Distinktion – Die Erneuerung des Ressentiments aus dem Geiste des Vulgär-Bourdieuismus

Irgendwann im letzten Jahr meinte ein konkret-Autor namens Roth, Spex und Umfeld würden von „finanzstarken Galerien“ ausgehalten. Herzlich darüber lachend, wie Klein-Doofi sich den Kunstbetrieb in Köln vorstellt, steckten wir dem in der Fußgängerzone fiedelnden Fotogaleristen ein Almosen zu, kamen aber dennoch nicht umhin zu registrieren, daß die üblichen Fanzine-Verdächtigungen über den vermeintlich irren Reichtum selbstverwalteter Alternativ-Klitschen aus dem Selbstausbeutungsmilieu eine neue Qualität erreicht hatten. Jetzt sollten also wir Bankrotteure von noch bankrotteren Galeristen unsere hermelinbesetzten Fax-Geräte finanziert bekommen.

Andere Leute aus dem Verdächtigungsmilieu, denen solche Behauptungen offensichtlich zu bizarr waren, von ihrem Spiel aber auch nicht lassen wollten, probierten 1996 etwas anderes aus. Unter den üblichen mißgünstigen Analyse-Stereotypen im subkulturellen Bereich („Poser“, „Pseudo“, „nicht echt“, „geldgeil“, „Ausverkauf“ etc.) hat sich eine Variante breitgemacht, die ihre Herkunft einem schon länger kursierenden Vulgär-Bourdieuismus verdankt. Die im Prinzip überaus produktiven Kategorien des in diesem Jahr durch seine Angriffe auf Bundesbankpräsident Tietmeyer auch im Mainstream bekannt gewordenen Soziologen Pierre Bourdieu werden einfach als Umbenennungen für immer schon gehegte Ressentiments eingesetzt.

Bourdieus Begriff der „Distinktion“ (as in: „Logik der Distinktion“ oder „Distinktionsgewinn“) analysiert die immer neu entstehenden habituellen Unterscheidungen entlang von Klassengrenzen und faßt darunter auch die Strategie, über bestimmte habituelle Unterscheidungen eine erstrebte Klassenlage anzupeilen. Die dabei angewendeten – und erst recht die erfolgreichen – Strategien liegen aber keineswegs im Bemessen des Individuums, sondern sind gerade durch klassenmäßige Vorprägungen determiniert. Man kann also nicht einfach so hingehen, Distinktionsgewinn erzielen und dann aufsteigen. Doch nach einer solchen simplen Logik wird nun der Begriff der Distinktion gegen jeden in Stellung gebracht, der irgendeinen Erfolg erzielt oder erzielen will, synonym mit „Profilierung“ oder „Karrierismus“.

Der Bourdieusche Begriff geht von der Annahme aus, daß jede/r in die Logik der Distinktion verwickelt ist. Folglich gibt es keine der individuellen Moral zugängliche Ebene, auf der man entscheiden kann, ob man sich ganz von ihr freimachen will. Mindestens genauso wichtig: Bourdieu bestreitet, daß alles, was zu Distinktionszwecken nützen kann, darin alleine aufgeht und monokausal erklärbar oder beschreibbar wird.

Im Vulgär-Bourdieuismus dagegen wird Distinktion als eine individuelle moralische Verfehlung betrachtet: Der Arsch will nur Distinktionsgewinn einfahren – dem geht’s ja gar nicht wirklich um Politik. Ein vulgäres Killerargument wie „Poser“ also, das auf einer reaktionär gedachten Einheit der Person und Authentizismus-Imperativen ebenso ideologisch ausruht wie auf einer Gnostik der „wahren Absichten“, wie man sie von seiner Omi kennt.

Darüber hinaus schließt der Vulgär-Bourdieuaner von einem gut protestantisch angenommenen „Kern der Persönlichkeit“ – dem Ort der Lüge – auf alle weiteren Effekte einer unter Distinktionsgewinnverdacht stehenden Tat. Schafft zum Beispiel ein amerikanischer Gouverneur die Todesstrafe ab, dann wird das nicht auch in Bezug auf das verbesserte Schicksal der Verurteilten beurteilt, sondern nur in Bezug auf den Distinktionsgewinn, den der Gouverneur damit erzielt hat. Nach dieser Logik kann man natürlich jede menschliche Handlung von Klassenanalysen abkoppeln und unter Distinktionsverdacht stellen, denn freilich unterscheidet alles, was eine/r tut, die jeweilige Person von irgendeiner anderen.

Insbesondere im Feld einer Kultur, wo es um Behauptung und Bedeutung geht, die ja nun mal rein zeichentheoretisch durch Unterscheidung entsteht, ist so ein weites Feld eröffnet, das Experten des Universalverdachts wie Roth, Günther Jacob, Harald Peters und anderen aus dem Junge Welt-Milieu ein lieber und leerer Tätigkeitsbereich geworden ist. Das ist nicht deswegen schade, weil ihre Argumente dadurch schlechter würden, da war eh nicht mehr viel kaputt zu machen, sondern weil Begriffe wie „Kulturelles Kapital“ und „Distinktion“ in der Tat – auch für mich – hilfreich waren, um den klassenmäßigen Seiten der Spezifizierungen in Subkultur-Kreisen auf die Fährte zu kommen.

Dies setzt aber einerseits voraus, daß man einen Terminus wie den nicht unkomplizierten Klassenbegriff von Bourdieu erst einmal auf soziale Formationen in den Subkulturen adäquat überträgt. Und dann ist es notwendig zu wissen, daß eine Klassenanalyse von Zeichengebrauch natürlich nur eine seiner Dimensionen betrifft. Von einer solchen Analyse ist man immer dann am weitesten entfernt, wenn man ohnehin nur ad personam argumentiert — und von Ressentiments aus, die sich im Persönlichen erschöpfen.