Falsche Gegner, falsche Freunde

Sie gleicht mehr ihren Vorgängerinnen, als die öffentliche Diskussion wahrnehmen will und den Punkt, an dem sie wirklich originell ist, will auch niemand wahrnehmen: Diedrich Diederichsen hat sich die documenta X angesehen.

Zunächst hatte ich mir fest vorgenommen, diese documenta zu lieben. Nicht nur wegen des besten Logos aller Zeiten: Die Verrisse hatten so eindeutig und einstimmig Eigenschaften benannt, die ich mir nur als Stärken vorstellen konnte (zu viel Konzept, zu viel Theorie, zu unsinnlich, zu politisch, zu intellektuell). Die aggressive Ablehnungsfront gegen die französische Kuratorin reichte flächendeckend von F.J. Raddatz (Zeit-Magazin) bis Rainald Goetz (Zeit-Magazin), von Wolfgang Kemp (Zeit) bis Henning Ritter (FAZ) und Stefan Huber (FAZ), von gewöhnlichen PC-Bekämpfern über Leute, die sich an dem Postulat wärmen, daß es bei einer Kunst-Ausstellung doch auch etwas zu sehen geben müsse, bis hin zu den von jeder documenta und vergleichbaren Veranstaltungen bekannten Stimmen, die entweder immer finden, daß didaktisch aufgebaute Großausstellungen mit Führungen und Material sinnlos und/oder Verrat sind – oder daß trotz allem Material, Führungen und flächendeckendster Berichterstattung alles elitär und unverständlich ist. Das durfte eigentlich nicht unwidersprochen bleiben, unabhängig davon, was die documenta wirklich zu bieten hat.

Nun kann man normalerweise davon ausgehen, daß die Leute noch so einen Schmonzes von sich geben können: Etwas ist immer dran an dem, was so ein Batzen Gleichgesinnter gemeinsam denkt. Doch mitnichten. Am überraschendsten (und zum Teil auch enttäuschendsten) ist eher die Ähnlichkeit dieser documenta zu all ihren Vorgängern. Nirgendwo war zu sehen, was an der dX „theorielastig“ sein sollte. Nicht eine einzige Arbeit verwies auf einen theoretischen Zusammenhang, der sich nicht aus der Arbeit und einigen wenigen Hintergrundinfos erschloß. Im Zweifelsfall wurden die pro Raum ohnehin dreifach bis vierfach vertretenen Führungen nie müde, auch diese Infos nochmal sachkundig und unüberhörbar zu referieren. Selbst erklärte und notorische Konzeptualisten ältester und härtester Schule wie Art & Language verzichteten nicht darauf, ihre Arbeit zunächst einmal ganz bestrickend hübsch aussehen zu lassen. Von den Vertreterinnen des neueren Konzeptualismus der 90er Jahre und dem, was Peter Weibel und andere immer Kontext-Kunst nennen, war so gut wie niemand vertreten. Einer der wenigen, Christian Philipp Müller, ließ wiederum seine „Intervention“, Seiltanz über den Erdkilometer, ins Niedliche und Liebliche lappen. Und „unsinnlich“, was sogar Hans Haacke fand? Der einzige Beitrag, der nicht in die üblichen, mit Sinnesdaten bestückten Gattungen investierte (bewegte Bilder, Tafelbilder, dreidimensionale künstlerische Installation), war ausgerechnet der rechtsradikale HJ Syberberg, dessen „Cave Of Memory“ tatsächlich aussah wie linksradikale Info-Ästhetik Berliner Prägung. Der Skandal, Syberberg einzuladen – der noch schlimmer dadurch wird, daß ein völlig außer Rand und Band geratener Philippe Lacoue-Labarthe ihn im „Documenta-Buch“ als den einzigen rechtfertigt, der den Zusammenhang zwischen Romantik und Nazis erkannt habe (mein lieber Herr Franzose!) und den die Deutschen nun verfolgten – verwandelt sich dann in die willkommene Lehre, daß ästhetische Abrüstung nicht länger als Signum linker Ästhetik gelten kann. Gottseidank. Der Rest war sinnlich wie eh und je – vielleicht nicht als Überrumpelungs- und Überwältigungsästhetik mit Großformaten und abgedunkelten Disneyland-Geisterbahnen, aber von ostentativem Verzicht auf Sinnesdaten. Von Leere, reinem Konzept, Stille und Minimalien war dieser Parcours so weit entfernt wie es ein Spektakel nur sein kann, über das sich täglich Tausende diskutierend und ohne Ermüdungserscheinungen wälzen, die mit ihren Kindern vergnügt in interaktive Dan-Graham-Installationen winken.

Und „politisch“? Weder im Inhalt noch in der Auswahl der ProtagonistInnen. Kein übermäßig erhöhter Frauenanteil, homöopathische Dosen Dritte-Welt-Kunst wie eh und je. Höchstens die Old-School-Sozialpolitik der reichlich vertretenen sozial-realistischen Doku-Fotografie sendete an manchen Ecken einige Zeichen der Politizität aus. Vor allem fehlte die Kunst, die in letzter Zeit für einschlägige Debatten über Grenzen von Ästhetik und Intervention gesorgt hat, von Sue Williams bis zu den Bemühungen der Züricher Shedhalle, von den zur Zeit weltweit neuen Verfolgungen ausgesetzten Graffiti-KünstlerInnen bis zur Innenstadtaktion und ihren weltweiten Geschwistern. Dat bisken Postkolonialismus ging dann eher in der allgemeinen Sinnlichkeit unter – zumal Catherine Davids Liebe zu Brasilien als dem Land, das angeblich eine Alternative zu anderer Leute Multikulturalismus zu bieten habe, ausgerechnet Lygia Clark als Vertreterin in die dX geweht hat, deren Körperkunst eher sehr konventionellen und essentialistischen Annahmen schmeichelt.

Das Besondere an dieser documenta war nicht die Repräsentation zeitgenössischer künstlerischer Positionen, darin ist sie allenfalls mittelprächtig, sondern ihre zutreffende Behauptung, die 90er Jahre der Kunst seien erstens durch bestimmte Diskussionen eher geprägt als durch bestimmte Bilder (diese Behauptung stellt allerdings nicht so sehr die Ausstellung auf, sondern ihr Rahmenprogramm aus Vorträgen sowie das dX-Buch) – und zweitens der Versuch, aus der weitgehend zutreffenden Benennung dieser Diskussionen (ebenfalls vorwiegend in der Auswahl der Vortragenden und Beitragenden) einen größeren Zusammenhang aufzubauen.

Hier ist wirklich auf das Buch zu verweisen, ohne das man das Konzept der Ausstellung tatsächlich nicht versteht. Auch die Rezensionen informieren über diesen Zusammenhang außer durch antiintellektuelles Gebell eher nicht. Neben dem in diesem Buch von Urbanisten und Architekten vertretenen Schwerpunkt Stadtplanung/Globalisierung, den durch ein Spivak-Interview repräsentierten Postkolonialismus, den durch Mike Kelley vertretenen Schwerpunkt Punk/Pop/Subkultur und die unübersehbar ausgewiesenen Theorie-Wurzeln Adorno, Gramsci und Psychoanalyse steht im Mittelpunkt dieser tonnenschweren Publikation ein ebenso massives Interview mit dem deutschen Kunsthistoriker Benjamin H.D. Buchloh. Dessen intellektuelle Biographie ist tatsächlich der geheime Schlüssel zu dem Teil der documenta-Ausstellung, der diese von anderen unterscheidet. Nicht umsonst ist das der historische Teil.

Das Friedericianum hat gleich die beiden alles entscheidenden Haupträume, links und rechts vom Eingang, den beiden von Buchloh immer wieder als zentrale End-, Haupt- und Schlüsselwerke der Moderne beschriebenen Großarbeiten gewidmet – Gerhard Richters „Atlas“-Projekt und „Musée d’Aigles“ von Marcel Broodthaers. Weitere historische Projekte (darunter die „politische“ Fotografie des vielen nur als Situationismus-Dokumentaristen bekannten Ed van der Elsken, die Architektur von Archigram und anderen Gruppen, von Aldo van Eyck und die massive Präsenz von Dan Graham und Art & Language) sind mit sehr viel Feingefühl ausgewählte Verbindungsstücke zu in der Tat genau dem, was in den 90er Jahren weltweit von KünstlerInnen diskutiert wurde, deren dabei entstandene Arbeiten möglicherweise gar nicht die Prägnanz haben, wie die apropos geführten Debatten.

In diesem Punkt stimmt also die Kritik (die ich als Lob lese), die documenta stelle Debatten aus. Ja, und das ist wohl trefflich gelungen. Entlang der Achse Broodthaers – Buchloh und der Wiederentdeckung ihrer Umgebung ist seit den frühen 90er Jahren versucht worden, Politizität und ein hohes ästhetisches Reflexionsniveau im Vorfeld von dem, was später leider Kontext-Kunst heißen mußte, zu rekonstruieren. Nur die Linie Mike Kelley – Öyvind Fahlström stellte die einzige akzeptable Debatten-Alternative – nicht von der durch Adorno, Psychoanalyse und Foucault hindurchgegangenen Verzweiflung, sondern von der durch Counter-Culture, Anti-Vietnam-Bewegung und Punk-Rock hindurchgegangenen Jugendkultur aus führe ein Weg zu den zeitgenössischen Fragestellungen.

Nicht allein die Repräsentation der, wenn auch nur über Bücher und Kataloge vollständig erschließbaren Theorielinien gehört zu den Aktivposten der documenta (wobei andere, mindestens ebenso wichtige Debatten fehlen: Situationismus, PC, Feminismus, Identitätspolitik). Die Orientierung an einer einmaligen und merkwürdigen Biographie wie der Buchlohs, der Deutschland in den 70er Jahren für einen Job in Kanada verläßt, aber in dem Bewußtsein, wegen Stammheim ins Exil gegangen zu sein, ist ein guter, origineller und auch für die 90er Jahre typischer Ausgangspunkt für die Zusammenführung verschiedener Linien. Die radikale Kontingenz und das absolut Objektive und Charakteristische fügen sich in einer Biographie, die nicht die eigene ist, ideal zusammen, zur geeigneten Richtschnur für ein Unternehmen wie die dX (bizarr, daß keine einzige mir bekannte Rezension auf diese Rolle Buchlohs eingegangen ist!). Daß man die Alternativpositionen – Mike Kelley, Gayatri Spivak, Saskia Sassen etc. – einfach nur beigeordnet hat, anstatt sie enger miteinander zu verknüpfen, ist schade und mag zu dem Eindruck einer gewissen Flauheit und Beliebigkeit größerer Teile der Ausstellung beitragen.

Aber auch hier ist neben Mike Kelleys und Tony Ourslers New-Wave/Punk-Wunderkammer „The Poetics Project“ (unter anderem mit Video-Auftritten von John Cale, Alan Vega, Genesis P. Orridge, Glenn Branca) einiges Erstklassiges zu entdecken. Meine Lieblingsarbeit war „Dial H-I-S-T-O-R-Y“ von Johan Grimonprez, ein brillantes 50-Minuten-Video zur Geschichte der Flugzeugentführungen, das mit auch vom Material her heterogenen Bildern Seitenlinien wie die kubanische Revolution, den kalten Krieg, die Black Panther, die japanische Rote Armee und die deutsche Fraktion derselben verfolgte und in dem Absturz vor den Komoren zu Van McCoys „The Hustle“ ausläuft. Trotz der manchmal arg baudrillardisierenden Begleittexte von Don DeLillo ein selten schönes Werk, das die Helligkeit von überbelichtetem Videomaterial mit der Glut von Wüsten, der Hitze von ausgefallenen Klimaanlagen und anderen Quälereien unzynisch in Verbindung brachte. Ohne die politischen Verhältnisse auszublenden, aus denen welche mit der Idee aufbrachen, Angst und Schrecken zu exportieren und weltweit aufzuführen. In einer Welt, die das Exportieren von lokalen Besonderheiten eh grade begonnen hatte zu industrialisieren.

Also ich liebe sie natürlich nicht, die dX, aber ich liebe sie auch nicht dezidiert nicht.