Ein Disco-Bauhaus – Erinnerung an Bernard Edwards

Der bekannteste Baßlauf aller Zeiten. Möglicherweise ein Baßlauf, der nicht nur bekannt ist, sondern Beginn und Ende aller möglichen Produktionsweisen von Musik markiert. Wie dem auch immer sei: Sein Urheber – auch wenn Autorschaft im nachhinein gerade durch die Verwender und Erben dieses Baßlaufs einen anderen Status erhielt – ist tot. Bernard Edwards starb 43-jährig völlig überraschend 1996 in einem Hotelzimmer in Tokio.

Chic, deren eine Hälfte Edwards war, haben Musik wie Architektur, wie etwas Bewohnbares, Benutzbares, Gestaltbares behandelt – ohne deren Fluß wirklich erstarren zu lassen – und damit für die heute natürlich weitaus radikaler vorgehende Dancefloor- und Ambient-Ästhetik gegen Narrativität und Inhaltlichkeit den Boden bereitet. Chic wurden von der Rock-Seite als angepaßte und Lifestyle-Musik verabscheut, von der anderen Seite als transgressive Hedonisten und Auflöser von macho-subjektivistischer Sinn-Musik verstanden. Heute muß man wohl vor allem betonen, daß es ihnen überhaupt gelungen ist, individualistisch und expressiv geprägte Pop-Musik als wohnlich, als über Repetition, Klangfarben, „Sound-Design“ funktionsfähig, als transsubjektiv und struktural zu etablieren.

Dabei gibt es die konkreten Wirkungen und Zeugen an ihrem Wegesrand natürlich auch: Als sie die ersten beiden Chic- und Sister-Sledge-Alben mit der bis dato erhabensten, offensten, Himmel und Horizonte aufreißenden Tanzmusik vorstellten – Chic war die eigene Band, Sister Sledge die mit Kompositionen und Produktion versorgte fremde Gruppe (die später zu ihrem Schaden mit anderen arbeitete) –, war das gleichzeitig die Geburtsstunde des Markenbewußtseins: Zur Designer-Namen-Hommage in „He’s The Greatest Dancer“ („Halston! Gucci! Fiorucci!“) schrien Millionen von Poppern, aber auch Transen und Proto-Voguer aus einer Kehle: „Fiorucci!“

Mit der dritten LP, Good Times (1979), und ihrem Titelsong kam der bekannteste Baßlauf aller Zeiten auf die Welt. Überhaupt, was für ein Ereignis: ein Baßlauf, der als solcher Prominenz erreicht! Es brauchte ein weiteres Jahrzehnt, bis das in der fragmentierten Sample-Welt von heute, wo Millionen gelernt haben, in Takten, Figuren, Morphemen und anderen kleineren, oft auch nichtsprachähnlichen Einheiten zu denken, gang und gäbe wurde.

Der Baßlauf am Grunde von „Good Times“ fand zunächst Verwendung in dem ersten Rap-Hit aller Zeiten, „Rapper’s Delight“ von der Sugarhill Gang, im ersten auf Schallplatte festgehaltenen „Megamix“ und überhaupt Dokument von DJ-Kunst, nämlich in Grandmaster Flashs The Adventures Of Grandmaster Flash On The Wheels Of Steel und wurde schließlich auch von Queen für „Another One Bites The Dust“ leicht abgewandelt geklaut.

Zehn Jahre später saß ich mal mit einigen Leuten für ein Kunstprojekt in einem Studio. Wir sampelten, spaßeshalber, dieses Vorbild aller Samples, jenen Baßlauf eben, und bauten ein Stück drumherum. Wir hatten den freistehenden Baßlauf natürlich aus dem Intro entnommen. Dann ging das Sample verloren, und wir holten uns denselben Baßlauf aus einem freistehenden Teil im hinteren Teil des Stücks (aus lässiger Rückspul-Faulheit), schon davon ausgehend, daß der unmöglich in unser schon fertiges Arrangement passen würde. Jedoch: Der Lauf war auf die Nanosekunde gleich lang. Das muß man sich vorstellen, acht Minuten später spiele ich einen komplexen Baßlauf auf die Nanosekunde gleich schnell. Das widersprach jedem Unzulänglichkeits- und Menschlichkeitsideal von Musikern, obwohl es doch eigentlich nur bewies, daß, wenn ein Mensch die innere und äußere Freiheit besitzt, besonders abstrakt und relaxt zu grooven, dieser eben präziser wird als eine Maschine.

Edwards sah immer ziemlich glücklich aus bei der Ausführung seiner sehr perfekten Musik. Ihr Höhepunkt – künstlerisch wie kommerziell – war wahrscheinlich die Produktion und Komposition von Diana Ross’ Diana mit u. a. „Upside Down“ – „upside down you’re turning me, you’re doing that distinctively“. Wohl wahr. Very distinctively. Projekte seines Kumpels Nile Rodgers nahmen während der 80er zu, von ihm selbst hörte man weniger, obwohl er solo nach meinem Dafürhalten besser war. Beide erreichten den Standard der ersten vier Chic, der ersten beiden Sister Sledge und der Diana nie wieder. Auch nicht mit Bowie, Debbie Harry, diversen Chic-Reunions und anderen Projekten. Sie verloren nicht ihre Entspanntheit und ihre Eleganz, aber sie hatten irgendwann aufgehört, die „Chic Organization“ zu sein, so was wie das Bauhaus, die Ulmer Gestaltung oder Bang & Olufsen, ein wider alle Logik und wider besseres Wissen funktionierender Funktionalismus, eine nichtrepressive Subjektüberwindung, eine Plattenbausiedlung oder Trabantenstadt von Gucci und Fiorucci. These were the Good Times.