Distanzieren und Definieren: Jungs unter sich

Wenn das Unter-sich-Sein nicht als Problem empfunden wird, sondern gute Laune auslöst. Ein weiteres Mal schwelgen G. Love & Special Sauce (Coast To Coast Motel, Sony 1995) geschmackvoll und dennoch ausgelassen in Pub-Musiken des Planeten. Aufbauend auf dem Blues, der nicht nur nie „empfunden“ (was mir egal wäre), sondern wie schon von Generationen weißer Pub-Rocker vor ihnen (Ausnahme: Violent Femmes) als Folie für eine schunkelige Gemütlichkeit mißbraucht wird, widmen sie sich kenntnisreich coolen Folk-und Roots-Musiken, die sie zelebrieren wie ein Kenner seinen Keller: als allzeit verfügbare schöne Stücke, in die man sich nach Lust und Laune reingrooven kann. Und das machen sie geschickt, nichts poltert oder stumpft hier, nichts rockt unhip, alles groovt, staubt cool und begießt sich mit Miller Light. Die Stimme könnte so cool wie ein früher Jonathan Richman auf Rädern klingen, nur will ihr Eigentümer niemanden bewegen. Er will cool sein, cool endgültig als Inszenierung von Genuß als Distanz.

In dem für diesbezügliche Diskussionen entscheidenden Hintergrundtext („Exile in Guyville“, Die Beute, Sommer 95) beschreibt Kerstin Grether Ausschließungsmechanismen, mit denen Jungs/Männer sich Frauen vom Leib halten, wenn diese sich in ihrem Rock-Kosmos aufhalten. Sie verwirft die viel bemühte Kastrationsangst als Motiv und entscheidet sich für das reine Erhaltenwollen und daher Verteidigen eines Territoriums. Doch wäre dafür nicht unbedingt die Geschlechterdifferenz als Ausschließungsgrund zwingend. Mit dem Derrida-Wort vom „konstitutiven Außen“ beschreibt sie das Wesentliche dieser Männer-Strategie. Im Außen, fährt sie fort, dürften Mädchen alles. Männer schließen nämlich Frauen aus der Welt „ihrer Kunst“ nicht in erster Linie aus, weil sie Konkurrenz fürchten oder etwas nur so für sich haben wollen, sondern um genau die ausgeschlossenen Mädchen besser definieren zu können. Egal ob sich das als verliebtes Träumen oder konkrete Sexphantasie gestaltet: Niemand stört dabei bekanntlich so wie die echte Person. Erotische Projektion und Kampf um Definitionsmacht liegen nahe beieinander.

Dieses Problem teilt die Rockmusik mit anderen Künsten und es gibt dies auch, wenn auch seltener, in Fällen, wo Sexismus keine Rolle spielt. Beim Träumen, Projizieren und Definieren stört stets die Anwesenheit seines Gegenstands, muß dieser ausgeschlossen werden. Lieber ein Pin Up als eine Frau. Lieber eine kritische Theorie als eine Politik. Lieber eine Multikultur als offene Grenzen. Die wenigsten Songs halten die Anwesenheit des anderen wirklich aus: Manchmal vermögen dies gerade irgendwelche narzißtischen, alten Machos wie Leonard Cohen oder Jim Morrison, manchmal Dünnhäutige wie Jonathan Richman, Dino Valente, Jochen Distelmeyer, Annette Peacock und die Go-Betweens. Aber selbst die sonst so bewundernswerten Soulsänger Kevin Rowland, Bob Dylan und Green Gartside nie (letzterer kennt aber das Problem und arbeitet darüber). Ich empfehle Julie Driscolls Version von „Light My Fire“ und erneut Allen Ravenstines Fiepgeräusche: wo ein Du so beschworen wird, daß man nicht mehr wegsehen kann.

Diese Platte hingegen verbreitet die Atmosphäre dieser neoamerikanophilen US-Restaurants in deutschen Großstädten: Kompetent werden die Hamburger gebraten, der kalifornische Rotwein stimmt, die Soßen sind lecker, sogar die Guacamole läßt sich essen. Und trotzdem ist das alles nicht mal Trash. Es fehlt dieser Platte bei aller kundigen Schnaftizität sogar das, was Trash möglich und durch Trash andere Öffnungen möglich macht: das Aufgeben der Distanz als ästhetischer Haltung.