Fischauge

Als ich die Einstürzenden Neubauten das erste Mal sah, war ich nicht beeindruckt. Das war damals so. Ihr Name klang wie ein Witz über die Namen, die damals alle hatten, aber ein unfreiwilliger. Und nicht spielen konnten andere auch. Am schlimmsten aber war ihre Anhängerschaft: der neo-dadaistische Flügel der neuen deutschen Welle.

Das war Hamburg. Das zweite Mal war Berlin und ich erinnere mich, von Blixa Bargeld oder Endruh Unruh oder beiden durch ein besetztes oder leer stehendes Haus geführt worden zu sein, mit von der Decke hängender Feuchtigkeit, verhungerten Hippie-Leichen, dem Seufzen eingemauerter Polizeibeamter und vielen fröhlich quiekenden Ratten, das nach einer traumhaft unendlichen Zahl von Gängen in ein lichtdurchflutetes Gemach führte: dort saßen die damaligen Neubauten – fragt mich nicht nach Besetzungen und Umbesetzungen! – und waren nur noch durch Fischauge wahrnehmbar. Später fiel mir auf, daß das das Geheimnis ihres Erfolges war: real so auszusehen, sich anzuhören, daß jeder glauben mußte, Fischauge auf Augen und Ohren zu haben. Gewähren Sie Verfremdungseffekte, Sire! Was ich noch weiß: Als Pop kurzfristig Krach als forciertes Ausdrucksmittel ablöste, schienen die Neubauten die reaktionäre Fluchtburg derer geworden zu sein, die auf ewig an Krach und erstarrten Avantgarde-Ideen festhalten wollten: doch falsch! Gerade jetzt waren sie die poppigsten von allen (siehe auch England: das perfekte Bild des neuen Deutschlands).

Was sonst noch: einmal wußte Blixa Bargeld perfekt über Berliner Antiquariate Bescheid, damals, als Arno Schmidt noch nicht bei Haffmanns war, ein anderes Mal waren wir verschiedener Meinung über Mishima, ich weiß keine Einzelheiten, ein drittes Mal stellte er mich vor die absurde Alternative, seinen Namen entweder aus den Spex-Impressum zu streichen oder Honorare zu zahlen. Die letzten zwei Neubauten-LPs stecken voller Feinheiten und sind sehr gut produziert. Es ist wohl nicht mehr sehr originell dies festzustellen, aber ich habe eine Weile gebraucht, das zu verstehen, daß sie eigentlich immer eine Bluesband sein wollten und daß allenfalls manchmal die Mundharmonika fehlt.

Eine Gattung, die Musikern Namen gestattet wie Blind Demon oder Sleepy John oder T-Bone sollte auch einen Platz haben für Leute, die Unruh oder Bargeld oder Einheit heißen, sich die Attribute „Schläfriger“, „Ausgemergelter“ oder „Hüftknochenförmiger“ aber erst noch im Laufe eines langen entbehrungsreichen Lebens auf der Straße hinzuverdienen müssen.

So wie traurige, glückliche, das Leben kennende Bluesmusiker im Alter in die Bundesrepublik gehen/ziehen, um die Ovationen ihres Lebens zu kassieren, gehen die Einstürzenden Neubauten gelegentlich nach Japan, wo ihnen in etwa das gleiche Verständnis entgegengebracht wird. Und tanken auf.

Heute schreiben wir das Jahr 1958, viele interessante Menschen werden geboren oder ein Jahr alt, Peter Zadek gewinnt die Einstürzenden Neubauten für eine Dramatisierung eines bekloppten Stern-Buches über Halbstarken-Probleme. Zadek ist nicht Alan Lomax und das Schauspielhaus Hamburg nicht die Library Of Congress, aber Analogien sind nur dazu da, eine Idee von Geschichte zu befriedigen, die keine Gültigkeit mehr hat. Wie sagte Roky Erikson: „I am a hero, she is my heroin(e).“