Schräge Szene neulich in Köln. Über die Ringe, die große mehrspurige, halbkreisförmig die Innenstadt einfassende Allee tobte ein überkandidelter Techno-Zug, gesponsort von Camel, ausgerüstet mit fünf oder sechs Sattelschleppern und Lkws, ebensovielen Soundsystems, auf den Wagen mitfahrenden Ravern sowie Mainstream- und Underground-Vertretern der Bewegung auf der Straße. Von großem Polizeiaufgebot gegen den Verkehr aus den Seitenstraßen geschützt, hoppelten Massen bunter Teenager und reichlich weggetretene ältere Aktivisten über die Hauptverkehrsader. Es war Samstag, Spätsommer, die Sonne ging gerade unter. In einer Seitenstraße jedoch gab es auch etwas zu sehen: die Kyffhäuserstraße, alteingesessene Kneipen- und Vergnügungsmeile, hatte ihren eigenen Zug, eine Demonstration, hundert bis zweihundert Teilnehmer, der Bewegung „Bürger im Veedel“, symbolisiert durch die Buchstaben BiV in einem Herz. Unter Losungen wie „Drogen nein, Veedel ja“ wurde gegen die Politiker von SPD, FDP und CDU demonstriert, die den Drogenhandel im Veedel angeblich zuließen. Der Zug endete in einer Kneipe, wo während der ganzen, nur zweieinhalb Blocks langen Demonstration per Endlosschlaufe der Bläck-Fööss-Song „En unserem Veedel“ lief, ein Klassiker des Kölschen Kommunitarismus. Die Kyffhäuser Straße ist eine von zwei Hauptstraßen des als Vergnügungsviertel und Kneipengegend bekannten sogenannten Kwartier Latäng. Die Anwohner hatten jetzt die Möglichkeit gesehen, mit den Drogen und den Dealern auch gleich den Lärm loszuwerden und forderten in Transparenten das Aus für Dealer und Diskotheken, Dreck, Musik und Drogen – alles im Namen des Veedel. Alle Kneipen hatten mitgemacht, und selbst die größten Lärmverursacher handgemalte Schildchen, „Wir machen mit, nein zur Droge!“, ins Fenster gehängt. Die Veedel-Bewohner standen vor ihren Häusern und freuten sich, genauso wie übrigens auch die Kneipengänger auf dem Ring sich an dem Techno-Zug freuten. Zug – das mögen die Kölner. Das kennen sie vom Karneval. Vor dem Asylbewerberheim in der Kyffhäuser Straße standen als Dealer verdächtigte Typen und sahen etwas bedröppelt drein. Sie hatten allen Grund, waren sie doch heute nachmittag zu Feinden erklärt worden. Obwohl zum größten Teil nicht Bewohner der Flüchtlingsunterkunft, aber nicht nur durch dessen leicht zurückgesetzte Lage zur Straße begünstigt, hatten sie sich vor diesem anderen Ziel anderer Bürger gesammelt. Vom Ring dröhnte das Uffza-Uffza der Techno-Wagen. Die Sonne war untergegangen.
Am nächsten Tag konnte man erfahren, daß auch der Techno-Zug, zumindest nach dem Willen der Camel-Sponsoren, eine Demonstration gegen Drogen gewesen sei. Vor einigen Wochen war nach einer Razzia das Warehouse, Kölns zentrale Techno-Disco wegen Drogen geschlossen worden. Unter anderem, so hieß es in der Begründung des Ordnungsamts, weil man sich dort des Eindrucks nicht erwehren könne, die Einstellung auch der Betreiber zu Drogen sei keineswegs von entschiedener Gegnerschaft geprägt. Gegen diesen Ruf seiner neuen jungen Lieblingsklientel, der Techno-Kids, ließ Camel demonstrieren. Während die Zeitgeistmagazine auf bunten Sonderseiten über Ecstasy aufklären, der Stern mahnend und warnend, Tempo sogar ganz brauchbar, manch Bundesland den Eigenbedarf duldet und Franzi, Heike Henkel und Lothar Matthäus meinen, das Leben sei eine Aneinanderreihung von Olympiaden und Elfmeterschießereien, die man nicht verpassen dürfte, indem man sich irgendeinem Hallu-Programm aussetzt; während also die DROGE alle Medien in neuer (und teilweise auch vertrauter) Form erreicht, steht man wieder mal leicht irritiert am Straßenrand und fragt sich, wieso hier plötzlich ein ganzer Bereich gesellschaftlicher Abmachungen neu ausgehandelt wird. Die Verschiebungen, Verdichtungen, Umcodierungen und Verdrängungen, die zur Zeit zu beobachten sind, lösen bei unsereinem ähnliches Erstaunen und Fassungslosigkeit aus wie auf anderen Ebenen und in anderen Arenen die Wiederkehr der deutschen Nation. Es ist Zeit, mal kurz innezuhalten und nachzusehen, was der Mainstream in Bezug auf Lifestyle, Drogen, Ausgrenzung und Aufräumen, innere Sicherheit, Polizeivollmachten und Neubewertung von Ekstase zur Zeit an Konsensvorlagen verhandelt und demnächst verabschieden wird. Und letzeres dann leider nicht nur auf der Ebene des hegemonialen Diskurses, sondern durchaus auch auf der Ebene echter alter Politik.
Die einen dürfen, die anderen nicht. Während einerseits der Techno-Jugend, der offensten drogenbejahenden Jugendkultur seit langem, trotz vieler Angriffe in der Boulevardpresse, immer noch reichlich Verständnis entgegengebracht wird, andere Formen des Drogenbenutzens zumindest auf Eigenbedarf-Ebene Sache von Kavalieren geworden sind, ist der Junkie unten durch. Daß der normale Bürger den Junkie nicht mag, ist nichts Neues, aber er genoß bisweilen doch noch Unterstützung oder Duldung: zum einen war er von Chet Baker bis Nick Cave als romantischer Held Bestandteil des kollektiven Imaginären diverser Jugendkulturen bis weit in die späten 80er hinein; zum anderen erzählten selbst noch faschistoide Taxifahrer, die einen zum Hamburger Hauptbahnhof brachten und dabei ihren Abschiebe- bis Kopf-ab-Phantasien in Bezug auf Dealer freien Lauf ließen, noch lange von den verführten Opfern, von diesen armen kranken Menschen da draußen, denen man doch helfen, Therapieplätze und/oder Arbeit besorgen müßte. Das ist vorbei. Der normalerweise sozialdemokratische, aber populistische Kölner Express kennt sein Publikum und weiß, daß er auf Konsens bauen kann, wenn er nur noch haßerfüllt und ressentimentgeladen von dem „Drogensumpf“ und „Schandfleck“ spricht, der „ausgetrocknet“ und gnadenlos verfolgt gehört etc. Express-Reporter verfolgen Razzien und kontrollieren dann, ob die eingesackten Junkies einen halben Tag später nicht wieder am selben Platz auftauchen. Wenn ja, erscheint ihr Bild in der Zeitung – mit Balken zwar, aber anhand von Kleidung, Frisur (man hat als Junkie ja nicht die große Verkleidungsmöglichkeit) deutlich wiederzuerkennen. Am Pranger. Vor gar nicht so langer Zeit hatte man selber noch und gewiß auch einige dieser Express-Reporter aktive Junkie-Bekannte, Leute, die zwar einen einigen unangenehmen Habitus entwickeln konnten, aber in der großen Schmuseund Schutzgemeinschaft Subkultur durchaus wohlgelitten waren. Wenn Johnny Thunders in Konzerten verkündete, als Junkie tausche man nur die vielen Abhängigkeiten gegen eine einzige und das wäre ein guter Deal, fand man das ebenso interessant, wie seine abgefuckten, ab-gerüsteten, dieselben drei Akkorde variierenden Songs; es war cool und erwägenswert, ein Fall von persönlicher Verweigerungspolitik. Respekt und Chapeau, meine Hochachtung; und etwas Transgression fiel auch dabei ab. Kleidung, Frisur, Droge, Musik – alles ein Fall von New York und Radical Chic. Die Junkies, die dagegen heute der Express als Sumpfblumen identifiziert und an den Stadtrand oder in weit entfernte, unbeobachtbare und rabiate Therapien verbannen möchte, sehen für die Öffentlichkeit anders aus, und sie bilden keine Kultur. Sie sehen aus wie Zonis, die sich nicht an den Westen gewöhnen können, wie zu dünne Alkies, ausgebleicht und ausgehungert, faded as my jeans, sie haben sichtbare Krankheiten und können sich nicht auf den Beinen halten, einige führen riesige ekelhafte Hunde mit sich. Sie bieten sich keiner Veredelung oder Romantisierung mehr an. Und keiner findet mehr interessant, was sie eventuell sagen könnten. Die ersten Selbstdarstellungen von Junkies genießen noch heute sub- bis hochkulturellen Status. Von Thomas De Quincey bis zu William Burroughs auf der literarischen, von Keith Richards bis Lou Reed auf der musikalischen Seite. Zwar sind die meisten dieser Promi-Junkies an irgendeinem Punkt zu reuigen Sündern geworden. Aber einige unter ihnen haben immer darauf hingewiesen, daß ihnen nicht die Droge geschadet hätte, sondern die Umstände, unter denen sie sie hatten erwerben und nehmen müssen. Weswegen John Paul Getty II, erzkonservativer Exzentriker und Oberjunkie, von den Rolling Stones in „You Got The Silver“ porträtiert, heute noch als Kunstexperte und -politiker zu den am meisten geschätzten Partygästen der britischen Oberschicht gehört. Diese ehemalige, aber leider in Vergessenheit geratene Selbstverständlichkeit, daß es nicht die Substanz, das Gift, sondern seine Darreichungsformen im weitesten Sinne sind, erklärt, warum Junkies heute so scheiße aussehen, bis vor ein paar Jahren aber noch Modevorbilder abgaben.
Am Anfang neuerer Junkie-Musik steht der Song „Heroin“ von Velvet Underground. Darin fällt an prominenter Stelle der Satz „I have made a very big decision …“. Zwar fährt der Ich-Erzähler später fort, „to nullify my life“. Aber diese Anullierung seines Lebens schildert er dann doch in den lebendigsten Farben. Entscheidend aber ist, daß er seinen Entschluß als bewußt und verantwortlich schildert. Er ist eine Person. Er hat eine Würde, eine Geschichte, und er hat eine Wahl getroffen. Sucht als Krankheit zu definieren, ist vielleicht unter den gegebenen Bedingungen in vieler Hinsicht das pragmatisch Sinnvollste: bestimmte Hilfeleistungen, Schonungen etc. rücken der Staat, die Krankenkasse etc. nur raus, wenn man sich zur verantwortungslosen Unperson erklären läßt (die man natürlich in gewissen Stadien eines Rausches durchaus auch ist). Aber der erste Schritt zur Entmündigung ist getan. Daß gerade temporäre Verantwortungslosigkeit Ergebnis eines bewußten Schrittes sein kann, ist eine Wahrheit, die selten politikfähig geworden ist. Auch die Linke hat sie früher mit dem Eskapismus-Vorwurf erschlagen. Die Quittung ist der ewige Triumph der schwäbisch-pragmatischen Steuerzahler-Ethik. Das hat nach und nach dazu geführt, daß jede Form von aktiver Besinnungslosigkeit, entschlossener Flucht, erklärten Desinteresses grundsätzlich als Reaktion von Kranken gelesen wurde, nicht als Einspruch gegen ein bescheuertes, erniedrigendes oder perspektivloses Leben, das der Person vielleicht ansonsten zugedacht war. Ja, es muß nicht einmal so dramatisch sein: diverse Leute, die irgendwo eine bürgerliche Existenz ausfüllen, leisten sich genau diesen privaten Einspruch alle Augenblicke, nur können sie ihn abfedern. Wie gesagt, es ist nicht die Droge, sondern es sind die Umstände ihrer Einnahme, die das Problem verursachen. Es ist völlig legitim, auch für Leute – und gerade für die – ohne Absicherung durch eine bürgerliche Existenz, sich sein Leben für eine Weile abseits von instrumenteller Vernunft und anderen Häßlichkeiten abspielen zu lassen. Ja, vielleicht lassen sich Utopien oder Alternativen überhaupt nur denken, wenn die Erfahrung von etwas prinzipiell anderem hin und wieder zur Hand ist.
Doch wann immer man diese Gedanken Bürgern in meinem Viertel – ich wohne im Einzugsbereich von zwei Drogenverkaufsstellen – nahezubringen versucht, die ja alle gestandene Kölner Hedonisten sind, die sich gerne betrinken und auch fürs Kiffen Verständnis äußern, kommt von ihnen der Einwand, man hätte ja gar nichts gegen User, man hätte was gegen die Dealer. Das ist zunächst mal als Statement nicht überraschend. Jeder Bundesbürger sieht im Schnitt dreiundsiebzig Stunden Spiel- und Fernsehfilme, in denen Dealer grauenhaftes Unrecht an meist minderjährigen unschuldigen Bürgerkindern begehen. Doch die Dealer in den beiden Innenstadtdrogenhandelszonen in Köln tun nichts, was diese Bürger ärgern könnte. Im Gegensatz zu sich vergnügenden Studenten machen sie nachts keinen Lärm, im Gegensatz zu diesen reihern sie nicht aufs Trottoir, ja sie vertreiben sogar mitunter Junkies, die sich daneben benehmen, weil die ihnen nämlich das Geschäft vermiesen. An der einen Verkaufstelle Kölns, am Neumarkt, kommen sie sowieso nur zu bestimmten Zeitpunkten vorbei, um die Wartenden schnell und präzise zu versorgen, genauso oft und regelmäßig wie das große grüne Auto, das sich neuerdings „mobile Wache“ nennt und jeden Morgen die Personalien der Wartenden aufnimmt. Ich nehme also meinen Nachbarn nicht ab, daß sie was gegen Dealer haben. Sie haben nur was gegen diese Dealer.
Die Kanther-Initiative unter dem traditionsreich berüchtigten Namen „Innere Sicherheit“ und auch der davon übriggebliebene verabschiedete Gesetzestext verknüpft an einigen Stellen Abschiebe- und Drogenpolitik. Eines ihrer zentralen Anliegen war die Möglichkeit, mit Drogen handelnde Asylbewerber sofort und ohne Umschweife abschieben zu können. Weitgehend ist das durchgesetzt worden. Doch von dem Versuch, immer weitergehende Barbareien im Abschiebewesen legal absichern zu lassen, einmal abgesehen, ist dies auch eine von vielen Stellen, wenn auch an sehr entscheidendem Ort, wo die Verbindung von Drogenhandel, Asylbewerbern und Abschiebung hergestellt wird. Dadurch wird nicht nur das dämonisierte Duo „Dealer/Asylbewerber“ erzeugt (der jeweils eine ist schlimm, weil er identisch mit dem jeweils anderen ist), sondern auch die Verfahrensweise der Abschiebung verschärft, mit all ihren Konnotationen von „Ausnahmezustand“ bis „kurzer Prozeß“, von „Gefahr im Verzug“ bis „Schnellgericht“. Der flüssigen Dramatik der „Drogenflut“, der „Asylantenflut“, des „Einwanderungsstroms“ und der „einsickernden Vergiftung“ durch Drogen und die sie einführenden Asylbewerber mitsamt ihren Krankheiten entspricht die den Ausnahmezustand beschwörende Gegenmaßnahme, die sich allein dadurch legitimiert, daß sie außerordentlich ist. Außerordentlich heißt: jenseits bisher gültigen Rechts, jenseits bisher angewandter Verfahren. Da hilft einerseits die Flutmetapher, überhaupt alles Flüssige, das im Anti-Asyl-Diskurs ebenso häufig auftritt wie im Drogendiskurs und drohende Unkontrollierbarkeit anzeigt. Dazu kommt aber vor allem die Vorstellung von langsam einsickernden flüssigen Giften. Von Tschernobyl über chemische Schadstoffe und Rinderwahnsinn bis zum HIV-Virus, russischem Plutonium und der Droge – die Leute haben Angst vor unsichtbaren Giften, und auf dem Weg der Metonymie wird der Asylbewerber selber zum drogen-analogen Gift.
So wurde an der Kyffhäuser Straße seit langem gedealt und Lärm gemacht, aber erst seit die Bürger Dealer als Ausländer identifizieren, werden sie aktiv und gründen eine Initiative. Und da sie den geheimen rassistischen Kern ihres Aufbegehrens ahnen, übersetzen sie – rührend tolerante Kölner Kommunitaristen – den Text ihres Flugblattes handschriftlich in mehrere Sprachen, wenn auch in das in dieser Gegend weniger dringend benötigte Französische und Englische, aber immerhin auch ins Türkische. Auch viele der türkischen Mitbürger, die Imbißstuben oder Kioske betreiben, sind mit dabei und haben den Text in ihre Fenster gehängt. Keine Macht den Drogen und keine neuen Diskotheken! Aus dem Hintergrund stampft, vom Ring kommend, der bekannte Uffza-Uffza-Beat.
Neulich las ich, daß sich in der Schweiz Leute zur Bürgerintiative zusammengerottet hatten, nachdem ein Dealer einer Schülerin Heroin verkauft haben soll, die unmittelbar darauf an den Folgen gestorben war. Klinge unwahrscheinlich, dachte ich, bis mir wieder einfiel, an was mich das erinnerte. Klar, an die Evil Drug-Lords, die angeblich hinter den vielen illegalen Raves und Acid-House-Parties standen, die seit 1988 auf den britischen Inseln stattfinden. Auch hier berichtete die Sun immer nach demselben Schema: Ein Drogenbaron verkauft Ecstasy an unschuldiges Wesen, meistens Mädchen, welches sofort stirbt. Solche Geschichten von der verführten Unschuld werden niemals laut, wenn es um real vorhandene Junkies geht. Diese sind nie ehemals verführte Unschuld, bestenfalls kranke Menschen, meistens aber eben doch Flüssigkeit, Gift, üble Substanz. Die Verführungsstory hat zwei Verankerungen: die eine ist, Bosheit und Gefährlichkeit von Dealern zu beweisen und Maßnahmen aller Art gegen sie zu legitimieren (blieben sie mit ihrem üblen Tun unter sich und ihresgleichen, wär’s ja kein Problem, der Übergriff auf das behütete Wesen ist das Problem). Die andere ist aber, das verantwortungslose Vergnügen junger Leute wieder in den Griff zu bekommen. Wir haben es heute, wie gesagt, mit Jugendkulturen zu tun, die gewisse Drogen in einem Maße bejahen wie keine anderen zuvor. Selbst in schwersten Hippie-Zeiten waren doch die erfahrenen LSD-User und psychedelischen Wiederholungstäter eher in der Minderheit, vor allem waren Halluzinogene immer eine Mittelschichtskinderdroge. Eine klassen- und szeneübergreifende Wochenend-Ecstasy-Schmeißerei, wie sie in manchen Großstädten Deutschlands schon zu beobachten war, hat es jedenfalls noch nicht gegeben. Nur kann man jemandem, der es schon mal genommen hat, schlecht erzählen, daß Ecstasy automatisch zum Tod führt (das ist die Story für Eltern und Lehrer). Also werden all die Langzeit- und Folgeschäden ausgepackt, mit denen zwanzig Jahre vorher unsereinem auch schon das Acid-Schlucken ausgeredet werden sollte.
Auf der anderen Seite fallen die Ecstasy-Kinder in eine andere Kategorie. Man kann sie weder verteufeln noch in ihrer ganzen jugendlichen Frische zu totalen Drogen-Opfern erklären, auch wenn dafür in Boulevard-Zeitungen gerne die ebenfalls klassischen Indizien bemüht werden: rote Augen, leerer Blick, mangelnde Aufmerksamkeit im Gemeinschaftskunde-Unterricht. Ecstasy-User tanzen zwischen den Fronten, zwischen der perspektivlosen Junkie-Negation und der allgemein gesellschaftlich akzeptierten Extremsportler-Grenzsituationen-Verliebtheit. 48 Stunden Durchtanzen schmeckt auch schon mal nach Triathlon oder Extremklettern. Grenzerfahrungen gehören mittlerweile zur ganz normalen Bürohengst-Biographie wie ehedem Weltkrieg Zwo, Verwundung, Kriegsgefangenschaft und schwere Zeit. Die Nächte durchtanzenden, aufgeputschten Jugendlichen in ihren fluoreszierenden Outfits sind weder optisch noch inhaltlich allzuweit entfernt von jenen verdächtig aufgekratzten Mitbürgern, die sich irgendwelchen lebensgefährlichen oder wenigstens an Gefahren grenzenden Torturen und Erlebnissen aussetzen, um ihr müdes Blut in Wallung zu bringen. Dementsprechend groß ist das potentielle Verständnis, das diese Gesellschaft der Erlebnishungrigen und manischen Mittelständler für Leute aufbringen könnte, die sich besondere und extreme Kicks beibringen wollen. Weil das – Verständnis – aber nicht sein darf, werden die ebenso schwerwiegenden Unterschiede in den Zeitschriften der Aktiven und Fitten in letzter Zeit wieder deutlicher betont: die Philosophie jeder Droge ist ja Beschleunigung. Man will neben dem vorgesehenen und absehbar trüben Lebensweg eine Uberholspur einschlagen, die eben dieses Vorhersehbare sofort erreicht, man will sich weder für Weisheit noch für Erleuchtung, weder für Verzweiflung noch für Ekstase lange mit irgendwelchen Übungen, Ritualen und Initiationen schinden, sondern jetzt sofort sein Ziel erreichen. Der Extremsportler ist dagegen ziemlich stolz darauf, sich zu quälen oder zumindest gequält zu haben, bevor er den ganz großen Uberblick vom Nanga Parbat serviert bekommt. Zum zweiten ist der protestantische Authentizismus im Wege: Droge gilt als künstlich, die Quälerei im Gelände als authentisch. Es gibt also einen Punkt, an dem sich Leute wie Geißler und die Mitglieder der ravenden Gesellschaft schwer unterscheiden, und es liegt im Interesse von Staat ’94, diesen Unterschied zu betonen. Tatsächlich stecken Manifeste wie das neue Schäuble-Buch über weite Strecken voller Antworten auf das Problem: bevor sie in die ravende Gesellschaft abkippt, hat Schäuble ein paar Redisziplinierungen vorgesehen, die haargenau in die Linie passen, die aus den Erlebnissüchtigen selbstdisziplinierte, leidensfähige stählerne Subjekte schmiedet. Die bekommen zwar immer noch ihre Kicks, aber auf einem eher soldatisch organisierten Weg: die Bereitschaft zum Sich-Quälen, zur Grenzerfahrung wird oder könnte angekoppelt werden an große Askese- und Disziplinierungs-Exerzitien, die haltlosen Freeclimbern wieder ein stabiles, womöglich soldatisches Ego zurückgeben. Die Junge Freiheit bemüht sich auch schon seit Monaten nach Kräften, mit verdächtig gefaked scheinenden O-Ton-Interviews junge Raver zu Jünger-Fans umzustilisieren, die bei der Love Parade an den „Kampf als inneres Erlebnis“ denken.
Das würde auch die Probleme jener Werbetreibenden lösen, die in der Techno-Kultur konsumwillige und -freudige Figuren entdecken und sich an sie anbiedern wollen und müssen, ohne Gefahr zu laufen, Werbung für oder nur nicht gegen Drogen machen zu müssen. „Da besteht ein sehr ausgeprägtes Markenbewußtsein. Das sind junge, aufgeschlossene Leute, die ihren eigenen Lebensstil haben, die Technologie und Musik als Medien nutzen, um ihre Freizeit erlebnisorientiert zu gestalten. Abenteuer wird neu definiert …“, sagt Elke Schwellenbach von Reynolds Tobacco. Da wäre man gerne dabei, wenigstens im Nebenzimmer, wenn das Abenteuer neu definiert wird. Da gibt man dann wie Camel den Kids eine Kölner Ausgabe der Love Parade, die auch genauso verstanden wird wie andere Love Parades – und Berührungsangst vor Sponsoren aus uncoolen Wirtschaftskreisen hatte man im Technoland noch nie. Für die Presse und die Erwachsenen wird das Ganze aber kurzerhand zur Anti-Drogen-Demo erklärt. Oder man fliegt als PR-Maßnahme unter dem Namen „Camel-Air-Rave“ ein paar Hundert ravende Extremsportler quer durch Europa, bei nicht abreißender Techno-Versorgung vom Turntable, wählt aber unter über zehntausend Bewerbern die endgültigen Teilnehmer mit einer Akribie aus, als gelte es die Führungsspitze des BND neu zu besetzen: sauber, hübsch, cool, opinion-leader sollen sie sein, frisch und abstinent, aber nicht zu spießig, dabei stabil und körperlich fit.
An dieser Front wird zur Zeit noch verhandelt. Während alle es gut finden, daß in den Städten aufgeräumt wird und „Kölns schönster Platz“ kein Schandfleck mehr ist, ist keineswegs klar, wie dieselben Leute zu Hedonisten-Usern stehen, auch wenn Ordnungsamt, RTL und Bild gegen sie mobil machen. Lothar Matthäus ist nicht unbedingt mehrheitsfähig. Unklar auch, ob die Soldaten der Erlebnisse immer typischer werden und mit stolzen, männlichen Charakterpanzern im Frühtau in die Berge Nepals ziehen oder vom Bungee-Turm springen, oder ob immer mehr Leute finden, daß die Mühe nicht lohnt und gewisse chemisch induzierte Persönlichkeitsveränderungen angenehmere Folgen haben. Fraglich auch, ob sich die Gesellschaft überhaupt gegen den „Staat ’94“ durchsetzen wird, also das offensichtlich doch ziemlich verbreitete Bedürfnis nach Grenzerfahrung und Rausch eingeklagt werden kann, oder ob die Auffassung überwiegt, daß ein Elfmeter von Lothar Matthäus wichtiger sei. Eine Weile sah es ja so aus, als wäre dem Staat eine Bande ravender Jugendlicher und erlebender Adoleszenter lieber als vorangegangene, sogenannte engagierte Generationen und die altlinke bzw. Aldous-Huxleysche Soma/Eskapismus-These häte sich bewahrheitet. Doch heute scheint nicht mehr geduldet werden zu können, daß sich das Empfinden für Fleiß, Arbeit und Konkurrenz noch mehr verflüchtigt, scheinen gewisse Subkulturen doch wieder als zersetzend angesehen zu werden. DROGE ist unabhängig von ihrem konkreten Inhalt ein Stigma in Reserve, das schon wieder gebraucht wird. Die zeitweilig unverhohlene Zustimmung zu drakonischen Gegenmaßnahmen seitens wirtschaftlich gesunder ostasiatischer Staaten fand nicht nur auf den Leserbriefseiten der FAZ statt.
Das alles berührt aber nur am Rande den Kampf, den „Staat ’94“ gegen die „ausländischen Dealer“ führt. Da sind alle Entscheidungen schon gefällt, die Direktiven ausgegeben. Wer weiß, welchen Repressalien und Schikanen bereits nichtweiße Universitätsprofessoren hierzulande beim Zoll, in der Badeanstalt oder in Diskotheken ausgesetzt sind, kann sich vorstellen, was abgeht, wenn es darum geht, nichtdeutsche Dealer ohne Absicherung zu jagen und zu verfolgen. Der Ausnahmezustand, die besondere Maßnahme ist da immer schon gebilligt. Das, was rund um das Wort „Abschiebung“ an Überschreitungen in der Polizeiarbeit assoziierbar und denkbar ist, wird ausgelebt. Auch das kann man, zumindest die schikanösen Vorspiele, ständig beobachten, wenn man in einer Gegend wohnt, in der ein bißchen gedealt wird. Das Feindbild „Ausländer“ erfährt hier täglich neue Bestätigung, Ausschmückung, Absicherung durch Erfahrungswerte. Und wem immer das Image „ausländischer Dealer“ verpaßt wird, hat, anders als die heruntergekommensten Junkies deutscher Blässe und deutschen Geblüts, keine Verbündeten in der Bevölkerung. Die Reaktionen, die den Express erreichten, nachdem dieser die Trockenlegung des Sumpfes Neumarkt und anderer Feuchtgebiete gefordert hatte, spricht Bände. Die Verfasser überboten sich in militärischen Metaphern, und man konnte froh sein, wenn sie noch ein so relativ rationales Anliegen hatten wie Geschäftsschädigung durch dem Steuerzahler auf der Tasche und ihnen vor dem Laden herumliegende Junkies.
Diese relative Vogelfreiheit der Dealer, eher als der Junkies, korrespondiert aber nicht unbedingt mit einem zielgerichteten Vorgehen gegen städtische Drogenszenen, das sich unser Freund „Staat ’94“ ausgedacht hat und nun einheitlich durchziehen möchte. Zwar liefern das Kanther-Papier und die folgenden Gesetze dafür die Rahmenbedingungen und einige Möglichkeiten; doch gegenüber jugendlichen Hedonisten-Usern, Junkies oder Dealern gibt es von Stadt zu Stadt, Land zu Land abweichendes Vorgehen. Das hängt, wenn auch nur zu einem geringen Teil, damit zusammen, daß die öffentliche Meinung noch umkämpft ist.
Das zentrale Diskurselement in diesem Kampf ist der Begriff der Droge selbst. In seiner Allgemeinheit steckt nicht nur das Problem, daß er zwischen unterschiedlichen Drogen nicht unterscheidet, sondern vor allem grundsätzliche Zuschreibungen ermöglicht, die nicht nur die beteiligten Drogen treffen, sondern auch alle weiteren Beteiligten. Entscheidend an diesem Begriff ist, daß er in der Weise benutzbar und anwendbar ist wie die anderen bestimmenden Diskurselemente der zeitgenössischen Öffentlichkeit: die Gewalt, der Haß oder der Extremismus. Diese Begriffe entpolitisieren Zusammenhänge und machen aus Verhältnissen Substanzen. Das kann zum Beispiel so funktionieren, daß immer der schlimmste jeweils anschauliche Fall die gesamte Semantik dieser sozialen Substanz usurpiert. Meistens ist das eine Pseudo-Statistik in Focus oder ein Reality-TV-Bericht auf Sat 1. Erst wenn durch diesen Prozeß die Semantik des Begriffs Droge vollständig besetzt ist, mitsamt ihren Unterabteilungen auffälliges Benehmen, Wahnsinn, gerötete Augen, verrückte Klamotten bis hin zu schläft im Unterricht, und die Drastik auch sozialdemokratische und karitative Initiativen gelähmt hat, kann „Staat ’94“ in einer einheitlichen Weise zuschlagen; eben so, wie Kanther es sich erträumt, französische und britische Gesetzesinitiativen (die interessanterweise auch wieder Staatsangehörigkeit, Ethnizität und Drogenpolitik zusammendenken) es jetzt vorbereiten und es der US-amerikanische „War on Drugs“ schon eine Weile praktiziert.
Der „War on Drugs“ ist nicht nur deswegen ein Problem, weil in seinem Namen nahezu alle bürgerlichen Freiheiten relativ leicht aus der Welt geschafft werden können: Durchsuchungen, Abhören, legale Einbrüche etc. – alles möglich, wenn der ermittelnde Beamte nur gerüchteweise in Verbindung mit einem Haushalt von Drogen gehört hat. (Reichtum bei Angehörigen von Minorities ist eigentlich immer ein sicherer Grund, das betreffende Anwesen zu stürmen.) Gefahr ist immer im Verzug. Das Problem des „War on Drugs“ besteht auch nicht nur in einem nicht erklärten Krieg gegen einen Teil der Landbevölkerung diverser lateinamerikanischer Staaten, sondern innenpolitisch vor allem darin, daß er sich zu einem Krieg gegen die Armen entwickelt hat. Ohne auf die Details jetzt eingehen zu können, zeigt dieser War sozusagen vorbildhaft, wie anhand der Substanz Droge die Verfolgung des gefährlich gewordenen Lumpenproletariats mit seiner Ethnifizierung wechselseitig verknüpft werden kann. Am Ende steht womöglich Abschiebung, andernfalls Segregation in Ghettos, wo sich die Probleme von selbst erledigen sollen.
Die Politik gegen Drogen, die moralistische Rede gegen Drogen, die unwidersprochene Gewaltanwendung gegen Widerstand aller Art und das neue Konzept „Innere Sicherheit“ des Ministers Kanther ließen uns im Wohlfahrtsausschuß Köln die Frage stellen, was eigentlich aus dem Begriff „Repression“ geworden ist. Früher ein allzeit bemühtes Analysestereotyp, ist es heute ganz verschwunden. Mit ihm ein paar andere, sicherlich auch zu Recht wegen Wiederholungsekel vergessene Begriffe und Ansätze, die wir auch nicht einfach so wiederbeleben wollen, die in den letzten zehn Jahren aber sicher nicht gegenstandslos geworden sind: Überwachung, Computerfahndung etc. Der Datenhighway der Kriminalitätsbekämpfer ist aus öffentlichen Debatten verschwunden, und seine schüchterne Erwähnung wird durch den Verweis auf Russenmafia, Plutoniumschmuggel, Junkie-Elend etc. abgebürstet. Darüber wird ein moralistischer Mega-Diskurs gestülpt, der alle Medien, Märkte und Meinungen erreicht hat, die Absage an substantialisierte, dekontextualisierte Gewalt und an die genauso behandelte DROGE.