Lieder, die man nicht abstellt und nicht vorspult. Vorgestellt von einem Verfasser, der zur Zeit ohne Plattenspieler lebt und sich von Cassetten, TV und Radio ernährt.
1. Cyndi Lauper „Girls Just Want To Have Fun“
Wenn ihr jetzt endlich wach werden würdet, hättet ihr die Chance, Cyndi zur Suzi Quatro der 80er zu machen. Genau wie Suzi hat sie den Charme einer altmodischen Provinzsexbombe, die sich in der City als das Mädchen zum Pferdestehlen erweist. Genau wie Suzi verkauft sie unbekümmert unschmutzigen Sex, und läßt sich unbekümmert in ein Pophistorie-Loch fallen, das anzieht wie eines der schwarzen im All, wo die Physik der Historie ein bißchen spinnt, denn eigentlich darf so ein Allerweltsrockpop aus einem Allerwelts-Amerika gar nicht so gut sein.
2. Louis Armstrong „He Have All The Time In The World“
Immer wenn der Rummel um einen neuen James Bond vorbei ist, breiten sich die Accessoires der alten Filme aufs Neue aus. In unzähligen geliebten Wiederholungen und Re-prisen. Das schönste aller Lieder gehört zu dem mißratenen Film, grandios mißraten, mit dem Zwischen-Bond George Lazenby. Das Lied verdeckte das tragische Ende von Bonds Ehe mit Emma Peel, durch das trügerische Versprechen eines überirdischen ewigen Glücks, das etwa so aussehen muß: Mit einem Mädchen vor einem Fernseher liegen, der ein amerikanisches Programm ausstrahlt. Die Zigarette in der einen Hand, Fernbedienung in der anderen und ihr er-klären, daß die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist.
3. ABC „SOS“
Wenn eine Konzeptpopband ein Lied „SOS“ nennt, das ist kühn. Wenn das auch noch gelingt, ohne daß man auch nur eine Sekunde an ABBA denkt, … Glückwunsch!
4. The Chevalier Brothers „One More Drink Bartender“
Ich höre mir das immer dann zu Hause an, wenn ich schon getrunken habe, nichts mehr zu trinken habe, und die masochistische Neigung ausleben will, mich fühlen zu dürfen wie ein Alkoholiker ohne Stoff.
5. Robert Mitchum „From A Logical Point Of View“
Die LP, auf der Robert Mitchum „Calypso“ singt, ist gerade wiederveröffentlicht worden und sie steht natürlich Lichtjahre über all der anderen Musik dieser Liste. Das Lied, das empfiehlt (aus logischen Gründen) besser ein häßliches als ein schönes Mädchen zu heiraten (läuft doch nur weg) ist mir nur zu wertvoll, um es als Nr. 1 einer zu großen öffentlichen Aufmerksamkeit preiszugeben.
6. Charles Mingus, „Meditation For Integration“
Von der Tripel-LP Mingus In Paris einer der schönsten Momente in der Geschichte des Jazz, eingeleitet durch einen zweieinhalbminütigen Monolog über die Anliegen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung um 1964. Dann 27 Minuten Musik aus der letzten Phase der richtigen Musik. Denen zu empfehlen, die von der neuesten Style Council für Jazz inspiriert wurden.
7. Mel Brooks „To Be Or Not To Be“ (Hitler-Rap)
Ringt mit Konrad Kujau um den Vergangenheitsbewältigungspreis. Und stünde höher in dieser Liste, wenn ich es nicht schon seit zwei Monaten unausgesetzt hören würde, und die Frequenz zur Zeit abnimmt: Ich greif’ mir eine Blonde und ein Bier. Die Russen kommen. Let’s get outer here. Da hat sich Peter Illmann vielleicht gewunden, als er das in Formel Eins vorstellen mußte. Grüße gehen nach Buenos Aires und Hamburg-Fuhlsbüttel. Wer kennt noch Ronald Biggs?
8. Nancy Sinatra „The City Never Sleeps At Night“
Für diese und die beiden folgenden Platten wäre ebenfalls ein höherer Platz gerecht, wenn ich sie nicht in Hamburg vergessen hätte, und so nur ihre Auflegehäufigkeit bis vor drei Wochen in Rechnung stellen kann. Wenn ich, was doch meine Aufgabe sein soll, aufliste, was ich in den letzten Monaten gehört habe. Das Lied handelt von den vielen Dingen, die die Stadt des Nachts zu bieten hat und bedient sich der lyrischen Struktur eines ganz ländlichen Abzahlreimes. Nancy Sinatra ist im Übrigen das ‚unabhängige Mädchen‘ to end all unabhängige Mädchen. Friß Scheiße, Pat Banatar!
9. Blondie „Picture This“
Von der LP Parallel Lines, das beste Lied von Blondie überhaupt und aus aktuellem Anlaß wieder hervorgezogen: Die Bild-Zeitung wärmte als Tagesmeldung wieder auf, daß Debbie die Tochter von Marilyn sei (die wir kurz darauf in der hinreißenden Karl-Marx-Komödie Gentlemen Prefer Blondes – „Blondes prefer Surplus-Value-Abführung“ bewundern konnten), und englische Zeitungen dichteten ihrem Hubby Chris Stein eine unheilbare Krankheit an.
10. Buzzcocks „Ever Fallen In Love (With Someone You Shouldn’t Have Fallen In Love)“
Paul Weller: „Ich denke an die politischen Gedichte von Shelley.“ (meint den Romantiker) Tony Parsons: „Ja, die Buzzcocks war’n ’ne gute Band.“ (meint Pete Shelley, ihren Sänger) Und natürlich sind alle schon in diese Liebe gefallen, in die sie nicht hätten fallen sollen. Das gilt heute wie 77, wie 1815.