Das ist das Gesicht unserer neuen Populär-Kultur: Mißgestaltete, verklemmte Zwerge, Saubermänner und wabbeliges Fleisch lösen den großen Perversen ab
Nun sagen Sie doch selbst: Was ist von Perversen zu halten, die für ihre Perversion wie für eine Überzeugung auf die Straße gehen? Das Wesen der Perversion ist doch, einen geheimen Raum ausfindig zu machen, eine Stätte der Lust, die sich auf gar keinen Fall überlagern darf mit dem offiziellen Leben. Ihr Reiz besteht gerade darin, daß man nicht sagt, was man mag. Und jetzt? Die bekennenden Perversen unterliegen einem ganz gräßlichen Geständniszwang, gegen den die katholische Beichte harmlos ist. So gesehen ist der Schwule des Jahres General Kießling.
Die öden Siebziger! Was haben sie nur angerichtet mit ihrem Glauben an die Natürlichkeit: Du bist doch krank, du stehst doch nicht zu deinen Gefühlen, du spielst doch eine Rolle, das ist doch total unnatürlich. Wie oft wurden diese Sätze armen Zeitgenossen ins Gesicht geschleudert, die sich weigerten, ihr Sexualleben zum Gesprächsgegenstand erheben zu lassen, die ihre kleinen Perversionen geheim halten wollten. Kein Coming Out, kein Sichpreisgeben einer scheinaufgeklärten sexuellen Vernunft, sondern SEX DWARF im schmuddeligen, von gelblichem Licht durchfluteten NONSTOP CABARET eines RED LIGHT DISTRICT. Doch immer wieder ertönte die schallende Stimme einer lärmenden Inquisition, die aus der wunderbaren Waffe sexueller Geheimnisse großkotzige, langweilige Bürgerinitiativen machen wollte. Unsere Kinderficker AG sucht noch liebe Leute zum Mitmachen.
In der Geschichte der Popkultur war es der überbewertete, verhinderte Lyriker Jim Morrison von The Doors, der, indem er bei einem Konzert in Miami, um die Jahrzehntwende, sein blaugeädertes Unding herausholte, das DIE SAU RAUSLASSEN zum moralischen Imperativ für die nun folgende Me-Decade erhob. Mein Gott, was haben wir gelitten!
Daß der große Pop-Star immer ein großer Verklemmter, ein leidender Perverser war und sein mußte, wie konnte das in Vergessenheit geraten!
Anfang der Siebziger war der Perverse plötzlich kurz das große neue Ding. Und zwar gut, weil übertrieben und wirklich krank. Wer sich noch an den überdimensional perversen Transvestiten Alice Cooper erinnert, der mit Boa Constrictor um den Hals hysterisch krähte, er wolle zum Präsidenten gewählt werden und später ein ganz normaler Geschäftsmann wurde, der weiß, daß hier die Perversion einen letzten Versuch unternahm, nicht von menschheitsbeglückenden, naiv-freundlichen Bewegungen geschluckt zu werden.
Als David Bowie den alten Schauspieler in „Cracked Actor“ sagen ließ: „Suck, Baby, suck, show me your real!“, sich zu Bisexualität „bekannte“ und sich von dem in silbernen Glitzergewändern leuchtenden, blonden langhaarigen Gitarristen Mick Ronson auf der Bühne symbolisch in den Arsch ficken ließ, warb er nicht um Verständnis für Minderheiten. Er wollte noch der gute alte perverse Star sein, die Folie für sexuell abweichendes Verhalten von Teenagern, der Verführer, mit dem man im GEHEIMEN allein ist. Nach ihm „bekannten“ sich einige andere Pop-Stars. Joan Baez sorgte dann dafür, daß die plötzlichen Homosexualitäten, Bisexualitäten, Päderasten und Sodomien der Stars mit dem Geständniszwang des die saurauslassenden Morrison kurzgeschlossen und zu einer gerechten Sache wurden.
Keine Bedrohung mehr, sondern Podiumsdiskussion.
Ja, Joan Baez war bi und sie bekannte sich dazu. An den Schulen wurde nunmehr gelehrt, der Mensch würde bi geboren und es sei daher das Natürlichste von der Welt, sich für das eine, das andere oder beide Geschlechter zu entscheiden.
Die Pop-Kultur hat diesem Offenbarungs-Imperativ nie gehorcht. Die großartigsten Schwulen der siebziger Jahre, Elton John und Freddy Mercury, haben keine „mutigen“ Bekenntnisse abgelegt. Stattdessen haben sie ihre Perversion als solche inszeniert. Sie haben den Interpretierenden immer gezwungen, Pfauenfederarrangement, Florida-Rentnerin-Sonnenbrille, Lederhose oder Christopher-Street-Moustache als Pfauenfederarrangement, Florida-Rentnerin-Sonnenbrille, Lederhose oder Christopher-Street-Moustache zu nehmen – nicht als erlösendes Aha-Aha-der-ist-schwul-Zeichen.
Als Bowie am schwulsten war, heiratete er die hagere Frau Angie und hatte mit ihr einen Sohn („Zowie“). Lou Reed, der engste Freund der Drag-Queens aus den Warhol-Filmen, schminkte sich, sang von Transsexualität, bis es keiner mehr hören mochte und zwängte sich alles Leder dieser Welt über seinen Körper, war aber nie schwul. Er hatte nur begriffen, daß in diesen Jahren 1970-73 nur noch die Perversion, die sich rundum als solche fühlt, der totalen Überflutung mit Verständnis und repressiver Toleranz widerstehen konnte.
Bis zu einem gewissen Grad. Irgendwann war die Welt so vollgepfropft mit Show-Freaks und Außenseitern, Zwergen, Vogelmenschen und Entenfickern, daß der Perverse, der wirklich Perverse, sich nur noch durch Rückzug mitzuteilen wußte. Alle Objekte, die früher campy, krank und Eigentum verklemmter, verbogener Geheimwelten waren, sind von Udo Lindenbergs Panikorchester aufgekauft worden und den allgemein aufbrausenden Sympathiekundgebungen für den Außenseiter ausgesetzt. Der große, geschmacklose Gummipenis des Glam-Rock war unter den Händen des Liberalismus zu einer unverbindlichen, freundlichen Karnevalspappnase degeneriert.
Sex – und wie ich sagte existiert Sex in der Pop-Welt nur als Geheimnis, als Perversion, als Verklemmtheit, als kurz vor der Explosion befindlicher Dampfkessel (nicht als explodierender Dampfkessel wie bei der Mainstream-Rock-Musik der Siebziger) – verschwand für ein paar Jahre völlig von der Bildfläche. Die Jungs und Mädchen, die seit Glam-Rocks Ende (1973, 74) den ewigen Laufsteg („This Week’s Model“) beschritten, waren an Politik, Nihilismus, alternativen Formen der Schallplattenproduktionen, Veränderungen der Hörgewohnheiten, Bier, Gewalt, französischer Philosophie, Kunst, Karate oder Klassenkampf interessiert, nur nicht an Sex. Sex war die stumpfeste Waffe in der Auseinandersetzung mit dem Establishment geworden wo gibt. Ein Mann, der wie Morrison sein blaugeädertes Unding herausholte, war nicht einmal mehr Provokateur, sondern der Klassenlehrer. Die Joan Baez-Richtung hatte alle wichtigen Ämter in Schule und Medien übernommen. Die augenfällige Abwesenheit von sexuellen Zeichen in der Pop-Kultur ließ diejenigen, die sie, die Pop-Kultur, noch nie verstanden hatten, von einer neuen Prüderie sprechen.
Was falsch war: Die jungen Dinger hatten Sex so gern wie eh und je. Er war nur nicht mehr glamourös, provokativ, hip, groovy, verstörend: Sex war elend gesund. Die Bedürfnisse so und so befriedigt. Mit Sex war nichts mehr anzufangen. Sex war langweilig.
Meanwhile … back at the Zeitgeistmachinery: Die Abwesenheit der poppigen, pubertären Verklemmtheiten, Schmuddeligkeiten und Zweideutigkeiten ließen dem Establishment Zeit, ganz alte Sex-Codes zu restaurieren. Jedenfalls auf der Ebene von Pop-Äußerungen. In der Wirklichkeit fragten sich blonde Mädchen gelangweilt seufzend: „Soll ich mir heute einen Neger nehmen?“ Im Hintergrund sang Marvin Gaye von „Sexual Healing“! Schwarze Musik sprach als einzige noch von Sex. Aber meist schrecklich gesund und allenfalls durch ihre Naivität prickelnd: „Sex is something everybody needs / sometimes you do it slow / sometimes you speed / you can do it from the left / you can do it from the right / no matter how you do it / it’s outasight / and the feeling you get is dynamite.“ Nirgendwo war jemand, der mit Effekt die Sau rausließ. Also konnte man die Sau ruhig wieder einsperren, oder?
Das Establishment hat immer geglaubt, daß die Gefahr die Saurauslasser sind, die Dampfkesselexplodierer. Es hat nie kapiert, daß es die verklemmten, hutzeligen Sex-Zwerge waren, die mit ihrer ganzen unverständlichen Doppelbödigkeit den Saft aus der systemadäquaten Funktionalität der jugendlichen saugten, wie von Roy Lichtenstein gespritzte Blutegel. Also verbreitete es eine neue alte Atmosphäre von Zwang und Muff, die keiner mehr ernst nehmen konnte. Das war die Grundlage für die großartige, glamouröse Rückkehr des großen Glam-Gummipenis. Verbotene Videos, Verschärfung von Jugendschutzparagraphen, wabbeliges Fleisch in Bonn und eine böse alte Heimleiterin in London – das ist der Nährboden des neuen Helden: der sexuell Unvollkommene.
Er hat das, was der wahre Pop-Star immer war, aber nur ahnen lassen durfte, in den Vordergrund gestellt. Seht her: ich bin ein Zwerg, der es mit Schaufensterpuppen treibt und unbeholfen Kajal-Stifte zur Verschönerung des ohnehin rettungslos verlorenen Gesichts einsetzt, ich bin der Obergelackmeierte. Und habe nichts anzubieten außer Blut, Schweiß und Tränen. Er ist nicht stolz auf seine Veranlagung, er hat gar keine. Er ist ein armes Schwein und will geliebt werden. Und in all den Jahren, wo ihm keiner zuhörte und anschaute, hat er sich ein paar Dinge ausgedacht, die er jetzt schüchtern vorbringt. Trotz seiner Mißgestalt will er verführen.
Ich rede von Figuren wie Marc Almond, dem Sänger von Soft Cell, einer Kreuzung aus Strichjunge, Gnom und britischem Spanien-Touristen im Torero-Kostüm. Ich rede von Holly, von der Gruppe Frankie Goes To Hollywood, den es im Video zu seinem Hit „Relax“ in eine Orgie des Kaisers Nero verschlägt und der nicht weiß, wie ihm geschieht. Aber er mag es. Er ist unsicher, aber er mag es! Ich rede auch von Boy George, den die Zwölfjährigen lieben (und nicht nur die!) und der nach allen konventionellen Standards häßlich und bemitleidenswert aussieht. Ein süßliches Drag-Queen-Gesicht, das auf einem viel zu langen, in unförmiger Kleidung versteckten Körper steckt. Und er hüpft und springt ewig herum wie eine Achtjährige mit schwersten hormonellen Störungen. Ich rede von seinem Ex-Freund Marilyn und von all den anderen.
Sie alle sind kein Underground-Phänomen. Sie sind Nummer Eins. Sie sind das Gesicht der Epoche. Sie sind häßliche, verklemmte Krähen, aber man muß sie lieben. Sie zeigen Dinge, die einem Teenager noch nie gezeigt wurden in der Geschichte der Populärkultur. Und doch bekennen sie sich nicht, verkünden sie nicht. Sie zeigen, daß sie nichts Klares, Eindeutiges zeigen können und wollen. Daß alles so elend schwierig ist. Alles monströs. Alles Kuddelmuddel. Und doch lohnt es sich, das durchzustehen. Lohnt es sich zu leben.
Und die glamourösesten von allen sind General Kießling und Michael Jackson. Kießling, dessen Gesicht die Folie für ein wochenlanges Mutmaßen abgab. Für ein irritiertes, verschrecktes, hochaufgeregtes Forschen nach dem geheimen Drive hinter diesem Gesicht. Und Michael Jackson, der so verklemmt, kompensierend, mega-, homo-, a- und metasexuell ist, daß er zum Zeugen Jehovas konvertierte. Der Pop-Star als Zeuge Jehovas: die Königsperversion in der Geschichte der Stars! Un-schlag-bar!
Ein New Yorker DJ setzte das Gerücht in die Welt, Michael sei schwul. Und seine Eltern reißen eine bereits abgereiste Time-Reporterin aus dem Taxi und flehen sie an, das böse Gerücht aus der Welt zu schaffen: „Michael isn’t gay. It’s against his religion. It’s against God. The Bible speaks against it. Michael isn’t gay.“