Das beste an bundesdeutscher Popmusik war ihre Sekundarität: ihr Bezugnehmen, Imitieren, Fixiertsein auf anglo-amerikanische Vorbilder. Amerikanische Gegenkultur beruft sich auf Formen, die jahrhundertealten Traditionen des Individualanarchismus wie der Arbeiterkultur oder schwarzer Kultur sich verdanken: noch neueste Formen von Hip-Hop oder Hardcore sind wesentlich Blues oder Folk. Britische Pop-Kultur beruft sich auf eine jahrhundertealte Tradition von Unterhaltung durch Maskerade, von Inversion und Travestion. Neueste Formen britischer Pop-Inszenierung sind wesentlich elisabethanisch oder präraffaelitisch. Es gibt dazu im Deutschen keine Entsprechung, nicht nur weil es zum Beispiel überhaupt keine Kontinuität deutscher Geschichte, deutscher Populärkultur, deutschen Widerstands oder deutscher Dissenz anderswo als bei Intellektuellen oder anderen wirkungslos Vergessenen gibt. Es war einer der besseren Aspekte der Bundesrepublik, daß es zu ihren Zeiten weniger Nationalismus als in anderen Staaten gab, ein unruhigeres, unsichereres, ungebundenes Staatsvolk (auch wenn das damit zusammenhängt, daß der leise sozialtechnokratische Kapitalismus der 70er einen Nationalismus noch nicht brauchte und in den 80ern die Fußballmannschaften schlechter waren). Es war einer der besseren Aspekte bundesdeutscher Underground- und Pop-Musik, entweder spezifisch bundesrepublikanisch oder offen sekundär sein zu wollen.
Das ZickZack-Label hat in einer Zeit, in der das wie der auch politisch richtige Weg aussah (gegen US-Imperialismus), immer versucht, „alternative“, „nationale“ hiesige Identitäten zu fördern, und dabei in der Regel genau das erreicht, was ich oben als die besonderen Qualitäten des Sekundären beschrieben habe. Ein durch das gescheiterte Bemühen um Eigenständigkeit erzieltes, sekundaristisches Ergebnis ist mehr wert als billige Postmodernität, die die Unmöglichkeit von Authentizität nicht einmal mehr als Verlust empfunden hat, sondern von vornherein als „natürliche“ Maxime eines unendlichen Unterhaltungsuniversums.
Das einzige Wort, das diesen Anspruch, „bundesrepublikanisch“ zu klingen, aufrechterhalten kann, scheint „Geräusche“ zu sein, vor zehn Jahren noch mit einer Emphase verwendet, die sich Resten oder wiederbelebter, neutönischer Ideologie verdankte. Die „Geräusche“ für die 90er müssen anderen Gegebenheiten Rechnung tragen: Sie sehen sich einer kulturpolitischen Landschaft gegenüber, die die Lüge von „deutschen Roots“ wiederaufbereiten wird. Das Anerkennen der Künstlichkeit, des Zusammengesetztseins, des Kolonisiertseins, der westdeutschen Nachkriegspsyche und -kultur, darf jetzt nicht durch die Fiktion eines Neuanfangs ersetzt werden. Stattdessen haben wir es mit zwei unmöglichen, kaputten Nichtgeschichten zu tun, die in aktiver Erinnerung zu behalten, ein Anschwellen der Geräusche erfordert. Bis sich daraus eine Erinnerung an eine Begebenheit herausschält, bei der keiner der Beteiligten dabei gewesen ist: die Vertreibung der bösen Geister aus dem Pentagon, von den Fugs auf ihrer LP Tenderness Junction vor 23 Jahren festgehalten und jetzt von Naomi N’Uru verwendet.
Die Geschichte einer mißlungenen selbstauferlegten Amerikanisierung und Anglifizierung als spezifisches Merkmal des „bundesrepublikanischen“ Underground kann nur noch gesteigert werden durch das Einbeziehen der noch viel mißlungeneren, und nie dieser Mißlungenheit und ihrer Vorteile bewußt gewesenen, Aneignungsversuche des DDR-Underground. In diesem zum Getöse angeschwollenen Mißverständnis des Fremden, Auferlegten, Anderen läßt sich, wenn gelungen mißlingt, vielleicht dasjenige erkennen, was vom Hiesigen aufbewahrt und erinnert zu werden wert ist.