Wege aus der Ironiefalle: Für eine Wiedergeburt des Politischen aus dem Ungeist der Freizeitkultur
Bundeskanzler Schröder sprach neulich bei einer Rede auf der Expo darüber, wen oder was wir brauchen bei uns, und er grinste sehr breit und erntete allgemeine Heiterkeit, als er bemerkte, Diplom-Sozialwirte hätten wir ja nun wirklich genug. Wenn ich vor vierzig Jahren einem Anhänger des politischen Status quo gesagt hätte, ich würde ein sozialistisches System einem kapitalistischen vorziehen, hätte man versucht mich vom Gegenteil zu überzeugen, messianisch oder aggressiv: Sozialismus sei Barbarei, Unfreiheit oder – geh doch nach drüben! Vor zwanzig Jahren hätte man begonnen, mich zu belächeln, Sozialismus sei doch eine unterkomplexe Idee, außerdem totalitär und funktioniere auch nicht. Heute würde der Betreffende mich zwar auch nur ungläubig anlächeln, aber dann hinzufügen, daß er persönlich an den Kapitalismus auch nicht glauben könne, er sei nur unvermeidlich. 150 Top-Manager haben Jeremy Rifkin auf die Frage, ob sie die Welt, die sie mitgestalten, für erstrebenswert halten, mit Nein geantwortet.
Von Ironie will ich reden, von Ironie in bezug auf öffentliche Diskussionen, von Ironie unter den kulturellen Voraussetzungen der dritten eben beschriebenen Szene. Dafür brauche ich abermals eine dreiteilige Figur. Dreimal Ironie. Ironie I ist die landläufige – das Gegenteil von dem sagen, was man meint. Bei Richard Rorty (und anderen, für die Ironie eine angemessene heutige philosophische Mentalität meint) heißt Ironie hingegen, niemals vollständig an ein gerade benutztes Vokabular glauben, nicht in der Erklärungsmacht einer Redeweise und eines Typus von Argumenten aufgehen, schon allein, weil man sich ja daran erinnert, wann man das letzte Mal von einem anderen Vokabular beeindruckt war – das sich dann als begrenzt erwies. Ich nenne diese Rortysche Ironie Ironie II. Sie hat ein optimistisches Element, denn sie basiert auf der Erwartbarkeit eines besseren Wissens.
Schließlich wäre da noch Ironie III, die Ironie nämlich, mit der wir es heute als Grundlage unserer öffentlichen Kommunikation zu tun haben: schon genau das meinen, was man sagt, aber nicht ganz so ernst. Dies aber nun gerade nicht aus Anerkennung der Unabschließbarkeit und Nichtendgültigkeit des eigenen Vokabulars, aus Respekt vor den potentiellen Einsichten der Zukunft, sondern im Gegenteil aus Resignation vor gerade der Endgültigkeit und Abgeschlossenheit der Unmöglichkeit jedes politischen Handelns, das sich noch auf Überzeugungen und Werte jenseits der Ökonomie beruft. Es ist alles entschieden, und ich mag das nicht, aber wenigstens weiß ich das und kann über die lächeln, die noch nicht einmal das wissen.
Diese Ironie III ist die böse Synthese aus I und II. I war in Zeiten der Pressefreiheit zwar auch schon meist eine blöde Position: das Gegenteil von dem zu sagen, was ich meine – das entlastet mich auf eine unredliche Weise doppelt. Denn dieses unausgesprochene Gegenteil ist nie so genau bestimmt wie das nichtgemeinte Ausgesprochene – ich kann also weder für das Gemeinte zur Verantwortung gezogen werden, noch muß ich mich zur unattraktiv-ungenauen Position des Offenlassens, des Nicht-so-genau-Wissens bekennen: Ich sage ja schon etwas, benutze ein gestaltetes Zeichen. Doch die Kraft meiner Äußerung leihe ich von der Gestalt des Nichtgemeinten. Dies war schon immer ein nicht nur unehrlicher, sondern auch langweiliger Zug der kritischen Ironie, die etwa über die negative Fixierung auf Helmut Kohl ganz darin aufging, Nichthelmutkohl zu werden, was sich von Helmut Kohl auch nur durch das relativ gestaltlose Zeichen „nicht“ und bald gar nicht mehr unterschied. Ironie I ist eigentlich nur aus taktischen Gründen so lange und nur dort zu rechtfertigen, wo ich tatsächlich vor einem Zensor Angst haben mußte.
Von dieser Ironie I übernimmt III das Unfestgelegte. Es ist wie I ein Sprechakt, der etwas sagt, aber gleichzeitig das Gesagte zurücknimmt, nun aber nicht in bezug auf ein Gegenteil und die Möglichkeit eines Gegenteils, sondern nur in bezug auf die Position des Sprechers, der anzeigt, nicht ganz mit seinem Gemeinten übereinzustimmen, weil er nämlich noch woanders ein eigentliches Selbst unterhält, das ihn ausfüllt, ohne daß dieses andere oder eigentliche Selbst etwas anderes oder gar ein Gegenteil benennen könnte. Von Ironie II, der Rortyschen, übernimmt III die Vorstellung von der Vorläufigkeit und Unabschließbarkeit des eigenen Vokabulars, aber dies nicht, weil endlose andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen, sondern gar keine, auch die aktuelle nicht.
Das auch zur Zustimmung eingesetzte, noch Einfluß, Überzeugung und Verantwortung bekundende Vokabular ist, das weiß ich längst, völlig unangemessen für die heutigen, längst entschiedenen geschichtlichen Abläufe. Über Politik kann man nicht mehr unironisch reden, weil sich Politik nicht mehr machen und gestalten läßt, nur noch das ironische Einverständnis in das, was ohnehin geschieht, läßt sich formulieren – als ein eben nicht komplettes Einverständnis.
Diese ist in etwa die Haltung der Eliten, insbesondere der kulturellen Eliten, die gewohnt waren, daß politische Entwicklungen in Verbindung mit kulturellen standen. Die technisch-naturwissenschaftlichen können ja zur Zeit noch in dem Gefühl leben, sie hätten einen Einfluß auf das, was wirtschaftlich-technisch-politisch geschehen wird. Bei den kulturellen Eliten gilt aber seit einiger Zeit als Zeichen von illusionsloser Reife ein ironisches Einverständnis – verbunden mit der ebenfalls meist stolz vorgebrachten Erkenntnis, daß es ein Achtundsechziger-Irrtum war, Kultur und Politik in so enger Verbindung gesehen zu haben, heutzutage aber wirtschaftliche und technologische Entwicklungen – und eben nicht kulturelle – das politische Geschehen dominieren.
1990 gab es eine sehr ähnliche, damals aber noch auf den Triumph des Kapitalismus bezogene Formel: Jetzt ist alles möglich, aber auch alles entschieden. Die Mauern sind gefallen, unendliche Möglichkeiten tun sich auf, die aber – ganz klar und für immer entschieden – kapitalistisch und nur kapitalistisch genutzt werden können. Unendliche Möglichkeiten, die schließlich auf eine hinauslaufen und damit auf weniger Möglichkeiten, als noch der Kalte Krieg zu bieten hatte, nämlich mindestens noch zwei plus einen dritten Weg. Im Jahr 2000 verschiebt sich nun diese Formel, der Kapitalismus ist ja durch. Nun lassen Digitalismus, Gentechnologie und andere bio-futuristische Ideologien keinen Platz mehr für aus kulturellen Entwicklungen geborene Forderungen und Ideen. Wieder waren diese von den harten Aprioris der Epoche, diesmal in Gestalt naturwissenschaftlich-ingenieurwissenschaftlich abgeleiteter Determinismen, auf ihre (hinteren) Plätze verwiesen worden.
Die abdankende Geisteshaltung hat sich immer schon als die nobelste geriert, und ihr Selbstbild hat sich von blasser Dekadenz zu einer zivilen Reife hochgearbeitet, die als Ironie III die öffentliche Mentalität der neuen intellektuellen Eliten auszeichnen hilft. Doch lebt der Mensch nicht von reifer Noblesse und dem Verzicht auf Eingriffsmöglichkeiten allein, er hat auch noch ein Privatleben, und das verbringt er oder sie nun gerade als Fanatiker des Selbst. Je mehr es als Zentrum der politischen Seite kultureller Subjektivität abdankt, desto rabiater beharrt es auf seinem privaten Wirkungskreis: Techniken des Selbst, mentale und physische Reisen ans Ende der Möglichkeiten, Erfahrungen und Erlebnisse zwischen Himalaya und American Psychosis, die noch vor wenigen Jahren nur für Freaks, Exzentriker und Bohemiens möglich gewesen und in Frage gekommen wären, verfeinern und intensivieren nun die privaten Biographien öffentlicher Ironiker.
Diese ganze Welt voller immer radikalerer und fanatischerer Egos ist aber von der Welt des politischen Eingriffs vollständig abgekoppelt. Zum Wesen der kulturellen Bewegungen, Beatniks und Punks, Gruppe 47 und Charta 77, gehörte es hingegen, diese Sphären zu verkoppeln – ganz unabhängig von ihren jeweiligen Inhalten. Das war deren spezifische Nicht-Ironie. Und wenn etwas von ’68 zu bleiben verdient, und zwar als Grundbaustein jeder Demokratie, dann diese Nicht-Ironie in bezug auf die Verbindung von Kultur und Politik. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der niemand mehr einen Satz wie „Windsurfen ist reaktionär“ versteht, einfach weil niemand mehr versteht, daß man überhaupt ein Freizeitverhalten in Zusammenhang mit politischen Orientierungen denken kann. Die Möglichkeit von Aussagen wie „Windsurfen ist reaktionär“ ist aber gerade in einer freizeitkulturell fanatisierten Gesellschaft die Voraussetzung, eine demokratische Öffentlichkeit aufrechtzuerhalten.
Die Techniken des Selbst und der Selbstverwirklichung sind bekanntlich heute das Terrain, auf dem die kulturellen Distinktionen ermittelt und Hierarchien ausgehandelt werden. Sie funktionieren wie früher politische und Klassenloyalitäten, wie weltanschauliche und religiöse Überzeugungen. Nicht unterschiedliche politische Positionen oder Affiliationen machen den Unterschied, nicht Artikulationen unterschiedlicher Interessenlagen, sondern unterschiedliche Zugänge zur Technik des Selbst, zur kulturellen Selbstverwirklichung, ihre Umsetzung in Habitus und ihre Verbindung zu wirtschaftlichem Erfolg.
Dabei ist der wesentliche Unterschied zwischen den Eliten und den Unterschichten, daß die „da oben“ eine Balance zwischen ihrer hohen Wertschätzung ironischer Einsicht in die eigene Nichtauthentizität und ihrer Anerkennung hyperauthentischer Selbstverwirklichungserfolge zu halten vermögen, während die „da unten“ noch in einem heißen Sinne an Authentizität glauben – auch wenn sie am plausibelsten in ihrer performativen Produktion vor der Kamera erscheint. Das ist nicht nur der Unterschied zwischen Big Brother und Hochkultur. Wo etwa die einen ihren Urlaub als demütige Rezeption erhabener Sensationen des (meist) exotischen Naturschönen oder des immer intensiveren Kunstschönen gestalten, verbringen die anderen performative Ballermann- oder Club-Ferien.
Die Unterschicht kippt immer wieder unbalanciert in die Authentizität als Forderung an sich selbst, ideologisch angerufen von den vielen Big Brothers und ihren gesungenen Kommandos in der zweiten Person: „Zeig mir dein Gesicht!“, „Leb so, wie du wirklich bist!“ Aber diese Unterschicht ist immer noch mobilisierbar. Der Anteil an den Lifestyle-Ideen, der noch zu politischer und sozialer Realität und den ihnen zugrundeliegenden Werten Kontakt hält, ist sichtbarer und deutlicher als bei den Oberschichtsverwirklichern.
So sind diese Lifestyles oft nur technisch oder körperlich spektakulär, aber im wesentlichen konservativ, halten zum Beispiel an traditionellen Geschlechterordnungen fest – das „offene“ Reden über Sex in der Massenkultur hat nur den Stammtisch verstärkt, nicht seine Homophobie oder seinen Sexismus aufgelöst. Die Lifestyles der unteren Schichten sind politisch nicht so beliebig und abgekoppelt, aufs insuläre Selbst verlegt. Sie dürfen auch nicht in eine kognitive Dissonanz führen, sonst würde das potentiell Unbalancierte und prinzipiell Nichtrealisierbare dieser authentizistischen Lebensentwürfe seine Anhänger vollständig destabilisieren. Authentizist darf man nur sein, wenn man eben nur das sein will, was sowieso alle sind, nur eben ein bißchen authentischer.
Eine Verknüpfung zwischen Lifestyle-Extremismus und gültigen Metaüberzeugungen ist bei den Oberschichts-Lifestyles zwar auch möglich, aber konfliktträchtiger. Denn die beziehen ihr Material meist aus entfernt immer noch von der Hippie-Kultur und anderen Nonkonformismen entwickelten kulturellen Großtrends, und deren Werte könnten, einmal ermittelt, tatsächlich zu schweren kognitiven Dissonanzen führen. Ein politisch ernst genommener, nichtironischer Nonkonformismus kann immer noch eine Konfrontation nach sich ziehen, ein bloß tabuloser Ballermann-Sexismus in einer RTL-II-Sendung setzt nur eine jugendliche Version von „gesundem Volksempfinden“ durch.
Eine Müdigkeit von den Ausdrucksformen und Spaltungen der Ironiekultur war aber in letzter Zeit allenthalben zu spüren. Nur kam niemand auf eine andere Idee, als – negativ fixiert – nach einem Gegenbegriff zu rufen, etwa nach Pathos. Pathos ist als Übersetzung dazu aber überhaupt nicht geeignet, weil er den Individuen ja nur vorschlägt, Erkenntnisse und Erfahrungen ernster zu nehmen und daraufhin zu Empörung, Betroffenheit und Trauer zu greifen – zu einer emotionalen Zuständigkeit, die von ihrer alltäglich erfahrenen politischen Machtlosigkeit ständig dementiert wird. Die Erfahrung der Lächerlichkeit des Gutmenschentums steckt allen Betroffenen noch in den Knochen. Dieses Mißverhältnis von emotionalem Engagement und politischer Relevanz will niemand mehr erleben.
Meine Emotionen sollen stattdessen wieder mir und meinem Selbstmanagement gehören. Das allein schon deshalb, weil sie da immer schon hingehört haben und erst von einer durchgeknallten Achtundsechziger-Kultur von ihrem angestammten Platz – Liebe, Familie, Naturerlebnis und Kunsterschütterung – entführt und politisiert worden sind. Indem nun diese emotional-persönlichen Zustände von ihren politisch-altruistischen Besetzungen abgezogen wurden, konnten sie nicht nur zum Selbst, sondern sozusagen auch zu sich selbst finden, zu ihrer alten, angestammten psychologischen Rolle, und erfuhren dabei Ausformungen, die zu stark und erfahrungsgesättigt sind, um zu den alten politischen Besetzungen zurückzufinden. Durch die Harmonie und Konsonanz, die die Rückkehr der emotional-persönlichen Sprache zu den Dingen produzierte, entstand auch die Attraktivität der ansonsten ja ganz unplausiblen zeitgenössischen Spaltung: Man war von innen so warm und konsonant geworden, daß man die öffentlich-politische Sphäre ganz einer kalten Ironie überlassen konnte, dem Nachfolger der alten Rede vom schmutzigen Geschäft.
Die Innenausstattung des Spießers der nuller Jahre war so perfekt. Er durfte kalt werden und trotzdem an einem anderen Ort warm. Was diese Inneneinrichtung auszeichnet, ist die bekannte mentale Architektur dessen, was man früher das bürgerliche Subjekt genannt hätte, aber abzüglich seines Universalismus. In dieser Formel, Bürger minus Universalismus, finden sich tatsächlich alle Schichten zusammen, die am Selbstverwirklichungsprojekt teilnehmen. Sie sind souveräne Herren im eigenen Haus, im psychologischen ebenso wie im kulturell-lebensweltlichen, sie sind Kenner ihres Umfelds, und das ist meistens ein privates und selbstgewähltes kommunitäres Umfeld ohne Verbindungen zur Politik. Und sie sind genau so weit ironisch und gleichzeitig regressiv, wie sie mit ihrem persönlich-kommunitaristischen Projekt keine allgemeinere Dimension verbinden. Diese Formel des Selbst ist auch all jenen Aufsteigern, die noch auf gröbere Weise Freizeit und Start-up-Unternehmer-Abenteuer verknüpfen, als Ziel ihres anvisierten Aufstiegs durchaus plausibel.
Es käme stattdessen darauf an, die Verbindung von Lifestyle mit politisch-kulturellen Projekten, mit denen er entfernt immer noch verwandt ist, wieder stark zu machen. Leider ist die einzige gesellschaftliche Fraktion, die zur Zeit Lifestyle-Projekte an politische anschließt, die extreme und rassistische Rechte, etwa in Form der NPD, die freizeitrassistischen und natürlich immer schon gemeingefährlichen, aber außerhalb ihres direkten Umfelds geächteten Neonazis das Gefühl gibt, an einem größeren Projekt teilzunehmen, dem deutschen Jahrhundertprojekt des Nationalsozialismus nämlich.
Deswegen sollte man nicht nur die NPD verbieten, man sollte die auch durchaus bereichernden Erfahrungen der Freizeitkultur mit ihren impliziten politischen Dimensionen konfrontieren. Ob in der ideologiekritischen Version („Windsurfen ist reaktionär“) oder einer ermächtigenden und ermächtigten Version („Das Ecstasy-Erlebnis ist so far-freakin’ out, ich will darauf eine befreite Gesellschaft ohne Klassen, Rassismus und Sexismus gründen“), ist zunächst einmal egal.
Entscheidend ist nur, daß das Warenhafte, in dem alle Freizeiterlebnisse sich zunächst mitteilen, kein Vorwand sein darf, auch und gerade für die Linke nicht, diese Erlebnisse nicht einer ausführlichen politischen Lektüre zu unterziehen, einer Lektüre, die Unterschiede macht und deren Potentiale benennt – und sie nicht als bloße Waren abtut. Wer vor der politischen Ironie in einen Konsumismus flieht, begeht negativ noch immer einen politischen Akt, er kommt zur Politik und zur Demokratie nur zurück, wenn man ihm die politische Melodie seines je spezifischen, nie beliebig gewählten Konsums vorspielt.
Eine allerdings kaum je explizit gemachte, aber hochentwickelte Kenntnis der kryptopolitischen Dimension von Lifestyle-Entscheidungen ist einer der entscheidenden Vorteile der aktuellen jungen Generation – nicht nur, weil sie ihre Konkurrenzkämpfe in diesem Territorium austrägt. Anderswo, in der offiziellen Politik, ist Kultur als Dimension politischer Subjektivitätsbildung abgemeldet. Natürlich, Kultur gilt diesem Staat viel, aber nur ihre wirtschaftliche Dimension als Standortfaktor. Politisch ist sie so irrelevant wie Diplom-Sozialwirte. Subkulturen, alte und neue Lifestyles und Freizeitverhalten, müßten stattdessen als die berühmten harten Faktoren verstanden werden, als politische Willensbekundungen, die sich nur noch nicht als diskursive Gestalt entpuppt haben. Als der harte und härteste Faktor der Politik, derjenige nämlich, den die Hamburger Rapper „Fünf Sterne deluxe“ so suggestiv und treffend „Die Leude“ genannt haben. Cornelius Castoriadis nannte diesen Faktor das „gesellschaftliche Imaginäre“.
Aber der Staat ist hier auch nicht der richtige Adressat. Die wenigen interessanten politischen Motive in der Freizeitkultur zu wecken ist eine Aufgabe, die sie selbst schon in die Hand nimmt. Die Attraktivität von Talk-Shows und Big Brother besteht ja gerade darin, die Lifestyles der Nicht-so-gut-Weggekommenen in fastpolitische Arenen zu schicken, wo es Wettkampf und agonale Anordnungen gibt. Aus dieser blinden Konkurrenz aber wieder eine politische Diskussion zu machen ist ein Fernziel, dem vermutlich nur Entwicklungen aus den Sub- und Freizeitkulturen selbst näher kommen können.
Voraussetzung dafür wäre allerdings eine Massenkultur und Öffentlichkeit, die Entwicklungen überhaupt zuläßt und nicht alleine von zwei bis fünf Medienkonzernen nach einem rein kommerziellen Kalkül beherrscht wird. Diese Öffentlichkeit mag zerstreut sein, das sie kontrollierende Kapital ist konzentriert genug. Vielleicht ist das die wahre Ironieformel: There are eighty million stories in this country, aber nur ein Leo-Kirch-Fernsehen.