Die Goldenen Zitronen – Fünf gegen 80 Millionen

Vom Funpunk zur Integritätsbombe, und dann das lange Schweigen. Vier Jahre lang, als Deutschlands gelebter Traum vom Nationalstaat zur Bedrohung für Leib und Leben vieler „Nichtdeutscher“ wurde, zogen sich Die Goldenen Zitronen in politische Tätigkeiten, den Pudel Club und musikalische Nebenprojekte zurück. Fast hätte man gedacht, die Gruppe sei schon aufgelöst – da melden sich die Goldies mit einem stolzen, machtvoll scheppernden, bis in die letzte Faser genervten Statement zur Lage der Nation zurück: Das bißchen Totschlag leistet eine Neudefinition von Punkrock unter veränderten Bedingungen und wirft wie alle gute Kunst ein Riesenbündel an Fragen und Paradoxien auf. Wie lassen sich Style War und Linkssein zusammenbringen? Kennt der Spießer nur Vanillesex? Ist nach den Regeln der Kunst keine Eindeutigkeit zu haben und nach den Regeln der Eindeutigkeit keine Kunst? Sind wir gut, weil die anderen Schweine sind? Sechs Seiten Ideologiekritik, dargebracht zum zehnjährigen Bandjubiläum.

„Die“ „Goldenen“ „Zitronen“

What’s in a name? Der Frage nach dem Bandnamen, normalerweise nur nach dem ersten Auftauchen musizierender Kollektive gestellt, muß zum zehnjährigen Jubiläum nochmal nachgegangen werden. Beim Gespräch mit Ted Gaier und Schorsch Kamerun, die als letzte Vertreter der Originalbesetzung zum Interview anreisen, fällt mir auf, daß sie eine ziemlich strikte Vorstellung davon haben, was zu den „Zitronen“ paßt und was nicht. Die Markierung verläuft nicht nur an Unterscheidungen wie geschmackvoll/geschmacklos, gut/schlecht oder gut/böse entlang: Oft wird eine andere Möglichkeit vorzugehen zwar akzeptiert, aber dann den anderen Projekten des Songwriter-Duos zugeschrieben, im Falle Kamerun der Gruppe Motion, im Falle Gaier den Stars, Les Robespierres oder den Three Normal Beatles. Die Entschiedenheit, mit der gewußt wird, was die „Zitronen“ ausmacht, folgt einem Plan, der nicht ausgesprochen wird, und auf die Frage nach Prinzipien entgegnen sie oft: „Das haben wir uns so genau nicht überlegt“, obwohl sie es offensichtlich doch getan haben.

„Die Goldenen Zitronen“ ist vermutlich schon der Schlüssel, aber mir fehlt die rhetorische Kategorie für dieses Bild. „Golden“ ist ein Werbewort mit einem Beigeschmack von 1.) Verzweiflung; wer sein Produkt als „golden“ lobt, hat es in der Regel bitter nötig: „Goldener Oktober“; 2.) Vergangenheit: monarchistisches Gepräge erscheint; Zeiten, in denen sich mangelnder Gebrauchswert noch hinter sehr simplen Behauptungen von hohem Tauschwert verstecken konnte; 3.) Natur, Jahreszeiten, Mythologie, Frucht: Herbst, „Golden Delicious“ – die Äpfel der Hesperiden? 4) Durchschaubare Lügen: ergeben sich aus allem obigen: „Goldenes Blatt“. Zitronen vereinen Erfrischung und Spielverderberei. Übersetzung etwa: Eine fruchtig, belebende Erfrischung, die um die Niedrigkeit aller Werbung weiß, sie in ihren rührenden und überkommenen Formen sogar liebt und sich vorbehält, sich gegen sich selbst zu kehren, als saures Aufstoßen eines irgendwie noch mittransportierten weiteren Inhalts.

Die Beziehung der beiden Glieder des Bildes ist nicht gegensätzlich, jedes für sich enthält schon mindestens einen Widerspruch. Nach einer Weile Leben mit diesem Namen entwickelt er eine Verbindlichkeit für die, die mit ihm leben, wird zum Immanenzplan, dem über externe Aufdröselungen nicht mehr beizukommen wäre. Dies trotzdem zu versuchen, ist allerdings ganz im Sinne der von den „Goldies“, wie sie sich liebevoll selbst nennen, ständig absichtlich und unabsichtlich produzierten kommunikativen und anderen Paradoxien.

Ästhetik und Politik

Die Goldenen Zitronen stellen sich seit geraumer Zeit die Frage: Warum hat gute, korrekte, linke Moral so schlechte, häßliche Formen? „ Warum haben Linksradikale keinen Geschmack“, fragt Ted Gaier. Und setzt diesem Mißstand ein Pluriversum an Verweisen, Zitaten und Bezügen entgegen, die darauf hinauslaufen sollen, die Linke und ihre nachwachsende, autonome Nachfolgekultur darauf vorzubereiten, daß nur mit der richtigen Gesinnung kein Land zu gewinnen sei – zum Beispiel bekannt als Deutschland. Die Frage, ob nicht prinzipiell im Linkssein ein Problem haust, das den Style War unmöglich macht, wollen sie sympathischerweise nicht wahrhaben, obwohl doch Günther Jacob im zumindest geographisch nahen St.-Pauli-Organ 17 Grad Celsius erleuchteterweise dekretiert hat, daß es symbolische Politik nicht gäbe.

Haben böse Menschen keine coolen Klamotten?

Nun sind die Goldenen Zitronen auch nicht unbedingt der Ansicht, ihr Style sei an sich eine politische Intervention. Im Gegenteil, das funktioniert anders. Ihr neues Album Das bißchen Totschlag beginnt zunächst einmal weniger doppelbödig (oder wie die Zitronen sagen würden: „ironisch“) als alle anderen. Mit gerechter Empörung. „Wie kriegen sie das hin, mit diesem Sänger?“, fragt ein Kenner. Aber das ist (vor allem bei dem Titelsong) überhaupt kein Problem. Der Sänger (der die problematischen Verfallsjahre seines „lustigen“ Punk-Pseudonyms Schorsch Kamerun überlebt und es heute mit der Würde einer alten Diseuse trägt, etwa wie „Die Knef“) überholt die eingeschliffenen, angewöhnten Untertöne der Selbstrelativierung, Ironisierung und stellt die „echte“ Empörung über Hochgeschwindigkeit her. Der Text dagegen enthält in seiner hingeschriebenen Fassung noch mehr Ungeduld und Zweifel gegenüber der Idee eines einheitlich empörten Individuums als der realisierte Song: „Herr Gott Sack Rabammel Rabumm. Das bißchen Totschlag (…) Das bißchen Totschlag bringt uns nicht gleich um, ich kann den ganzen Scheiß einfach nicht mehr hören, sagt mein Mann. Ist ja gut jetzt, alte Haut, wir haben schon Schlimmeres gesehen und ich sag’ noch, laß uns jetzt endlich mal zur Tagesordnung übergehen.“

Hingeschrieben ist nicht klar, welchen Scheiß er nicht mehr hören kann: die Normalisierungsgeräusche des Asylkompromiß-Deutschland oder den Sound der fortwährenden eigenen Empörung. Beim scheppernden, orgelbelasteten Song („Wir glauben, daß das heute Punkrock ist“) ist das klar. Das ergibt den Glücksfall eines eindeutigen Protestsongs, an dem es nichts auszusetzen gibt. Normalerweise freuen sich Linke an solchen Ausnahmefällen so sehr, daß sie aus solchen seltenen Fällen, von MC5, Edgar Broughton Band über Dexys Midnight Runners bis Chumbawamba Modelle errichten wollen, die nie mitbedenken, in welchem Umfeld solche Glücksfälle entstanden sind. Die Antwort auf die Frage, wie also die Empörung „mit diesem Sänger“ möglich wurde, gibt ausgerechnet das erste Album (Doppelalbum) der Mothers Of Invention (Freak Out): Dort gibt es den schönsten „Mir reicht’s“-Song aller Zeiten, „Trouble Coming Everyday“. Und eben der ist nur möglich und so schön, weil er inmitten von haarsträubender Ironie, (sexistischen) Pubertätswitzen und präpotenten Dadaismen präzise die Grenze kennzeichnet, wo es reicht.

Aufklärung, Zeitung

Die Empörung ist nicht nur von Analyse durchdrungen (wobei die Essentials der antirassistischen Diskussion in den Wohlfahrtsausschüssen und anderswo knapp und präzise formuliert in den Songs „Das bißchen Totschlag“, „Die Bürger von Rostock, Mannheim etc.“ enthalten sind), aber sie traut ihrem Publikum nicht von hier bis zum Backstage-Bereich. „Oft war es ja den engsten Freunden oder den Leuten in der Band nicht klar, wovon wir reden, von unserem Publikum ganz zu schweigen.“ Daß die Zitronen ihr Publikum als Klotz am Bein des Funpunk-Mißverständnisses betrachten, ist nicht neu, aber im Laufe der Jahre scheint es sich zu einer Eisenkugel ausgewachsen zu haben.

Für diese Leute – aber nicht nur für die – gibt es als Beilage eine Zeitung, die nicht nur die liebevoll illustrierten Songtexte, sondern auch weiterführende („aufklärerische, ja agitatorische“, Ted Gaier) Essays zu den politischen Themen der Platte bringt: Irmgard Möllers andauernde Gefangenschaft (Song: „6 gegen 60 Millionen“, Essay: „Die schönste Jugend bleibt gefangen“, vgl. Spex 4/94); die Rebellion von Chiapas (Song: „Mexico e. EZLN“, Essay: „Die Kriegserklärung der EZLN“); deutscher Rassismus der letzten vier Jahre (Song: „Das bißchen Totschlag“ und mittelbar auch ein paar andere, dazu ein längerer, bisher unveröffentlichter Essay). Zu den anderen, nicht unmittelbar politischen Texten gibt es keine Erläuterungen. Diese Asymmetrie erklären die Zitronen mit der Dringlichkeit, die Hintergründe der politischen Texte ihrem problematischen Publikum klarzumachen, während die Interpretation der anderen („dandymäßigen“) Texte offen bleiben kann.

Die Zitronen haben ja diese Zeitung nicht gemacht, weil sie wie die Mekons bei Honky Tonkin’ oder Killdozer bei Uncompromising War On Art Under The Dictatorship Of The Proletariat oder Chumbawamaba bei Slap! eine zweite Ebene einführen oder intertextuell werden oder den Weg fremder Ideen in eigene Texte zeigen oder zum Selbststudium anregen wollten, sondern im Geiste des „Es reicht!“ bestimmte Mißverständnisse ein für allemal ausschließen wollen, dem Problem-Publikum ein Mindestwissen beibringen wollen.

Ein ziemlich verzweifelter Kommunikationsakt für eine Band, die sich normalerweise ja gerade über Eigensinn, Doppeldeutigkeit und das definiert, was sie selbst „Goldie-Humor“ nennt. Nach allen Regeln der Kunst ist Eindeutigkeit nicht zu haben, nach den Regeln der Eindeutigkeit keine Kunst. Wer das trotzdem versucht, ist entweder verrückt wie Mark Stewart, der zu Funk / Free Jazz sang, daß er keinen Massenmord mehr ertragen kann, oder er versteht nichts von Kunst. Überflüssig zu sagen, daß beide Optionen zu den unbedingt richtigen Vorgehensweisen für alle gehören, die mehr als bedienen wollen.

„Das bißchen Totschlag“

So wie sie neben den alltagssprachlichen, anspielungsreichen, wortwitzigen Texten auf der Ebene der harten Fakten als nicht hintergehbarer politischer Realität bestehen, lassen die Zitronen auf den meisten Stücken eine alte Orgel mitlaufen.

Die läuft allerdings nie Gefahr „witzig“ oder nach Acid Jazz zu klingen, weil sie so verzerrt oder übersteuert ist und völlig undramaturgisch keine Pausen macht, sondern mitläuft wie ein Nerver, der nie Ruhe gibt, und im Klangbild eher an den Soft-Machine-Keyboarder Mike Ratledge als an den mittlerweile von jedem zitierten und (leider) zu Tode gesampelten Brian Auger erinnert. Diese Orgel, neben dem aggressiven, stolz analog aufgenommenen Geschepper dieser alterszornigen Punkband, übernimmt nochmal die Funktion einer unverbundenen zweiten Ebene, sagt immerzu, daß da noch was ist: der Rest des Planeten, die laufenden Ereignisse, das alltägliche Elend im Szene-Milieu, das, was nicht aufhört. Aber auch das, was sich nicht in eine politische oder ironische Darstellung zwingen läßt. Elend ist nichts Dramatisches, etwas, das einbricht, über uns kommt, plötzlich verhängt wird, sondern ist nur durch Kontinuität, Zähigkeit darstellbar. Als Musik kann (muß) Elend schön sein (weil „schön“ als Gefühl sich ja dann meldet, wenn etwas richtig gesagt wird): Diese Orgel/Rebellenrock-Opposition verläuft an der Grenze zur reinen Mimesis an die Normalität dieses Elends, bleibt aber zurück, spannend, weil sie so entsetzlich restbeständig groovt. Das bißchen Totschlag, das keinen mehr aufregt, und das bißchen Aufregung über die mangelnde Aufregung fallen zusammen als irgendwie geadeltes Unwohlsein.

Gute Popmusik soll einem ja angeblich die Kraft geben, Verhältnisse zu erkennen, sie zu überleben und auch noch die Kraft zu entwickeln, ihre Veränderung in Angriff zu nehmen. Eine wehrhaftdefensive Empfindsamkeit und freundlich hassende Gleichgültigkeit sind heute aber schon eine Menge. In der Vinyl-Version – das ist Schorsch und Ted sehr wichtig – ist kein einziger Ton in irgendeiner Zwischenstufe digitalisiert worden.

„Schorsch und der Teufel“

„Man hat ja nichts davon, wenn man keine Kompromisse eingeht. Man kann das ja nicht umsetzen in Credibility. Das Einzige, was man davon hat, ist, daß man sich vielleicht morgens besser im Spiegel anschauen kann.“ (Ted Gaier) In dem Song „Schorsch und der Teufel“ geht es um Schorschens Versuchung, bei einem Major zu unterzeichnen (dem Teufel), und der gibt Schorsch drei Tage Zeit sich zu entscheiden. Er scheint den Pakt, anders als Faust und Robert Johnson, nicht unterzeichnet zu haben und bekommt die Quittung: „Die Gitarre klingt nicht besser, und ich bleib’ ein mäßiger Esser. Drei Tage zum Überlegen Zeit. Drei Tage zum Prüfen der Gelegenheit. Hört sich an wie immer, das alte Symbol, doch die Bedeutung ist eine andere wohl.“

Ein vertrautes Problem: Die Standhaftigkeit wird nicht belohnt. Aber ob das gleiche Symbol eine andere Bedeutung angenommen hat, weil ihm nun die Möglichkeit genommen ist, durchs „Stadion zu rocken“ (also frustriert von dem Zurückgeworfensein aufs alte Format) oder ob es geadelt worden ist (durch die moralische Integrität seines Verwenders), bleibt offen. Häuft der Integre nicht doch eine Menge symbolisches Kapital an? Ja, vielleicht, bei seinen Freunden, den immer schon wohlgesonnenen, nicht aber als Mitglied der Goldenen Zitronen, denen ihr verständnisloses Publikum noch Verrat vorwirft, wenn sie vor Hunger gestorben sind. Und das Integrität als die Bereitschaft buchstabiert, immer wieder „Forever Punk“ zu spielen. „Kann ich aber auch verstehen, wir waren neulich bei The Damned, da wollten wir auch die alten Sachen hören. Haben sie auch gespielt.“ (Ted Gaier)

„Sechs gegen 60 Millionen“

Wie schon im ersten aktenkundigen deutschen RAF-Song, („Der lange Weg nach Derendorf“, Mittagspause) ergibt sich in dem Stück „Sechs gegen 60 Millionen“ die Sympathie für die RAF aus Blödheit und Zahl ihrer Gegner („Jeder Pantoffelheld erklärt ihnen den Krieg“). Zwar wird bei den Zitronen klargestellt, daß die geringe Zahl der Staatsfeinde eine Konstruktion des Staates war. Aber im Verlauf des Songs werden die wenigen, die sich nicht distanzierten, in Knästen verschwinden, die sich nicht „schworen, nie wieder auf der Verliererseite zu stehen“ doch wieder, auch wegen ihres Alleinseins, zu Helden. Oder: Das Alleinsein adelt die Standfestigkeit. Dabei ist die mangelnde Unterstützung der Bevölkerung sonst das landläufige Argument für falsche Einschätzungen seitens der RAF. Das galt aber nur so lange, wie Linke noch glaubten, mit der Bevölkerung Staat machen zu können, zumindest mit dem unterdrückten Teil. Mit den 80er Jahren spielte sich ein, in den 60 Millionen nur noch „Spießer und Schweine“ zu sehen („Großstadtindianer knallen alle Spießer ab“, Xmal Deutschland), polizeiunterstützende, konformistische, spitzelnde Ordnungsfanatiker, die kein Mensch mehr vor Fabriktoren agitieren wollte. Stattdessen zog man sich von ihnen zurück in sein eigenes Leben, ins Szene-Ghetto, ins besetzte Haus, die Galerie, das Indie-Label oder die Redaktion.

Schließlich, seit es 80 Millionen sind, von den Zitronen auf ihrer All-Stars-Hip-Hop-Single „80 Millionen Hooligans“ getauft, hat man die letzten zwingenden moralischen Argumente zur Hand, das Pack zu hassen. „Wir gegen das Pack“ ist zwar zunächst mal eine rechte Figur, es sei denn man definiert das „Wir“ nicht als Elite, sondern als irgendwas anderes. Dazu braucht „Wir“ eine Geschichte. Der Song „Sechs gegen 60 Millionen“ klagt Geschichtsbewußtsein ein und schreibt sich dazu eine. Der dazugehörige Zeitungstext hat dabei nicht nur die Funktion, die Fakten zu liefern – er soll auch das leisten, was der Song nicht alleine kann: die Geradlinigkeit der besungenen Verbindung ins Verhältnis zu setzen zur tatsächlichen Verschlungenheit und Verworrenheit der Linien, die zwischen ’68 und ’94 zwischen kultureller und politischer Politik verlaufen.

Auf der Veranstaltung des Wohlfahrtsausschuß Hamburg zur fortdauernden Inhaftierung Irmgard Möllers war aber immerhin sichtbar, daß solche Verbindungen nicht nur romantische Fiktion sind: von Karl Heinz Roth und diversen anderen ZeitzeugInnen bis zu Figuren aus Musik- und Musikzeitschriften-Umfeld standen Leute auf einer Bühne, die von den 70er und 80er Jahren in verschiedene Lager sortiert worden waren. Das ist der Hintergrund zur drohenden Fehlinterpretation, je weniger man sei, desto heroischer und besser wäre das für die eigene moralische Situation. Die eigentliche Botschaft des Songs lautet daher nicht: „Sechs gegen 60 Millionen“, sondern „Die Goldenen Zitronen singen und spielen Sechs gegen 60 Millionen“.

Der von den Zitronen, obwohl traditionelle Rockband, zur funktionsfähigen Posse und Sozialblase in der Tradition von Hip-Hop und Grateful Dead erweiterte, immer auch soziale Produktionszusammenhang Band denkt sich in politische Kollektive natürlich über das Medium der Enid-Blytonschen Jugendbande. Um uns eine Welt von feigen Feinden und Finstermännern. Und dies ist keine Ironie von mir: Enid-Blyton-Texte hätten keine Erfolge ohne hohe Plausibilität.

„Sie kann’s ihm beibringen“

Was denen zum Beispiel fehlt, ist anständiger unanständiger Sex. Auch hier sind sich die Zitronen mit klassischen Kritikern des faschistoiden Charakters der Spießer von Wilhelm Reich bis Marcuse einig. Deswegen gibt es in diesem Song („Es sollte unbedingt ein Song über Sex auf die Platte“, Ted Gaier) ein Wiederhören mit der „Schubkarre“, der beliebten von Kamerun/Simmel seinerzeit noch „chinesisch“ genannten Stellung, die hier, erweitert um „Klinikum“ und „Bockstorchen“, gegen langweiliges Spießer- und Männerficken verteidigt wird, das bei „Vanillesex“ hängen bleibt. Da wir in korrekten Zeiten leben, wird das Ganze aus der Perspektive der „starken“ Frau erzählt (im Song, nicht im Titel) und von Calamity Jane gesungen. Das widerum kann man etwas quotenhaft finden und sich fragen, warum sie nicht gleich die Hälfte aller Songs singt (oder 51 %), und warum ausgerechnet den über Sex? Dafür verströmt dieser Ohrwurm, den die Künstler selber eher mißlungen finden, als erholsame Nichtschepper-Nummer am Ende der ersten Seite Party-Stimmung und ermuntert das in so vieler Hinsicht unaufgeklärte, männliche Zitronen-Publikum zum Cunnilingus.

„Menschen machen Fotos gegenseitig“

Die Stücke „Diese Menschen sind halbwegs ehrlich“, „Die Bürger von Hoyerswerda“, „Menschen machen Fotos gegenseitig“ und „Die Postmoderne“ bringen die Schweine-Frage zurück. Sind wir gut, weil die anderen Schweine sind? Sind sie Schweine, weil sie häßlich sind oder weil sie Rassisten sind? Sind sie Rassisten, weil sie keinen Style haben?

Ted und Schorsch sehen drei dieser vier Nummern, alle außer „Die Bürger …“, im Zusammenhang. „Wir fanden, daß durch die Häufung der politischen Stücke schlechte Laune entsteht, wir hatten selber schlechte Laune davon und diese Lieder stehen eher für gute Laune.“ Es sind Stücke, in denen sich der Zitronen-Dandy eingermaßen des Lebens freut, und die Scheußlichkeit der anderen hilft dabei. „Aaah, mir wird schlecht, oh, Gott, Hilfe“, stöhnt der Kamerun über die abstoßenden postmodernen „fleischgefärbten Affen“ und ihre „Fratzenparade“, um wohlig Zuflucht bei häuslichen Freuden zu finden: „Und ich, ich stehe hier unter der Dusche, und sie kitzelt mich, das Mädchen aus der antiken Welt, das zu waschen mir das liebste ist.“

In der Antike waren die Mädchen noch schön („ein Jacques-Dutronc-Zitat“, wirft Gaier ein), weil noch nicht „in Serie gleich mitgebaut“. Ja, diese Lieder, sie reden mit milder Verachtung für „diese Leute“ von „lebenden“, „ehrlichen“ Menschen, deren „weißbierige Bäuche“ sich unter „konsequenten Farbstoffen wölben“, die „sich dann zu Paaren gefunden, später irgendwelche Kinder entbunden“ und „in der Überzahl“ sind. Das Stück „Diese Menschen sind halbwegs ehrlich“ durchbricht das „Unpolitische“ der Songs und verknüpft sie mit den „Bürgern von Hoyerswerda“: „Diese Leute sind ehrlich, und somit sind sie gefährlich, diese Leute sind wild entschlossen, unverdrossen.“ Das korrespondiert mit „nicht mal verfolgt, fleddern sie die Taschen vom redlichen Volk“ (denken die Bürger über die „Scheinasylanten“). Der rassistische Verfolger und die ehrlichen Menschen geraten in einen kausalen Zusammenhang. Ihre „Redlichkeit“, „Ehrlichkeit“, man kann auch sagen: Ungebrochenheit, ihr eindeutiges Bewußtsein macht sie zu Verfolgern. So erheben die Zitronen – und das ist eine weitere Leistung, die in der Gegenüberstellung der „politischen“ mit den „nicht so offensichtlich politischen Texten“ auf dieser Platte steckt – ihre eigene Doppelbödigkeit zum Minimalkriterium eines kritischen Bewußtseins und politischer Moral. Wo sich auf Ehrlichkeit und Offensichtlichkeit berufen wird, hört die Fähigkeit zu Kritik und Moral auf. Nur wer komplex genug ist, in dieser Scheiße und diese Scheiße auch zu genießen, kann sich wieder empören.

In der Kinks-Cover-Version/Übersetzung „Menschen machen Fotos gegenseitig“ sind „diese anderen“ dann gar nicht mehr als häßlich und doof und gefährlich gekennzeichnet, sondern ewig strebend, irrende arme, aber rührende Säue, die glauben, mit ihren Urlaubsfotos ihre Existenz und Identität zu beweisen: Das gibt den Menschen an sich wieder ihre Würde zurück, die eben in dieser Unsicherheit über die Existenz liegt, in dem Zweifel, dessen sie auf so unzulängliche Weise Herr zu werden versuchen. Erst wenn sie glauben, das geschafft zu haben, sind sie für den Faschismus bereit. Also rufen uns die Zitronen hier wohl folgendes zu: Menschen existieren, aber mit all ihren Nöten, trotz des Übergewichts des Schweine-Themas, hier auf dieser Platte schon vor dem Schweinwerden. Das macht den Kinks-Song unverzichtbar.

„Das hat nichts zu tun mit Kunst oder so“

Aber die Doppelbödigkeit wäre keine, wenn sie dabei stehenbliebe. Der Ehrlichkeitskritik wird dann wieder ein Bekenntnis zur Möglichkeit von Authentizität und Eindeutigkeit im guten Sinne entgegengesetzt. Schorsch Kamerun: „Da war ein Abend im Sorgenbrecher. Ich hörte Leuten zu, die sich über das Konzert von Blumen am Arsch der Hölle unterhielten und das alles auseinandernahmen, als künstlerische Strategien. Dabei meint Jensen das wirklich alles ernst.“ Daher die Songzeile: „Das hat nichts zu tun mit Kunst oder so. Nur weil es euch in den Kram paßt. Wenn er singt vom Tod der Oma, meint er das ernst. Hallo Jens, sie wollen dich als Urviech. (…) Und weil sie nichts sind ohne ihre Brillen, hören sie höchstens, was sie lesen können. (…) Das hat nichts zu tun mit Kunst oder so.“

Hat es natürlich doch. Der mißverstandene Freund wird wieder auf der Ebene der Kunst verteidigt gegen das Mißverständnis, die echte Oma als nur Kunst-Oma verstanden haben zu wollen. Zum Urviech können sie ihn ja gerade erst machen, wenn sie ihm unterstellen, was ihm auch die Zitronen zuschreiben, daß er keine Distanz zu seinen Texten hat: Gerade das macht ja das Urviech aus. Die Zitronen wollen „Jens“ per Song aus dem Knast der Songs (der Kunst) rausholen, in denen alles zum Sekundärsein verurteilt ist. Paradox, aber ehrenwert.

„Mexico/EZLN“

Solidarität mit Chiapas. Ein Aufstand nach dem Geschmack der Zitronen, auch weil ihn kein politischer Plan vorhergesehen hat. Der Text, den Freund Klaus auf portugiesisch geschrieben hat, enthält die unbestimmte Aufforderung zum Handeln anläßlich einer Rebellion, die sich handlungsfähig zeigte, obwohl es ihr keiner zugetraut hatte. Handle, denn es geht ja offensichtlich. Wer nicht handelt, macht sich schuldig. Die Gegner sind nicht nur die mexikanischen Machthaber González Garrido und Salinas, sondern auch der US-Wirtschaftswissenschaftler Gary Becker, ein Prophet hemmungsloser Individualkonkurrenz. Seine Erwähnung und die des „Heiligtums des Markts“ verknüpfen deutsche Jagdszenen und das Elend postmoderner Bäuche.

Geschmack, Würde

Ein häufig verwendeter Begriff der Zitronen ist Geschmack. Einigkeit über Geschmack entsteht in der handlungsfähigen Gruppe. Geschmack verschafft die Legitimation zu mehr, zum Beispiel für den wirklich überzeugenden Zorn in „Sechs gegen 60 Millionen“. „Mittels der diskursiven Betonung von gruppenspezifischen distinktiven Praktiken werden nicht nur die eigenen Wahrnehmungskategorien durchgesetzt, sondern gleichzeitig konstituiert sich in diesem Akt der Benennung auch der Stellvertreteranspruch der Anführer und somit deren Repräsentationsmacht, und die Lebensstilgruppen werden zu politisch relevanten Klassifikationen, zu eigentlichen Gruppen ‚für sich‘. Je zwangsloser sich die politischen Klassifikationen mit den Lebensstilgruppen zur Deckung bringen lassen, desto größer ist ihr politisches Mobilisierungspotential.“ (Andreas Wimmer, „Was macht Menschen rebellisch“, in Berg/Lauth/Wimmer (Hg.), Ethnologie im Widerstreit – Festschrift für Lorenz G. Löffler, München 1991) Würde nenne ich die beständige, im Habitus verankerte Möglichkeit, die ästhetische Kategorie des Geschmacks in die moralische Kategorie politischer Empörung zu übersetzen.

Figuren: „Jensen“, „Billy“

Häufig genannte Figur im Zitronen-Universum: Jensen von Blumen am Arsch der Hölle. Autorität auf den Gebieten Moral, Integrität, Unkorrumpiertheit. Steht aber auch für eine Radikalität der Autonomie, die man sich aus nicht näher genannten Gründen auch nicht leisten will. Billy ist Billy Childish, ehemaliger Zitronen-Produzent, der ihnen die Tür zum verlorenen Paradies der Analog-Produktion wieder aufgestoßen hat. Wie Neil Young glauben auch die Zitronen, daß digital aufgenommene Musik, streng genommen, keine Musik sei. Ted Gaier: „Ich höre auch nur alte Musik, Kinks zum Beispiel, ich will Musik, die meinem Geschmack entspricht.“ Billy könnte aber auch als Vorbild dienen für das Prinzip, um eine Band herum sieben andere zu gruppieren und so die Grundlage für eine Posse zu schaffen.

„Für immer Punk“

Das bißchen Totschlag ist auch musikalisch die mit Abstand härteste, aggressivste LP, die die „Goldies“ je aufgenommen haben. Härte stellt sich mal her über den Sound, über schneidende übersteuerte Gang-Of-Four-Gitarren, aufgeregten Sprechgesang, durchgeschlagene, extrem schnelle Vierviertel. Das sei der wahre Punk von heute, meinen die Zitronen, nicht der grauenhafte Konservatismus, zu dem sie ihr Publikum zwingen will. Es ist aber eventuell genauso auch der Beat von heute also ein zeitlos intensiv-ungekünsteltes Skelett, aber darüber liegt doch ein zeitgenössisches und durch den Durchlauf durch verschiedene Lesarten gekennzeichnetes, kunstreiches Anspielungsspektrum. Da gibt es immer eine Ebene, die andauert und wiederholt werden will, meistens die musikalische (oder auch der „Beat“), die aber nur leben kann, wiederholt werden kann, wenn sie umgeben ist, unterstützt wird, beseelt wird von einer anderen, die sich ständig ändert.

Die so entstehende Doppelbödigkeit, an der sich all diese Paradoxien entfalten, die für die Zitronen ein Problem ist, weil sie sich produktiv über den Rücken ihrer Intentionen hinweg verselbständigt und verhindert, daß ihre Texte und ihre Musik nicht in einen vermeintlich korrekten Reduktionismus umschlagen, ist im Prinzip schon immer bei ihnen angelegt gewesen – auch und gerade beim mittlerweile verhaßten „Für immer Punk“. Ted Gaier: „‚Für immer Punk‘ war ja nie ernst gemeint.“ Warum dann der hymnische Ton? Nun, der war auch wieder dadurch gebrochen, daß die Melodie von Alphaville kam. Das bricht allerdings die Hymne so wenig wie die Tatsache, daß „Go West“ eine Hymne der Schwulenbewegung war, wo dieselbe Melodie gröhlende Hools dehomophobiert. Ich fand „Für immer Punk“, den Song, den zu spielen die Zitronen am häufigsten zu zwingen versucht werden, deswegen so gut, weil man ihn automatisch in einem höheren Sinn „ernst“ nahm, auch wegen des demokratischen Zugs, andere Hamburger Musiker singen zu lassen, was sie für immer sein wollen (Frank Z.: „Für immer tot“, Michael Ruff: „Für immer Rocker“). „Aber das war doch Ironie.“

Vermutlich ist das das große Problem und der große Vorteil der Zitronen: Viel auf Doppeldeutigkeit geben und doch immer wieder enttäuscht sein, wenn sie „falsch“ verstanden werden, die Doppeldeutigkeit für Eindeutigkeit zu halten oder als Eindeutigkeit tatsächlich zu kommunizieren und sich doch nie mit dem Regreß zum Eindeutigen zufrieden zu geben. Wie sagte doch sinngemäß der spanische Kulturphilosoph Ortega y Gasset, nachdem er Hegel ins Spanische übertragen hatte? „Große Ideen, die an sich selbst leiden, werfen sich gerne den Mantel des Paradoxes um.“ Den Afghanen-Mantel des Paradox, versteht sich.