Was beim neuen Bond außer der Auswechslung von Miss Moneypenny noch an grausamen Verbrechen gegen britische Staatslegenden und die Filmkunst begangen worden ist: ein polizeiliches Protokoll von Sergeant Diederichsen
James ist uns deswegen ein so lieber Freund geworden in all den Jahren, weil er unser aller humanistisches Ideal vom Mens sana in corpore sano so schön wie richtig verkörperte. Ein gesunder Geist versteht und genießt das Leben, kultiviert an sich schöne Gewohnheiten, ein gesunder Körper vernachlässigt die Pflege des Wanstes nicht und bleibt trotzdem fitter und schneller als alle anderen: Ein sportlicher Hedonist entsteht so, ein Vernunftmensch, der vernünftigerweise immer mit dem Unvernünftigen rechnet. So war James Bond.
In den letzten Jahren unter Roger Moore (wie auch bei Connerys Comeback) verfiel sein Körper etwas. Er wurde langsamer, bei gewissen Stunts unglaubwürdig, seine ungebrochene Anziehungskraft auf sechzehnjährige Eisprinzessinnen war nur noch eine behauptete, und die Drehbücher mußten den Verfall und die Unmöglichkeit gewisser Action-Szenen durch besonders exotische Locations (Karl-Marx-Stadt) und besonders monströse Frauen (Grace Jones, Kim Basinger) kompensieren. Dennoch schluckten wir auch dieses: Der Genießer-James-Bond war uns, die wir schließlich auch altern, immerhin noch verständlich und bot eine Perspektive. Warum nicht Bond irgendwann nicht mehr aktiv Spione jagen lassen, sondern ihn stattdessen als beförderten Secret-Service-Bürokraten sein Leben zwischen Clubs, Drinks und nicht mehr ganz so attraktiven oder bizarren Ladies zu Ende bringen lassen?
Stattdessen hat man jetzt einen Knallkopf namens Timothy Dalton zu James Bond befördert, der bei nichts überzeugt, außer bei den Stunts, die ein Stuntman für ihn ausführt. Ein Nichts in einem zu gesunden Körper. Egal, ob beim „stirred not shaken“ Martini oder beim Konzertbesuch: Dieser Bond hat keine Kultur, schon gar nicht eine britisch geprägte, höchstens eine Art-Director-Kultur, und die muß sich auch noch an einer angeblichen Cellistin brechen.
Denn, oh Graus, seine Partnerin, das abstoßend-einfältige Rehlein Maryam d’Abo, stellt eine Cellistin dar, die mit der Eleganz und Überzeugungskraft eines Tischlerlehrlings mehrfach über ein angeblich schönes, altes und sündhaft teures Instrument schrammt. Wie alles im Leben dieses neuen Bond natürlich reine Angeberei: Sucht er einen Champagner aus, hat er in einem Heyne-Champagnerführer gelesen, welcher es sein muß, alles über Martinis weiß er aus einer drittklassigen Hemingway-Biographie. Um Humor bemüht er sich dankenswerterweise gar nicht. Den einzigen guten Witz des ganzen Films macht der letzte verbliebene Original-Schauspieler, nämlich Q, der eine neue zerstörerische Wunderwaffe mit den Worten vorstellt: „Das entwickeln wir für die Amerikaner. Wir nennen es Ghetto-Blaster.“ Moneypenny wird von einem jungen, hübschen Nichts gespielt, das man mit einer Brille notdürftig versucht hat, zum häßlichen Entlein zu stylen, die aber nichts von der Berge versetzenden Treue und Wärme hat, die die alte Moneypenny ausstrahlte. Einige Action-Szenen sind sogar sehr gelungen, einige aber auch so schlampig und in sich unlogisch durchgeführt, daß man sich fragt, wann genau bei den Dreharbeiten das Geld ausgegangen ist.
Dies ist darüber hinaus ein Safer-Sex-Bond. Schliefen bisherige Bonds mit mindestens zwei Frauen pro Film (nur Lazenby, der andere Versager, wurde damals verheiratet), muß dieser seiner Cello-Spielerin treu bleiben. Dafür kreischt die ihn auch jedesmal, wenn er vom Klo kommt, an: „James, James, James! Wo bist du gewesen, ich habe mir solche Sorgen gemacht!“
Dies ist ein Perestojka-Bond. Großzügig stellt er der Sowjetunion ein freundliches Zeugnis aus: So schlimm wie unter Stalin sind die ja nicht mehr. Kaum ist diese beruhigende Botschaft beim Zuschauer angekommen, werden dann russische Folterknechte in Afghanistan vor die Kamera und Bonds Waffen getrieben, und heldenhafte Partisanen mit der Physiognomie von Eisdielen-Vergewaltigern helfen ihm aus der Patsche und reisen ihm nach bis zu den Cello-Konzerten seiner dumpfen Partnerin, wo sie sich völlig bescheuert und in abenteuerlichen Vivienne-Westwood-Freischärler-Uniformen vor den netten russischen Botschafter drängen. Ein wahres Armutszeugnis für eine Serie, die früher offen antiamerikanisch sein konnte und sich gelegentlich zu britisch-sowjetischen Verbrüderungen durchrang. Aber am neuen Bond ist nichts mehr britisch: ein stumpfer, eindimensionaler Amerikaner, ein CIA-Schwein, hat diesen Namen zur Tarnung angenommen. Schmeiß ihn raus, Cubby!