Die Truppe war ungefähr mein Alter. Zwei Typen und zwei Frauen, die nicht mehr gehen konnten und mich, den entgegenkommenden Passanten, mit grotesk verrutschten Gesichtern anstarrten, die auf tagelang ununterbrochenes Saufen schließen lassen. Es würde gleich ein Problem geben, den Platz auf diesem Bürgersteig auf uns fünf zu verteilen. Obwohl man den vier Freunden ansehen kann, daß sie nicht zum erstenmal – tagsüber und jenseits von allem – hackevoll sind, wirken sie nicht schmutzig oder verwahrlost, und ihr Outfit, ihre Frisuren, Bärte könnten als die von Berufsschullehrerinnen und Sozialarbeitern durchgehen. Ihr augenscheinliches Elend ist dennoch kein Quartals-Vatertagsexzess. Es gehört zu einer Technik der Ausschweifung, die den heute über 35-Jährigen, auch wenn sie nicht süchtige Sozialfälle sind, noch geläufig ist und seitdem nach und nach seltener geworden ist. Daß man nämlich gegen den Körper, gegen irgendeine Norm gesunden und geregelten Lebens seinen Spaß durchsetzt, die Grenzen mißachtet und gerade da, wo es nun wirklich nicht gut für einen ist, den süßesten Genuß verspürt. Die Königsausschweifung erlebe ich gegen meinen Körper.
Das war mal ein Weg – ein oft bloß instinktives Manöver, den disziplinierenden Anrufungen zu entgehen; eine Handlungsweise, die mit anderen Aufständen zusammenpaßte. Den Körper, den zentralen Unterwerfungs-Gegenstand von Machtregimen, die ihre Unterworfenen in Fabriken, Gefängnisse und Armeen trieben, durch selbstzerstörerisch lustvollen Gebrauch aus der Zirkulation nehmen. In die unvermeidliche Abfolge der Stadien einer disziplinierten Existenz, von Birth-School-Work-Death, eine Zäsur hineintreiben, die letzten Endes zwar schneller zu Death oder anderen elenden Endzuständen führen würde, aber der gesellschaftlichen Zurichtung den selbst herbeigeführten Mißbrauch des Körpers entgegensetzen konnte. Nicht umsonst sprechen alle frühen Drogensongs und -gedichte von Freiheit und Autonomie und Selbstverantwortung. „I made a very big decision“, heißt es in dem bekanntesten, in „Heroin“ von Lou Reed und Velvet Underground. Freilich verwechselt diese Entscheidung die Gegenstände der ideologischen Anrufung. Es geht ja nicht darum, den Körper, sondern die Person als Subjekt zu disziplinieren und zu unterwerfen. Doch die Szene der Anrufung wurde in jener Zeit noch sehr oft über ihre körperliche Regulierung in Schule, Fabrik, Exerzierplatz, aber auch über die unauffällige Erscheinung im Straßenbild hergestellt.
Wie bestellt kräht Janis Joplin aus einem offenen Fenster ein Soundbite aus ihrer ersten und besten Platte mit Big Brother & The Holding Company. Die eine der beiden Frauen reagiert trotz augenscheinlich mentaler Absenz überraschend schnell und lallt zu dem Balkon hoch: „Janis Joplin, ja, das haben wir jetzt gebraucht.“ Die Aussage des Janis-Joplin-Mythos ist ja nicht nur die bohemistische, daß in der Selbstzerstörung, in dem gegen den Körper errungenen Exzeß, ein höchstes Glück liegt, sondern auch, daß die zu sich und einer eigenen Stimme findende Frau-im-Rock im Feuer ihrer eigenen Authentizität verbrennt. Im Janis-Mythos steckt nicht nur das selbstbestimmte Entziehen des ohnehin anderweitig verplanten, weil weiblichen Körpers zu Zwecken eigener exzessiver Pläne, sondern auch eine neue, nun wiederum ideologische Authentizitäts-Anrufung an aufbegehrende junge Frauen jener Zeit, „ganz“ zu sein, „sich ganz hinzugeben“ – in der Szene, auf der Bühne zu sterben. Nur kurz nach dieser Straßenszene begegne ich derselben Joplin-Stelle noch einmal, diesmal als Sample: Der Ende 96 im Alter von 33 Jahren an einer Überdosis verstorbene Hamburger Musiker Tobias Gruben hatte sie in einem seiner nun posthum erstveröffentlichten Songs gesampelt. Ja, die Janis, die können wir jetzt gebrauchen.
Ganz anders am Abend der junge Mann, der auf Spiegel TV in einem Berliner Park seine Karate- und Taekwondo-Künste vorführt. Schon im Alter von vier Jahren habe er davon geträumt, „aus meinem Körper ein Kunstwerk zu machen.“ Der Bruder berichtet, wie der Kleine jeden Morgen zum Spiegel gestürzt sei und seine Muskeln überprüft habe. Als ginge es darum, die Spaltung der Jugendkulturen in (hauptsächlich) jüngere KörperpflegerInnen und (eher) ältere KörperzerstörerInnen zu bestätigen, wird fast die Hälfte des Kraftsportlerporträts auf seine tragische Liebesgeschichte mit einer heroinsüchtigen, etwas älteren Türkin verwandt, die mit der Prostitution und dem Tod der Frau endet. Auch wenn die Inszenierung durchaus nicht mit der üblichen mahnenden Gewaltkritik sparte, so blieb doch klar, was man alles nicht wird, wenn man ein junger deutscher Kampfsportler ist: drogensüchtig, türkisch, Hure und tot.
Der Tod der heroinsüchtigen Frau hat immer noch eine besondere Bedeutung, weil sie einen Körper wegwirft, der nicht nur der Produktion, sondern auch der Reproduktion zu dienen hat. Nur logisch, daß der Tod in Geschichten des sozialen Abstiegs von Frauen immer über die Zwischenstufe Prostitution erreicht wird. Der durch Drogen-Konsum mißbrauchte und aus der Körperordnung herausgenommene Körper ist auch für glücklichen Zweier-Sex nicht mehr zu gebrauchen, der eine Mißbrauch stellt ihn für alle weiteren Mißbräuche und Verwertungen zur Verfügung. Daß den heroinsüchtigen Rock-, Poesie- und Boheme-Männern zugebilligte Moment der Befreiung von der Disziplinargesellschaft durch den Eintausch aller gesellschaftlichen Abhängigkeiten und Disziplinierungen gegen die eine, selbstbestimmte Abhängigkeit von der Droge wird bei Frauen seit dem Janis-Mythos zur totalen Determiniertheit durch die körperliche Abhängigkeit von der Droge. Frauen sind diesem Mythos zufolge ganzheitlich, authentisch und körperlich. Sie können die Person nicht wie die Männer in Departments aufteilen und Deals schließen. Was sie ihrem Körper antun, tun sie sich an. Männer befreien ihren Geist, Frauen verkaufen und versauen ihren Körper.
Daß Janis Joplin und Lou Reed unterschiedliche Antworten auf ihr Nein zu „all the politicians makin’ crazy sounds and all the dead bodies piled up in mounds“ erhielten, daß ihre Mythen unterschiedliche, nicht nur geschlechtsspezifische Aussagen enthielten, ändert nichts an ihrer großen Gemeinsamkeit: Die individuelle Verweigerung verwirklicht sich im Genuß an der Zerstörung des eigenen Körpers. Dieser Akt ist heroisch und spielt wie die ganze Ordnung der Disziplin in einer Welt, in der Körper für Produktion und Krieg entscheidend sind. Doch schon die Versprechung und Verherrlichung von Bewußtseinserweiterung bei Leary, Watts und anderen unterscheidet den massenhaften Aufbruch der Hippies zu einer Reise nach Innen per Halluzinogen von dem bohemistischen, individual-anarchistischen Heroin-Vergnügen.
Die Kontinuität von Paul Verlaines Absinth-Saufen läßt sich vielleicht bis zu Jim Morrisons Pariser Boheme-Zitat-Elend strecken – aber in dem mit den Beatniks begonnenen Versuch, Drogenerfahrungen als wiederholbaren, pragmatischen Weg zu Selbst und Heil darzustellen, kündigt sich eine Massenbewegung der 60er an, die – spätestens nach ihrem Re-Import nach Deutschland – eher an Herrmann Hesse und Lebensreform als an Baudelaire und Burroughs anschloß. Sie legte den Grundstein für eine heutige Fortsetzung des Drogendiskurses – mit und ohne Drogen – als Weg zu einem universellen, aber je individuell erfahrenen spirituellen Heil, das sich mit den jeweiligen gesellschaftlichen Anforderungen verträgt. Von LSD und Ginsberg aus – und in gewissem Sinne von einigen Vertretern der Romantik – führten noch Wege in alle drei Versionen von Ausstieg und Verweigerung: Politik, Selbstzerstörung sowie Meditation und Makrobiotik. Doch schon von Learys weltverbessernder Drogen-Ideologie aus konnte es eigentlich nur zu Bio-Kost, neuen Sportarten und postmoderner Individual-Religiösität führen.
Drogengebrauch und Sport sind Parameter des Körperverhaltens, die einmal die Grenze zwischen Mainstream und Gegenkulturen bestimmten, und noch heute trägt die Illegalität von Drogen dazu bei, daß das nicht ganz vorbei ist. Drogen zu nehmen bedeutet, sich der Ethik zu widersetzen, die von einem verlangt, sich zu erarbeiten, was man erlebt. Drogen gelten nicht zu Unrecht als Abkürzungen zu einem Zustand, von dem Schlaumeier (Lothar Matthäus, Udo Lindenberg …) schon immer wußten, daß man ihn auch ohne Drogen erreichen kann (1.000 Jahre Meditation, Gebet oder Bergsteigen und Fallschirmspringen). Der erfolgreiche Untertan der Disziplinargesellschaft konstituierte sich dagegen darüber, daß er Verzicht leistete und innere Schweinehunde überwand. Dadurch setzt und verabschiedet er die Regeln, nach denen man wohin kommt. Oben angekommen darf man dann fett und ungesund schlemmen wie in Fassbinder-Filmen oder Mario Adorf in Kir Royal. Die Droge dagegen stand für eine Abkürzung, die natürlich geächtet werden mußte.
Gleichzeitig war beiden Seiten der Alternative, Drogen zu nehmen oder Sport zu treiben, das Pathos der Entscheidung gemeinsam, in Lou Reeds „I made a very big decision …“ ebenso wie im „Ich habe mich entschlossen …“ des Sport-Novizen. Das Pathos der Entscheidung macht dem Subjekt das Kompliment glorreicher Autonomie. Ich funktioniere als Individuum, wenn ich mit mir nachvollziehbar und erkennbar etwas mache. Sportler und Druggies lieben die primitive Evidenz mechanischer Kausalität an ihrem Body: Das gilt für die Überprüfung der Trainings-Effekte am Körper des Berliner Kraftsportlers ebenso wie für Lou Reeds Beobachtung, daß „a mainline to my vein leads to a center in my head“. Und daher: „When I put the spike into my vein, I tell you things aren’t quite the same.“
Wer Drogen nimmt, lernt aber auch sehr schnell, daß die ideologischen Staatsapparate einem die ganze Zeit noch auf andere Weise Unsinn erzählt haben. Keine Praxis konfrontiert einen auf so einfache und nachdrückliche Weise mit der Ideologizität so vieler Behauptungen so vieler Staatsapparate – Kirche, Schule, Elternhaus etc. – auf einmal wie die Drogenerfahrung. Die Wahrheit, daß sie zerstörerisch ist, lerne ich zunächst nicht kennen – und wenn, dann auch, daß diese Wirkung anders aussieht als in den offiziellen Appellen.1 Zunächst aber lerne ich, daß nichts von dem stimmt, was man mir erzählt hat.
Darin liegt ein politisches Moment des Drogennehmens: Mein Mißtrauen gegen die ideologischen Staatsapparate wächst immens, lange bevor mich dann auch die Polizei konkret verfolgt. Schon in einem alten Beatnik-Interview (auf der Rhino-3-CD-Dokumentation The Beat Generation) erzählt ein frisch zum Beat-Lifestyle Bekehrter von den klandestinen Organisationsformen und dem paranoiden Mißtrauen, das lange, bevor es gezielte Verfolgungen durch die Polizei gab, einzusetzen begann. So entsteht eine Sezession, das „Drop Out“ eben, das vor allen anderen Ursachen schon dadurch vorbereitet wird, daß wer mit Drogen zu tun hatte, kein Wort mehr glaubt, von eben „all these politicians makin’ crazy sounds.“ Das hat nicht nur damit etwas zu tun, daß Kirche, Schule und Eltern Ideologie produzieren oder lügen, sondern schon damit, daß zum Pathos der Entscheidung das Pathos der Erfahrung kommt – noch eine Gemeinsamkeit mit dem Sport und anderen (z. B. militärischen) Körpergebräuchen, dem gegenüber jeder Diskurs schon mal ein Hohn ist. Das ist die unpolitische Seite der Drogen: Ihr Mißtrauen gründet nicht (nur) auf Kritik, sondern auf dem primitiven Empirismus des Authentizismus.
Der Sport hingegen hält zunächst die Versprechen seiner Ideologie. Das beweisen meßbare und zählbare Ergebnisse auf dem Weg der Übung und des Trainings. Es ist, wie sie sagen: Du wirst besser. Auch wenn dieses Besserwerden sich natürlich nicht notwendig und meistens gar nicht konvertieren läßt in eine gesellschaftliche Verbesserung, so produziert die freiwillige Disziplinierung immer wieder neue Effekte, die mit ihrer Realität qua Meßbarkeit prahlen. Man spürt nicht nur, wie der überwundene innere Schweinehund zu neuen persönliche Bestleistungen oder zu neuen Muskelentwicklungen führt, man kann es sich in Metern und Sekunden ausdrucken lassen. Die Kausalität zwischen „meiner Leistung“ und meiner „Verbesserung“, die Sport bietet, wird beim Drogengebrauch von der Verweigerung der Leistung, die ich erbringen könnte (oder auch nicht) bei gleichzeitigem Erreichen eines Ziels gespiegelt. Die andere – im Sinne des Sports: „geschummelte“ oder „negative“ – Kausalität der Drogenerfahrung (Ergebnis ohne Leistung) verweigert, aus welchen Gründen auch immer, die Einsicht in das Prinzip des Disziplinarischen und berauscht sich auch gerade daran.
Der Spaß an Drogen besteht auch darin, zu erleben, daß es anders geht. Die disziplinierte Kausalität der Körperbeherrschung freut sich dagegen, die Logik der ideologischen Prinzipien, die einen umgeben, zur Anwendung zu bringen. Beide Optionen sind kurzfristig gedacht: Die Drogenantikausalität rechnet nicht mit den Folgekosten der Selbstzerstörung, die Kausalitätsanwendung des Sports erkennt nicht, daß all die erarbeiteten Veränderungen meistens keine der großen Veränderungen in Stellung und Lebensperspektive erbringen, für die sie symbolisch stehen. Beides sollte in den „Kontrollgesellschaften“ von Postfordismus und Postmoderne anders werden. Lifestyles orientieren sich an der Logik des Trainings, alternative Lebensentwürfe modellierten sich nach den Prinzipien der großen Negation, und beide setzten auf langfristige und nicht simpel-mechanische Kausalität.
Aus den ideologischen Substraten von Drogenkonsum und Sport – Authentizismus, Intensitäts- und Erfahrungspathos, Selbstbeobachtung, „Weg nach Innen“ – entwickelten sich neue Praktiken, die den komplexen Bedingungen des modernen Konkurrenzkampfes besser entsprachen. In einem gelockerten gesellschaftlichen Klima, am Übergang von Disziplinar- in Kontrollregimes, von körperlicher Disziplinierung zu einer Rundum-Fitness, wurden die Trennlinien zwischen Mainstream und Underground, Drop Out und Disziplinierung aufgekündigt. Ziel dieser Entwicklung war es, einerseits die brauchbaren Ideologien des Drogennehmens zu isolieren und vom Drogendiskurs auf andere, nicht mehr disziplinarische, sondern selbstkontrollierte Askese und Selbstverantwortungs- und Selbstdesign-Praktiken umzulenken, andererseits auch die gesellschaftlich unbrauchbaren auszusondern und auf den tatsächlichen Gebrauch von Drogen umzulegen. Dem verelendeten Junkietum wurde ziemlich exakt um 1989 herum jede durch Nick-Cave-Chet-Baker-Romantik begründete Szene-Solidarität entzogen. Seitdem gelten Junkies nur noch – passend zu Lou Reeds Wende und Darstellung ehemals verklärter, nun nur noch angewidert beobachteter Exzeß-Praktiken auf seiner 1990er Platte New York – als Problem der Sauberhaltung von Innenstädten und Einkaufszonen.
In dem Maße, wie die postfordistische Freizeitkultur alle möglichen Formen von weichen und abseitigen, wesentlich extremeren, aber nicht mehr vereinsmäßig betriebenen Sportarten anbot, koppelte sich das Sporttreiben von den Disziplinierungsfunktionen eines zu härtenden Kruppstahls ab. Gerade die extremeren und durchaus Disziplin erfordernden Sportarten verstanden sich nun über individuelle, spirituelle Intensitätsdiskurse. Die immer länger werdenden Laufstrecken, die immer noch nicht ausreichten und schließlich mit Schwimmen und Radfahren zum Triathlon gekoppelt werden mußten, um den immer noch nicht ausgepumpten Körper auf Trab zu halten, wurden von einem neuen Typus selbstverwirklichter Asketen bevölkert, dessen Selbstverständnis sich von den Gott- und Tibetsuchern der 60er gar nicht so stark unterschied. Es gab einen Weg von Ginsberg, Grateful Dead und Goa zum Iron Man – aber keinen von Janis und Nico.
Diese neue Sportkultur bediente sich der von „säkularisierten“ und käuflich gewordenen Subkulturen übernommenen Funktion der Identifikation mit einem Freizeitverhalten. Strukturell schuldete diese Diversifizierung auch noch manches den klandestinen Organisationsformen der klassischen Drogenkulturen, Gepflogenheiten der Verdunkelung und der Geheimhaltung, die sich in den Grenzen ziehenden Codes wie Hipness und Coolness als Imitation und Habitualisierung fortsetzen sollten. Viele der neuen, um Fashion-Codes und Popstar-artige Figuren herum entstandenen Trend-Sportarten beerbten obendrein diese Differenzierungsfunktion von Subkulturen.
Das heißt nicht, daß keine Drogen mehr genommen werden und auch nicht, daß sie nicht mehr wichtig sind, nach wie vor auch als Ab- und Erkennungszeichen bestimmter Szenen wie etwa der Blunt für die ebenso an Streetball wie an Drogen interessierte Hip-Hop-Szene. Aber sie sind eine Variable unter vielen geworden, die beliebig ersetzbar und kombinierbar mit bestimmten Musikrichtungen und Dresscodes und Sportarten einen Stil ergeben. Neu ist, daß über das Scharnier der Sportmoden auch normalerweise eher unansprechbare Jugend-Szenen – wie die Hip-Hop-Kultur – für die Mainstream-Kultur und ihre Ideologie adressierbar werden. Darüber hinaus ist allen diesen Entwicklungen gemeinsam, daß sie die quasi-religiösen Selbstverwirklichungsvorstellungen oft asiatischer Bauart (zwischen Kung-Fu für die Prolls und Zen-Meistern für die Kleinbürgerkinder) als Ersatz für die alten Disziplinierungsmodelle übernommen haben.
Der neue Glamour von Buddhismus und Dalai-Lama-Mania reicht ja von ideologisch eher unverdächtigen Gestalten wie dem Wu-Tang-Clan bis zur gealterten New-Wave-Elite um David Byrne und Laurie Anderson. Das Kloster – ob in der Kammern-der-Shaolin-Comic-Version oder ganz ernst gemeint – ersetzt den Kasernenhof auf dem Weg von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft. Durch die neue Wichtigkeit von Sport in Sub-und Gegenszenen hat der aggressive, durchtrainierte männliche Körper auch in traditionell nicht einverstandenen Szenen so stark an Einfluß gewonnen, daß man den netten alten, schlaffen, schlurfigen Kifferkörper endgültig unter Naturdenkmälerschutz stellen kann. Orientierungen an klassischen Geschlechterrollen sind in dem Maße auf dem Vormarsch wie Sport in Subszenen eindringt. Da überrascht nicht allzu sehr, daß dort, wo der Exzeß nicht mehr als ein über den Mißbrauch des Körpers erreichter Moment definiert wird, sondern über den sportlichen Gebrauch, also Schiller statt Baudelaire gilt – nicht künstliche Paradiese, sondern von der Stirne heiß rinnender Schweiß –, nimmt auch die Subtilität und der Humor der künstlerischen Hervorbringungen von Szenen Schaden. Aber nicht nur die Feinheiten leiden: Gerade auch extrem-grobe Körperlichkeit im interessanten Sinne war in der Pop-Musik – von Iggy Pop über die Ramones bis zu Gabber-Techno – ohne Drogenmißbrauch undenkbar.
Die neuen Sportarten, die bei Jugendszenen den Credit haben, den der alte Vereinssport nicht mehr hat, betonen eher die individuelle Verantwortung fürs eigene Leben und weniger die Disziplin. Nicht eine mir selbst fremde Disziplin nötigt mich, den inneren Schweinehund zu unterwerfen, sondern meine Coolness und höhere Einsicht. Die wenigen Modelle von Sportlern, die immer schon Jugendkultur-kompatibel waren, Surfer und Skater, stellen mit ihren Mythologien die Prototypen dieser Entwicklung dar. Zur Betonung der individuellen Verantwortung, die nun auch die Zigarettenindustrie für ihre Kampagne „Cool kids can wait“ im Acid-Jazz-Design entdeckt hat, gehört allerdings auch, daß die alte Trennlinie zwischen Drogen- und Sportbenutzern, die immer noch gesamtgesellschaftlich über gut und böse, Ächtung oder Honorierung entscheidet, nun nichts mehr über die Szene selbst aussagt. Beide – Drogen- wie Sportbenutzer – können sich demselben Style verpflichtet fühlen. Wer dem Janis-Joplin-Lebensstil zustimmte, hätte nie damit rechnen können, einen Sportler zum Lebensgefährten zu gewinnen, für den Kampfsportler von heute lebt die Heroin-süchtige Freundin aber durchaus in derselben Szene. Der Weg vom Blunt zum Basketball-Training ist ohne Wechsel des Styles zu haben.
Umgekehrt sind aber die unterschiedlichen geschichtlichen Stadien der Drogenmentalität auch in den Bereich des klassischen Leistungssports eingedrungen. War das Dopen in den 60er Jahren und früher einfach ein sportfremdes Schummeln, das keine lebensstilistischen, nur ethisch-moralische Konsequenzen in der Welt der Fairness hatte, wurde Doping später zu einer Entscheidung aufgrund von individuellen Eigenschaften, die auf sehr unterschiedliche Weise ausfallen konnte. Die post-disziplinarische Selbstzucht, die von Makrobiotik bis zu den Foucault’schen Techniken des Selbst reichend verstanden werden kann, fächerte eine Vielzahl von Selbstbehandlungsmöglichkeiten auf. Entscheidend war nicht mehr die alte sichtbare und erlebbare Ursache-Wirkung-Beziehung, weder bei Training noch bei Droge, sondern das Leben nach einem bestimmten Gesetz oder Code, der Lebens- und Trainingsstil. Im Rahmen solcher Selbstbehandlungen wurden die Grenzen zwischen den vielen Mittelchen, die irgendwie gut für einen sein sollen, zum guten alten Doping-als-Schummeln immer unklarer.
Deutsche Leichtathleten pflegten schon seit den frühen 80ern zu reden wie LSD-Astronauten oder Esoteriker, wenn sie vor dem Wettkampf „in sich hineinhören“ und der Sport immer mehr zu einer Sache der „mentalen Zustände“ wurde. Aber gerade ein so psychedelisierter Sport konnte seine Sonderstellung als Institution und die klare Grenze zu allen Bewußtseinsexperimenten nur behaupten, wenn er besonders scharf propagandistisch gegen Doping vorging und vor allem in den letzten Jahren seinen inneren Feind Doping gemeinsam mit dem ideologischen Satanas Drogengebrauch schlechthin zusammen bekämpfte. Aber immer länger und kompliziert gewordene Listen von als Doping gebrandmarkten Wirkstoffen konnten dies ebensowenig in den Griff bekommen wie Rückfälle in alte Sauberkeitsideologien, was eigentlich ein typischer Begleitumstand postfordistischen Konkurrenz- und Leistungsstrebens auch jenseits des Sportes geworden ist – die Selbstkontrolle durch einen individualisierten, aber ritualisierten, privatreligiösen Lebensstil statt durch Disziplin.
Doch bloße Behauptungen von klaren Unterschieden zwischen Drogenbenutzern und Sportlern waren nicht ohne weiteres überzeugend. Schwitzend erschöpfte Raver in Radsportoutfits ließen sich nicht so leicht als abschreckende Ecstasy-User verkaufen, wenn die Volkslauf-Teilnehmer und Stadtmarathonläufer auf Bildern genauso aussahen. Die beiden von der Jugendkultur ursprünglich ausgehenden Diskurse, der Intensitätsdiskurs einerseits und der Authentizitätsdiskurs andererseits, sorgen dabei bis heute für Verwirrung und Ununterscheidbarkeiten. Der alte Authentizitätsdiskurs der Hippie-Generation („Selbstverwirklichung“) ließ sich noch relativ leicht in die alte Unterscheidung zwischen „natürlicher“ (= sportlich-disziplinarischer) Körperbenutzung und „künstlicher“ (chemischer) übersetzen, die schon immer die alte Sport-und Disziplinar-Moral kennzeichnete. Es gab noch eine Trennung zwischen richtigem und falschen Umgang. Obwohl darüber im Einzelnen Uneinigkeit bestehen konnte: Einige Initiatoren dieses Authentizitäts-Diskurses, wie Leary oder Ginsberg (und neuerdings in Techno-Kreisen Leute wie Terence McKenna) waren ja der Meinung, daß man erst durch die Droge authentisch werde, daß gerade durch (die richtige, indianische oder indische oder schamanistisch eingesetzte) Chemie, sich die wahre Menschennatur entfalte. Das aber war ein intensiver Vorgang und ob er letztlich durch seine lebenssteigernde Intensitätsdimension oder seine eher fromme, authentische Selbstfindungsdimension legitimiert war, blieb in vielen Fällen unklar.
Der Intensitätsdiskurs stand im Laufe der Zeit immer mehr und immer heterogeneren und unkontrollierbar vielen gesellschaftlichen Gruppen und Praxen zur Verfügung. Natürlich sind beide weiterhin miteinander verschränkt, aber die Konjunktur von Street- und Modesportarten einerseits (Sport übernimmt die soziale Funktion von Subkultur) und Extremsport für Manager (Sport als intensive, lebenssteigernde Drogenerfahrung zwischen Leary und Ernst Jünger) andrerseits hat zu der Verwechselbarkeit einer Drogenerfahrungssprache mit diesen neuen Intensitätsdiskursen massiv beigetragen.
Dieser Verwechselbarkeit mußte beim Sport im Allgemeinen ebenso vorgebeugt werden wie im Besonderen. Nachdem das Medien-Image des Rave-Exzeß bis ca. 1995 noch Schonzeit hatte, nicht zuletzt wegen des Interesses der werbetreibenden Industrie an dieser kompakt vorstellbaren und benennbaren Zielgruppe, die frischer aussah und sozial konturierterund anschaulicher wirkte als „Generation X“ oder „Grunge“, ist seitdem die Jagdsaison eröffnet. 1995 erschienen in Publikumszeitschriften noch Ecstasy-Guides. Heute hat die Szene und ihre Organisationsformen sozial an Bedeutung verloren und kann sortiert werden: hier das akzeptabel-lustige, Hauptstadttourismus ankurbelnde, vatertagsähnliche „Love Parade“-Segment, dort die Drogenbenutzer, die mit den üblichen Epitheta belegt werden wie Drogenbenutzer schon immer. Das mag auch damit zu tun haben, daß Ecstasy eben nicht dem kontrollgesellschaftlichen Lebensstil, sondern noch einem klassisch antidisziplinargesellschaftlichen Ursache-Wirkung-Verhalten folgt – Einpfeifen und Draufkommen. Dafür war es aber eingebunden in einen neuen Lebensstil und war darin auch Bestandteil einer Fülle von neuen selbstsorgerischen Körperpraktiken. Erst seit es sich wieder einfach als Drogennehmen alter Schule isolieren läßt, wird es einmütig geächtet.
Die Unterscheidung zwischen Disziplinar- und Kontrollgesellschaft, die ich hier, von Gilles Deleuze geprägt und in der Weiterentwicklung von Mark Terkessidis und Tom Holert, verwendet habe, ist sehr attraktiv und scheint vieles zu erklären. Sie könnte helfen, die Vorgänge als Geburtswehen der Entstehung einer Kontrollgesellschaft plausibel zu machen, in der schließlich jeder ein für sich selbst verantwortlicher Einzelkonkurrenzkämpfer sein und als allzeit fitter, frei entscheidender Funktionsträger lean organisierter Teams in zukunftsorientierten Betrieben funktionieren wird, sofern er überhaupt zu der Klasse der Arbeitsbesitzer gehört. Dann würde die Grenze nicht mehr zwischen Drogen und Sport verlaufen, sondern zwischen verantwortlichen, selbst verantwortetem Einsatz von Intensität, Disziplin, Chemie und Grenzerfahrung und eben ihrem unverantwortlichen Einsatz, der Selbstzerstörung. Sebastian Reinfeldt u. a. weisen in ihrem Buch Der Staat in den Köpfen darauf hin, daß Althussers Theorie von den ideologischen Staatsapparaten (Kirche, Schule, Medien, Rechtsprechung etc.) den von Althusser aufgeführten neun ISAs (Ideologische Staatsapparate) heute ein weiterer hinzuzufügen sei, ein Sport- und Gesundheits-ISA.
Für beides – den neuen ISA und die Kontrollgesellschaftsthese – spricht vieles. Dennoch würde ich davor warnen, die der Kontrollgesellschaft zugeschriebenen, durch „freiwillige“ Praktiken des Selbst zustandegekommene „Kontrolle der Seele“ ganz auf diese in letzter Instanz konformisierenden und unterwertenden Effekte zu reduzieren. Es ginge auch nicht darum, im Umkehrschluß weiter nur das Verschwinden der Disziplin zu feiern, sondern die neuen Praktiken von Fall zu Fall anzuschauen und nicht nur zu unterscheiden, was einer mit einem Berg-, Surf- oder auch Meskalin-Erlebnis macht. Heroin zu nehmen war ein radikaler, individueller Einspruch gegen die Disziplinargesellschaft um den Preis, die Negation der körperlichen Anrufung bis zur Negation des Körpers selbst zu treiben, ihn zu vernichten. Was dieses spirituelle Heroin sein könnte, das die kontrollierenden Effekte und Anrufungen der neuen Praktiken des Selbst negiert, ohne die Seele selbst zu töten, bleibt zu bestimmen. Und es bleibt offen, ob Negation in dem, was einstweilen Kontrollgesellschaft heißt, überhaupt die – sozusagen mathematisch – richtige Reaktion ist. Ob es nicht vielleicht auch darum gehen könnte, die Vorteile dieser Techniken des Selbst und ihre falsche Verhältnisse stützende Dimension besser auseinanderzuhalten und zu trennen. In diesem Falle wäre eher eine Strategie jenseits der Fronten bildenden Logik angezeigt.
Ein erster Text „Drogen, Techno, Sport“ wurde für eine Veranstaltung der Beute geschrieben und erschien in deren vierter Nummer. Weitere Versionen wurden von der Zeitschrift der deutschen Aids Hilfe und von Olaf Metzel für den Katalog Freizeitpark zu seiner Münchner Ausstellung von 1996 nachgedruckt. Dieser neue Text wurde 1997 für die tageszeitung geschrieben.
- Noch einmal zu erwähnen, daß bestimmte Drogenerfahrungen, speziell Erfahrungen mit Drogen-Abhängigkeit grauenhaft sind, hatte ich bei der Niederschrift der ersten Fassung für überflüssig gehalten. Es gibt aber überraschenderweise Leute, für die man noch einmal buchstabieren muß, daß diese Beschreibungen von gesellschaftlichen Effekten und Funktionen des Drogengebrauchs nicht alle anderen Effekte abstreiten. Es geht hier nur nicht in erster Linie darum, daß Sucht und Abhängigkeit entsetzlich sind. Das liegt im übrigen auch weniger an der Chemie der Substanzen, sondern an den Rahmenbedingungen, unter denen heutige Abhängige sie zu nehmen gezwungen sind. Begüterte und politisch einflußreiche Junkies können bekanntlich mit ihrer Droge ganz gut leben. ↩︎