Keiner Sache konnte man sich so um 1988 so sicher sein, wie der absoluten Bedeutungslosigkeit, Unappetitlichkeit und Unwichtigkeit von sogenannter Electronic Body Music. Das war die Musik der Belgier und der Frankfurter, der Leute, die Schnauzbärte trugen und aus in Unwichtigkeit versunkenen ehemaligen Industrieorten kamen, auf eine martialische, gleichförmige elektronische Tanzmusik standen, die nicht nur langweilig, schwerfällig und ohne jede Disco- und House-Eleganz daherkam, sondern auch noch tiefsinnig sein wollte, Aussagen machen – Stachel im Fleisch und Tätowiernadel am Skrotum. Oder so. Und wenn die Protagonisten den weltläufigeren unter den heterosexuellen Musikjournalisten den Gefallen taten, wenigstens schwul zu sein, dann waren es keine glamourösen, dandyistischen, ebenfalls weltläufigen Schwulen, wie wir sie gern hatten, sondern schnauzbärtige Hartmännerdarsteller mit gepierceten Ringen aus Billigmetall in den Brustwarzen und Second-Hand-Leder am Mantafahrer-Body.
Und was soll ich euch sagen? Ein, zwei Jahre später hieß das Ding Techno, war zwar immer noch – in der deutschen Version – brachial, martialisch und eleganzlos, nun aber neu, sozial signifikant, generierte eine völlig neue Jugendkultur und war, ob man’s wollte oder nicht, eine Weile im Recht. Millionen von ebenfalls aus verfallenen Industrielöchern gekommenen Ostdeutschen und andere Ostler sorgten für die geschichtliche Legitimität, die Erdung der neuen Pop-Kultur in gesamtgesellschaftlichen und globalen Entwicklungen. Diese neue Pop-Kultur war aber mehr als nur der symptomatische Ausdruck von Makro-Politik; nämlich gleichzeitig ein Lebensgefühl für frustrierte und zukurzgekommene Provinz- und Ostjugendliche – und für von der Ambivalenz der neuen, grenzenlosen, relativ inhaltsfreien, aber eben freien Party-Endlosigkeits- und Globalfreizeitkultur attrahierte MetropolenhipsterInnen, das sich, als Lebensgefühl, ein paar Lenze in den ebenso ambivalenten und unklaren Berliner Trümmervierteln organisieren konnte. Das war eigentlich das Ende des Konzepts Hipness, dem es entging und dem die begrifflichen Mittel fehlten, um zu verstehen, wie sich unter den eigenen Augen aus dem abgestandensten Gähn-Sound mit Hilfe eines Zustroms neuartiger und zwar massenhaft neuartiger, nicht mehr elitenhaft neuartiger Leute der nächste Aufbruch entwickelte. Den man naturgemäß nicht nur schön finden konnte.
Wie sich aber Detroit mit Chemnitz und Nordbelgien kurzschloß, war eine Verbindung, die sich trotz der Beteiligung von London und Berlin und internationalen Musikzeitschriften als notwendige Relais-Stationen an der symbolischen Macht der Metropolen und ihrer Wortführer vorbeimogelte und es schließlich – wenigstens vorübergehend – schaffte, daß die von Detroit produzierte Dignität auch Leuten zuwuchs, die irgendwo dämlich in der Provinz großwerden mußten: Das war schon eine unglaubliche Sache. Wir in Köln hatten das damals überhaupt nicht geblickt.