Die alte Abstract’n’Roll-Bewegung der Jahrzehntwende – mit Napalm-Death-Ablegern, SST-Instrumentalisten und nicht zuletzt den Melvins und Steel Pole Bath Tub – hat sich ja rasant zu einem Flügel einer neuen, Techno- und Noise-geläuterten „Rückkehr zur Avantgarde“ entwickelt, wo plötzlich wieder ehemalige Tänzer und ehemalige Gitarristen dieselben Stockhausen-Platten entdecken und dieselben Alt-Heroes (hier: Tony Conrad) ausgraben. Dabei war es eigentlich immer ein entscheidendes Verdienst von David Grubbs und Jim O’Rourke, also dem Kern von Bastro und Gastr Del Sol, nicht zur alten Avantgarde zurückkehren zu wollen, sondern andere Ziele zu verfolgen, deren konzeptuelle Dimension sich auch aus der Beschäftigung mit Bildender Kunst und einer Rock-Vergangenheit ergeben hatte.
Auf O’Rourkes neuem Solo-Album Terminal Pharmacy (TZADIK 1996) versucht das 26-jährige Wunderkind erneut, ein Grundproblem von Musik-Musik (im Gegensatz zu solcher, die sich durch Bild, Text und Kontext maßgeblich unterstützen läßt) zu lösen: den kleinbürgerlichen Wunsch, Musik entweder – verklemmt – ganz sprach-analog zu denken oder – kitschig-entgrenzt – um jeden Preis jeder Sprach- und Symbolsystem-Analogie zu entfliehen und z. B. „die Stille hörbar zu machen“, wie seit 25 Jahren ECM-Chef Manfred Eicher unter dem Beifall von Zeit und ZDF. Beide Wünsche haben ein Problem mit etwas, nennen wir es Sex, einem unkontrollierbaren Übergang zwischen Sprache und Nichtsprache, der nie verläßlich auf eine Seite führt: Ich nenne es mal Musik. Es ist ein kaum zu beschreibender (sic!) Genuß, wenn O’Rourke wieder und wieder nicht nur Klänge mit grundsätzlich verschiedenem Status einander, nennen wir es: berühren (um „konfrontieren“ zu vermeiden) läßt, etwa einen lauten, kurzen Schlag auf den Corpus einer akustischen Gitarre und einen lang anschwellenden, mäandernden elektronischen Ton, sondern auch trotz der extremen Kälte und Durchdachtheit dieser Berührung (Messer auf Haut) die gegebenen potentiellen Romantizitäten dieser Klänge nicht umkommen läßt und ihnen Raum gibt (Oh, Haut! Ja, Messer!). Musik läßt sich nicht mehr entpopularisieren (und damit auch nicht entlinguistifizieren, entimagisieren). Diese fundamentale Erkenntnis verhindert nicht abstrakte Musik, A- oder E-Musik, aber sie verbietet jene naive Rückkehr zu „Klang“. Zum „Klang“ trägt nur noch einer wie O’Rourke bei, der genau das weiß.
Tony Conrad ist nicht nur ein Begründer der legendären Proto-Velvet-Band The Dream Syndicate (mit John Cale, La Monte Young, Marian Zazeela und dem ersten Velvet-Schlagzeuger Angus MacLise), die den (musikalischen) Minimalismus quasi „erfand“. Er wirkte als Komponist, Musiker und Aktivist in der Umgebung des (bildkünstlerischen) Minimalismus, arbeitete mit Künstlern aller Avantgarde-Sparten von Walter De Maria bis Jack Smith, war Video-Künstler, aber auch Polit-Aktivist, nahm in den 70ern eine Platte mit Faust auf und kehrt für das schon wegen seiner sensationellen Cover bekannte Table-Of-Elements-Label (jede Platte ist einem anderen chemischen Element gewidmet) ins Tonstudio zurück (Tony Conrad, Slapping Pythagoras, Table Of The Elements 1996).
Ausgehend von der Behauptung, daß das pythagoräische Konzept von Mathematik und Philosophie noch heute unsere Vorstellungen von Wissen und Theorie prägt und seinerseits aus dem Versuch entstanden sei, über ein, seinerzeit esoterisch wirkendes, seine Quellen nicht offen legendes Wissen eine aristokratische Hegemonie über die beginnende griechische Demokratie-Bewegung zurückzugewinnen, hat sich Conrad entschlossen, es Pythagoras musikalisch heimzuzahlen. Dazu dient ihm ein Streicher-Geschrammel über Intervalle, die aus dem pythagoräischen Konzept von Harmonie qua bestimmter Relation zwischen Tönen herausfallen, un- oder schwer kontrollierbare mitschwingende Töne, eine Monotonie ohne Repetition. So soll die Ordnungsvorstellung, die seitdem „chaotisch-demokratische“ Bewegungen zu dominieren sucht, aufgeweicht, zurückgewiesen und unterminiert werden.
Seine Waffen sind meist leicht beschädigte Oktaven und ein dichter Wald von Obertönen. Für diese politisierte Rückkehr zum Minimalismus bleiben die beiden Kompositionen allerdings beim bloßen Schwelgen in diesen „anderen“ Intervallen der nicht wohl-temperierten „just intonation“ ebenso statisch hängen wie das Sonnensystem in seiner undemokratischen Sternen- und Sphärenharmonie. Sie kennen keinen Rhythmus. Hat nicht Charles Mingus Pythagoras und Plato längst pulverisiert? Man kann nicht alles haben. Erst müssen, wie es die Fugs bekanntlich immer schon wußten, die „modes“ der Musik sich ändern – worum es hier geht –, dann können die Mauern der Städte zittern. Und dafür ist, so könnte man mit Conrads angenehm unnarkotisch meditativen Werk argumentieren, eine rein harmonisch-statische Insistenz, ein Kampf auf dem Feld des Gegners eben, notwendige Voraussetzung.
Auf demselben Label erschien die „Goldene“ (Booklet ist nur golden, keine Infos) von Gastr Del Sol (The Harp Factory On Lake Street, Table Of The Elements 1996): Anders als bei O’Rourke solo treten bei seiner gemeinsam mit David Grubbs geleiteten Band die ganzen diskreten musikalischen Events und Verläufe separat auf. Das knapp 20-minütige Stück erweckt zunächst den Eindruck einer typischen modernistischen Opern-Ouvertüre, bis es plötzlich ein Song wird und damit nochmal eine – nun eher Grubbs-typissche – Pointe über Kontexte preisgibt. In die düstere Atmosphärik, die man fast schon für bare Münze genommen hätte, nämlich in der Währung synästhetischer Illusions-Dollars, tritt ein Wyattesk-Thompsonesker, unperfekt vorgetragener, leicht ironischer Polit-Song, der nicht das Vorangegangene entwertet, sondern durch die bewiesene Möglichkeit dieser Koexistenz beiden Teilen andere, unbeschädigtere, reflektiertere Romantikmöglichkeiten einer höheren Ordnung zuweist. Danach kommt ein europäisches, wohltemperiertes, trauriges Piano und freut sich daran, traurig sein zu dürfen, in seinem vorübergehend befreiten Symbolsandkasten richtiger Zeichen für richtige Dinge. Ja, Kinder, dat jeht ab.