68 war Revolte, 77 war Punk – warum nur 68 zum Mythos wurde
Man muss sich 68 als große bürgerliche Revolution vorstellen. Als eine große bürgerliche Lockerungs- und Entdisziplinierungsrevolution, die noch lange nicht abgeschlossen ist und immer noch historischen Rückenwind hat und die geschichtsteleologische Legitimität auf ihrer Seite. Wie die letzte Sequenz bürgerlicher abendländischer Umwälzungen zwischen 1776, 1789 und 1848 basiert sie auf irreversiblen ökonomischen, politischen, kulturellen und wissenschaftlich-technischen Veränderungen, die den Rebellen das Gefühl geben, auch gegen Rückschläge historisch im Recht zu sein. Was sie erreichten, das war das, was sich mithilfe der Ökonomie durchsetzen ließ, ja selbst zu einem Modell der Ökonomie werden konnte: der hedonistische Kapitalismus. Ein Mehr an Glück und Lebensmöglichkeiten, das sein durfte, weil es ein Mehr an Markt und eine begeistertere Produktivität mit sich brachte.
Gegen den alten Kapitalismus aus protestantisch-arbeitsethischem Geist setzte 68 einen kreativ-hedonistischen Kapitalismus. Und gegen den repräsentativen Parlamentarismus, seine Hierarchien und staatlichen Bildungs- und Disziplinierungsinstitutionen setzte man einen Kommunitarismus der Unmittelbarkeit, zuweilen auch des Rückzugs und der Privatisierung, des Du-Sagens und der Überschaubarkeit. Man entdeckte die Lockerung als Produktivkraft, die flache Hierarchie als Arbeitsorganisation, die Boheme als kulturelle Kommandozentrale – und schließlich auch die Sexualität, das Andere, den Blues: nicht als Negationen, sondern als produktive Erweiterungen des Bestehenden. Das bürgerliche Individuum wurde reicher und größer, gerade auch an Innenleben, an Vorstellungen und Lebensmöglichkeiten. Und auch die bürgerliche Klasse wurde größer. Sie umfasste nun alle möglichen Klein- und Mittelstandsversionen von Bürgerlichkeit – jenes großen Traumes vom souveränen Subjekt also, das über sich, über Sinn und über die Welt verfügen darf.
Aber natürlich war und ist diese bürgerliche Revolution wie ihr Name schon sagt, nicht vollständig, und womöglich sind sogar einige ihrer Erfolge in manchen Konsequenzen verheerend für den Rest der Welt. Ihr Ziel, dass es allen im Einzugsgebiet der Bürgerlichkeit besser gehe, hat sie erreicht. Vielleicht hat sie sogar erreicht, dass das Einzugsgebiet ein bisschen größer geworden ist. Doch die Spaltung der Menschheit ist eben auch größer geworden; die ökologischen und kulturellen Kosten dieser bürgerlichen Entfaltung sind ins Unermessliche gestiegen. Der südliche Rest der Welt wird nicht einmal mehr ausgebeutet – hier muss man schon froh sein, wenn man die textilen Träger der zeichenhaften Distinktionssymbole der ersten Welt für 30 Pfennig am Tag produzieren darf.
Diese Unvollständigkeit wirft nicht nur von außen einen Schatten des Unrechts auf die bürgerliche Glückssuche; sie betrifft auch die Innenseite: Wert und Verwertung, das Schmieröl des Kapitalismus, die Bedingung der schnellen Durchsetzung und Verwirklichung all der Träume, bürgen gleichzeitig für deren fortgesetzte Entwertung als rein ökonomische, bezahlbare und im wahrsten Sinne austauschbare Erfahrungen. Und Austauschbarkeit – da steht es nun gar nicht darauf, das bürgerliche Subjekt.
Ich hatte einen Traum
Oft ist der Weg zur Ware als Niedergang eines eigentlich anders gedachten 68 beschrieben worden. Doch dieser Weg ist genau die Bedingung des Erfolges von 68. Die Erweiterung der Lebensmöglichkeiten, das Entdecken nicht repressiver Organisations- und sogar Produktionsformen war gebunden an einen warenhaft vermittelten und nur dadurch auch internationalen und beschleunigten Tausch und Austausch. Die Bilder der Ziele und Utopien konnten nur so flutwellenartig die sedimentierte, repressive alte Bürgerlichkeit wegschwemmen, weil sie an global zirkulierende Waren gebunden waren. Das Wichtigste an 68 und den Folgen war: Kommunikation, Handel, Tausch.
Die Ware jedoch beleidigt die bürgerliche Idee individueller Entfaltung, sie beleidigt die Residuen ungeklärter oder metaphysischer Subjektivitätsvorstellungen. Gerade der Bürger hält viel darauf, dass sein Traum sich nicht gegen jeden anderen tauschen lässt, funktionsgleich und wertgesetzmäßig. Und natürlich hat dieses bürgerliche Gefühl, das Angst vor der Totalität der Warengesellschaft hat, vollkommen recht. Nur zu blöd, dass es gefühlsmäßig bleibt – dass alles, was es dagegen entwickelt, diese Warengesellschaft nur optimiert. So hängen Erfolg und Dementi von 68 an Warengesellschaft und Kapitalismus. Nur gegen Kapitalismus war 68 denkbar, nur im Kapitalismus ließ es sich verwirklichen.
Als aber klar war, dass eine andere Welt erst einmal nicht zu haben war, entstand eine Gegenbewegung zu 68, nennen wir sie, nach ihrem auffälligsten Datum, 77: das Jahr von Punk und Stammheim. Dies war die Korrektur von 68. Nun erst begannen, von K-Gruppen-Ideologien gereinigt, fruchtbare Kontakte zu den Ausgeschlossenen, nun erst wurden Waffen für El Salvador gesammelt, nun erst entstand in den Metropolen ein Linksradikalismus, der sich in der Gegenwart und in seinen Lebensformen über sein politisches Programm Klarheit zu verschaffen suchte, frei von alten parteikommunistischen Parolen.
Zum anderen begann gleichzeitig eine große philosophische Revision. Vernunftkritik. Abschied vom Freudo-Marxismus. Gulag-Katzenjammer. Stammheim. Überall und auf allen Niveaus entstanden kleine Zellen schwarzer Romantiker und Nihilisten, auch rechte Positionen wurden erstmals wieder versucht. Und so steht 77 für alles, was 68 vergessen hatte – kurz für alles, was eine bürgerliche Revolution nicht leisten kann. Nur hat 77 leider 68 nicht politisch und historisch verstanden und zum politischen Gegenschlag ausgeholt – 77 hat die politischen Defizite von 68 vor allem kulturell und lebensweltlich erfahren, verstanden und in eine Gegenkultur übersetzt. In eine Gegengegenkultur, wenn man denn 68 selber eine Gegenkultur nennen will.
Aber im Unterschied zu 68 wurde 77 nie hegemonial. Man löste die 68er nie ab: 68 ging weiter bis heute, 77 auch, aber darunter, daneben. Man kann sich seitdem eines von beiden aussuchen. Entweder das helle, globale, universale Bild von 68, wo jeder alles verstehen konnte und das Licht der Aufklärung in allem leuchtete, was man tat; wo man auf einer historischen Lichtspur reiste, weil man ja erlebt hatte, wie die bürgerliche Klasse jahrhundertelang das Werk der Aufklärung nur durch Disziplinierungen, Unterwerfungen, Kriege und Kasernen durchsetzen konnte – und dem hatte man nun etwas entgegenzusetzen. Nicht von unten, sondern aus dem Kern der Klasse heraus und aus dem Kern des aufklärerischen Anliegens: einen Kapitalismus, der Spaß macht, eine Produktivität, die die Seele nicht beleidigt. Eine hedonistische Hausse.
Verstehen aus Versehen
77 war dagegen dunkel und verbiestert. Zurecht verbiestert, aber das hilft ja nicht. Die Geschichte hatte man schonmal nicht auf seiner Seite. Wenn man noch politische Ideen hatte, dann ohne genaue Zielvorstellung und ohne Utopien. Die Parole lautete: Mikropolitik und kleine Fluchten. Oder man gab einer Verweigerung der Vorzug, die in keiner Richtigkeit mehr aufging, welche sich aus dem falschen Gegenüber ergeben hätte. Man konnte sich nicht verständlich machen, konnte sich auch untereinander kaum verständigen. Und deshalb wurde 77 auch nie zu einem Mythos wie 68: Man war unverständlich und wollte es sein. Man wollte Kommunikation erschweren, Geschichte verlangsamen, sich allenfalls dahingehend verständigen, dass man sich nicht verständigen wollte.
68 schritt weiter voran. Von Kommunikationsutopie zu Kommunikationsutopie. Von Woodstock über Habermas zum Internet. Die eigentlich auch 77 geborenen Grünen gliederten sich ein, Fundis und Exzentriker verschwanden, linker Radikalismus und ökologischer Eifer wurden ins irrationale Aus gedrängt. Und selbst wenn es heute mittlerweile keine glühenden Vertreter von 68 mehr gibt, weil eigentlich alle, die nicht noch bei Luhmann nach Licht suchen, sich zwischen 77er Nicht-Positionen und Ironie eingerichtet haben – das ändert nichts daran, dass wir alle immer noch ziemlich beruhigt darüber sind, dass irgendwo und irgendwie Bürgerlichkeit und Aufklärung und 68 weiter voranschreiten. Dabei sollte es immerhin ein kleiner Trost sein, dass auf dem Weg in die totale Diktatur der Ware wenigstens die 68er noch da sind, Puste haben und sich durch die Welt wurschteln.
77 war die Romantik zur Aufklärung von 68. Und Sid Vicious war der Novalis. Er fand heraus: My Way – das bürgerliche Evangelium – endet bei Tod und Selbstmord. Zuende gedacht. Punk ist die Chiffre für dieses Sammelsurium, das von verbessertem Linksradikalismus bis zu heroischem Nihilismus reicht. Ein Sammelsurium war 68 aber auch – wenn man tatsächlich die einzelnen Glaubensbekenntnisse der Beteiligten heranziehen will. 77er konnten allerdings nicht ganz so schnell die Meinung wechseln. Als Romantiker hatten sie ein anderes Verhältnis zu ihren Einstellungen als ein Rationalist – der das für falsch befundene leichten Herzens und erfreut über neue Einsichten abstreifen konnte. 77er wurden Tribalisten: Alles, was sie hatten, war die Möglichkeit, sich unter einem unverständlichen Symbol zusammenzurotten. Schließlich war ihnen die Möglichkeit verwehrt, sich und andere zu verstehen.
Pop war dann noch einmal ein Versuch, wo auch Romantiker ins Helle finden konnten. Hier traf sich noch einmal die Kommunikationsutopie der 68er mit den verstockten Tribalismen der 77er. Pop war nicht aufdringlich vernünftig und doch global und hell und für alle. Das war eine Option der achtziger Jahre. Pop bot allerdings auch die Chance für eine negative Synthese: Hedonistischer Kommunikations-Kapitalismus und verstockt-irrationale Grenzerfahrungsromantik konnten hier im Stumpfen zusammenkommen. Spaßkapitalismus wurde gebacken und die bürgerliche Klasse weitete sich im Namen von Spaß und Pop noch einmal.
All das war aber eigentlich auch immer noch 68 und ist es bis heute. Revidierbare rationale Positionen, größtmögliches Wohlbefinden, eine harsch verpanzerte erste Welt, die bald alle nichtproduktiven Nichtbürger ausweisen wird. Im Inneren gibt es eigentlich nur noch eine Klasse, mit großen Fallhöhen und endlosen Aufsteigemöglichkeiten. Arme gibt es innerhalb der Festung schon nicht mehr, nur Pizza-Boten, die irgendwie auch zum Bürgertum gehören, und Obdachlose und Junkies, die nur noch Rand sind und keine eigene Gruppe mehr bilden.
Umso verzweifelter waren die Versuche der 77er, Zusammenrottungen zu bilden und Kanäle zu verstopfen. Das Ende der Option „Tribe“ war dann die Zusammenrottung der neuen Nazis – oder ist das nur die ultimative Erpressung durch die 68er, zurück in die freundlich-kommunikative Welt zu finden?