Eddie Murphy – Der Champion

Am Anfang der Talk Show fragt Eddie erst mal nach, ob unter seinen Zuschauern auch keine Weißen, Schwulen, Juden, Chinesen oder andere Opfer seiner Witze zu finden sind. Witze über nichtschwarze Mehr- oder Minderheiten sind nun einmal sein Geschäft. Und er braucht sich auch in der Regel keine Sorgen zu machen: seine supererfolgreichen Ein-Mann-Talk-Shows in den größten Kabaretts der USA werden zu 99 % von seinesgleichen besucht, den jungen, smarten, illusionslosen Schwarzen. Alle wissen sie: black is best!

Was ist der Unterschied zwischen schwarz und weiß? Eddie weiß eine Antwort. Hinckley schießt auf Reagan. Der weiße Sicherheitsoffizier stellt sich schützend vor den Präsidenten, wirft sich in die Kugeln. Der schwarze tritt beiseite und denkt: „Fuck, shit, jetzt muß ich wieder bei meinem Vetter in der Wäscherei arbeiten.“

Es gibt noch mehr Unterschiede: „Wir haben einen längeren Schwanz als die Weißen. Die Mädchen wissen das, auch die weißen Mädchen. Noch schlimmer sind die Chinesen mit ihren Stummelschwänzen.“ Dies wird fortan Eddies Rolle sein. Der hübsche junge Schwarze, der weiß: „Ich kann mir meine Nudel vergolden lassen. Mann, war ich gut!“ (aus Nur 48 Stunden). Eddie Murphy fickt gut, das muß gar nicht erst gesagt werden, das ist klar. Wer ihn im Kino sieht, wird an eine Wahrheit erinnert, die den meisten weißen Sex-Mythen verloren gegangen ist: wer gut redet, fickt auch gut. Sexualität und Sprache als analoge Systeme, die von der gleichen Gehirnfunktion betrieben werden. Vulgärsymbole sind der lange Schwanz und die große Klappe.

Eddie ist jetzt 22 und ein großer Star. Er wird geliebt von einem Publikum, das wie der schwarze Sicherheitsoffizier sich einen Dreck um die Probleme des weißen Amerikas schert, das cool und notgedrungen mitarbeitet, aber unendlich hoch über diesen hektischen Kindsköpfen steht und in zynischer Ruhe und mit göttlichem Humor nur noch lachen kann. Damn! Shit! Fuck! Fuck und Shit, was die Weißen so treiben, aber die Eddie Murphys durchschauen es in cooler, manchmal direkt menschenfreundlicher Gelassenheit, ohne allzuviel Aufhebens davon zu machen, daß sie’s durchschauen. Nur ein paar Witze hier und dort.

Es ist dabei durchaus kein Widerspruch, daß diese Eddies gerne mit dem weißen System zusammenarbeiten, wenn es ihnen nützt. Eddie spielt in weißen Fernsehshows, ist recht oft ein Alibi-Schwarzer. Außer dem schwarz angemalten Weißen Sammy Davis Jr. ist er der einzige Schwarze, der in einer Produktion für das weiße Publikum Kino-Hauptrollen spielt.

Eddie Murphy kommt aus einer relativ heilen Familie und aus New York. Sein Vater starb als er acht war, und Eddie mag seinen Stiefvater, er sagt: „Wenn ich einmal sterbe, sollen meine Kinder auch so einen tollen Stiefvater haben.“ Komischerweise sieht der Stiefvater Eddie ähnlicher als seine Mutter. In Saturday Night Live trat Eddie als 19-Jähriger die Nachfolge des berühmten schwarzen Komikers Richard Pryor an. Die Fernsehshow aus New York, aus der Leute wie Dan Aykroyd und John Belushi hervorgegangen sind, gehört zum Besten, was menschlicher Humor zustande zu bringen befähigt ist. Eddie Murphy ist zum Beispiel ein radikaler schwarzer Dichter und trägt in einer parodierten Dick Cavett Show sein Gedicht „I Killed My Landlord“ vor, das nur aus der einen Bekenner-Zeile „Ich habe meinen Hauswirt umgebracht“ und mehreren zornigen „Yeahs“ besteht. Danach ist „Guys Talk“ und Eddie Murphy ist der „Guys Talk“-Gast Michael Jackson. Ein Moderator fragt ihn, unter männlichen Grunzlauten und allerlei schulterklopferischen Kumpelgesten, er habe gehört, Michael sei von Diana Ross entdeckt worden, ob er, höhö, er wisse schon, wie es gemeint sei, auch sie schon mal „entdeckt“ hätte, höhöhö! Und Eddie legt tuntig die Hände in den Schoß, wackelt mit den Schultern, kichert und erzählt mit Kastratenfalsett schweinöse Chauvi-Geschichten, einen Schwall von lustigen Obszönitäten.

Ein Jahr später ließen sie ihn Nur 48 Stunden drehen. An der Seite des great white Muffels Nick Nolte jagt er gezwungenermaßen eine Gangsterbande und will doch eigentlich nur Sex. In der berühmten entscheidenden Szene nimmt er als falscher schwarzer Sheriff einen Redneck-Laden auseinander: „Und nun noch einmal für die Landbevölkerung zum Mitschreiben“, leitet er seine Beschimpfungskanonade auf Hinterwäldler, Weiße, Schwule etc. ein. Auf alle, die sich mit ihm einfach nicht messen können. Das kann in diesem Film auch allenfalls Nick Nolte, mit dem er sich prügelt und der schließlich sein Freund wird, weil er so zäh und so roh ist. Die beiden sehen dann aus wie Horst Hrubesch und Jimmy Hartwig.

Im Moment läuft in den deutschen Kinos Die Glücksritter, dessen Handlung Eddie die Möglichkeit gibt, das neue schwarze Lebensgefühl amüsierter Überlegenheit beim notgedrungenen Mitmachenmüssen in verschiedenen sozialen Situationen darzustellen. Als schwarzer Topmanager sieht er haargenau so elegant geboren aus wie die vielen schwarzen Manager, die die Zeitschrift Ebony – eine Art Stern nur für Schwarze – als vorbildliche Erfolgsmenschen vorstellt. Brothers, die es geschafft haben. Als pfiffiger Schnorrer von der Straße ist er nicht mehr von denen zu unterscheiden, die in Wirklichkeit die Straßen der US-Großstädte säumen. Er sagt damit aber nicht, daß er ein tolles Verkleidungstalent ist, er sagt: in all diesen Brothers ohne Geld und Arbeit steckt ein smarter, flitziger, flinker Eddie Murphy. Und das ist irgendwie besser und moderner, auf jeden Fall präziser, als „Say it loud / I’m black and I’m proud“. Eddie ist immer pragmatisch schlau und diesseitig. Er ist ein mitfühlender Zyniker, dünn, gelenkig und jugendlich und keiner von den ernsten, alten Charismatikern, die bislang schwarze Helden abgaben: Isaac Hayes, James Brown, Martin Luther King oder Miles Davis. Er ist kein Buddhist, Christ, Black Muslim und gehört auch der Zulu Nation nicht an. Ganz und gar untranszendent.

Immer durchmogelnd, aber immer neugierig. Eddie Murphy reißt ständig die Augen auf und hält etwas nicht für möglich. Sekundenlang schweigt er mit aufgerissenen Augen in höchster Konzentration. Dann ein Wortschwall und dann wieder eine ruckartige Taekwondo-Bewegung. Eddie Murphy macht aus einer reinen Dialogszene einen Boxkampf, einen Schlagabtausch. Nick Nolte war zwar bald angeschlagen, aber er konnte immerhin noch rohe, männliche Kraft, die Vorteile des Schwergewichts gegen das gewandte Leichtgewicht Murphy ausspielen. Dan Aykroyd, sein Partner in Die Glücksritter, ist ihm nicht gewachsen.

Es geht die Legende, Rap sei entstanden aus dem Spiel „Signifyin“, einem Spiel New Yorker Straßenkids, bei dem es darum gegangen sei, den Gegner nur durch Worte, möglichst durch Reime, zum Weinen zu bringen, den verbalen k.o. Und so wie beim Boxen die Schwarzen seit 50 Jahren unangefochten regieren, hat auch Eddie Murphy keinen weißen Gegner mehr zu fürchten, weder Woody Allen noch Gisela Schlüter.