Der letzte Bündnispartner?

Ignatz Bubis hat viel erlebt mit der Linken. Von zum Miethai dämonisierten Feind in den 70ern zum letzten verbliebenen Freund außerhalb der eigenen Kreise, als zentraler (und vielleicht letzter einflussreicher) Vertreter der einzigen legitimen verbliebenen politischen Grundsatz-Position der deutschen Linken in den 90ern, Antirassismus. Neulich habe ich wieder Spex der frühen 90er gelesen. Unübersehbar drängten sich realer Rassismus und abscheulicher Antisemitismus als Post-89er-Symptome nicht nur dieser neuen Nation in den Vordergrund (und in den vor Realpolitik bis dato sicheren Untergrund). Man schwankte zwischen unbedingter Solidarität mit den Opfern, um oft nicht nur deren Verfolgung verstehen, sondern auch deren Weltanschauung übernehmen zu wollen, und einer eher distanzierten Analyse, die auch diesen neuen Rassismus in erster Linie ableiten wollte aus den bekannten Verhältnissen und auf die bekannte Art. Spätestens mit dem Golfkrieg änderte sich auch diese Arbeitsteilung zwischen einer schwärmerischen Begeisterung für einige Opfer und dem daraus folgenden rigorosen Primat des Antirassismus auf der einen (Hip-Hop-Fans, Gesellschaften für bedrohte Völker, Multikulturalisten) und kaltem linken Ableitungsmarxismus auf der anderen Seite. Verschiedene Organe gerade der linksradikalen Tradition, allen voran konkret und darin vor allem Wolfgang Pohrt bestanden darauf, das Primat des Anti-Imperialismus von Autonomen und emotionalisierten Kriegsgegner-Oberschülern durch das des Anti-Antisemitismus zu ersetzen. Wenn Israel konkret bedroht war, durfte eine deutsche Linke nicht wegen eines faulen, in Wahrheit verkappt antisemitischen Anti-Imperialismus auf Seiten dieser Bedrohung (Irak) stehen. Auf dieser zunächst nur mit viel Mut gegen viel Empörung von Stammlesern durchzuhaltenden Position basiert noch heute im wesentlichen der nunmehr im linksradikalen Milieu verbreitete, zuweilen hegemoniale, sich mittlerweile „antideutsch“ nennende Diskurs.

Dieser hat trotz vieler Verengungen, Verblödungen und Fanatismen, die aber vielleicht eher den Lebensbedingungen seines Milieus geschuldet sind als grundsätzlich fehlerhaften Diagnosen, die erste neue linke Orientierung im neuen Deutschland gesetzt. Interessant war nun in den o. a. Spex-Nummern der frühen 90er das Verhältnis der Deutschland-Debatten zu den Hip-Hop-Debatten. Letztere spielten im Spannungsfeld zwischen einer „zu weit gehenden“ überidentifikatorischen Solidarität mit dem zwar antirassistischen und aus Opferperspektive agierenden, aber „essentialistischen“ und so sich selbst ethnifizierenden Afroamerikanern und einem wiederum „nüchternen“ Versuch, den Opfern ebenfalls zu misstrauen. Später liefen diese beiden Positionen auf die Diskussion um Identitätspolitik hinaus, die nun weit über die ursprünglich die Diskussion führenden Kreise hinausging. Nachdem im Zuge von Identitätspolitik deren generelle Berechtigung, strategischer Essentialismus und rigoroser Anti-Essentialismus in den mittleren 90ern zu Debattenthemen wurden, lautete die Frage in Spex und anderswo: muss nicht jede menschenrechtlich-bürgerrechtliche Erhebung gegen Rassismus durch ein identitätspolitisches Stadium hindurch? Kann nicht das Einklagen der Gleichheit, so wie es die Dialektik formaler Gleichheit nunmal will, nur über die Erfahrung und die Gestaltung der Differenz formuliert werden? Dieser Position stand die gegenüber, die eine menschenrechtlich-bürgerrechtliche Position tendenziell verwarf („Doppelte Staatsbürgerschaft doktert nur an den Symptomen und schafft neue Ungleichheiten“) und auch weiterhin auf der Ableitung auch des Rassismus aus dem Kapitalismus als primäre Wahrheit bestand. Meist gingen diese Positionen auch durcheinander durch ein und denselben Kopf.

Auf Ignatz Bubis konnte sich nun aber die ganze verbliebene Linke während der 90er einigen – nicht nur die Antideutschen. Er war der einzige Politiker des Mainstream, der ihr noch ein Gesprächs-, oft auch ein Bündnispartner war. Schließlich sah sich ja diese Linke – soweit sie noch realpolitische Positionen ins Visier nahm – weltweit auf bürgerrechtliche und identitätspolitische Positionen zurückgespült. Was lag da für die deutsche Linke näher als Kontakt zum letzten, und zwar aus mittelbar „antideutschen“ vergleichbaren Gründen, bürgerrechtlich engagierten Politiker, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Juden aufzunehmen? Doch hieß das natürlich auch, ihn zu instrumentalisieren, sein überparteiliches Renommee, seine „Credibility“, ja sein Judentum und sein weitreichendes antirassistisches Engagement einzusetzen, um vielleicht auch ein paar Dinge zu klären, die man mit sich, Eltern und Großeltern ausmachen wollte, um sein eigenes Antideutschentum identitätspolitisch abzurunden. Bubis’ Verhältnis zum Deutschen war eben auch komplexer als einfach nur anti.

Aber auch Bubis reagierte vor allem auf die Entwicklung der frühen 90er, indem er z. B. in allen Auseinandersetzungen um die Quasi-Streichung des Asylrechts jederzeit das Primat menschenrechtlicher Positionen verteidigte und sich vehement gegen das neue Asylrecht aussprach. Anders als sein eher „partikularistischer“ Vorläufer Galinski leitete Bubis aus seinem Auftrag, den Deutschen zur Stunde ihres wiedererwachten Antisemitismus entgegenzutreten, die Aufgabe ab, ihnen auch wegen ihres anderweitigen Rassismus auf die Finger zu sehen. Damit politisierte er die Rolle des Mahners und übertrat „seine Kompetenzen“ hin zur Politik. Nicht nur dadurch passte Bubis’ Arbeit gegen Rassismus und Antisemitismus und insbesondere gegen deren spezifisch deutsche Spielarten also auch tatsächlich zu einer linken Position, die sich – ob nun in Abgrenzung von Identitätspolitik oder bewusst analog zu den identitätspolitischen Aufbrüchen des Feminismus, der Schwulen und Lesben und schwarzer und Latino-Gruppen in den USA, GB und anderswo – zuallererst als antideutsch beschrieb. Leider haben die Antideutschen das dialektische Verhältnis zwischen identitätspolitischem Partikularismus und seinem notwendigen Übergang in einen neuen, nicht verkappt eurozentrischen Universalismus nie wirklich ausgetragen.

Während der Walser-Debatte, insbesondere in der Konfrontation mit Dohnanyi, der einige Tage stündlich seine beleidigten Empörungsepisteln in die FAZ gefaxt haben muss – hinten stand der letzte Dohnanyi, auf den Bubis nun reagieren sollte, vorne noch ein neuerer, der schon wieder auf den nächsten Bubis-Text reagieren wollte – fiel mir vor allem auf, wie neben den vielen längst beschriebenen Wahnsinnssätzen des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters die beiden Kontrahenten sich noch auf einer anderen Ebene gar nicht verstehen konnten.

Dohnanyi sprach immer als volles, sich selbst jederzeit für satisfaktionsfähig haltendes Subjekt, ein kompletter Herrenmensch, der ständig alle Effekte seiner Rede unter Kontrolle hat und dessen Sätze stets in einem repräsentativen Verhältnis zu einem unangreifbaren Ganzen aus Biographie, Intention, Geschichte und Ehre standen – den deutschen Tugenden, die Dohnanyi ja in letzter Zeit öfter einmal neu bewertet sehen will („Weiß denn dieser Bubis nicht, dass ich …“). So einer kann den Vorwurf, antisemitischen Diskursen zuzuarbeiten, immer nur als die Beleidigung, Antisemit zu sein, verstehen und da schreit der Herr nach seinen Sekundanten als alter Verehrer aristokratischer Rituale. Ein deutscher Dohnanyi glaubt immer, ganz und komplett Dohnanyi zu sein, Herr seiner Sache, seiner Sippe und seines Sinns: ein Deutscher hat kein Unbewusstes.

Bubis wies ihm stattdessen nach, wie er und Walser antisemitische Diskurse bedienen, längst in Gang befindlichen Mechanismen neues Material, neues Futter, Benzin lieferten. Mechanismen, die sie nicht nur aus politischen Gründen, also aus Gründen ihrer falschen neonationalen Position nicht verstehen können, sondern weil ihre Subjektposition gar nicht zulässt, sich vorzustellen, dass ihre Sätze sich mit anderen zu unvorhersehbaren Resultaten und Dynamiken verketten könnten. Okay, ich bin kurz davor, Bubis zu einem organischen Diskursanalytiker zu verklären und diese Position mit Grundvoraussetzungen minoritärer Politik am Ende normativ oder prinzipiell in Verbindung zu bringen. Das wäre, zum Modell zugespitzt, natürlich ein Kitsch, ein Spex-typischer allerdings, der anderen Instrumentalisierungen nicht so fern ist. Es ist aber etwas dran. Bubis verfügte über eine sehr tiefe Analytik der Macht, der deutschen Macht. Aber muss man darauf überhaupt so erstaunt hinweisen? Alles andere wäre doch schließlich eine Überraschung.