1. Ruck Zuck, Tele 5
Unter den vielen aufregenden, täglichen, mitreißenden, heiteren, kreischenden, eifrigen Spielshows, mit denen die Privatsender um die Gunst von Hausfrauen, Spätaufstehern, Arbeitslosen und anderen relevanten Nichtsnutzen, Konsumenten und Meinungsbildnern wetteifern, gewinnt, noch vor Riskant mit Hans-Jürgen Bäumler und seinem sympathischen Zufallsgenerator „Zuffi“ (der natürlich auch nicht zwischen „katalanischen“ und „katalaunischen“ Feldern unterscheiden kann, wo eine stattgefundene Keilerei zu kennen, von den Kandidaten verlangt wird), die Sendung Ruck Zuck mit Alfred Sohn-Rethel (oder so ähnlich). Dieser wunderbar schlüpfrige, stets angeschickerte, verrutschte Zwerg kommandiert seine Kandidaten-Trupps – immer fünf Jungs gegen fünf Mädchen – mit der grimassierendsten Grandezza, dem wildesten Witz und dem holprigsten Humor, immer hüpfend, wackelnd, in bedrohlicher Schräglage und mit schwer beschädigter, aber immer wieder nochmal knapp der Gravitation abgerungener Souveränität, bis zu zweimal am Tag, so daß allein sein physisches Pensum uns Respekt abnötigt. In seiner Sendung wird gleichnishaft inszeniert, wie mit Unterhaltung – und zwar im weitesten Sinn – im Zeitalter ihrer bald entropischen, elektronischen Inflation noch (ökonomische und inhaltliche) Steigerungsraten zu erzielen sind: immer tiefere Blicke bei immer geringeren Kosten. Es geht nicht darum, etwas zu wissen, sondern darum, richtig zu assoziieren, in wenigen Sekunden einen Begriff – über Assoziationen – zu umschreiben oder die zu erwartenden Assoziationen der Teamgefährten zu berechnen. Mit den Hobbys und Fachgebieten von Kandidaten, die früheren Spiel- und Unterhaltungssendungen genügten, gibt sich eben niemand mehr zufrieden, wir wollen Unbewußtes und andere Hüllen fallen sehen als bei Tutti Frutti (Hugo Egon Balder saß neulich mit dem Alles Nichts Oder-Troß seltsam abgespannt im Speisewagen und riß von hinter seiner Sonnenbrille – 74er Rockermodell – säuische Witze, bis die kroatischen Kellner erröteten). Das läuft nach einer Methode, die aufs Kurioseste Psychoanalyse und Akkordarbeit verbindet, sich zur gemächlichen Innerlichkeit, zu dem, was konventionelle Kicks- und Kulturproduktion ans Studiolicht zu fördern in der Lage ist, tatsächlich verhält wie Assembly Line zu Manufaktur.
Besonders lustig wird’s, wenn die Psychoanalyse sich an das sozusagen „politische“ Unbewußte heranmacht. Was wird ihren durch Kopfhörer am Mithören gehinderten Partnerinnen wohl zu „Deutschland“ einfallen, fragt Schulz-Jacobsen oder Schmalze-Rohr seine Kandidatin (Sie haben 20 Sekunden Zeit: Ruck! Zuck!): „Land“, „Menschen“, „Bayern“, versucht die Gruppensprecherin abzuwiegeln. Aber die Analyse kommt gnadenlos zu richtigen Ergebnissen, da hilft kein Charakterpanzer: Nur „Bayern“ kam tatsächlich, sonst nur „DM“, „Geld“, „Karriere“, „Industrie“. Und nochmals „Geld“, und nochmal „Mark“. Genau, denn das Beste ist die Bezahlung. Man braucht eine Weile, bis man herausfindet, was die Kandidatinnen – meistens gewinnt die Frauenriege, sie haben ein weniger rational verpanzertes Innenleben – wirklich mit nach Hause nehmen, weil man vor lauter Jubel die Beträge nicht versteht. Neulich waren es für fünf Personen, die viermal hintereinander gewonnen haben, insgesamt 6.100 DM. Pro Person also ca. 1.000 Mark für vier ganze Tage Arbeit, pro Tag also DM 250, pro Stunde, schätze ich, rechnet man die übliche Warterei vor Kameras und in Schminkräumen dazu, 25 DM. Und das nur im Erfolgsfalle (Verlierer werden mit neuen Spielen der Firma Parker abgespeist), viermal hintereinander. Was die Ausgaben pro Person und Stunde für „Grundy TV“, die das Ganze produzieren, auf maximal 12 Mark reduziert, plus Schnöpske für Werner Schmitt-Roluff. Dafür geht zwar niemand mehr putzen, aber am Fließband vor der Kamera assoziieren gerne. Prototypisch für die Sorte Arbeit, der in den zukünftigen Freizeit-, Dienstleistungs- und Kulturgesellschaften Plätze freigehalten werden. Arbeit Macht Frei! mit Alexander Schalck-Strawinsky läuft nicht nur morgens um 11 oder so, sondern nachts wird außerdem die erste Staffel von 1986 wiederholt. (Voll lustig die Multi-Kulti-Variante im Belgischen Fernsehen, wo Ländermannschaften von ausländischen Gästen gegeneinander antreten. Neulich mußten je vier Vertreter aus dem Senegal und der Elfenbeinküste die deutsche Hauptstadt erraten.)
2. Peter Bagge, Hate #5, Fantagraphics Books, Import
Neben den Brothers Hernandez und Chester Brown gehört Peter Bagge seit den mittleren 80ern zu den wichtigsten neuen amerikanischen Underground-Zeichnern. In seiner ersten Serie Neat Stuff – die ersten Bände sind gerade wieder aufgelegt worden, ebenfalls bei Fantagraphics – gab es noch verschiedene, in getrennten Welten lebende Figuren: den sympathischen, reaktionären Sportreporter und Brenda-Lee-Fan Studs Kirby, die anarchistische, sadistische Girly Girl („I’m so happy cuz i’m so stupid“), das resigniert-snobistische, unterbezahlte Intellektuellen-Pärchen, die Leeways, das Muttersöhnchen Junior und vor allem die Bradleys. Eine radikalisierte Version von bzw. Vorgänger der Simpsons: religiöse Mutter, lower-middle-class-Vater, der nur fernsieht, anorexische Teenage-Tochter, stumpfsinnig-gewalttätiger kleiner Bruder – kehrt in Hate #4 als psychotischer Rassist zurück – und Buddy Bradley, der älteste Sohn. Ein zynischer, meist introvertierter, aber schlagfertiger typischer US-Underground-Charakter, der sich für die „Sixties“ interessiert und CD-Player verabscheut und dessen weiteres Schicksal, nach der Einstellung von Neat Stuff, in den Zentren der US-Subkultur in Hate nun seit fünf Nummern von Jersey City über New York, Hoboken bis Seattle weiterverfolgt wird. Darin, in der Story „Guys, Gals, Gays, … and Buddy Bradley“ nochmal eine Illustration dessen, was ich in der letzten Nummer mit dem schimmerlosen Rechthaben neuer Friedensbewegungsfraktionen meinte:
In der Wohnung eines älteren Comic-, Platten- und Zeitschriften-Sammlers, wo sich Buddy und sein Freund Stinky nach rarem Stoff umgesehen haben, bis sie mit ihm in Streit über Wert und Unwert von Fifties-Zeichnern wie Harvey Kurtzman und Walt Kelly, jüdischen und amerikanischen Humor und schließlich alten und neuen Helden („Lisa Suckdog“) geraten sind:
Comicsammler (dicker Freak): „Hey, why don’t the two of you do something constructive with all your youthful energy besides squabbling with each other, like, say, defending U.S. interests in the Persian Gulf …“
Stinky: „What?! No way! No blood for oil, man!“
Comicsammler: „Oh, I see, so I take it you were both actively involved with the peace movement.“
Buddy: „I had no intention of either fighting or protesting … I simply drank more beer and read more comic books. That was my response to the ‚Gulf Crisis‘“.
Stinky: „I wasn’t gonna protest either, ’til I saw how many cute chicks were in the peace marches – then I went to demonstrations all the time!“
Comicsammler: „So pussy was more important to you than peace, huh? But what if the war wasn’t over oil? What if the world’s beer supply was threatened? Or comic books, or …“
Buddy: „Or the world’s pussy supply?“
Stinky: „Shit, man, I’d fight for pussy, but that’s where I draw the line!!!“
Buddy: „Then we could tell our grandchildren that we fought in the Great Pussy Wars …“
Man könnte zwar einwenden, daß so eben gerade Amerikaner reden und keine Deutschen denken, aber die gals und guys, die in meiner neighbourhood blöde weiße Laken aus dem Fenster gehängt haben, waren eben auch eher solche unzuverlässigen Vertreter und infantil-wirrköpfigen Pussy Warriors wie Buddy und Stinky. Leute, die noch weniger als meine Generation, die schon einen sehr sekundaristischen Zugang zu Politik hatte, sich keinerlei Illusion hingeben über Wirkung und Wirklichkeit irgendwelcher Inhalte irgendwelcher Einsprüche, aber sehr abgestoßen und empört sein können. Bevor sie sich wieder ihren Comics zuwenden.
3. N.W.A., Efil4Zaggin, BMG-Ariola
Wie heißt es doch gleich zu Beginn: „The motherfuckin saga continues.“ Easy E. von N.W.A., denen noch vor zwei Jahren das FBI mehr als auf den Fersen war und sie von der Bühne holte, wenn sie ihr „Fuck Tha Police“ aufführten, nahm neulich nach Entrichtung einer angemessenen Spende an einem Wahlkampf-Fundraising-Abendessen der kalifornischen Republikaner teil, nachdem er noch am Nachmittag im Studio an einem Remix von „Fuck Tha Police“ gearbeitet hatte, gemeinsam mit dem bekanntesten schwarzen Opfer von L.A.-Polizeiwillkür als Gastvokalist. Auf diesen „Widerspruch“ nach dem Essen von liberalen Journalisten angesprochen, erwiderte Easy E., der sich bis heute nachdrücklich seiner Gang- und Drogendealer-Vergangenheit rühmt: „Wieso, da waren doch eh nur crooks und Gangster wie ich.“ Auf der neuen N.W.A. gibt es keinen einzigen Rückzieher, alles, was diese Band in Verruf gebracht hatte – Gewaltverherrlichung, Sexismus, Four-Letter-Words und alle die anderen Verletzungen der bekannten Paragraphen aus dem Gesetzbuch des demokratischen Anstands , wird ebenso exzessiv weiterbetrieben wie die Musik, die, teilweise von „richtigen“ Musikern gemacht (also ohne die im Hip-Hop üblichen Samples), immer besser wird und der inhaltlichen Brutalität und Kindsköpfigkeit etwas Passendes gegenüberstellt, was eben nicht jener Brachialität gleicht, die sich kleinbürgerliche, weiße „harte“ Kindsköpfe immer wünschen und in tollen Konkurrenzkämpfen zu steigern versuchen (vgl. etwa Cancer, Death Shall Rise, Flametrader/Semaphore), sondern eine immer entspanntere Funkyness, wie sie dem Gangsta zukommt, der seine Schäfchen mittlerweile legal ins Trockene bringt. N.W.A. lehnen mit Witz jedes Angebot der Kultur ab, zu ihren Werten überzulaufen, obwohl ihnen doch von den Jacques Langs und Björn Engholms dieser Welt alle Pranken entgegengestreckt werden. Stattdessen nehmen sie das Selbstverwirklichungsangebot wörtlich: Wer allen Grund hat, ein Arschloch geworden zu sein, darf sich nicht nur wie eines benehmen, alle Aspekte der Arschlöchigkeit genüßlich steigern, sondern seine Lebensweise auch predigen, für die hier das illusionslose „Nigga“ steht: „Don’t you wanna be a nigga too?“, fragen sie und übertreffen damit noch ihr altes Maxi-Cover, wo sie sich von einem rothaarigen Weißen, Wall Street Journal lesend, die Schuhe putzen ließen. Mit so einem Bild kann man immer noch mehr Amerikaner erschrecken als mit einer „unpatriotischen“ Einstellung zum Golf-Krieg. Und an die anderen mehr Platten verkaufen als jeder andere Hip-Hop-Act. Die Anfangsverkäufe von Efil4Zaggin waren, trotz Beschlagnahmung großer Quantitäten in England, die größten ever. Volles Widerspruchsrecht haben natürlich Leute wie die feministischen schwarzen Kommunistinnen der RCP (wie natürlich alle Community-Arbeiter), die gegen den Sexismus und das Bitches-Gerede von N.W.A. letztes Jahr die Broschüre „You’re not fighting the Power when you’re dissin a sister“ herausgaben, aber die Community- bzw. Szene-interne Bewertung und Codierung, die autorbezogenen und biographistischen Lesarten und schließlich die Welt-/Europa-Bedeutung bilden heute genauso höchstens noch zufällig Überschneidungen, wie … schon ’66, als die Rolling Stones in einem Godard-Film cool waren, aber die King-Mob-Gruppe ebenso cool, als sie die Ermordung aller Superstars ihrer Art forderte.