1. Alek Keshishian: Truth Or Dare – In Bed With Madonna
Der modernste Superstar der Gegenwart in einem Dokumentarfilm über sich und seine Boys und Girls. Nicht nur ihr Narzißmus, der selbstverständlich miteinschließt, daß sie sich auch als harter Boss, klatschende und fluchende Bitch und menschenverschleißendes Monster porträtieren läßt, wird sehr genau und nachvollziehbar als unmittelbares Produkt der Medien analysiert, derer sich ein Star heute bedient. Der gnadenlos durch Kulissen, Hotelzimmer und Künstlergarderoben gescheuchte, stoische Warren Beatty spricht es aus, wenn er dem über die auch noch bei der Untersuchung von Madonnas Kehlkopf anwesende Kamera irritierten Arzt erklärt, ein Leben off-camera habe für Madonna keinen Sinn, es lohne sich dann nicht einmal, den Mund aufzumachen. Die Aufzeichnungsmöglichkeit bestimmt noch den Moment, den altmodischere Leute „intim“ nennen würden. Medienmaterialismus, der auch noch die eigene Cinema-verité-Ästhetik und das ihr anhängende Authentizitätsmißverständnis infragestellt. Die teilweise von hinter Garderobenspiegeln spionierende Kamera verschweigt ihre Position – in jedem Sinne – nie. Das Einverständnis des Superstars zu seiner letztlich natürlich doch bestätigenden Vivisektion wird im Rahmen seiner Motivation behandelt. Dieser Film hat in dem trüben Genre der Rock-Dokumentationen nur zwei Vorläufer, beide handeln von Bob Dylan: Don’t Look Back und Renaldo & Clara.
2. Silver Bullet: Bring Down The Walls – No Limit Squad Returns, EMI
Neben der Debüt-LP von Son Of Bazerk und der neuen De La Soul dürfte diese britische Produktion die Hip-Hop-LP der Stunde sein. Die eher monoton und unentwickelt im Public-Enemy-Schatten verharrenden Beats bekommen eine andere Bedeutung, wenn man dazu das wortreichste Textblatt der Hip-Hop-Geschichte verfolgt. Selten hat es in der Literaturgeschichte Gedichte gegeben, bei denen so wenig dem Zufall oder der idealistischen Instanz der Bedeutung überlassen wurde. Keine rhetorische, lyrische, metrische etc. Technik wurde ausgelassen, um die – neben den Texten der zweiten Carcass-LP – überdeterminiertesten Lyrics der Popgeschichte zu schreiben. Keine Silbe, kein Wort, kein Phonem, Semem, Morphem, das nicht totales Treatment abkriegt. Zum Beispiel „Verse 1“ von „Bring Forth the Guillotine“:
Race wid the rapid rappin style bass, / Reincarnate delivery reembark the case, / Re-advise the sucker who came to suckle on sound, / Re-taliate in the dance if they wont be down, / Dictator of rap to demolish davastate, / Pumpkin producer predict participate, / Devise on the mic to deviate twelve, / Ladies love in the corner / Ammo recks the bells, / Seducing seductive coincide kill constructive, / Sucker in the side so what destruct him / Detonation ammo decides when to slice / & when his cuts perfect his cuts precise, / No time to break tic tac toe or take, / Select like a snake or f***ers fake, / Mystic mutualism rhymes like a wizard, / Motivates the motorcade for B-exorcism, / Possees mundans multiplying mutineers, / Fabricating fascist f***ers in fear, / Managers evil large like everest, / Evan executioner evacates pests, / Eavalate the rhyme evalute the line, / Evade the year 89, ’cos it’s mine, / No!! pacification in the rhyme revelation, / This new generation cold coolin’ creation, / Parabiosis write rhyme in an office, / Bring in the lawyer propel paranoia, / Bring forth the guillotine
Oder Verse 3 aus „The Attitude Academy“:
No hyper ya holla I’m never singing – / Don’t view stereotypes no insight through psyche / No intention for the scene to identify illicit / Imagery that accounts for a trip dream / Dat’s not my scene – so disconnect / In effect another cornering counterattack to set / False the identikit of course framed on da photofit / Law immoral, I guess we’re gonne go for it / Go for what? (Apocalypse 1) / Step forth to serve the first shot unblock minds dat / Stopped back along da line so ya pick up ya pride / And propel, savage tried but my soul won’t sell / Pick up da phone I’m gonna faze you a phobia / You can’t survey stomp da sound ’cos I’m soakin’ ya / Through the pace powered petitional rhythm / Don’t reap the running via ransome they’ve risen / Running in random rulers in range I rage / We’ll sight a settlement Silver saves the spray / Jam raid authorities layed on escapade invade / Rhyme sleyed another bad break strained / I made dis latest not tasteless race wid da tempo / Solid soul on a roll, we’ll rope y’all up in a zone / Temp below zero to keep ya cool / State the rise but not da fool / This g’wan behind closed doors in the attitude academy
3. Jaime Hernandez: Der Tod von Speedy, Reprodukt-Verlag, Berlin
Und wo wir gerade bei Literatur sind: Wenn Chuck D., KRS-One und Silver Bullet die besten Lyriker der Gegenwart sind, dann wird der Roman der Gegenwart sei knapp zehn Jahren in Oxnard, Kalifornien, von Jaime und Gilbert Hernandez geschrieben/gezeichnet. Deren Comic-Buch-Serie Love & Rockets erzählt, auf zwei Schauplätze verteilt (Gilbert: ein Dorf in Mexiko, Jaime: Jugendkultur, Szene und mexican-american life in Kalifornien), den rasantesten, reichsten und richtigsten Roman, verschlungen und feministisch, den diese Generation bis jetzt hervorgebracht hat. Einen kleinen Ausschnitt aus dem Jaime-Universum stellt die erste deutsche Ausgabe vor, eine Episode mit den „Locas“, den Freundinnen Hopey und Maggie. Maggie gerät in Gangverwicklungen, Hopey ist auf Tour mit ihrer Dilettanten-Band und „Aunt Tia“ (spanglisher Pleonasmus) bekommt ihren Wrestlergürtel zurück.
4. Leon Trotsky On Black Nationalism, Pathfinder, New York, 1980
Ein schon ’67 zusammengestelltes, seinerzeit äußerst aktuelles Büchlein, das bezeichnenderweise Malcolm X auf dem Titel hat. Es sorgt auch heute für Klarheiten, die in den Duellen zwischen Black Muslims und Integrationisten einerseits und der völligen Verwirrung der außenstehenden Linken andrerseits untergegangen sind. Es enthält Diskussionsprotokolle und Statements aus den 30er Jahren und u. a. dies hier:
Ninety-nine point nine percent of the American workers are chauvinists; in relation to the Negroes they are hangmen as they are also towards the Chinese etc. It is necessary to make them understand that the American state is not their state. Those American workers who say: „The Negroes should separate if they so desire, and we will defend them against our American police“ – those are revolutionists, I have confidence in them (…) It is then possible that the Negroes will become the most advanced section. We have already a similar example in Russia. The Russians were the European Negroes. It is very possible that the Negroes will proceed through self-determination to the proletarian dictatorship in a couple of gigantic strides, ahead of the great bloc of white workers. They will then be the vanguard. I am absolutely sure that they will in any case fight better than the white workers.
Die Tradition der Unterschätzung/Fehleinschätzung des afro-amerikanischen Separatismus bei eigentlich allen anderen linken Organisationen/Denkschulen hat auch mit dazu beigetragen, daß trotz vieler unterschiedlich radikaler separatistischer Organisationen/Intellektueller immer noch der prä-faschistische Louis Farrakhan den größten Einfluß hat. (Prä-faschistisch mit der Public-Enemy-Einschränkung „Louis Farrakhan, you have to see the man“.)
5. Ragga Twins: Reggae Owes Me Money, Shut Up And Dance Records
Neben London Posse der bisher weitgehendste Versuch, aus all den losen Enden der vielen aufregenden britischen Entwicklungen (britischer Raggamuffin, aus Acid House und anderen Techno-Sound-orientierten Stilen hervorgegangener Bleep-Blop, Hip-Hop und der klassischen Reggae-Tradition) ein einigermaßen einheitliches, nicht nur von offensichtlichen Crossover-Kontrasten lebendes Now-Sound-Kostüm zu schneidern. Auch inhaltlich von Weitblick gesegnetes Debut, das die beschränkten Horizonte der einzelnen Szenen auf Gemeinsamkeiten absucht.
6. Mudhoney: Plays „Hate The Police“ plus three more songs they never want to play ever!, SubPop/Au-go-go/Fire Engine
Ja, und unter diesen drei anderen Coverversionen, mit denen die Band, die vor zwei Jahren als überzeugendster Versuch des Seattle-Grunge bekannt wurde und auch in Europa abräumte, ist eine Version von „Revolution“. Dem Song, der bei den introvertierten britischen Drone-Rockern, Spacemen 3, die ihn geschrieben haben, eigentlich nur eine weitere Inszenierung ihrer Sixties-Nostalgie war, geben Mudhoney in ihrer überkandidelten Bierseligkeit eine Bedeutung, die bei Spacemen 3 nie vorgesehen war: Die Parole/der Refrain „Revolution“ entläßt den Hörer aus einer Anspannung und Ochsentour, einem Schwitzkasten, bei dem „echter“, alter Rockerschweiß blöde fließt, in eine Euphorie – so schön, wenn der Schmerz nachläßt –, die diesem Wort eine Vorstellung zurückgibt (neu findet), die die letzten Brot-Aufstände vergessen gemacht hatten.
7. Die Aktion, Zeitschrift für Politik, Literatur, Kunst, Heft 76/78, Edition Nautilus, Hamburg
Darin vor allem die Beilage „STOP den KriKri am GoGo!“ von der Künstlergruppe DDT, eine Collage aus Karikaturen, Zeitungsfotos, Fundsachen und Ernst Jüngers Strahlungen, sowie die anonymen „Glossen und Anmerkungen zum Golfkrieg“. Zum „qualifizierten“ „Linksbellizismus“ (also nicht den gelegentlich auch dazugerechneten eh indiskutablen Meinungen von Enzensberger, Stephan, Biermann etc.), wie er in der „Aktion“ auch konkret zugeschrieben wird, fällt mir dann noch ein (Senf), daß die selbst für Pohrt-Fans ins schwer Seltsame lappenden Aggressionen gegen die Friedensbewegung bei ihm wie auch bei unwichtigeren Autoren an anderen Orten immer wieder auf Vokabeln zurückgriffen, die bis ins Detail von Physiognomie, Parolen, Kleidung, allesamt auf die andere, die alte, überall viel zu zart angefaßte, wirklich reaktionäre, religiöse Friedensbewegung von 79ff. zutrafen, mitnichten aber auf die neue, zumindest nicht auf das Neue an der neuen F-Bewegung. Die neue F-B besteht nämlich aus schimmerlosen Jugendlichen, nicht aus Lehrern, Stern-Lesern und Christen. Schimmerlose Jugendliche haben aber immer recht – in a way (am allerwenigsten schimmert auf ihnen Antisemitismus). Eine alte deutsche Linke, die seinerzeit weder ihren selbsthervorgebrachten Friedensidealismus noch ihren ewigen latenten Anti-Semitismus sich eingestanden/bewältigt/verstanden hat, schlachtet im Moment eines Realitätsschocks mal wieder das Neue und Unverstandene, um das Alte, nur zu gut Verstandene, Eigene nicht ansehen zu müssen. Das Folgesymptom: Escape to Kulturpessimismus. Hierzu im weiteren Sinne auch:
8. Texte zur Kunst, Nummer 3
Denn darin gibt es u. a. einen Text von Lloyd De Mause zum „Golfkrieg als Geistesstörung“, den man gut nach dem DDT-Paper lesen kann, auch wenn der totalisierende Psychologismus, der jeden Schritt der US-Politik und jede in Fort Worth oder sonstwo erscheinende Karikatur als sprechende Äußerung von ein- und derselben kollektiven Psyche liest, natürlich eingeschränkt gehört. Das Hauptthema des Heftes ist Kunst-bezogener politischer Aktivismus in den USA (von dem hier viel zu lernen wäre). Immer wieder interessant, daß neben anderen die Theorien Derridas und Lacans, die hierzulande zur allgemeinen Entpolitisierung der Intelligenz beigetragen haben, in den USA, dem eben immer noch sehr viel fortgeschritteneren Land, geradezu eine intellektuelle Politisierungswelle ausgelöst haben und durchweg als Weitertreiben und Forcierung emanzipatorischer Projekte gelesen werden, nicht als deren Revision.