Man muss sich RTL 2 als Jugendkultur vorstellen. Das fällt schwer, weil viele auf den drastisch vulgären Sexismus und den Mantafahrer-Humor vor allem mit Klassendünkel reagieren: ein Proletensender. Ja, schon, aber einer für die dezidiert junge Unterschicht – Leute, die zwar arm sind, aber immer für Impulskäufe und Spontanverschuldung zu haben.
Früher war man entweder jung oder arm und ungebildet. In gewisser Weise war das eine die akzeptablere Version des anderen. Heute steht der junge Proll im Zentrum seiner eigenen Kultur, und die deutsche Version davon leitet der RTL-2-Casting-Pop, also die Bands „No Angels“ und seit kurzem ihr Nachfolger „Bro’Sis“. Diese stehen für eine komplett neue Synthese zentraler klassischer Pop-Musikmodelle. Sie formulieren – deutlicher noch, als Big Brother es je konnte – die proletarische Version der neoliberalen Arbeitsethik: Die Arbeit an Dir selbst ist ein Fulltime-Knochenjob, but someone’s got to do it. Wenn Du es im Konkurrenzkampf schaffen willst, musst Du ein geiles Ego durch die Welt tragen und ausstellen oder Du bleibst ein armes Scheißerchen.
Wettbewerbe und Wettkämpfe haben ja allenthalben Konjunktur im Fernsehen. Die einen schleppen Bildungswissen auf Sci-Fi-Stühle, die anderen Coolness-Kenntnisse in die ewig scheußliche, zeitlose Flashdance– und Fame-Atmosphäre von Popstars. Spezielle Aufnahme-Prüfungen und andere menschenfeindliche Prozeduren, die die immer schon falsche, beruhigende Gewissheit verkaufen sollen, dass, wer sich nur anstrenge, es schaffe – das sieht man immer öfter, neuerdings aber immer erweitert um das Lob der Teamfähigkeit. In der total entfesselten Konkurrenz überlebt – und gewinnt – nur, wer sich scheinparadoxerweise ins Team einfügen kann. Naheliegend, dass diese in Unterhaltungs-Shows angewandte Managementtheorie nun auch auf die mythische Form des Teams zurückgreift: die Band.
Die Stars der Pop-Musik haben schon immer ihr Künstlerleben der Fabrikation von Fiktionen zur Verfügung gestellt. Anders als Schauspieler trugen sie dabei aber dieselben Namen wie echte Mitglieder der britischen Musikergewerkschaft – John, Paul, George und Ringo etwa. Die Beatles gab es nicht nur in den Richard-Lester-Filmen, die die Einheit „Band“ als neuen Mythos kultureller Produktion begründeten, sondern in den USA sogar als Zeichentrickfilmserie, die Familien-Soap-artig fiktive Abenteuer der echten Beatles aneinander reihte.
Lustig falsch geschriebene Tiernamen blieben die Regel. Mit den Monkees erweiterte der Avantgarde-Filmer Bob Rafelson die Idee von Richard Lester, fiktives Bandleben von echten Menschen mit Klarnamen darstellen zu lassen. Er erfand die ganze Band und castete die Musiker nach schauspielerischen, nicht nach musikalischen Fähigkeiten. Typische Ironie der Pop-Geschichte: Zwei von ihnen wurden später begabte Instrumentalisten, Mike Nesmith sogar zu einem sehr seriösen und ökologisch politisierten Autor postmodern funkelnder Balladen, die auf Alben mit Titeln wie From A Radio Engine To The Photon Wing erschienen.
Der klassische Spießereinwand, Pop-Musiker seien musikalisch und technisch inkompetent, Nichtskönner, die nur gut aussehen, spaltete die Produktion von Bandmythen in zwei Versionen: zum einen den protestantisch-arbeitsethischen Rock-Dokumentarfilm der 70er, der echte Männer bei harter Arbeit an Groupies und Gitarren porträtierte. Zum anderen die offensive und ostentative Arbeit am Mythos und an der Fiktion, wie sie ein David Bowie vertrat. Gegen den Spießer wandte man – zurecht – ein, dass es um Musik und musikalische Fähigkeiten nicht gehe, sondern um coole Attitudes und lässige Haltungen, um Lebensmodelle jenseits einer Welt des Fleißes. Einschließlich des Fleißes an der Gitarre. Mit Punk wurde diese Einsicht zur Form.
Eine intelligente Synthese aus Handwerkerideologie und gegenkulturellen Narzissmen zeichnete sich kurz ab, als selbstreflexive und kritische Pop-Musiker sich in den identitätswechselfreudigen 80ern darüber Gedanken machten, dass auch die Image-Produktion eine (kulturindustrielle) Arbeit ist. Eine angewachsene Aufgeklärtheit über Kulturproduktionen infizierte bis in die 90er ansatzweise sogar den Mainstream.
Die ungute Synthese aus fordistischer Arbeitsdisziplin und postmoderner Identitätsstiftung stellen nun die Casting-Doku-Band-Soaps von RTL 2 dar. Hier geht es darum, in einem gnadenlosen Wettbewerb (in dem allerdings alle die Disziplin aufbringen, noch im Zustand kompletter Demontage und Demütigung nach verpatzter Tanzeinlage unglaublich lieb zu den Konkurrenten zu sein) stählerne Attitudes zu schmieden. Tanzschritte und Tätowierungen, Breakbeats und Vokalharmonien, die aus dem Steinbruch schwarzer Pop-Musik der letzten zehn bis zwanzig Jahre herausgebrochen wurden, müssen von den durchweg physisch mopsfitten und gewinnend grinsenden jungen Menschen mit gnadenloser Gewissenhaftigkeit erlernt werden.
Alles, was sich irgendwann Künstler der Gattungen Hip-Hop und R&B ausgedacht haben, um einem Zwang zu entgehen oder einem Zwang zu widersprechen, wird jetzt als Zwang verhängt. Jedes locker choreografierte Nein zu Disziplin und Unterwerfung kehrt als fixiertes Element einer Disziplin zurück, der man sich zu unterwerfen hat, um im ständig präsenten Wettkampf zu bestehen. Die Fremdbestimmung ist zum Konzept geworden und wird als interaktive Partizipation des Zuschauers verkauft. Der wählt per Netzabstimmung den Namen aus, und die Band bedankt sich „spontan“ für seine Befehle.
Anders als bei Big Brother, wo die authentizistische Ideologie der Sendung, verkörpert durch Zurufe und Transparente der Zuschauer, in dem Imperativ gipfelte, sich nicht zu verstellen, geht es hier darum, ein Kunstwesen darzustellen, das aber dem eigenen „Typ“ entspricht. Das Verhältnis zwischen dieser eigenen Dimension („Typ“) und dem Kunstwesen, das es mit den Vorbildern aufnehmen kann, wird durch die Idee von harter und entbehrungsreicher Arbeit geregelt, die man die meiste Zeit zu sehen bekommt. Sexyness? Ja, aber dafür musst Du ackern. Pop-Musik als Disziplin.
So weit, so kulturpessimistisch. Seltsam ist aber, dass man sich das Ganze angucken kann – und nicht nur aus den üblichen exotistischen Gründen. Nicht nur aus der sattsam bekannten bösen Amüsiertheit über anderer Leute Elend. Wer so verzweifelt oder naiv ist, so hemmungslos oder schimmerlos, in dieser Verhöhnungsshow mitzumachen und mit der Brechstange ein sexy Typ sein will, kann nicht ganz ohne Unterhaltungswert sein. Ja, im Zusammenhang mit der gelegentlich noch brutalste Dekontextualisierungen überlebenden R&B-Musik hat auch dieser Wahnsinn seine freiwillig-unfreiwillig großen Momente. Der Genuss daran operiert aber meist mit Distanzierungen – er ähnelt dem Spaß, den man bei einer Minstrelshow im 19. Jahrhundert hatte, wo schwarze und schwarz geschminkte weiße Performer für ein weißes Publikum das Stereotyp vom lustigen Neger aufführten. Dieser Spaß ist bei allen RTL-2-Produkten – neben den für die Kernzielgruppe gedachten Erlebnisformen – ebenso vorgesehen wie vor ein paar Jahren beim Guildo-Horn-Kult: Man verlegt die großen Emotionen, die vom Soul bekannten Erschütterungen, die man sich nicht leisten kann und will, in eine Zone der Idiotie, an der man amüsiert, aber gefahrlos teilnehmen kann, während die Jüngeren und die Loser wirklich daran glauben.