Es könnte ja sein, dass es Gott doch gibt

Die wenigen Integritätsbewahrungstechniken, die dem Bildenden Künstler zur Verfügung stehen, nehmen stetig ab; wollen wir nachsehen, wie es mit der alten Nummer ist, gar kein Künstler zu sein? Oder ein Autodidakt?

Nein, daran hatte ich eigentlich nicht gedacht. Ich könnte wieder argumentieren, daß Leute, die mir persönlich bekannt sind, immer auch die integersten seien, weil ich das eben aus sogenannten menschlichen Zusammenhängen weiß und das so Gewußte noch immer irgendwie an der Produktion bestätigt finden kann. Wäre Bömmels aus dem Bauch der inneren Verfeinerung und der Bildenden Spätkunst gekrochen gekommen, hätte er wahrscheinlich auch die nur zu verständlichen Sauberkeitsprobleme der Marcel-Broodthaers-Schule, die keinen anderen Schluß lassen, als sich immer feinere Rückzüge und immer raffinierteres Verschwinden auszudenken, neue Wege zum anständigsten Nichts, worüber sich lustig zu machen völlig falsch wäre. Ich bin ein Bauer gegen solche Leute, ich bin erst in der zweiten Generation dabei und habe noch andere Probleme. Mich interessieren allerdings nur Leute, die in einer prinzipiell ähnlichen Lage sind, wie ich selber. Die Spaß daran haben (oder unsicher und feige genug sind), dem Feind für den Fall, daß er eventuell doch recht hat, zu beweisen, daß sie auch nach seinen Kriterien reüssieren würden. Als ich mein Studium begann, geschah das aus exakt diesen Motiven: Natürlich können mir die Bildungsanstalten des Bürgerlichen Staates nur das Wissen des Bürgerlichen Staates oktroyieren, mich auf welche subtile Weise auch immer zwingen, mein besseres alternatives Wissen zu verlieren, meine Kampftechniken zu verlernen. Andererseits will ich mir und allen Eltern und Über-Ichs in mir doch beweisen, daß meine Empörung als Kämpfer mit dem gleichen Applaus und entsprechender Liebe beantwortet gehört wie eine bürgerliche Karriere, weswegen ich zeigen muß, daß ich zu der rein theoretisch in der Lage wäre. Ich schätze mal, daß Bömmels zur Malerei gekommen ist, wie ich zur Universität (oder zur Literatur: um den Feind nicht nur zu beschießen, sondern auch zu beschwatzen).

Oder auch: Ein Idiot, wem sein jeweiliger Underground groß genug ist, um nicht nach anderen Formen von Wirkung Ausschau halten zu müssen. Ein Schwein indes, wer einmal einen anderen Wirkungskreis entdeckt und, darin erfolgreich, die ethischen Verpflichtungen, die ihm sein besseres Wissen und seine diversen geschworenen Eide als Mitglied des Underground einbringen, leichtfertig aufgibt.

So weit etwa die rudimentärsten Vorstellungen, unreflektiertesten, untersten Selbstverständnis-Problemschichten, die Bömmels als Bildender Künstler und ich als Schriftsteller, was wir ja beide nicht immer gewesen sind, gemeinsam haben dürften. Wenn man mit Bömmels über Bilder redet, redet man nur über Inhalte; Leute, die über seine Bilder reden, reden über Psychologie und Mentalität. Das ist ganz komisch und für mich faszinierend: Der unbedingte politische Wille wird zum psychologischen Problem, nicht zum künstlerischen; denn der Weg, den der Künstler aus der Kunst heraus zur Gesellschaft gehen will, macht eine Tür auf, die seinen Zuschauern den Weg auch in umgekehrte Richtung ermöglicht.

Andererseits ist man ja nie ein Künstler gewesen, sondern wollte immer nur cool sein und dann etwas tun, was man tun kann, wenn man coole Musik hört. Hier bietet sich Malen an; fast zwangsläufig wird zum Maler, wer gerne coole Musik hört. Gut, man war auch nie ein Poser, Bömmels hat sich ja immer nach dem Malen umgezogen, bevor er in die Kneipe zum Predigen ging (alles Weitere dazu steht in einem Aufsatz zu Bömmels von Clara Drechsler). Bömmels war sogar so wenig Poser, früher, daß ich mich immer fragte, warum er überhaupt Künstler geworden ist. Dann sah ich, daß seine Predigten kein Ende kannten, nicht weil ihr Inhalt unendlich gewesen wäre, sondern weil sie immer auf offene Fragen zusteuerten, gerade die Abgeschlossenheit eines Themas offensichtlich nicht ertragen konnten. Bömmels fühlt sich nur wohl im Problematischen, auch und gerade auf Redaktionssitzungen bei Spex. Auch insofern, als so eindeutige Parodien künstlerischer Irrsinnsgeschmacksentscheidungen wie seine komischen Materialien jetzt nicht das sein sollen, was alle Wolkenkratzer-Lesertypen sofort darin sehen müssen, sondern offene Stellen; das Material ist weder Hip-Referenz, noch das Allerirrsinnigste oder Ekel-Kunst, sondern offene Stelle. Und zwar die offene Stelle, die für Bömmels jetzt der Eingang in die Kunst ist, also eine andere als die (der Bildinhalt), wo er selber das Soziale anpeilt, und das Soziale stattdessen ankommt und seine Psyche sich einverleibt. Das ist für alle Seiten okay.

Fragen (jetzt kommt eine ultraherbe Formulierung, aber die muß jetzt hierhin): ein Protest gegen die Polizeistunden des Denkens. Das Problem an Katalogtexten ist normalerweise, daß der Autor ins Reden kommt, und das, was er sagt, trifft im Prinzip auf jeden Menschen und jeden Künstler zu. Man kann sich zwar davor schützen, indem man gut schreibt (man kann es nicht, indem man von Kunstgeschichte redet; was nicht wissenschaftskritisch gemeint ist, sondern nur vom immer wieder neu überraschten Entsetzen über die Beliebigkeit der Kunstgeschichtler oder des Kunstgeschichtsfasel – für das die echten KGler vielleicht gar nichts können – in Katalogtexten sprechen soll), aber man kann auch davon lernen, indem man nach dem Punkt sucht, wo diese Rede jenseits von ihren Loyalitäts- und Aufrichtigkeitsbeweiszwängen, die sie auch in siebter Brechung noch immer mit sich herumschleppen muß, die Tür aufreißt: Ich finde die Bilder von Bömmels im Prinzip total vertraut und häßlich, in dem Sinne, daß sie mir gefallen als genau das, was ich an seiner Stelle auch machen würde, wenn ich es könnte. Dann aber weichen sie von all dem, was ich eben gesagt habe – und das für mich heißt, nichts Neues, aber etwas, das richtig und ehrenwert ist – immer wieder ab, um Nuancen, die ich abwechselnd für Sentimentalität, Verrat, Zwangsneurose und Geschmacklosigkeit halte, bis mir immer wieder klar wird, daß das der Mut ist, den Bömmels hat, bzw. der sich – wie auch immer in seine Bilder gelangt – über jeden künstlerischen Kram wie Techniken, Materialien und Bildfindungen hinweg für mich plötzlich offenbart, der ich an Bildern um der Bilder willen nie so interessiert war, immer aber an Bildender Kunst, weil da das Unverschämte, Moralische und Unglaubliche aller Künste so unglaublich nackt und unverschämt deutlich wird. Hier fällt mir noch Baudelaire ein, der Peter Bömmels gekannt hat:

Es war einmal ein deutscher Bauersmann. Der suchte einen Maler auf und sagte zu ihm: Mein Herr Maler, ich möchte, dass Ihr mein Bildnis macht. Ihr müsst mich also darstellen, am Haupteingang zu meinem Hof, in dem grossen Lehnstuhl sitzend, den ich von meinem Vater habe. Neben mich malt Ihr meine Frau mit ihrer Kunkel. Dahinter meine Töchter, wie sie kommen und gehen und die gemeinsame Abendmahlzeit richten. Auf der grossen Straße links kommen die von meinen Söhnen daher, die vom Feld heimkehren, nachdem sie das Vieh in den Stall geführt haben. Die anderen bringen mit meinen Enkeln die beladenen Heuwagen ein. Während ich dabei zuschaue, vergesst nicht, ich bitte Euch, die Rauchkringel meiner Pfeife, durch die die untergehende Sonne scheint. Ich möchte auch, dass man das Läuten des Angelus vom benachbarten Kirchturm hört. Dort sind wir getraut worden, Eltern und Kinder. Wichtig ist auch, dass Ihr das befriedigte Gesicht malt, das ich mache, während ich meine Familie und zugleich meinen durch die tägliche Arbeit wieder gewachsenen Wohlstand betrachte! Ein Hoch diesem Bauersmann! Ohne etwas davon zu wissen, verstand er die Malerei.

Doch das kann nicht sein, denn dies wäre auch mein Auftrag, und ich weiß genau, daß ich von Malerei nichts verstehe, nur weiß, daß ihre erbberechtigten Kinder ihre Verflüchtigung beschlossen haben, bevor sie sich in anbiedernde Staatskunst auflöst. Bauern, Baudelaire, Bömmels und ich können aus den unterschiedlichsten Gründen auf dem Recht des 19. Jahrhunderts bestehen, ohne auf Zeitgenossenschaft zu verzichten, das Unrecht des 21. Jahrhunderts zu bekämpfen.