Ostdeutsche Jugendliche, heißt es, seien orientierungslos. Doch sie wissen genau, wo es langgeht: nach ganz rechts
Vor sechs Jahren unternahmen Mitglieder des sogenannten „Wohlfahrtsausschusses“, eines lockeren Zusammenschlusses von alternativen Musikern, politischen Aktivisten und anderen (sub-)kulturellen Produzenten – darunter der Verfasser dieser Zeilen – eine Tour durch die Metropolen der neuen Bundesländer. Erklärtes Ziel war es, durch Unterstützung örtlicher Szenen und per öffentlicher Diskussionen, Konzerte und kultureller Veranstaltungen die Straßen und die Szene für so etwas wie die klassische, tendenziell eher linke, westlich geprägte Subkultur zurückzuerobern. Doch das Unternehmen fand geringe Resonanz. Nicht nur mißfiel den jungen Linken von Rostock, Leipzig und Dresden, was ihnen nicht zu Unrecht als westlicher Paternalismus vorkam: ein Blick auf die Probleme ostdeutscher Subkulturen mit Rechten und Neonazis, der ganz von westlichen Erfahrungen geprägt war.
Auch die Rechten, gegen deren vermutete subkulturelle und physische Straßen-Hegemonie man sich durch mitreisende Bands, Theoretiker und schlagkräftige Sympathisanten bewaffnet hatte, waren nirgendwo zu sehen. Vielleicht war ja doch alles nicht so schlimm, wie man gehört hatte: Daß es im Osten keine nennenswerte Szene ohne Rechte gab, daß sich, wer wie ein Punk oder Linker aussah, in vielen Orten nicht mehr auf die Straße trauen könne und bestimmten Frisuren längst die gleiche Stigma-Funktion zugewachsen wäre wie der falschen Hautfarbe am falschen Ort. Heute, nachdem neben den überwiegend rassistisch ausgewählten Opfern auch schon Punks und Alternative dem rechten Terror in den „national befreiten Zonen“ – wie der sarkastisch übernommene Begriff aus der Neonazi-Propaganda lautet – zum Opfer gefallen sind, weiß man, daß die Einschätzung von damals durchaus richtig war. Unsere Strategie war freilich naiv. Schon damals waren viele Straßen und Szenetreffs verloren.
Ganz unabhängig von Wahlergebnissen sind die Jugendkultur wie die einzige größere Subkultur des Ostens rechtsradikal. Nicht nur aus jenem per Regionalexpress-Linien verbundenen Gürtel rund um Berlin häufen sich Schreckensmeldungen von physischem Terror, vermischt mit den dazu passenden alltäglichen Seufzern resignierter Lehrer und Sozialarbeiter. Den Zusammenhang zwischen dieser Lage und dem nun auch in Wählerstimmen meßbaren Erfolg der neuen Rechten bei Jugendlichen kennt auch deren Anführer Gerhard Frey, wenn er sich brüstet: „Rechts wählen ist für junge Leute ein Teil der Jugendkultur geworden, wie Techno oder Skateboardfahren.“
So präsentiert denn auch das deutsche Fernsehen am anhaltinischen Wahlabend einen rundum mit US-amerikanischen Jugendkultur-Codes übersäten jungen Mann, der mit seinem unvermeidlichen Skateboard in der Hand in die Kamera blinzelt und verkündet, er fände die DVU toll, die täten was gegen die Ausländer. Da feixt dann gerne der gebildete Kleinbürger über die Dummheit des jungen Mannes, der doch selber ganz offensichtlich an ausländischen kulturellen Zeichen orientiert sei und sich daher soeben in schwere Widersprüche manövriert hätte. Mitnichten. Der Mann hat nichts gegen Ausländer, er ist ein Rassist. Die vielbeschworene „Orientierungslosigkeit“ rechter ostdeutscher Jugendlicher wäre vergleichsweise ungefährlich. Aber sie ist gar keine. Stattdessen kann man eher von einer ausgesprochen zugespitzten Orientierung reden.
Die rechten Jugendlichen wissen ja sehr genau, wo es lang geht: gegen Ausländer, gegen Schwule, gegen Behinderte, gegen den linken und liberalen Wertekanon. Die verbindende Klammer dieser negativen Orientierungen ist ein ausgesprochen offener, expliziter Rassismus, der sich vor allem gegen afrikanisch- und asiatischstämmige Menschen gleich welcher Nationalität richtet. Dies steht nicht im Widerspruch zu einem durchaus entwickelten Interesse für die üblichen unverfänglichen Codes jugendlicher Freizeit-Kultur: Sportswear und eine gewisse lässige Männlichkeit. Fun-Sportarten und eine durchaus post-militärische Körperpolitik lassen sich trotz der gleichzeitig weiterbestehenden, eher klassisch-militärischen Körperlichkeit bei rechten Skinheads und offenen Neonazis beobachten.
Der rechtsradikale Mainstream innerhalb der Jugendkultur in der Ex-DDR ist so breit, daß er durchaus Unterschiede innerhalb der Grob-Orientierung zuläßt. Den Zusammenhang aller Unter-Orientierungen liefert eine ausgesprochen unsubtile, an plumpen Evidenzen wie Hautfarben orientierte Form von Rassismus. Die jugendkulturelle Rechtsorientierung in den neuen Ländern enthält vier Merkmale, die neu sind und besondere Beachtung verdienen: 1. Sie ist kompatibel mit anderen, traditionell „links“ codierten Jugendmoden. 2. Sie unterscheidet sich von allen möglichen anderen, jugendkulturellen Orientierungen vor allem durch ihre geringe Komplexität. 3. Sie ist weniger generell rechts als vor allem präzise rassistisch. 4. Sie ist nicht gegen die Wertvorstellungen der Eltern gerichtet, sondern versteht sich eher als deren Radikalisierung, als tätliche und konsequente Umsetzung, die die Älteren nicht mehr selber vornehmen können, weil ihnen durch ihre Stellung in der Welt „die Hände gebunden“ sind.
Aus der Binnenperspektive ist die rechtsradikale Jugendkultur gar nicht so widersprüchlich und paradox, wie Beobachter gerne behaupten. Während die heutigen Versionen von Jugendkulturen in den westlichen Industrieländern ein hohes Maß an Komplexitäts- und Widerspruchsbewältigung zu leisten haben und auch leisten, ist der jugendkulturelle Rechtsradikalismus über eine Mischung aus traditionellen Werten, Konsum-Orientierung und einem Freund/Feind-Schema erstaunlich simpel strukturiert.
Und er kennt keine zweiten Ebenen für seine internen Widersprüche wie die ironie-gesättigten Jugendkulturen anderswo. Der Haß, der auch von der Unterkomplexität dieser Modelle begünstigt wird und deren Mängel ausgleicht, richtet sich nun mitnichten gegen Internationalität an sich und steht also auch damit nicht im Widerspruch zu den häufig artikulierten Träumen von Fernreisen und Marlboro-Abenteuern, sondern richtet sich ausschließlich gegen rassistisch als „anders“ Identifzierte. Insofern kann diese Subkultur nun auch problemlos auf Symbole und Organisationsformen einer internationalen rassistischen Gegenkultur zurückgreifen: also auf Zeichen, deren Bedeutung importiert, gelesen und wichtig genommen wird.
Arische Bruderschaften und weiße Metalbands gibt es in der ganzen Welt, sie haben teilweise auch einen Umgang mit Symbolen und differenziertere Formen entwickelt, die komplexer geworden sind und sich auch an anderen Subkulturen orientieren. Gerade von dieser Verbindung geht die Gefahr aus, daß die noch eher stumpfsinnigen Formen ostdeutschen Jugendrechtsradikalismus’ sich entwickeln und an Beständigkeit gewinnen. Den kompensierenden Gegenpol zu einer solchen weiteren Differenzierung von Neonazi-Kulten im Zusammenhang mit gerade auch im Westen sehr stark gewordenen Nazi-Esoterikern und internationalen rassistischen Subkulturen, bildet aber gerade die Bodenständigkeit des ostdeutschen Jugend-Neofaschismus. Die Beispiele sind Legion, die demonstrieren, daß diese Nazi-Guerillas vielerorts ganz im Sinne Maos und Ches sich in der Bevölkerung wie Fische im Wasser bewegen.
Eltern und Erzieher teilen die rassistischen Werte und, wie das Beispiel Gollwitz gezeigt hat, ist auch die nominell antifaschistische PDS nicht gefeit gegen antisemitische Orientierungen. Die Erwachsenen heißen allenfalls die Methoden nicht gut. Die Jugendkultur setzt sich also von der Erwachsenen-Kultur nur durch Grade von Radikalität und Gewaltbereitschaft ab, nicht durch deren prinzipielle Ablehnung. Auch wenn dies die Eltern sicher nicht immer bestätigen würden, handeln und denken die Jugendlichen im Glauben, von den Werten auszugehen, die auch ihre Eltern teilen. Dadurch wird der jugendliche Rechtsradikalismus in einem noch unausweichlicheren Sinne zur vorherrschenden Orientierung.
Was tun?, lautet die Frage nach solchen Diagnosen. Eine Möglichkeit würde ich gerne zur Diskussion stellen. Ausgehend davon, daß das Hauptübel der neuen Jung-Nazis ihr praktizierter, gewalttätiger Rassismus ist, der das Leben in großen Teilen der neuen Bundesländer tatsächlich bis zur Unerträglichkeit vergiftet, stellt sich die Aufgabe, den Rassismus zu verbieten. Da die Gedanken, selbst die rassistischen, bekanntlich frei sind, kann es sich aber nur darum handeln, rassistische Handlungen zu definieren und unter besonders schwere Strafe zu stellen. Dies würde auch vielen routinemäßig mißhandelten Asylbewerbern eine, wenn auch vermutlich schwer nutzbare, so doch zumindest theoretische, neue Rechtsgrundlage geben, gegen die rassistisch motivierte Aggression auch bei Behörden vorzugehen.
Vorbild eines solchen Gesetzes könnten die US-amerikanischen Gesetze gegen sogenannte Hate Crimes, also durch Vorurteile motivierte Verbrechen, abgeben. Man müßte nur von den amerikanischen Fehlern lernen, das Kriterium psychologisch sozusagen in der Subjektivität des Opfers finden zu wollen. Vielmehr müßte es darum gehen, normale Gewaltverbrechen wie Tätlichkeiten, Beleidigungen, Überfälle, Vergewaltigungen bis zu Mord und Totschlag daraufhin zu untersuchen, wie das Opfer ausgesucht wurde und ob – von außen gesehen – der Tathergang die typischen und wiederkehrenden Merkmale eines rassistischen Angriffs aufweist. Angesichts der Tatsache, daß für afrikanisch- und asiatischstämmige Menschen große Teile der ehemaligen DDR zur No-Go-Area geworden sind, sollte man weniger Angst vor dem Mißbrauch eines solchen Gesetzes haben als davor, daß der jetzige rassistische Status Quo irreversibel wird.