Die Depressionen des nichtkleinbürgerlichen Nichtmittelklassesubjekts

Etwas unbemerkt von einer Geschichtsschreibung der großen, alten Entwürfe und kleinen, neuen Sub-Genres ist Hip-Hop ganz generell in den letzten fünf Jahren deutlich trauriger geworden. Politisch desillusionierter und individuell mutloser. Ein gnadenloser Ernst des Lebens, eine in jeder Hinsicht verschärft ausweglose Situation in den Inner Cities der USA, begleitet von der allmählichen Abschaffung jeder Sozialpolitik, insbesondere sogenannter kompensatorischer Politik (Affirmative Action), bilden den Hintergrund einer Lage, die in ihrer bleiernen Wiederholung dieser immer gleichen Tatsachen auch den kräftigsten und jugendlichsten Figuren aufs Gemüt schlagen muß. Eine tragische Grundstimmung machte sich in letzter Zeit nicht nur bei den Dünnhäutigeren, sondern häufiger auch durch die berufsmäßig machomäßig kraftstrotzenden Gefühlskostüme hindurch bemerkbar, etwa bei den Geto Boys, auch bei Tupac. Manchmal als Sentimentalität, häufiger und nachdrücklicher als Riß und Diskontinuität im Gangsta- wie im Preacher-Selbstentwurf.

Mit dieser neuen Mobb Deep (Hell On Earth, Loud/RCA/BMG 1996) hat dieses Lebensgefühl einen neuen Ton gefunden. Es erinnert an den Schritt von New Wave zu Joy Division. Viele haben Joy Division am Anfang als bürgerlich-pubertäre Romantik mißverstanden, nicht als den ersten Niederschlag eines postindustriellen Ex-Working-Class-Blues. Bei Mobb Deep erscheint auch Apokalyptik nicht in erster Linie als Ideologie oder Verschwörungstheorie, sondern als Lebensgefühl von sich in Asphaltpfützen spiegelnden großen Ratlosen. Das Medium ist Musik: Klare Klangfarben-Disziplin, keine Bläser, Gitarren, sondern stattdessen eigenartig komprimierte und digital bearbeitete Streicher und zurückgenommene E-Pianos bestimmen den Sound. Diese vom Keyboard elektronisch abgerufenen Streicher-Schlieren liegen fast durchgängig unter den zwar manchmal immer noch comichaft und stereotyp aufzählenden, aber superernst beschworenen Balladen von Bleakness und Blues.

Ein Track wie „ Can’t Get Enough Of It“ mit seinen klaustrophob knisternden Geigen weit hinten und den trocken die Enge des Vordergrunds ausfüllenden Raps ist von dem an happy Hedonismus erinnernden Songtitel so denkbar weit weg wie damals De La Soul von Goldketten. „G.O.D. Pt. III“, vermutlich sowas wie der Hit, verdichtet Material und Methode dieser tristen, durchaus erschütternden Platte zu einer Hymne, die – wie beste Popmusik das immer konnte – ein zeitgenössisches Gefühl auf den Punkt bringt, bevor es einen Namen und einen entmündigenden Diskurs dazu gibt. Love will tear us apart.