Fegefeuer der Eitelkeiten

Wer zwingt den einst besten Regisseur der Welt, Rassismen runterzukurbeln?

Ich habe den Wolfe-Roman nicht gelesen. Eine Umfrage „Ist das Fegefeuer der Eitelkeiten rassistischer Müll?” ergab unter Kennern drei Ja- und zwei Nein-Stimmen. Brian De Palmas Film versucht, einen Freispruch von diesem Vorwurf zu erwirken, indem er vorgibt, allen ihr Fett zu geben. Die ironische Analyse der New Yorker Politik, Öffentlichkeit, Gesellschaft läßt allerdings nur diejenigen blöd (bis abstoßend) aussehen, deren Geschäft Korruption, Bigotterie und Doppelmoral nicht schon per definitionem ist: Alle Arten von Minderheiten, Widerstandsbewegungen und anderen sogenannten Außenseitern, die für diesen Freund des „wahren Amerika“ lange genug zu Wort gekommen sind. Denn die angeblich zu große Sympathie, die man denen im vergleichsweise liberalen New York immer noch entgegen bringt, das zu große politische Gewicht, das sogenannte ethnische Minderheiten für einen weißgekleideten Wolfe in New York haben, sind der eigentliche Anlaß von dessen Satire. Dabei schafft er sich schlauerweise Komplizen auch unter radikalen Geistern, weil das ewige Im-Munde-Führen politischer Korrektheit und moralischer Gutheit im Namen von Minderheiten-Anliegen bei unbeteiligten Vertretern der liberalen, weißen, mittelständischen moral majority der Ostküste in der Tat unerträglich sein kann.

Ein Yuppie-Börsianer (Tom Hanks) gerät bei einer Fahrt vom Flughafen mit seiner Geliebten (Melanie Griffith) in die South Bronx, wo er in einer dunklen Gasse, von zwei B-Boys bedroht, einen der beiden mit dem Auto ins Koma befördert. Nach und nach wird er zum Opfer einer von liberalen und schwarzen Medien und Politikern aus Gier, Opportunismus und anderen niederen Beweggründen inszenierten Kampagne. Mag dabei seine eigene Park-Avenue-Umgebung sich ebenso bigott verhalten, ohne Zweifel steht unser weißer Mitbürger, der in der Gefahr mannhaft den Angreifer umnietete, als der Held der Geschichte dar, die der dritten Hauptfigur und wendigen Drahtzieher des Medienrummels, Wolfes Alter Ego, einem versoffenen Journalisten, den Bruce Willis darstellt, am Ende einen Pulitzer-Preis-gekrönten Bestseller einbringt. Von der Reverend-Al-Sharpton-Karikatur, die die Medien-Betreuung der Familie des schwarzen Opfers übernimmt, während der echte Al Sharpton gerade fast erstochen worden wäre, bis zu den krakeelenden B-Boys, Feministinnen und Underground-Aktivisten, die sich im Gerichtssaal danebenbenehmen, während ein weiser, alibischwarzer Richter Recht zugunsten von Tom Hanks spricht – sie alle sind bigotte Versager, während die Repräsentanten weißer Macht eben nur bigott sind – und wer wollte es ihnen übelnehmen, es ist schließlich ihr Job?

Fataler sind allerdings noch die ästhetischen Fehlleistungen: Brian De Palma versucht mal wieder, einen kommerziellen Film zu drehen und scheitert auf ganzer Linie: seine Manierismen und persönlichen Stilmittel lassen sich halt nicht ganz unterkriegen. Für einen echten Brian-De-Palma-Film war hingegen zu viel Geld und zu wenig gedankliche Konsequenz im Spiel. Unmotiviert wird da nach gut 40 Minuten plötzlich einmal kurz die Leinwand geteilt, dann verschwindet dieses Autoren-Markenzeichen für den Rest des Filmes, ein einziges Mal kreist die Kamera, wie man es von ihm kennt, halbherzig um eine Figur – sie tut es nie wieder. Und auch die etwa aus The Untouchables bekannten, neuartigen Raumbilder schrumpfen zu wenigen, beliebig „unkonventionellen“ Perspektiven, wie man sie eher von einem Ken Russel als von einem Regisseur erwartet hätte, der noch vor kurzem als postmoderner Eisenstein anzutreten schien, dem es um grundsätzliche Revisionen des Raumeindrucks ging.

Als Trost bleiben drei Hauptdarsteller, denen der halbherzige Manierismus besser bekommt als ihre normale Routine und einige gelungene Witze über ein liberales Establishment, dessen permanentes Ringen um Beruhigung des eigenen Gewissens tatsächlich etwas Komisches hat, auch wenn darüber zu lachen jeder andere als dieser reaktionäre Hilfsdandy im Schafspelz des „realistischen“ Schriftstellers und sein Erfüllungsgehilfe von einem (einst besten) Regisseur (der Welt) ein größeres Recht hätte.