Daß in diesem Film von Cosima von Bonin ihr Galerist einen Pfarrer spielt und seine Künstler seine Magd, seine Gemeinde oder die Regisseurin des Films verkörpern, wäre an sich nicht wirklich kunstsoziologisch relevant, wenn das nicht unter Zuhilfenahme einer Form geschähe, die wie keine andere in der deutschen Kultur sich geeignet gezeigt hatte, die angemaßte falsche Universalität kleinbürgerlicher Lebensverhältnisse als Allegorien allgemein menschlicher Ausweglosigkeit anzunehmen wie zu überwinden. Von Brecht bis Fassbinder, von Valentin bis Achternbusch galt das bayerische Bauerntheater dem Marxisten wie dem Absurdisten als eine Institution, wo der kleinbürgerliche Universalismus zwischen seinen eigenen Aporien und dem folkloristisch-bäuerlichen Vitalismus zerrissen wurde, dem er gerade entronnen zu sein vermeinte. Obwohl dessen Klischees und „Wahrheiten“ nicht nur intakt blieben, sondern in einer Weise gesteigert und verliebt verrissen werden mußten, um die Lage einer Klasse plastisch zu machen, die nirgendwo hingehört und sich daher für alles zuständig fühlt: das Kleinbürgertum.
Nichts ahmt heutzutage die aus bäuerlichen zu kleinbürgerlichen Verhältnissen „aufgestiegene“ Familie mit mehr Inbrunst und sich selbst unklarem Fanatismus nach als die zeitgenössische Avantgarde-Galerie. Die Konkurrenz unter den privilegierten Wahrheitsproduzenten im Kunstbetrieb entspricht immer noch und jetzt erst recht eher der Konkurrenz unter Handwerksbetrieben, kleinen Manufakturen und größeren Höfen als den in diesem Zusammenhang immer ziemlich hilflos angerufenen Verhältnissen wie „Kulturindustrie“ oder „Spektakel“. Die Kritiker und Diskursproduzenten des Kunstbetriebes ähneln auf frappante Weise lokalen Honoratioren und deren institutionellen Hintergründen (Zwergschule, Kirche, Rathaus), das Sich-Hingezogenfühlen zu Stammtischen in „urigen“ Lokalen spiegelt den eben aus dem agrarischen Schmutz (Ölfarbe) hervorgekrochenen Charakter der Produktionsweisen im Kunstbetrieb, ihrer dörflichen Überschaubarkeit. Nicht umsonst nennen Bildende Künstler die städtischen Gegenden, in denen sie sich wohlfühlen, immer wieder „Village“.
Die nicht näher thematisierte „Wallfahrt“, von der in Cosima von Bonins Film unaufhörlich die Rede ist, entspricht vermutlich der documenta oder anderen Großereignissen, deren Veranstalter und „Kuratoren“ sich ja auch mehr und mehr benehmen wie bessere Pfaffen.