Der Anhang (9/91)

Spike Lee/David Lee (Hrsg.): Five By Five; Simon & Schuster/Michele Wallace: Invisibility Blues – From Pop to Theory; Verso

Gerüchteweise ist jetzt auch bei Spiegel und FAZ angekommen, daß sich an amerikanischen Hochschulen etwas tut, dessen Dimensionen und Militanz wie das Heraufdämmern einer neuen Studentenbewegung sich ausnehmen. Doch da seien Gott und die Toleranz vor: die vor allem sei bedroht von dem, was der hier immer als erster gedropte Begriff „Politically Correct“ und die ihn tragenden (vor allem) antirassistischen und antisexistischen Bewegungen meinen. Amerika drohe zu zerfallen in nur an sich selbst interessierte Communities, bibbert der Spiegel, und in der FAZ diagnostiziert man, daß, von ein paar irren radikalen Jungnegern abgesehen, die Bewegung eh eher von altmarxistischen Dozenten ausgehe und nicht von der netten neuen Jugend.

Doch hat das, was unsere „alternative“ Öffentlichkeit bislang noch überhaupt nicht und die liberale wie konservative allenfalls als „Rückzugsgefecht des Marxismus“ wahrgenommen hat, längst alle Bereiche des kulturellen Lebens der USA erreicht. Zumindest in den Städten hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß die diversen Minderheiten nur noch Chancen haben, wenn sie sich militant schützen, was auf allen Ebenen, von Hip-Theorie und Bildender Kunst bis zu Sport und Pop-Musik zur Radikalisierung der minoritären Position geführt hat, oft genug (leider? – aber genau da setzt auch die schein-aufgeklärte konservative Abwehr von Tribalismen in FAZ und Spiegel an) auf der Suche nach einem Mythos der jeweiligen ethischen, sexuellen Gruppen-Identität. Dabei herrscht dort – anders als in hiesigen intellektuellen Kreisen – eine aufgeladene, hitzige Atmosphäre politischer Auseinandersetzung („Streitkultur“ würde man das hier nennen: die Existenz dieses Begriffs beweist, daß es dergleichen nicht gibt), eine physisch spürbare, hohe Betroffenheitsfeuchtigkeit der kursierenden Gedanken. Doch anders als unsere, zu Recht vielgeschmähte „Betroffenheit“, verdankt jene sich nicht dem Reklamieren von „richtigen“ Gefühlen (einem rein behaupteten und durch Lyrik und andere Tränen ggf. zu untermauernden Auf-der-richtigen-Seite-Stehen – der der Natur oder der der „unterdrückten Menschen“), sondern dem tatsächlichen Gemeintsein, von welcher politischen Lage auch immer, durch die Selbstbestimmung als Angehöriger einer sozialen, „rassischen“, sexuellen Minderheit im Kampf gegen deren vielfältige Bedrohungen.

Mit anderen Worten: Wir haben es zu tun mit der Rückkehr des politischen Subjekts – in jedem Sinne. Und egal als was für ein verwirrtes Wesen dieses Gespenst auch auftaucht: FAZ und Spiegel hatten sich gerade so über seine endgültige Beerdigung in der Gruft eines transsylvanischen Schlosses gefreut. Mittlerweile entwickeln in den USA selbst Gruppen, die nicht nicht oder nur beschränkt zur Macht zugelassen sind, ein entsprechendes Bewußtsein: (weiße) Männer suchen, von einer bedrohlichen Massenvervolkerelispilgrimisierung erfaßt, ihr wahres Wesen (vorzugsweise in Wäldern und überall sonst, wo Bäume und andere lange aufrecht stehende Gebilde aus dem Boden wachsen, zur Begleitung von Bongotrommeln und anderen rührenden vulgärtribalistischen Accessoires). Tribalismus, das klassische Jugend- und Subkultur-Programm, ist über alle normalerweise von ihm errichteten Grenzen hinaus attraktiv.

In dieser Lage versuchen Intellektuelle im Kulturleben Amerikas gerne, sich über die Überdeterminiertheit ihrer Repräsentationsfunktion und Kompetenz durch Betroffenheit zu profilieren. Dies hat zwar einerseits dazu geführt, daß es neue intellektuelle Stars gibt (Gayatri Chakravorty Spivak, Henry Louis Gates Jr., Cornel West u. v. m. – hoffentlich bald ins Deutsche übersetzt), denen ihr (teilweise mehrfach) minoritärer Status geholfen hat, geläufige, im postmodernen Theorie-Angebot frei kursierende, scheinbar bezugslose Theorien mit konkreter Lebensmasse aufzuladen bzw. teilweise auch vom Kopf auf die Füße zu stellen, und so etwas mehr Rederecht in der akademischen Welt für minoritäre Positionen zu erkämpfen, aber die Lage derer, die sie repräsentieren oder die zu repräsentieren sie behaupten und damit auch ihr eigenes Gewicht erhöhen, hat sich nicht nur nicht geändert. Was in gewissen Reservaten des akademischen Konkurrenzkampfes zu einem kulturellen Kapital, wie Bourdieu sagen würde, geworden ist, als Vertreter einer Minderheit zu gelten, entwertet sich natürlich, je häufiger es nur noch als kulturelles Kapital eingesetzt wird, ohne einzugreifen (wobei die Herausforderung der akademischen Gepflogenheiten, die Jörg von Uthmann so viel Sorge macht, sicher schon ein Teilerfolg ist – andererseits verdankt sie sich der allgemeinen Theorie-Konjunktur außerhalb der Akademien als fast schon Pop-Musik-Ersatz (vgl. Mark Terkessidis im neuen Spex über ABC, vgl. folgendes New Yorker Klo-Graffito: „Hi, I’m Dave, I’m into semiotics. It hurts“), die im akademischen Leben die Regeln der Unterhaltungsindustrie – variatio delectat, Exotismus – installiert hat.

Eingriffe verlangen aber zunächst mal, die eigene Repräsentationsfunktion in Frage zu stellen, ohne sozusagen Community-orientiertes, um nicht zu sagen notwendig „solidarisches“ Handeln zu gefährden. Gates schreibt in seinem Beitrag zu Spike Lees Buch, wie sehr Überdeterminiertheit das entscheidende Merkmal des „american rassism“ sei. Michele Wallace hat in ihrem Buch versucht herauszufinden, wer sie nach der Repräsentationslogik eigentlich ist. Schwarze, aber schwarze Akademikerin. Schwarze Akademikerin, aber Frau in einer schwarzen Kultur, die ihrer Meinung nach, gerade auch bei ihren weiblichen Schriftstellerinnen, das Patriarchat immer noch mit einer halb-nostalgischen, halb-utopischen Idylle verwechselt, Autorin eines erfolgreichen und (gerade in der Community und bei schwarzen Schriftstellerkolleginnen und -kollegen) umstrittenen Buches (Black Macho And The Mythos Of Superwoman, 1978) und dann plötzlich ein psychiatrischer Fall, dem ein typisch schwarzes Irrenschicksal zugedacht scheint, dann wieder akademischer Erfolg etc. Aber auch die sonst eher vernachlässigte Kategorie der Klasse spielt bei ihr eine Rolle: die Mutter ist die erfolgreiche Malerin und politische Aktivistin Faith Ringgold, der Vater stirbt, als sie 13 Jahre alt ist, als Junkie, der Stiefvater ist Gärtner mit Uni-Abschluß, ein Onkel stirbt als Leader einer Straßengang etc. Ist diese Gefährdetheit einer Mittelklassen-Existenz an sich schon typisch „schwarze Mittelklasse“ etc.? Aus dieser immer wieder unternommenen Situierung inmitten von widerstrebenden sozialen Determinanten versucht Michele Wallace die wieder so populären Mythen rund um „Black Nation“ daraufhin zu untersuchen, was sie, obwohl Mythen, dennoch für African-Americans (strategisch) zu leisten imstande sind bzw. inwieweit sie dann doch keine Mythen sind. Die Übereinstimmung darüber, daß der Weg der „Integration“ ein liberal-optimistischer und simplifizierender Irrtum war, ist nicht nur innerhalb der schwarzen Community ziemlich groß.

Der Spiegel zieht daraus den völlig irren Schluß, mit Malcolm X sei man sich zwischen konservativen Weißen und diversen schwarzen Leaders einig, daß ein Zurück zur Familie und den (verbliebenen) Selbstheilungskräften der Community der richtige Weg sei. Nicht nur, daß die politische Radikalität von Malcolm X, den mittlerweile vom neu ernannten schwarzen, konservativen Bundesrichter bis zu wieder mal den Black Muslims, die ihn seinerzeit ausgeschlossen und möglicherweise sogar beseitigt haben, alle für sich vereinnahmen wollen, und der in der Hip-Hop-Kultur unumstrittenes Idol ist, hier völlig falsch verstanden wird. Malcolm X sah – vor allem gegen Ende seines Lebens – die schwarze Kultur in einem Kampf gemeinsam mit den Völkern der 3. Welt, dachte zunehmend internationalistisch, fing an, chinesisch und arabisch zu lernen, akzeptierte weiße Hilfskomitees im Kampf gegen den Rassismus (die sich allerdings aus vielerlei Gründen nicht mit den eigenen Organisationen mischen sollten) und wurde vom Black Muslim (der den Besitz der ursprünglichen Religion des Schwarzen für sich beansprucht und alle Weißen „Devils“ nennt: die Kongruenz dieser Sprachregelung mit der Alltagsempirie junger African Americans ist zu einem nicht unwesentlichen Teil verantwortlich für die Popularität der Black Muslim im Hip-Hop) zum orthodoxen, linksradikalen Moslem.

Spike Lee („der nicht unbegabte, aber von den Medien über Gebühr verhätschelte Regisseur“, so der notorische Rassist von Uthmann), dessen Jungle Fever hierzulande allenthalben als Plädoyer für Toleranz gedeutet und verharmlost wird – teilweise ist es das Gegenteil , obwohl doch ein Künstler, der so nahe an Brecht ist, in Deutschland verstanden werden müßte – eben nicht, eben nicht –, hat jetzt mit der Verfilmung des Lebens von Malcolm X angefangen. Ihm ist am ehesten von allen Regisseuren zuzutrauen, daß er dessen Widersprüchlichkeit und Komplexität ebenso gerecht wird wie der Bedeutung, die der Name in der heutigen schwarzen Jugend und Streetkultur hat. Lee, beileibe kein Freund von Integration und liberaler Händeschüttelei, hat in seinem neuesten Buch zu seinen 5 Filmen erstmals von den Gemeinsamkeiten der Kämpfe von Frauen und Schwulen mit dem der Schwarzen gesprochen. Das zu tun und gleichzeitig seine Dreharbeiten von der Fruit of Islam bewachen zu lassen, die mit Frauen allenfalls als mystische afrikanische Mütter der Zivilisation, mit Schwulen gar nichts zu tun haben will, macht seine Position so wichtig und der von Malcolm X nicht unähnlich. Weil in all seinen Filmen die Widersprüchlichkeit schwarzer Kultur Thema war, sieht er sich heute massiven Angriffen aus den Reihen der alten Kämpfer ausgesetzt. Amiri Baraka (= LeRoi Jones) organisiert Protestveranstaltungen, und der Vorwurf wurde wiederholt laut, daß einer, „der unsere Frauen als Nymphomanninen zeigt“ (in She’s Gotta Have It) nicht die Gelegenheit erhalten soll, das Andenken von Malcolm X zu beschmutzen. Das schwarz-amerikanische Establishment verlangt nämlich vor allem nach positiven role models. NWA (vgl. letztes Heft), die ihre letzte Platte (Efil4Zaggin also Niggaz for Life) mit dem paraphrasierten Malcolm X-Zitat bewerben, daß für den weißen Amerikaner ein promovierter Schwarzer auch nichts anderes als ein „Nigger“ sei, nur halt „ein Nigger mit Ph.D.“, haben genug Schlagzeilen gemacht, positive Helden müssen her.

Schwarze Intellektuelle (und parallel dazu die der anderen minoritären Communities, wo ähnliche Entwicklungen sich abzeichnen) haben hier eine zusätzliche Front, vor allem, wenn sie vom nationalistischen Ansatz die nützlichen Komponenten aufrecht erhalten wollen, ohne seine patriarchalen und traditionalistischen Seiten mitzukaufen. Speziell die Hip-Hop-Nation, sofern sie nicht schon bei den Muslims ist, versucht sich gerade als eigenständige Unter-Nation zu definieren (vgl. die Monatszeitschrift The Source), was zur Folge hat, daß Weiße anklopfen und mitmachen (und vor allem auch mitkassieren wollen). Die Angst vor Vanilla Ice als neuem Elvis ist die eine Seite, auf der anderen Seite wird eine in jeder Beziehung „korrekte“, massiv antirassistische, musikalisch innovative weiße Hip-Hop-Band wie 3rd Bass in den Spalten von The Source gelobt. Eine Seite weiter ist ein anderer Journalist dann wieder völlig d’accord mit anderen Hip-Hoppern, die 3rd Bass „Devils“ nennen. Michele Wallace macht am Ende von einem ihrer Essays drei Schreibpositionen aus: universell (weißer Mann, von konkret bis FAZ, von mir bis Jörg von Uthmann), komplementär (weiße Frau) und „the other“ (schwarzer Mann) – für sie, die an anderer Stelle auch Spike Lee feministisch kritisiert, bleibe ein Nichtort.

Um diesen Ort aber geht der Kampf und es ist klar, daß man dort von der Psychiatrie ebenso bedroht ist wie von Nostalgie und Religion, besonders aber von Zweck-Bündnissen mit falschen Freunden. Ihr Verdienst ist aber auch, daß eine Übertragbarkeit auf andere, denen ebenfalls keine Position zugedacht ist, möglich wird (negativ universell). Hören kann man dazu Platten von den Poor Righteous Teachers, 3rd Bass, Brand Nubians, Main Source, Leaders Of The New School and Son Of Bazerk.