Wie die Popsängerin Sinead O’Connor mal wieder die Religion entdeckt
Musizieren macht religiös. Musiker finden sehr schnell zu Gott. Es gibt zu wenige Entsprechungen zu dem, was sie tun im allgemeinen Alltagsleben. Anders als Schriftsteller, die mit der Sprache arbeiten, die wir anderen auch benutzen, oder Bildende Künstler, die mit der uns auch in der Alltagsorientierung vertrauten Praxis der Verbildlichung umgehen, verfügen die Musiker über ein Vokabular, das auf nichts von dieser Welt zu verweisen scheint. Himmlisch erhebt sich die Musik aus dem anderen akustischen Gekläffe und wird zur „heilenden Kraft des Universums“ (Albert Ayler).
Oft fallen etwa ganz atheistisch aufgewachsene Musiker als Erwachsene einem Guru zum Opfer. Sie entwickeln dann das Gefühl, dass Gott sie als Instrument benutze. So etwa wurde der britische Wundergitarrist John McLaughlin in den siebziger Jahren zu „Mahavishnu“, sein Freund Carlos Santana hieß „Devadip“. Gott war vor allem ziemlich schnell auf dem Griffbrett in jenen Jahren. Auch wenn sie ihre Tantiemen nicht mehr zu dem immer noch aktiven Sri Chinmoy schleppen, sind nicht nur die zwei nach wie vor schwer spirituell orientiert. Ihr großes Vorbild war der Geist „Onedaruth“, der sich auf Erden bis ins Jahr 1967 in einem Körper mit dem Namen John Coltrane versteckt hielt. Noch nach dem Verlassen dieser Hülle kommunizierte er musikalisch mit seiner Witwe Alice Coltrane, über deren diverse Hindu-Namen man sich nur mühselig durch die gegenwärtigen Wiederveröffentlichungen ihres unterbewerteten Werkes einen Überblick verschaffen kann. Heute verehrt sie Allah.
Der Groove Gottes
Gospel-sozialisierte Soul- und R&B-Sänger sind auch heute immer noch dem christlichen Gott, meist in seiner baptistischen Version, verpflichtet, während die Hip-Hop-Szene fast geschlossen zu Allah betet, freilich in der unorthodoxen Version der afroamerikanischen Nation of Islam. Kool & The Gang waren originellerweise Buddhisten wie John Cage. Funk-Größen wie Hamilton Bohannon und Larry Graham betrieben zeitweilig eigene Kirchen. Free-Jazzer neigten oft wie auch der Komponist La Monte Young zum mystischen Islam der Sufis. Der Neigung der Saxophonisten und Gitarristen des Jazz zu Yogis und Hindu-Gurus, steht die besonders unchristliche Neigung der Pianisten zur Scientology-Kirche gegenüber (Chick Corea, Nicky Hopkins). An was Keith Jarrett glaubt, möchte ich lieber gar nicht erst wissen. Es muss etwas Großes, Weiches sein. Für all die Dinge hingegen, die Karlheinz Stockhausen glaubt, dürfte der Begriff des Glaubens selbst zu eng sein.
Man muss allerdings zwischen all den Fällen (Jazz, E-Musik, Soul) unterscheiden, bei denen die Spiritualität nur nach Formulierungen für das Signifikat der Musik an sich sucht: das große Unaussprechliche, das wir spielen. Wo der Glaube das Problem lösen soll, dass man ja die ganze Zeit etwas Unbenanntes und Unbenennbares ausspricht. Und den anderen Fällen, bei denen es um eine – womöglich politische – außermusikalische Identifikation mit den Inhalten geht: rappende Moslems, mit Jah gegen Babylon ziehende Reggae-Künstler oder vorübergehend christlich wiedergeborene Pop-Stars wie Bob Dylan, Johnny Cash und Al Green, die im Evangelium vor allem einen Nachfolger für ihre früheren massenwirksamen Botschaften suchten.
In der Postmoderne schien es damit vorbei zu sein. Ihre Antwort an die Religion, die organisierte wie die freispirituelle, war Madonna, die umgeben von Zeichen und Namen der Katholizität die Befreiung von jeder religiösen Doktrin zelebrierte. Man musste keine Angst mehr vor Kreuzen und Rosenkränzen haben und konnte in deren Angesicht eine freie und selbstbestimmte Sexualität leben, die spätestens mit dem Song „Frozen“ in den säkularen Pantheismus einer süß-eleganten Ambient-Innendekoration überging. Kirche einer einzigen großen Offenheit der zarten Elektronik – die man nicht mit den allen möglichen Quatsch tatsächlich für wahr haltenden New-Age-Orientierungen verwechseln darf und sich eher als eine Art spirituelles Bauhaus vorstellen sollte: ein aufgeklärter Funktionalismus des Seelischen.
Doch war dies nur das eine, das eben tatsächlich sozusagen aufgeklärte Gesicht der Postmoderne. Das andere kehrt dieser Tage wieder zurück und gehört Sinead O’Connor, jener von der Katholizität zwanghaft verfolgten Irin, die in ihrer nun auch schon fast 20-jährigen Karriere zwischen militantestem Antipapismus und den Freuden des Lebens im Nonnen-Konvent pendelte. Auf ihrer neuen Platte, Faith And Courage, präsentiert sie sich einmal mehr als Jeanne-d’Arc-ige Waverin, der es wie immer ernst wie Hölle ist mit der Religion.
So feiert sie ambivalent ihre sündige Jugend in Londons New-Wave-Szene als Befreiung aber auch unzulässigen Abfall vom Vater. Für heute hat sie beschlossen, keinem Mann mehr gehören zu wollen. War der – viel publizierte und vorübergehend unterbrochene – Entschluss zum zölibatären Leben aber vor einiger Zeit noch mit einer bedingungslosen Rückkehr zur irisch-römisch-katholischen Tradition und einem Leben im Kloster verbunden, so bekennt sie sich auf ihrer neuen Platte zum Glauben der Rastafarier.
Deren synkretistische Mischung aus altem Testament, dem Panafrikanismus des Marcus Garvey – der Mussolini-Version eines afroamerikanischen Bürgerrechtlers – und dem bizarren Glauben an die Gottgestalt des äthiopischen Kaisers Haile Selassie ist nun aber eine typisch politische Befreiungsreligion, von deren Inhalten – Sturz des babylonischen Kapitalismus, Rückkehr von Jah People ins gelobte Äthiopien – Sinead gar nicht so viel wissen will. Ihr neuer Versuch, ihre verschiedenen religiösen Obsessionen mit ihren weniger ungewöhnlichen musikalischen Vorlieben zu harmonisieren, folgt eher der ziemlich verbreiteten Gewohnheit europäischer Fans afroamerikanischer Musik, als zusätzliche Validierung ihres legitimen Umgangs mit dieser Musik auch die damit verbundenen Lehren und Irrlehren zu übernehmen.
Und an Validität war Sinead immer viel gelegen. Nach demselben Muster vergoss sie schon 1987 echte Tränen zu den von Prince übernommenen Zeilen von „Nothing Compares 2 U“ und rührte damit noch die abgebrühtesten Vertreter der seinerzeit noch starken Zeitgeistpresse zu sauer schwitzenden Hommagen. Und den Eindruck zu erwecken, dass es ihr so wunderbar antipostmodern mit allem so ernst ist wie sonst nur dem Papst, gelingt ihr auch mit ihrer neuen Platte. Als Hörer fühlt man sich abwechselnd als Beichtvater oder Analytiker, wenn nicht als Vater einer schwer gestörten Tochter, an deren Störungen man allerdings selber Schuld hat. Es muss viele Leute geben, denen diese Rollen einen Kick geben. Hier glaubt jemand ganz massiv an etwas. Ein Vater! Das könnte ja ich sein.
Die Soul-Wanderung
Wer von diesen perversen Neigungen frei ist, hat nicht soviel von dieser Platte. Weder hat sie Soul, noch spürt man trotz einiger amtlicher Reggae-Musiker die Vibrationen des Jah Rastafari. Die Voraussetzung zum religiösen und religiös ergreifenden Song, dass nämlich jemand seine Not als allgemein-menschliche Not mitzuteilen vermag, erfüllt Sinead nicht. Sie redet von sich selbst, und nur das ist ihr auch wirklich ernst. Wenn man aber aus rein individuellen Zuständen religiöse Milch melken will, kommt leider nur Herrmann Hesse heraus, nicht Soul.
Trotzdem ist O’Connors Drang zur Dramatisierung der eigenen Person natürlich immer noch sympathischer als die heutzutage verbreitetere Selbststillegung im Modus von New Age. An ein paar guten Momenten dieser überwiegend schwachen Platte hat man nämlich doch wieder den Eindruck, es könnte funktionieren mit der Umdrehung der Musik-Religionsformel. Dass man nämlich, wenn man nur fanatisch und durchgeknallt genug an irgendetwas glaubt, auch eine ganz gute Musik dabei entsteht. Die Satanisten in der Death-Metal-Kultur arbeiten schon seit Jahren nach diesem Prinzip, zuweilen mit schönen Erfolgen.