Durch hängende Gärten

Patti Smiths neues Album Gung Ho ist eine revolutionäre Hymne auf Ho Chi Minh

Was bei der Begeisterung über die junge Patti Smith als große Frauengestalt des US-Punk vor gut zwanzig Jahren oft verloren ging, war ihre traditionelle Seite. Für Patti Smith war Punk nur eine Station der allgemeinen Rock-Revolte. Und die wiederum war nur eine Station einer langen, vor allem US-amerikanischen Bewegung, die mit einer Synthese aus libertärer Politik, freiem Vers und ekstatischen Ritualen gegen Kälte, Kapitalismus und Krieg kämpft. Seit ihrer Rückkehr ins aktive Musikgeschehen nach dem Tode ihres Mannes Fred „Sonic“ Smith und einer Ehe- und Familienpause von über 15 Jahren, wird diese Verbindung sowohl zu ihren vier frühen Platten wie auch zu einer Traditionslinie deutlich, die mindestens bei Walt Whitman anfängt. Bei der neuen, der dritten Patti-Smith-Platte seit ihrer Rückkehr geht es denn auch meistens um eine noch ältere, an Pilgerväter und Wiedertäufer erinnernde mystische Idee einer Einheit von revolutionärer Gesinnung und Poesie. Sie verschafft sich Ausdruck im hymnisch-emphatischen Beschwören des Zusammenhangs zwischen individueller poetischer Radikalität und großen gesellschaftlichen Aufbrüchen. 

Rock’n’Roll ist für sie, so hat sie öfter erklärt, das Genre, das diesen Zusammenhang zwischen einer poetischen und politischen Einsicht herstellen muss. Aus dieser Einschätzung leitet sie eine Verantwortung für die Vertreter des Genres ab, die in der Gegenwart alles andere als selbstverständlich ist. Gerade das aber versteht sie – die schon als erste, selbstbestimmte Frau der Rockkultur so modellhaft werden sollte – erneut als einen Appell, ein Modell eines Älter- und Erwachsenwerdens mit diesen Vorstellungen einer mystisch-poetischen Rock-Revolution zu entwerfen. Ein Modell, so muss man hinzufügen, das sich von dem schon bekannten darin unterscheidet, dass Älterwerden für gewöhnlich nur mit dem Abschied vom Pathos eines großen, synthetischen Rock’n’Roll verbindet. Einen Abschied, den man gerade bei jenen Leuten findet, die Patti Smith wiederum als Modelle und Vorbilder gegolten haben – wie Bob Dylan (oder auch Lou Reed). Statt aber einfach nur den Anspruch ihrer Rock’n’Roll-Philosophie eins ums andere Mal zu behaupten – womit sie im Übrigen auch keine Probleme hat –, stellt sie sich auf ihrer neuen Platte Gung Ho einer konkreten thematischen Herausforderung. Im 11-minütigen Kern- und Schlussteil der CD geht es um Ho Chi Minh. Der Song spielt sowohl auf den Namen des vietnamesischen Revolutionsführers als auch auf einen umgangsamerikanischen Ausdruck an, der so viel heißt wie: „Los jetzt!“

Patti will, so sagt sie explizit, eine neue Revolution. Das ist in Zeiten des Terrors einer schranken- und gewissenlosen Ökonomie kein ganz unsympathischer Wunsch. Doch gerade da, wo es interessant werden könnte, nämlich bei der Frage, ob der hymnische Ton sich auch der Widersprüchlichkeit einer Figur wie Ho Chi Minh öffnen kann, wird man natürlich enttäuscht. Dass es auch Leute gibt, die bei diesem Namen nur Bitteres empfinden, ist ihr zwar eine Erwähnung wert, aber eben auch nur eine. Sie klebt unverbunden am Hymnus und singt den finsteren Schatten wie eine erzwungene Fußnote mit. An anderer Stelle löst sie das Problem, sachliche und konkrete Hindernisse einer poetischen Befreiungsspiritualität aus dem Weg räumen zu müssen, im Rückgriff auf das allerbeliebteste und auch abgedroschenste 68er-Wortspiel, den Doppelsinn von Party – als Fest und Partei. Was sie dann fordert, die all-inklusive große Feier, wird zwar bewegender und anrührender vorgetragen als es die durchweg eher kitschigen Deklarationen dieser „New Party“ in gelesener Form vermuten ließen, aber das Vorrecht der Poesie, es bei vagen Andeutungen zu belassen, wird doch entschieden zu großzügig in Anspruch genommen. Vor allem stören die ewigen Naturmetaphern, mit denen Politik ins Spiel gebracht wird. Ständig wird fruchtbar gemacht, geht eine Saat auf, werden Pflanzen ausgesetzt und vergiftete Brunnen gesäubert. Wahrscheinlich braucht die Versöhnung von Politik und Poesie die Natur als metaphorischen Mittler wie die Reisfelder Nordvietnams die Bewässerungskanäle der Kollektivierung (um mich auch mal an sowas zu versuchen). Man kann Patti Smith zwar nicht direkt vorwerfen, außer Acht gelassen zu haben, was für schreckliche Erfahrungen die Menschheit mit den aus diesen Vermittlungen entstandenen Ideologien gerade in Bereichen gemacht hat, die ihr am Herzen liegen: Rassismus und Kolonialismus – schließlich preist sie Ho für seine Siege gegen die Kolonialmacht und beklagt in „Strange Messengers“ Gewalt gegen Afrikaner von den Anfängen der Sklaverei bis zu den letzten Lynchmorden. Doch ihre Naturmetaphorik ist eben vor allem ein unschuldiger Kitsch, der seinen Sinn erst bekommt in den langen, getragenen Soundgemälden, die ihre Gleichgesinnten, man müsste sagen: ihre Kommune, drumherum strickt. 

Revolution ist bei Patti Smith immer auch Familienfest und das übersetzt sich in die Besetzungsliste der Platte: Alte Getreue wie Lenny Kaye und Jay Dee Daugherty, gelegentliche Weggefährten aus musikalisch anspruchsvolleren Bereichen wie Tom Verlaine, aber auch ihre nun schon seit ein paar Jahren mitreisenden jungen Freunde bis hinein zu ihrem als Solo-Gitarristen gefeatureten Sohn Jackson Smith sind mit dabei. R.E.M.-Leader Michael Stipe, zuletzt eher außermusikalisch aktiv, singt im Hintergrund, nachdem er vor kurzem seine Fotos von Patti Smiths letzter Welttournee in renommierten Galerien ausgestellt und zu einem Buch zusammengestellt hat. Der vergessene, große Grant Hart, einst Drummer und Songwriter von Hüsker Dü, gehört neuerdings ebenfalls zur Familie und übernimmt tragende Funktionen von „Persuasion“, dem großen Plädoyer für die Wahrheit des Körpers. Ein solches Zusammenwirken mehrerer Generationen ewiger und neu gewonnener Hippies im Dienste ihrer musikalischen Befreiungsreligion ist zwar ziemlich rührend, zuweilen bewegend, oft aber auch nicht unschrecklich.

Reine Traditionspflege kann man ihr nicht vorwerfen, auch nicht den billigen Weg in den Altersskeptizismus, aber nur mit einem idealen Gesamthumanismus und dem Saatgut der Revolution lässt sich dann doch kein Feld fruchtbar machen, jedenfalls nicht dauerhaft und für kommende Generationen, wie es hier immer heißt. Der Traditionskette Whitman-Ginsberg kann sie kein neues Glied hinzufügen. Die Bitte „Give me another turn“, die Patti Smith flehend, tief und voluminös an den Weltgeist richtet, ist ihr selbst zwar durchaus schon gewährt worden. Aber der von ihr gemeinten Kultur ist schon längst der Humus unter den Füßen weggezogen worden. Oder sie ist durch Veränderungen hindurch gegangen, an die Patti Smith nicht anknüpft. Von Minderheitenkämpfen bis zu den Straßenschlachten in Seattle. Whitman und Ginsberg werden heute ja nicht nur als Proto-Hippies, sondern auch als Vorkämpfer der Schwulenbewegung rezipiert. Auf eine seltsame Weise trifft deshalb zu, was irgendein Irrer von der Plattenfirma auf einen Sticker geschrieben hat, der auf der CD-Hülle klebt: „Revolutionary, Reactionary, Contemporary“.

Patti Smith, Gung Ho (Arista/USA).

Außerdem sind jüngst zwei Biografien über Patti Smith erschienen: Nick Johnstone, Patti Smith. Die Biografie. Palmyra Verlag. Heidelberg 1999. 296 Seiten. 49,80 Mark. Sowie: Victor Bockris, Patti Smith. Die unautorisierte Biografie. Wolfgang Krüger Verlag. Frankfurt a.M.2000. 336 Seiten. 39,80 Mark