Dokumentieren geht über Demonstrieren: ein Reader zur Frankfurter Studenten-Zeitschrift diskus
Nichts scheint heute, wo ständig schon mal Gewußtes, schon mal Selbstverständliches, nicht wie in den frühen 80ern oder späten 70ern überwunden und erweitert, sondern schlichtweg vergessen wird, so dringend geboten wie die Rekonstruktion der Geschichte der deutschen „neuen“ Linken. Da ihre überlebenden Protagonisten so wenig wie möglich wissen wollen, wer oder was sie wann waren und es vorziehen, eine Rolle bei jener anderen Rekonstruktion zu spielen, die sich darin äußert, daß deutsche Reporter angesichts deutscher Erfolge bei olympischen Spielen immer vom größten Erfolg seit … sprechen und damit einen alten DDR-Erfolg eingemeinden, müssen heutige Aktivisten wie die neue diskus-Redaktion die Sache ihrer im besten Falle resignierten Altvorderen in die Hand nehmen. Hilfreich ist es schon, sich all der zum Teil auch ins Mainstream-Gedankengut eingegangenen Ideen und Begriffe zu erinnern, indem man ihnen beim Entstehen in ihrem ursprünglichen Kontext zusieht. Nicht zu wissen, wofür oder wogegen ein Gedanke entstanden ist, ist meistens die Ursache für seinen Niedergang, auch wenn er einmal tauglich war (und wieder sein könnte). Die Frankfurter Zeitschrift diskus ist ein traditionsreicher Ort systemkritischer Linker. Als biedere Studentenzeitschrift einer Universität, deren Rektor allerdings Horkheimer war, 1951 gegründet, radikalisierte sich das Blatt über die ästhetische Öffnung ihres Kulturteils im Laufe der späten 50er, um, in den 60ern und wieder in den mittleren 70ern, ein wichtiges Forum für die Konstitution einer neuen Linken zu werden. Die seit ’89 amtierende Redaktion, die sich mit dem Problem des Neuanfangs (nicht nur ihrer Zeitschrift) ebenso konfrontiert sieht wie mit der Verwaltung eines Erbes, hat zu verschiedenen Themengruppen Prominentes wie Bezeichnendes zusammengestellt. Weder werden die „historischen“ Promi-Highlights (Dutschke/Krahl, Marcuse; Mescalero-Text plus Debatte etc.) unterschlagen, noch die Kontinuität einer Arbeit die etwa die von Sonnemann, noch wird unterlassen zu dokumentieren, in welche Fallen linkes Denken schon fast strukturell zu tapsen tendiert. Auffälligerweise gab es keine Epoche unter den vielen verschiedenen des diskus, in denen nicht von einer „Krise der Linken“ die Rede war. Das kann in der gegenwärtigen Lage zu den kühnsten Hoffnungen berechtigen (die waren allerdings auch schon früher mit allen Krisen verbunden).
Redaktion diskus (Hrsg.): Küß den Boden der Freiheit – Texte der neuen Linken, Edition ID-Archiv c/o AurorA Verlagsauslieferung, Knobelsdorffstr. 8, 1000 Berlin 19