Flowerpornoes – Verdiente Filzstiftkünstler

Deutschlands Songwriterband Nummer eins? Liwa, der Duisburger Zen-Dylan? Die Band, die sich schon dadurch auszeichnet, daß sie „oe“ schöner findet als „o“? Diedrich Diederichsen steckt sich eine Kaninchenfeder an den Hut und diskutiert Wege zum Optimismus (als bürgerliche Scheiße?).

Ein Pilger kommt zu einem Zen-Meister und fragt: Oh, Meister, hast Du mal drei Groschen für mich, um das I Ging zu werfen. Da greift der Meister in seine Rock-Tasche, grinst und sagt: da hassu ’ne Mark, mein Junge!

(aus Tom G. Liwas Notizbuch)

Bei Tom G. Liwa hat die Zeit von dem Entschluß, Popstar zu werden bis zu seiner Durchführung (i.e. erste LP) fast genauso lange gedauert wie bei Paddy MacAloon, entsprechend viel kommt da zusammen. Am Anfang seiner Karriere stand indes nicht ein ausgedachter Bandname, der mit Geschwistern und Nachbarskindern ausgefüllt werden mußte, sondern Interviews, die sich der junge Liwa für das erste Zusammentreffen mit der britischen Presse ausgedacht hat. Das schrie danach, einen Anlaß zu schaffen, für diesen Moment. Songs wurden geschrieben, anspielungsreich und Haiku-sicher, Jahre um Jahre, während um ihn herum Duisburg schleppend aber langsam den Moden folgte, die anderswo nur noch zum Schießen waren. Ende der 70er kam das echte Hippie-Coming-Out bei ihm. Ayers und Barrett saveten seine Seele. Duisburg verharrte verzückt vor Gitarren-Workshops mit Peter Bursch (ex-Bröselmaschine). Liwa hielt sich raus und entwickelte sein einmaliges Gesicht (in dieser Zeitschrift schon von Kollege Bierhahn in seiner einmaligen Art festgeschrieben). Nach vielen Jahren des Reifens in den Cognac-Grüften der Subkultur, gegerbt und gesüßt, nicht minder gebittert, fielen er und eine erste halbwegs funktionierende Flowerpornoes-Besetzung in die Hände von Hilsberg, so daß automatisch so etwas wie ein Sohn/Chauffeur-Vater-Verhältnis entstand: „Neulich mußte ich ihn durch Hamburg fahren, weil Alfred ja nicht fahren kann …“

SPEX: … und immer hinten links sitzen muß, ich weiß …

„… das war jedenfalls sehr interessant, ich habe so eine Menge von Hamburg gesehen, und: gut bezahlt.“ Staun!

Ich sah die Flowerpornoes das erste Mal durch Zufall, während eines Versuches, einen mehr oder weniger verlorenen Abend zu retten, drifting down the Luxemburger, kreischende Straßenbahnen kajolten durch die feuchte, expressionistische, rheinische Nacht auf die Eisenbahnbrücke zu, und ich fiel in das tiefe Loch eines Abends mit deutscher Musik. Dann war ich platt, wie diese Band, unglaublich uraltsicher, Songs auswickelte, die zerbrechlich waren, klar, noch nichts besonderes, und Soul hatten (dazu sahen alle komischer aus als die frühen Tödliche Doris).

Wie hältst Du’s mit der schwarzen Musik, Liwa?

„Muß sagen, die mußte ich mir erst erarbeiten. Klar, heute mag ich eine Menge alten Blues, John Lee Hooker und so. Aber auch neue Sachen, also Hip-Hop (…) nur so Funk und Soul, da habe ich mich nie so gut ausgekannt.“

Aha, dieser Soul ist also Eigenbau. Einen guten halben Monat, nachdem Tom G. Liwa (Songwriter, Sänger und Gitarrist der Pornoes) und Biagit Q. (Multiinstrumentalistin) in unseren Kölner Räumlichkeiten zum Interview erschienen waren, sah ich sie wieder live in Hamburg, eine knappe Stunde nach dem Jahrhundert-Konzert von Sylvia Juncosa (deren größter lebender Fan übrigens wiederum – neben anderen – Liwa ist: „Ich hab ihr ein Paket geschickt, eine Zeichnung von ihr, ein Plastikteller, Plastikbesteck, noch so’n Button und so, aber das ist wohl nicht vor ihrer Tour angekommen.“ Wohin haste’s denn geschickt? „Na, an so ’ne P.O. Box.“ Und wie soll das ganze Paket in die P.O. Box passen? „Na, die werden doch wohl so Hochkant-P.O.-Boxen haben.“), und vieles war anders geworden: 1.) neue Songs mit deutschen Texten; 2.) neue Straightness durch neu hinzugekommenen Drummer Till Steinebach (der den alten Standdrummer Doevy Doc Suhren ersetzt); 3.) neue Tightness durch ziemlich eingespieltes Set. Und das ist bis zu einem gewissen Grade okay mit mir, wenn man als Zerbrechlicher tight werden will, ergibt immer interessante Effekte (siehe z. B. immer wieder Felt), andrerseits ist die größte Gefahr der FPs ja immer wieder das Kokette, zu dem auch Liwa immer wieder neigt, wenn sein Redeton in Babysprache verfällt, ohne daß das Niveau des so Ausgesprochenen heruntergenommen wird. Er sagt oft „charmant“. Ich auch. An diesem Abend aber hatte mich M. Ruff überzeugt, das Wort „Charme“ und alle Ableitungen für alle Zeiten zu outrulen. 4.) Auf der Bühne erschien die Tänzerin Ida, schon angekündigt im Interview, Wochen zuvor: „Ja, die Ida, die hat nicht dieses Brett vorm Kopf, das wir haben, die kann sich richtig zur Musik bewegen.“ Clara (mitinterviewend): Wieso, ihr bewegt euch doch schön zur Musik, so langsam. „Ja, aber die Ida, die kann auch Spagat und so.“ Clara: Was ist denn daran besonders, das konnte in meiner Klasse jedes Mädchen außer mir, ich weiß nicht, was sportliche Hochleistungen immer mit Musik zu tun haben sollen. Ich: Und überhaupt, auch Gemälde, die live zur Musik entstehen … Liwa: „Ich kann alle Einwände verstehen, aber bei uns ist das anders.“ Tatsächlich war es anders. Bei den ersten drei Stücken circa stapfte die Tänzerin irgendwie schlecht gelaunt nett über die Bühne, keine Spur von Ausdruckstanz, das Gute war, daß sie sich nicht zur Musik bewegte, sondern zur allgemeinen Stimmung im Saal, spät am zweiten Weihnachtstag, später allerdings fing sie an, ihre irrsinnig langen Haare expressiv zu schütteln und Tücher zu schwenken und leichte Reize auszustrahlen, zu charmant halt, denn was der Flowerpornoes absolut geschmackssichere, tausend richtige Platten im Hintergrund, feinsinnige und – wie Liwa immer sagt – „bunte“ Musik erträglich bis großartig macht, ist eben ihre Sprödheit in Aspekten der Präsentation und der Instrumentierung. Aaaaah, Höllenpfad des Liebseins, ich kann alles bestens verstehen, aber manches macht mir Angst, das drohende Aufgehen in einer nach allen Brechungen und Idiosynkrasien wieder völlig ganzheitlich homöopathisch gesunden, bunten, friedvollen Hippie-Welt, wie es sie bei den richtigen Hippies (die alle Kriminelle und Zuhälter und harte Burschen waren) nie gegeben hat (ich wünsche mir nicht, daß Menschen Zuhälter und Kriminelle sind, aber Leute, die es hart hatten, haben ein anderes Recht, von Harmonie und Brotherhood zu träumen und auch die bessere Vision davon), man könnte auch sophisticated Zitat-Kitsch dazu sagen, aber wie gesagt, das ist jetzt eine Gefahr, die ich, mal überkritisch und leidgeprüft aussprechen darf, ansonsten ging ja über Teilstrecken sogar die Tanzidee in Ordnung. Ich glaube nur, daß man sich nicht immer benehmen darf, als wären alle anderen stumpfsinnige Core-Rabauken und nur man selber sensibel oder auch Bob Dylan vor Kaminfeuer in den Armen einer schönen reichen Jewish princess.

Vor Flowerpornoes (warum „Noes“? „Klingt hübscher.“ Stimmt, klingt hübscher.) hieß die Liwa/Biagit-Q./Annie-Vocado-(„sie hat den Syd-Barrett-Komplex. Manchmal muß sie mitten auf Tour abhauen.“)-Band Kaninchenfeder, gab sich als eine Gruppe Exil-Mexikaner aus, die aus „Malpini Beach“ emigriert sei – bei einer späteren Kontrolle seines flüchtig aus der Landkarte abgeschriebenen Namens stellte Liwa dann fest, daß der Ort „Mapini“ heiße und weit vom Meer in den Bergen läge – die Bandmitglieder hießen z. B. Rosa Belvedere („das hab ich von E.T.A Hoffmann“) und Liwa selbst nannte sich Earth Lee D. Light, was zu einem Gespräch über die United States Of America (legendäre Elektro-Pionier-Band, ausgehende 60er, mit noch vor Can dem ersten Pop-Einsatz der E-Musik-Paradeerrungenschaft Ringmodulator) führt und ob die Kaninchenfeder nicht auch mal so einen Gehirnstromakkumulator hätten einsetzen können.

Wenn Tom G. Liwa keine Filzstiftzeichnungen nach dem Je-bunter-desto-besser-Credo anfertigt, durch den Farbkopierer jagt (werden noch bunter) und an Sylvia Juncosa schickt (übrigens neben Liwa, der Incredible String Band und Gail Collins, der Frau von Felix Pappalardi, die für Mountain Texte schrieb, Cover gestaltete und später ihren Mann erschoß, weil er ’ne Stunde zu spät aus der Kneipe kam: so sind Hippies nämlich wirklich, eine weitere verdiente Filzstiftkünstlerin aus der Musikerwelt), schreibt er aphorismenreiche, sofort druckreife, sich instant reimende, fertige Texte in sein kleines Büchlein, das tut er seit Jahren. Alles klingt wie von seinem großen Helden Dylan geklaut („den hab ich nie fallen gelassen, ich sage immer noch innerlich Herr Dylan zu ihm“), oder, nein, so wie Dylan ständig englische Literatur zu wasserdichten goldenen Aphorismen verdichtet, verdichtet Liwa unentwegt und zwanghaft tausend Jahre große Pop-Lyrics incl. Dylan mit seiner tausend Jahre Anglo-Dichtung-Verdichtung zu Liwa-Lyrics. Ich sage zu ihm, daß sich alles liest und anhört wie: Hallo Rezensent! Ich bin eine verdammt gelungene Zeile Lyrics, ich will zitiert werden!, und Liwa weiß das, auch, wie das ein Problem sein könnte, aber es stellt sich heraus, daß er nicht in völliger Zitat- und Wortwohlklangverliebtheit sich die Lyrics aus dem Ärmel schüttelt, er nennt seine Texte „unterstrichen gesungen“, aber er schmeißt die Erwähnung von F. Scott Fitzgerald aus einem Song namens „Ballad Of A Thin Girl“ wieder raus, „das wäre zuviel gewesen“. Dylan-Fans wissen warum. Ich durfte in seinem Notizbuch blättern und fand („ja, das sind zwei Skateboard-Songs“), fand „How You Gonna Stop Me Now“ (Morrissey magst Du auch? „Oh ja“), fand die Zeile „whoever she brings“ – woher kenne ich jetzt das? Kevin Ayers? „Genau. Du meinst ‚Whatever she brings we sing‘, den hab ich auch mal in Mallorca getroffen, in der Sparkasse, erst hab ich mich nicht getraut, den anzusprechen, doch dann habe ich ihm für all die schöne Musik gedankt (…), er hat mir auf die Schulter geklopft und ich hab eine Woche meine Schulter nicht gewaschen“ – fand den Titel (auasupercampgeil!:) „The Beauty, The Beast And The Language Barrier“, exakt der Song, der geschrieben werden mußte, damit ich meinen „Wort auf!“-Artikel von der Deutschland-Ausgabe schreiben konnte (ohne daß ich ihn kennen konnte, überhaupt dieser Artikel, rief diese Band ausgesprochen und unausgesprochen, noch ein Grund für Verbundenheitsgefühle), fand die Zeilen „Jim Hendrickson lives in a shack on the moon / eating electric guitars with a spoon“ (was nun wirklich von niemands Gefühlen, Beobachtungen, Einschätzungen oder Ideen handelt, sondern Ausdruck des pathologischen Popreimvisionszwang ist, von einem, dem definitiv zu viele zu gute Platten die Fähigkeit zum Selber-Fühlen ruiniert haben: also einer wie ich?, soll ich jetzt sagen? Und was ist das für ein Scheiß, selber fühlen, denn wer von uns ist nicht genau dieser Jim Hendrickson? Na, zufrieden kann man damit nicht sein, aber es führt ein Weg aus diesem Dilemma heraus:), fand den Titel „She’s Got A Ticket To Fight For Her Right To Exist“ und damit den Ausweg („Da kommt dann auch noch Jodie Foster vor, das ist auch so Hip-Hop“): Was ist eigentlich ein „Zen Rebel“?

„Ein lausiger, arroganter Freak.“

Also jeder von uns.

„Nein, einer, der sagt, man muß auch loslassen können.“

Aber das sagt doch auch jeder, wann sagt denn endlich mal einer, man muß etwas festhalten können.

„Im Sinne, daß man nicht alles haben kann, ja, das stimmt schon, man muß sich entscheiden.“

Dylan sagt das ja auch, im letzten Stück, zweite Seite, Nashville Skyline, sag ma schnell!

„‚I Threw It All Away‘?“

Genau. Und was ist Deine liebste Dylan-Platte?

Planet Waves, das ist die Platte des Umbruchs, des Neuanfangs.“

Einigen wir uns auf Optimismus, immer eine schwierige Sache, zwischen religiösem Wahnsinn und einfacher Idiotie, das Schwierigste überhaupt und durch nichts anderes begründbar als dadurch, daß eine bürgerlich sozialisierte Seele es gerne schön und sinnvoll hat. Aber ein Schritt mehr, wenn diese Seele aus all den Worten und Stimmen und Fetzen und Parolen und Reimen, die zwanghaft in seinem/meinem Hirn Patrouille gehen und Gedanken verfärben, so etwas entwickelt wie Soul. Das wäre ein Schritt, und mehr als einen Schritt geht sowieso keiner in einem Leben.