Er habe schon in irrsinnig jungen Jahren Dostojewskij gelesen, sagt Andrzej Wajda, und fährt fort: „Schon mit 27.“ Das klingt, als hätte er sich mit 36 mal an die Schatzinsel herangewagt und arbeite im Moment die textkritische Ausgabe des Steppenwolf durch. Die Dämonen sind in diesem Jahrhundert Jugendliteratur geworden, ihre archaisch-modernen, proto-existentialistischen Urkonflikte werden zwischen dem Fänger im Roggen und dem Fremden durchlitten. Ein spannender Schmöker, reich an Personal und letzten Fragen und Soul zwar, aber nicht das, was diese polnisch-französische Produktion an zeitgenössisch brauchbaren Argumenten für ihre langweilige, modische Behauptung, alle Ideologien führten zum Mord, gesucht hat. Andrzej Wajda war mal ein sehr guter Regisseur, seit er Filme für Lech Walesa und Primas Glemp dreht, ist er kaum noch zu ertragen. Keine Dostojewskij-Verfilmung ohne Gerd Baltus. Der Gerd-Baltus-Lookalike in diesem Film heißt Jerzy Radziwiłowicz und kämpft als abgefallener Nihilist für Gott und Ehe gegen zynische Dandys, Verschwörer, Frauenschänder, als Sozialisten getarnte Arbeiterverräter, gedungene Mörder und Schwächlinge und anderes Gesocks, Gesocks, weil sie von Gott abgefallen sind. Traurig blickt die Kamera auf brennende Ikonen. Rußland 1870. Mehrfach wird auf der miesesten Christenkitsch-Behauptung ’rumgeritten, wenn Iwan Schatow bei den noch halbwegs integren Gottleugnern im Geheimen angezündete Kerzen unter Ikonen entdeckt, deren „eigentliche“ Bedeutung die ertappten Ketzer natürlich abstreiten, aber das Publikum, der liebe Gott und Iwan Schatow wissen, daß in ihnen noch ein gerechter Rest wohnt. Nach eineinhalb Stunden taucht die Hauptdarstellerin auf, Isabelle Huppert, und man gerät ins Schwitzen, befürchtet Überlänge. Doch sie muß nur ein Kind austragen und bei der Geburt schreien, damit Schatow nicht nur als guter Christ, sondern auch als Vater und Gatte auf dem Altar mörderischer Ideologien gerichtet werden kann. Der Selbstmörder Kirillow sieht das Neugeborene und wendet sich angeekelt ab: die einzig schöne Stelle in einem Film, dessen unerträglich aufgeregte, hitzig-hektische Fotografie durch eine permanent und auch während aller Dialoge in breitestem Dolby gregorianisch grummelnde oder mit dramatischen Bässen und Celli überbelegte Tonspur adäquat untermalt wird, wichtige Dialogteile werden von Fanfaren unterstrichen. Das ist sogar komisch.