Die Physiognomie der Abgekoppelten. Gut 150 Jahre Gesichter der Boheme

Dass einer „abgekoppelt“ sei, ist wieder einmal die große Erklärung für alle Fehlentwicklungen, die einer Person passieren können: „Von der Kriminalität rutschte er ab in den Islamismus“, hieß es in einer TV-Erzählung über einen der Pariser Terroristen neulich in einem deutschen TV-Sender über eine gekoppelte doppelte Abkoppelung. Solche Sätze sind natürlich nie ganz falsch und darum soll es auch nicht gehen: Völlig in Vergessenheit ist indes geraten, dass man das Angekoppeltsein, die Integration auch vor gar nicht so langer Zeit loswerden wollte. Parallelgesellschaften waren nicht immer schon an sich schlecht; hängt halt immer davon ab, worauf man sie aufbaut. Religion ist bekanntermaßen kein gutes Lagerfeuer, aber es hat ja auch schon andere gegeben. Wer aber nicht an parallele Lebensformen glauben will, muss auch über die Boheme schweigen. Seit es dieses Wort gibt, oszilliert es zwischen der Feier und der Klage über Formen abgekoppelten Lebens.

Ein Bohemien ist eine unzuverlässige Person. Sie ist unzuverlässig, weil sie unter Verhältnissen lebt und in der Regel zu leiden hat, deren Stabilität und Berechenbarkeit nicht gewährleistet ist. Ihre Lage erlaubt es ihr nicht, zu antizipieren und ein Leben zu entwerfen. Der so organisierte Überlebenskampf verlangt aber auch von ihr, dass sie nicht berechenbar werden darf. Im Gegensatz zu anderen prekär Lebenden glauben die Bohemiens oder mindestens diejenigen, die sie beobachten, dass sie sich die Unzuverlässigkeit und Unberechenbarkeit ihres Lebens selbst ausgesucht haben; dass sie die Armut wollen, weil sie frei macht.1 Sie hilft nicht nur, keine Kompromisse zu machen, was ja eine gute Moral vielleicht auch noch hinkriegen könnte, sondern legt ganz offensichtlich tiefer gelegte Fundamente für ein besseres Wissen. Ein Wissen, in dem die soziale Welt selbst unzuverlässig ist, entwickelt anscheinend Strukturen des Offenen und Adaptiven, das sich gut für die Produktion der begehrten Komponenten Intensität und Innovation eignet. In den militärisch bestimmten oder zunehmend kontrollierten urbanen Welten des 19. Jahrhunderts waren das noch keine Komponenten neuer Waren, sondern von Kunst – ein Amalgam aus dem Alltagswissen der Armen und ihren Freiheitserinnerungen. Zugleich ist ein Wissen, das auf der Unsicherheit basiert, auf der mangelnden Antizipierbarkeit des Alltags gerade nicht in der Lage, utopisch zu werden oder gesellschaftliche Zukunft zu denken. Die Kleinteiligkeit des prekären Alltags ist aber auch der Feind des Begriffs.

Der Streit, ob Bohemiens unzuverlässig und potenziell reaktionär veranlagt sind oder ob nur sie kraft ihrer Lebensweise das Leben auch aller anderen besser, nämlich von außen und unkorrumpiert verstehen können, verweist im Prinzip auf zwei unterschiedliche Begriffe von Basis oder Rahmenbedingung: Ist die Armut oder die Prekarität eine Form der Subtraktion von Bestimmungen, das Ungültigwerden von herrschender Vergesellschaftung, eine Art Freiheit von Gesellschaft per se – und, da die meistens eh problematisch ist, im Ergebnis ein (kognitiver, künstlerischer) Vorteil? Oder ist die Armut der Bohemiens eine eiserne Bestimmung, ein besonders harter Zustand, nämlich der, nicht einmal die minimalen Rechte und Chancen der wie auch immer problematischen Gesellschaft zugestanden zu bekommen? Ist das Minus an Unfreiheit, das Boheme bedeutet, ein Plus an Freiheit oder nicht eher ein doppeltes Minus, das kein Plus ergibt?

Als Marx im Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte die berühmte Gleichsetzung von Lumpenproletariat und Boheme veröffentlichte und sie damit gewissermaßen als Negativfolie eines klassenbewussten revolutionären Proletariats beschrieb, war das Vergleichsmittel zwischen den politischen Potenzialen das Verfügen über Tools und Kenntnisse. Die Industriearbeiter produzierten ja bereits den gesellschaftlichen Reichtum, der ihnen lediglich von der kapitalistischen Ordnung vorenthalten wurde, sie waren bereits produktiv. Die Bohemiens und Lumpenproletarier waren dagegen von der historischen Entwicklung abgekoppelt. Nur ein romantisches Bürgertum konnte in dieser Abgekoppeltheit die Bedingung für eine privilegierte, unkorrupte Wahrnehmung erkennen und in seiner Literatur verklären. Unabhängig davon, ob diese Diagnose stimmt, wäre zu fragen, ob dann nicht im Info- und Semiokapitalismus diejenigen den gesellschaftlichen Reichtum herstellen, die früher als Bohemiens abgekoppelt waren: Künstler/innen, Heimarbeiter/innen, Projektler/innen, Dienstleister/innen, Vertreter/innen „weiblicher“ Produktionsformen etc. und nicht Industriearbeiter, Männer, körperlich Arbeitende. Deren neue Abgekoppeltheit sieht man an den maskulinistischen Subkulturen von Hip-Hop bis zu neotraditionalistischen rechten oder religiösen Kulturen.

Träfe diese Diagnose zu, müsste die integrierte Boheme lediglich lernen, über ihre Mittel zu verfügen, das Analogon zur Gewerkschaft zu entwickeln und könnte flugs den Klassenkampf aufnehmen.

Warum aber ist das nicht so? Die Struktur der Verwertung, der spezifischen Ausbeutung ist eine andere. Heutige Kulturarbeiter/innen produzieren ja nicht, indem sie das Kompositum aus Ausbildung/Skill (Arbeitskraft) und (Vervielfältigungs-)Technologie (Produktionsmittel) zum Einsatz bringen, das Industriearbeit ausmachte und das allein durch eine (revolutionäre) Redistribution der Produktionsergebnisse bei seinen legitimen Besitzern gelandet wäre. Sie produzieren vielmehr unter Einsatz von Lebendigkeit (also Körperlichkeit mit tendenziell fallendem Skill-Anteil) und Differenz (Individualität, Ideen etc.), aber beides ist nicht profitabel oder produktiv in seiner spezifischen Eigenschaft (der Individualität), sondern nur als irgendein Content, als irgendeine Produktion (als allgemeine Individualität: irgendwer, der/die am Leben ist und sexy, doof, süß ist oder weint). Produktiv und profitabel ist das, was diesen Content zirkulieren lässt: die Plattform, der Rahmen, die Vernetzung. Mithin erweist es sich speziell unter digitalen Bedingungen, dass Individualität und Lebendigkeit leichter ersetzbar sind als Skills – allerdings nur durch andere narrativ pluripotente Individuen. Die metaindividuelle Konformität der verwerteten Subjektivität erlaubt keine Streiks, es ist kein starker Arm, der die Räder still stehen lässt, sondern sich ihres Verwertetwerdens wenig bewusste Lebendigkeit von Usern, Exhibitionisten, Schönen, Einsamen, Kreativen.

Diese heutige Boheme ist in den nördlichen EU-Ländern noch nicht so dramatisch arm und abgekoppelt wie in den südlichen und natürlich nicht vergleichbar mit anderen Abgekoppelten außerhalb (und innerhalb) der Festung Europa. Aber im Gegensatz zu der alten Boheme bringt sie nicht einmal das Wissen hervor, das sich dann, in Kunst verwandelt, als begehrter Rohstoff für nicht nur Verwertung, sondern auch Wandel einspeisen lassen konnte. Sie hat nur eine Hoffnung, nur ein Mittel, das ihr Relevanz beschert: die wenigen relevanten staatlichen Institutionen, die noch übrig geblieben sind, mithin Orte, wo ihre Kenntnisse in Intensität und Zickzack-Manövern noch einen Unterschied machen – wo Ankoppelung zumindest theoretisch sinnvoll sein kann, weil sie nicht leer ist. Wo Unterwanderung und alte, regelhafte Produktivität noch in einem dialektischen Verhältnis zueinander bestehen. Wenn Intensität auf Institution trifft, treffen gut übereinander informierte Bekannte aufeinander, die das je andere Gegenüber als anders anerkennen, selbst wo sie es bekämpfen und einverleiben oder auflösen wollen.

Nur da, wo die Prekarität der Bohemiens von einer Institution aufgegriffen, transformiert, objektiviert wird, entsteht noch ein Punkt, von dem aus die eigene Lage erkennbar, verständlich, diskutabel wird. Der Erfolg von postsubjektiven, queeren und posthumanen Theorien in diesem Feld der Überschneidung von Institution und Boheme sind erste Zeichen der erfolgreichen Selbstverständigung: erste Metaphern für die sozialen Konstruktionen, in denen diese Subjekte heute (auch ökonomisch) stecken. Auch wenn die Politisierung noch sehr stark von traditionellen, moralisch bestimmten Selbstbildern vom Auf-der-richtigen-Seite-Stehen bestimmt ist, wächst in der Verbindung mit den noch nicht komplett in die Projektisierung verdampften Universitäten, Akademien, Kunstvereinen, aber auch in der Selbstorganisation so etwas wie ein gewerkschaftlicher Sinn dafür, für was man eigentlich ausgebeutet wird. Immer wieder großartig bis erschütternd oder rührend zu sehen, wie es Subkulturen dennoch gelingt, Abgekoppelte zusammenzuhalten, sie zu stärken. Am erfolgreichsten war damit in den letzten Jahrzehnten Hip-Hop mit der Stabilisierung von meist doppelt, nämlich ökonomisch und rassistisch abgekoppelten Männern. Sie sind niemand und doch haben sie die beste Körperlichkeit, die coolsten Gesten. Es hat sehr lange gedauert, bis wir gelernt haben, dass so eine Coolness zweischneidig ist, und das nicht nur, weil die swingende Stabilität mit Sexismus und Machismo erkauft ist: Sie hat überhaupt keinen Inhalt, ist für alles zu haben, auch wie allenthalben erkennbar für den übelsten Neotraditionalismus bis hin zum IS (Islamischer Staat). Auch diese Abgekoppelten sind eine Form von Boheme, haben immer entweder gar keine oder eine sehr enge Beziehung zu Kapital und Glanz und Gewalt. Auch sie haben ihre Formen, den Zeitlupen-Gang durch die Hood, das coole Abklatschen der Freunde, als Stabilisierung strukturloser Tage entwickelt, als Musikalisierung, als die letzte, formale oder symbolische Weise etwas unter Kontrolle zu kriegen, das man nie unter Kontrolle hatte. Boheme bemalt sich das Gesicht und tanzt.

  1. Für einige Vertreter/innen der klassischen Boheme traf das durchaus zu. Ein Ziel der Boheme, wenn sie denn welche formulierte, war es ja auch immer, dass sich freiwillig und unfreiwillig Deklassierte miteinander mischen, in einer Weise, wie das sonst nie in Klassengesellschaften passiert. Gescheitert ist die Boheme immer dann, wenn man erkennen kann, wer unter ihren Angehörigen ein freiwillig Abgestiegener ist, wer ein unfreiwilliger. Nach einem Jahr intensiven Lebens in der klassenmäßig diversen Punk-Szene war das dann doch wieder erkennbar. ↩︎