fIREHOSE – Soziale Plastik

Ein Glücksfall: Just zur Eröffnung einer Ausstellung mit Skulpturen des kalifornischen Künstlers Mike Kelley während des Kölner Kunstmarktes war auch dessen alter Freund Mike Watt in der Stadt, um mit fIREHOSE ein Konzert zu geben. Anläßlich dieser Umstände erörtert er die Vorteile einer „Band“ gegenüber dem im Alleingang schaffenden „Künstler“ einerseits und der politisch aktiven „Gruppe“ andererseits.

1989 drehte Raymond Pettibon vier Filme,in denen große Momente in der Geschichte von Subkulturen auf ihre inneren Widersprüche durchsucht werden. In zweien davon spielt Mike Watt mit. In Weathermen ’69 ist er ein Revolutionär, der sich als „marxist-leninist motherfucker“ bezeichnet: „Marx really did a thing on me.“ Wie in allen vier Pettibon-Filmen geht es um Haare, Sex, Musik, Theorie, Zahnbürsten (eine für alle oder für jeden eine). Die Weathermen, die sich später in Weather Underground umbenennen, weil sie in der Mehrzahl Frauen sind, haben ihren Namen („You don’t need a weatherman to know which way the wind blows“) aus demselben Dylan-Song, aus dem fIREHOSE („Better stay away from those who carry round a firehose“) ihren Namen haben – „Subterranean Homesick Blues“ – und aus dem Mike Watt einen anderen Satz zitiert, als wir uns samstagmorgens im „Cafe Central“ gegenübersitzen, d. h. auf Stühlen wälzen: Nach und nach gehen Watts Hemdenknöpfe auf, sein Mantel rutscht von der Stuhllehne herunter, seine Schlüssel fallen auf den Boden. Wäre nicht zufällig der Schriftsteller Thorsten Becker draußen am Cafe vorbeigekommen und hätte Watt auf seine am Boden liegenden Schlüssel aufmerksam gemacht, würde der jetzt vor seinem Haus in San Pedro stehen und fluchen. Ach ja, der Dylan-Satz, natürlich: „Don’t follow leaders, just watch the parking meters!“ Wir wissen, daß Dylan Watts Ersatz-Vater war: Immer, wenn sein Vater auf See war, tröstete sich seine Mutter mit Dylan-Songs.

„Andererseits“, fährt Watt fort, „hasse ich auch diese billige anarchistische Position, die so tut, als würde sie das alles nicht betreffen. Das ist ein Dilemma, Mann. Ich sage mir immer, ich wähle nicht eine Person oder eine Partei, ich stimme nur gegen die andere, aber das ist natürlich auch eine Krücke.“

Ihm ist aufgefallen, daß junge Europäer sich gerne vorstellen, sie seien junge Amerikaner: „Sie lassen auch das Flannel fliegen, das Publikum sieht hier in Europa aus wie unser Publikum in irgendeiner amerikanischen Universitätsstadt.“

Jaja, die Tribes. Ich weiß ja nicht, ob nicht dieser nie so ausgesprochene, alle kleinen Trends überlagernde Megatrend der letzten 15 Jahre zu Abschottung und Tribalisierung bei gleichzeitiger Zunahme der Kommunikationskanäle nicht langsam zusammenbrechen muß, angesichts des objektiven Faktums, daß wir zu immer weniger Kanälen zugelassen werden. Wenn man sich nicht mehr verständigen kann, muß es eine neue Unity geben. Ob die Internationale der nicht totzukriegenden Flanellträger dazu beiträgt, ist eine andere Frage. Auch daß die jungen Working-Class-Europäer, die nicht zu seiner Überraschung Hooligans geworden sind, ein bei aller Straßengewalt in den USA völlig unbekanntes Phänomen, immer mehr wie junge schwarze Amerikaner sein wollen, ist Mike aufgefallen. Was mich zu Weathermen ’69 zurückbringt. Die Gruppe im Film kann sich über ihre Liebe zu und Solidarität mit dem schwarzen Befreiungskampf gar nicht einkriegen. Eine Frau wird schwanger und hofft, daß von ihren diversen Geliebten der einzige Schwarze der Vater sei („damit es kein häßliches weißes Kind wird“), und überall in der konspirativen Wohnung sind kleine Zettel mit weißen Selbstbezichtigungen verteilt. Am Anfang gehen die Weather People ihre Plattensammlung durch. Erst sehen sie sich Hot Buttered Soul von Isaac Hayes an („What a beautiful black man!“), dann eine James-Brown-Platte. Einer keift: „Nixon-Supporter“. Mike Watt grunzt: „Nigger!“ und zerbricht die Platte.

„Ja, die Weathermen waren aber eben selbsternannte weiße Mittelklasse-Revolutionäre, was schon ein Widerspruch in sich war. Und sie waren sich ihrer Position so sicher, daß sie diese Haltung hatten: Such dir deinen Schwarzen aus! – mithin den schwarzen Kampf also wieder für ihre ganz anderen, weißen Mittelklasse-Probleme ausgebeutet haben. Sie nennen zum Beispiel auch Louis Armstrong einen Onkel Tom, was sich ein Weißer nie herausnehmen darf. Ich meine: Raymond, der den Film geschrieben hat, hat ein sehr feines Gespür für solche Widersprüche und ist ein politisch sehr interessanter Kopf, ich habe diesbezüglich viel von ihm gelernt. Alle Leute sehen in ihm nur einen Künstler, aber weißt Du, worin er seinen Abschluß gemacht hat? In Wirtschaftswissenschaften, und zwar mit 19. Also vier bis fünf Jahre, bevor jemand das sonst macht. Wir drehen gerade einen neuen Film zusammen. Über Fidel Castro. Es gibt nur eine Einstellung, und ich halte als Fidel eine Rede, eine seiner endlosen Reden. Dazu rauche ich kubanische Zigarren – die es ja übrigens in Amerika wegen Boykott immer noch nicht gibt, ich muß sie mir immer noch in Europa besorgen. Ich habe sie geschrieben in seinem Stil, aber auf heute bezogen, und darauf, daß er wohl der einsamste Boss der heutigen Welt ist. Immer noch ein Boss, aber der einsamste.“

In einem anderen Pettibon-Film, Sir Drone, spielen Mike Watt und Mike Kelley zwei rührende Punk-Rocker, die im Jahre 77 eine Band gründen wollen, für die Dils und Richard Hell schwärmen (obwohl sie bei der Tätowierung von Watts Rücken nicht einmal dessen Namen richtig schreiben: „Richard Hale“), „Poser“ bekämpfen, versuchen, „politische“ Texte zu schreiben und endlich ihre Angst vor Mädchen zu überwinden („Fucking can’t be too hardcore, even your parents are doing it“). Kelley trägt seine ’89 zur Drehzeit schon wieder langen Haare, Mike Watt wirft ihm – als running gag – vor: „You’re a punk on the inside, but a hippie on the outside.“ Am Ende, nachdem er seine sexuelle Verklemmtheit überwunden hat, kommt Kelley mit kurzen Haaren, Zigarre im Mund und Girl im Arm in die Bandwohnung. Als vor zwei Jahren fIREHOSE in Köln spielten, war Kelley, der Künstler, der die intensivste Verbindung zwischen US-Trash- und -Untergrund-Kultur mit der Welt der Bildenden Künste aufrecht hält, im Publikum, und die Band widmete ihm ihre Show, jetzt, als während der Kölner Kunstmesse und den umgebenden Shows Kelley wieder in der Stadt war, um u. a. den Stars wie Jeff Koons und Cicciolina die Show zu stehlen, spülte fIREHOSE morphogenetischerweise ihr Tourplan wieder am Tag von Kelleys Eröffnung nach Köln. Als ich sie in Kelleys Ausstellung zusammenbringe, wo wir die Fotos für diesen Artikel machen, begrüßt Mike Watt ihn in aller Unschuld doch tatsächlich – wie im Film: „Du hast dir ja die Haare geschnitten.“

Am nächsten Tag rekapituliert er die Eindrücke der Giga-Eröffnung (Kelley, Koons & Cicciolina, General Idea, alle im selben Galerienhaus): „Ich war ja ein paarmal mit Raymond auf seinen Eröffnungen und bei allem Respekt: Ich fand es immer so deprimierend. Wenn wir uns präsentieren, dann spielen wir, wir machen etwas. Mike mußte gestern den ganzen Abend da rumstehen und zusehen, wie Leute seine fertige Arbeit betrachten, das hat was Gräßliches. Es ist so einsam. Raymond und Mike sitzen da zuhause allein und denken nach, probieren aus – immer allein. Dagegen die Jungs in meiner Band – they’re no canvases, they’re real dudes.“ Schon bei den Minutemen war es ja immer darum gegangen, aus dem Zusammenspiel, der sichtbaren Konfrontation von gleichberechtigten, massiven Temperamenten, das Meiste herauszuholen und in kleinen, am Anfang streng nur unter einer Minute langen Songs niederzulegen. Die Trio-Form mag dabei helfen, kommt sie doch der von der Wahrnehmungspsychologie festgestellten Fähigkeit des Menschen entgegen, nie mehr als drei Stimmen gleichzeitig wahrnehmen zu können. fH und Mm haben allerdings die Reizverarbeitung immer extrem beansprucht: Mm durch ihre ungewöhnliche Art, alle drei Instrumente sich großräumig austoben, mächtig und eruptiv, aber in von Pausen zu großen Hallen erweiterten Architekturen sich ergehen zu lassen; fH führten notgedrungen nach D. Boons Tod die zusätzliche Schwierigkeit ein, sich teilweise wie zwei Bands anzuhören: Neben den zwei Kanäle ausfüllenden Watt und Hurley spielte Ed Crawford (alias Ed fROMOHIO) – dessen menschliche Integration in die Band zu den typischen Leistungen guter Bands gehört, soziale Praxis als künstlerische und umgekehrt funktionieren zu lassen – seine liedhaften Läufe, sang seine sanften Songs. Denn parallel zu ihrer Räume öffnenden Pausen-, Bruch-, Beschleunigungs- und Überlagerungsmusik gelang es beiden Bands immer, im Gegensatz zu anderen Theoretikern der kurzen Aufmerksamkeitsspanne (wie John Zorn), uralte folkige Emotionalitäten zu evozieren (oder meinetwegen freizulegen: Das Geheimnis von D. Boon, Mike Watt und George Hurley war ja auch, ihre gegen Rock und Scheiße und Industrie und Kapital gerichtete, zu ihrer Zeit auch gern als intellektuell verschriene Schroffheit als alten Working-Class-Zorn zu empfinden und durch ihre Live-Präsenz rüberkommen zu lassen). Als im Publikum jemand, der fIREHOSE erst kurz und die Minutemen gar nicht kannte, die Idee hat, man könnte und sollte doch mal nur kürzeste Songs ohne Iterationen und Liedform spielen, muß ich lachen: Genau deswegen und wegen ein paar Raketen mit nuklearen Sprengköpfen hießen die ja Minutemen.

„Wir haben aber nie Pausen zwischen den Songs gemacht, damals. Wir haben durchgespielt: Für das Publikum war kein Unterschied zwischen endlosen Tracks aus vielen Teilen und lauter Minutensongs zu erkennen. Meine Demos sind auch viel länger als die Einheiten, die in den gespielten Stücken davon übrigbleiben. Komponieren und dann den Rest abschneiden – das ist unsere Methode. D. Boon und ich – wir kannten ja den Rock’n’Roll, wir waren ja Fans von früher Jugend an. Deswegen hat uns Punk so beeindruckt: Weil es für uns eine fundamentale Revolte gegen Rock’n’Roll war, eine unglaubliche Reinheit. Diese Typen waren von nichts verseucht. Da haben wir versucht, alles zu vergessen und zu vermeiden, was wir kannten. Die anderen Punk-Rocker hatten dann irgendwann wieder lange Haare und spielten Rock’n’Roll, das konnten wir umgehen, weil wir nicht unschuldig, sondern bewußt gegen Rock’n’Roll angespielt haben. Und Ed kommt überhaupt nicht vom Rock’n’Roll: Er ist eigentlich Trompeter und klassisch ausgebildet. Ich habe ihm damals seinen ersten Amp gekauft. Ich muß schon manchmal lachen, wie er jetzt so die diversen Stadien der historischen Rock-Gitarristen durchmacht. Ich schreibe ihm auch gerne Gitarren-Lines, die ihn in die eine oder andere Richtung bringen. Er ist ausgebildet, aber unschuldig: Er baut auch gerne etwas auf, während George und ich natürlich anders drauf sind: Wir sind nicht als Musiker ausgebildet, wir haben uns nach unseren Ideen selber ausgebildet.“

Obwohl bei euch drei Leute so spielen, daß selten festzustellen ist, wer Lead-Instrument und wer Begleitung ist, klingt ihr jetzt wie eine richtige Band, nicht mehr wie Rest-Minutemen plus One.

„Die Transparenz ist sehr wichtig, die Pausen: Das kann man von der afrikanischen oder afroamerikanischen Musik lernen. Thelonious Monk und seine Pausen. PLING! – abwarten – noch ein komischer Akkord. (…) Wir sind alle große Basketball-Fans. Basketball ist ein Sport, bei dem ständig kleine Entscheidungen getroffen werden, ständig ist alles wichtig, fallen kleine Vorentscheidungen, nicht wie bei eurem Soccer, wo man 1:0 gewinnen kann. Ständig fallen Entscheidungen, und trotzdem kannst du auch immer noch alles umbiegen. Wir gehen nicht zu den großen Spielen, sondern sehen uns viel College-Basketball an, wo junge Wahnsinnige spielen in kleinen Hallen mit einer Atmosphäre wie bei irgendwelchen guten Konzerten.“

Ihr hängt immer noch alle zusammen, die ganze Bande von damals, wie ich das sehe: eure Band, Pettibon, die ganze alte SST-Clique.

„Ja, daran hat sich trotz unseres Weggangs von SST nichts geändert. Gemeinschaften sind für uns sehr wichtig, es ist wichtig zu demonstrieren, daß sie halten. Wir haben diese Platte gemacht wie jede andere Platte von uns, mit denselben Freunden, demselben Artwork, derselben Schrift, demselben Layout und mit Zeichnungen von Raymond: Ich habe sie für 13.000 $ von meinem eigenen Geld aufgenommen und bin bei Sony reinspaziert und habe ihnen das fertige Teil mit fertigem Artwork hingelegt. Sowas hatten die noch nie erlebt. Obwohl mein Kontaktmann bei denen auch ein alter Freund ist – was auch der Grund war, bei Sony zu signen. Dann produzieren die aber auf der anderen Seite eine Retortenband für sage und schreibe 600.000 $, die dann in einem Jahr nicht so viel verkauft wie wir in einer Woche.“

Ich war überrascht, daß eure Konzerte so gut besucht sind, besser als zu der Zeit, wo ihr bei uns auf dem Titel wart, daß ihr offensichtlich in dieser fragmentarisierten, krisengeschüttelten Indie-Welt noch einen gemeinsamen Nenner hergebt.

„Das ganze Indie-Problem, und auch das von SST, ist ein großer ökonomischer Fehler: daß man die Produktion in die Handgenommen hat, aber nicht die Distribution. Alle Indies, die in Amerika pleite gegangen sind, waren nicht eigentlich bankrott, sie haben unglaubliche Außenstände bei den Vertrieben gehabt. Die Vertriebe aber, auch die unabhängigen, sind keine Firmen wie Indie-Labels gewesen, sie handeln mit Waren wie jeder andere Vertrieb, sie haben sich ja nie über ein bestimmtes Produkt definiert, sondern gerade über die Vielfalt von Produkten, über deren Austauschbarkeit. Heute erleben wir vielleicht den Wiederaufbau, auch SST wird es schaffen, sich zu regenerieren. Ohne Black Flag und deren Pionierarbeit gäbe es heute in den USA überhaupt keine Indie-Szene: Sie haben das Netzwerk geschaffen – aus Plätzen, wo man spielen kann, Typen, bei denen man übernachtet und so weiter. Obwohl wir glücklicherweise seit ein paar Jahren niemandem mehr auf die Nerven gehen müssen und in Hotels übernachten können.“

Ginn hat mir mal erzählt, daß auch die Minutemen nur schwer zu überreden waren, Los Angeles überhaupt zu verlassen.

„Das stimmt. Die ersten Jahre haben wir nur in L.A. gespielt, wir haben uns nicht getraut. Wir haben uns sehr stark über unsere Neighbourhood definiert, wir waren und sind Homeboys. Mein Vater ist ein Seemann in San Pedro, D. Boons Vater ist Automechaniker, Georges Vater ist Schuhmacher. Wir hatten Angst vor dem Rest der Welt. Und ich kann noch heute nicht allzu lange von Pedro wegbleiben.“

Joe Carducci gehörte auch zu dem alten Minutemen-Kreis, jetzt hat er dieses Buch geschrieben, das in Musikerkreisen so viel diskutiert wird. Hast Du’s gelesen?

„Oh, Mann: ich höre den Mann reden, wenn ich das lese. Es ist sein Bekenntnis, er hat Jahre dran gearbeitet. Carducci ist ein toller Mensch, aber das Buch ist natürlich in hohem Maße subjektiv, wenn auch sehr unterhaltsam.“

Man hat manchmal den Eindruck, daß seine Polemik gegen die liberale Rockkritik nicht mehr auf einen linken, sondern auf einen neokonservativen Standpunkt hinausläuft.

„Oh, nein. Carducci ist ein Linker, ein enttäuschter Linker, aber ein Linker. Und ein Katholik. Er hatte, bevor er bei SST arbeitete, eine eigene Plattenfirma, die ‚Thermidor‘ hieß, nach dem Revolutionsmonat. Die französische Revolution und die Pariser Kommune sind seine Orientierungspunkte, auch wenn er da schon die Strukturen des Verrats und der Enttäuschung vorgezeichnet sah.“

„Finnegan’s Ladder“ ist das Credo der literarischen Seite von Mike Watts Songwriting. Klettere Finnegans Leiter hinauf und schmeiß sie dann weg! Befrei dich von der Zwangsjacke des Reims! Texte wie dieser oder „Epoxy For Example“ oder der mit Pettibon zusammenverfaßte „Losers, Boozers And Heroes“ stellen neue Höhepunkte in Watts immer schon ziemlich entwickelter Art, Worte zu setzen, dar. Andererseits ist die Zwangsjacke des Reims sofort akzeptiert und keine Zwangsjacke mehr, wenn es um seine Liebe zu Hip-Hop geht: Als Zugabe haben sie, wie üblich, „The Red And The Black“ von Blue Öyster Cult gespielt, als einzigen Song aus dem Minutemen-Repertoire. Danach brüllt Mike Watt: „Bring in the Red, the Black and the Green“, und sie haben Public Enemy gecovert. „Ja, ‚Sophisticated Bitch‘, weil es so songartig ist, wie gemacht für eine Band. Völlig grotesk natürlich, wenn da dieser Typ aus Ohio steht und erzählt, diese Frau sei eine Bitch, weil sie nicht mit einem Brother zusammen ist. Ich wollte eigentlich auch lieber ‚She Watch Channel Zero‘ covern, aber Ed wollte unbedingt diesen Text singen.“

Ja, genial: ein weißer Rock-Sänger aus einer Band, die gerade zuvor einen Song namens „Anti-Misogyny Maneuver“ gespielt hat, singt einen Text von einer schwarzen Band, dem Misogynie vorgeworfen wird – das ist sozusagen der komplizierteste und daher schönste Weg, sowohl dem schwarzen wie dem feministischen Kampf Solidarität auszusprechen. Hast Du die neue Tribe Called Quest gehört?

„Ja, Ron Carter ist natürlich Gott und die Platte ziemlich gut, aber mein Lieblingsrapper ist und bleibt Rakim, auch Q-Tip und all diese anderen jungen sophisticateden Rapper kommen von Rakim, ein poetisches Genie. Ich sollte ihn mal interviewen.“

Und?

„Ich habe abgelehnt, ich bin für sowas zu schüchtern. Ich kann die Begegnung mit bewunderten Menschen nicht aushalten. Als bekannt wurde, daß ich der große Blue-Öyster-Cult-Fan bin, wollte man mich unbedingt mit Eric Bloom zusammenbringen, dem Helden meiner Jugend; ich hatte zuviel Angst. Das hat Bloom erfahren und mich angerufen und mir erzählt, was für ein normaler Typ er ist, er esse gerne Hamburger undsoweiter. Ich habe nur gesagt: ‚Hör auf, das will ich doch gar nicht wissen.‘ D. Boon und ich haben unsere ganze Jugend über für den Typ geschwärmt und ihn verehrt, und jetzt erzählen sie mir, er sei körperlich so klein, fast ein Zwerg. Wer will das wissen, der ihn auf der Bühne gesehen hat? – Und er war GROSS! Nein, ich hätte das nicht geschafft, mich vor Rakim hinzusetzen und ihm Fragen zu stellen. Thurston war mal so hinterhältig, mich mit Richard Hell zusammenzubringen, einem anderen Helden meiner Jugend. Ich saß eine Stunde steif neben ihm in einem Studio und wäre am liebsten zu Fuß nach Pedro gelaufen. Und wir waren gerade in New York City.“

Als die letzte fIREHOSE-LP aufgenommen wurde, Ende ’88, war die Welt noch die alte …

„Ja, und die neue wurde während des Golfkriegs aufgenommen. Alle Leute starrten auf den Fernseher in dem völlig irren Glauben, in dem Ding wäre irgendwas drin, was uns weiterhilft. Oh Mann, das ist so verrückt. Jetzt hat die Regierung wieder was getan, um den Massen den Glauben an Amerika zurückzugeben. Die ganze amerikanische Außenpolitik ist immer nur eine Innenpolitik, die sich über die ganze Welt stülpt, um da innere psychologische Probleme zu lösen, wenn es paßt. Jugoslawien können wir nicht gebrauchen, also tun wir nichts …“

Es gibt keinen Good Guy, nur Bad Guys …

„Ach, das wäre nicht das Problem, den könnten wir schon erfinden. Guck dir Panama an, was für eine irre Sache, 1.500 Leute umzubringen, um einen Drogendealer zu fangen. Wer sonst käme auf so eine Idee? Seitdem sind natürlich im Gegenteil sehr viel mehr Drogen ins Land gekommen, unsere Kriege haben immer nur propagandistische und psychologische Gründe. Allein schon der Name Panama. Meinst du, dieses Land hat sich so genannt? Bullshit. Panama = Panamerika, unsere Erfindung, weil wir den Kanal brauchten.“

Massenpsychologie.

„Ja, und dazu gehört natürlich auch, daß die Politiker selber daran glauben.“

Was wurde eigentlich, um auf den Anfang zurückzukommen, aus den echten Weathermen; ich habe gehört, sie seien alle im Knast gelandet?

„Also, sie wurden zunächst zu einer fast rein feministischen, bewaffneten Organisation, weil fast nur noch Frauen mitmachten, wie die Bernardine, die im Film von Kim Gordon gespielt wird, und dann wurden sie vom FBI infiltriert und flogen auf. Das ist das große Problem der ganzen amerikanischen Oppositionsbewegungen gewesen: Sie waren vom Anfang an infiltriert. Weißt du, was ein Agent Provocateur ist? Das ist es. Schon ’68 bei den Demonstrationen in Chicago, waren Bullen unter den Demonstranten und haben ihnen Waffen gegeben und gesagt, daß nur Protestieren nicht reicht. Die SLA war meiner Meinung nach von Anfang an unterwandert: waren ja alle ehemalige Insassen, ist doch klar, daß die im Knast für Mitarbeit gewonnen wurden. Und anschließend liquidiert oder verhaftet, wie Noriega. So läuft das unter Kriminellen und ihren Helfershelfern: Noriega war ja jahrelang unser Mann. Das FBl hat doch sogar die Jewish Defence League unterwandert, weil sie so paranoid sind. Das ist das Schreckliche: Wenn du in so einer Gruppe warst, bist du am Ende immer der Trottel, weil du, was immer du tust, für das FBI arbeitest. Du kannst dich keiner Gruppe anschließen, und es bringt nichts, allein zu arbeiten. You can’t join a group, you have to join a band!