht sichtbar gelernt hat, und Hannibal Lecter denkt sich nur aus, was die ihn beobachtenden Behavioristen nicht lesen oder berechnen können. Beim American Psycho entspricht jedem sorgfältig plazierten Produktnamen eine weitere Steigerung der Quälereien, die er seinen Opfern zumutet. Beiden scheint es um die Unsichtbarkeit, tendenziell schrumpfende Wahrnehmbarkeit des Verbrechens (des „Bösen“) im Zeitalter seiner Weltausdehnung einerseits und relativistischen Erklärbarkeit und Verwaltbarkeit andrerseits zu gehen. Daß bei Ellis der Yuppie an Frauen stellvertretend krass exekutiert, was seinesgleichen im Weltausbeutungszusammenhang unsichtbar oder abstrakt, verschanzt hinter einem Produktnamen-Lebensstil-Code anrichten, entspricht als fast schon rührend platte, möglicherweise nur nachgereichte „Entlarvungs“-Moral Demmes Vorschlag, nur den intellektuellen Verbrecher und den sich von seinem vorgesehenen Lebenslauf als Opfer befreienden Aufsteiger (Frau) als „Menschen“, „Individuen“ aus dem administrativ-deterministischen Netz von Behaviorismus und Staatsrationalität hervorgehen zu lassen. Als Diskussionsbeiträge zu einer Geistesgeschichte des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten und der immer neuen, diese Möglichkeiten verwaltbar machenden gedanklichen und technischen Determinismen, wo „Freiheit“ und „Homelessness“ konvergieren und „Abenteuer“ (als Vollzug der Freiheit) das Recht zu töten miteinschließt, unbedingt zulässig. Vgl. dazu besonders P.J. O’Rourke: „HOO * AAH! – The Last Dispatch From The Gulf War“ (Rolling Stone, 5/91), z. B.: „When the Iraquis tried to leave Kuwait City, early on the second day of the ground war, they headed en masse up the road to Basra, using both sides of the six-lane highway. About thirty miles north of the city (…) this bug-out was spotted by US Navy A.-6 attack planes. These navy pilots must fly New York City traffic helicopters in civilian life, because they knew exactly what to do. They went right to the spot on the crest of the ridge where the road narrows from six lanes to four and plugged that bottleneck with cluster bombs: ‚We’ve got a real tie-up outbound on the Basra Road this morning due to explosion, incineration, mutilation and death …‘ (…) Allied burial details were moving through the wreckage, but some bodies were still lying there, crispy and twisted in agony. I felt sorry for the poor bastards, but it was a reasonable, detached kind of sympathy that came from the went-to-college part of the brain (…) but after seeing what they had done in Kuwait City, I had more of an Old Testament feeling in my heart: ‚Then did I beat them as small as the dust of the earth, I did stamp them as the mire of the street, and did spread them abroad‘ (2 Samuel 22:43).“ Im Gegensatz zu Hannibal Lecter oder dem American Psycho ist weder O’Rourke eine literarische Figur noch ist das von ihm Beobachtete Fiktion und „not intended to refer to any living persons“, wie es auf dem Schmutztitel bei Ellis heißt. Das „Alte Testament“, wahrlich, der literarische Skandal, mal wieder, des Jahres.