Forever young

Zum 50. Geburtstag von Bob Dylan (am 24. Mai)

Der Motor jeder Pop-Musik ist Neuheit. Das Einsteigen in ein anderes (oder: das) Leben durch das Erkennen von etwas Neuem als neu, anders als alles, was ich kenne, und doch mir entsprechend. So weit ist das kein Problem. Was passiert im nächsten Jahr? Das Problem des Künstlers, von nun an, aus seinen Lebensverhältnissen immer neue Stimulanz pressen zu müssen, um immer wieder etwas Neues, das ich als neu und mir entsprechend erkenne, also als gleich und anders, korreliert mit meinem Zuhörer/Fan-Problem, zu Veränderungen, Erschütterungen weiterhin Zugang zu finden, in meinem Leben also überhaupt noch Neues vorkommen zu lassen.

Der Weg, der meistens gegangen wird, ist, die Symptome der jugendlichen Erschütterung endlos bis ins Alter zu reproduzieren. Man spricht dann davon, daß ein Künstler sich selbst treu geblieben sei. Mittlerweile geht das so weit, daß Künstler aller Bereiche einmal bekannte codierte Symptome einer gewesenen Erschütterung oder Genialität jederzeit reproduzieren können. Der dies durchschauende Konsument wirft ihnen dann mangelnde Authentizität vor. Auch das ist ein Fehler. Denn mit Authentizität meint er, daß der Künstler sich sichtbar für ihn quäle, sich mit dem Ziel, Stimulanz aus dem Stollen seines Lebens abzubauen, wirklich zerstöre. Das ist nicht nur ein falsches Künstlerbild, es kommt nämlich darauf an, Stimulanz aus einem guten (= soziale Praxis) Leben zu gewinnen, nicht aus einem zerstörerischen (= einsame Monade), und außerdem haben sich in der Rock-Musik ganze Gattungen darauf spezialisiert, die Symptome einer solchen falschen Authentizität synthetisch zu reproduzieren.

Neil Young äußerte neulich in einem Interview, Lou Reed und Bob Dylan seien die einzigen Künstler seiner Generation, die er respektiere. „Sie haben sich nicht nur gehalten, sie haben nicht nur überlebt. Leute wie wir ernten jetzt, wir erleben jetzt die beste Zeit unseres Lebens.“ Abgesehen von dem Gratisapplaus, den einer immer erntet, wenn er lange dabei ist, den Paavo-Nurmi-Respekt, lohnt es sich, die Techniken der drei miteinander zu vergleichen, die dieses Überleben möglich machten. Mit wem haben sie die ganze Zeit kommuniziert? Sind sie wirklich die Stimmen einer Generation, wie es immer heißt? Kaum, denn Generationen können nicht kontinuierlich die Kraft zur Neuerschaffung bewahren, nicht in einer falschen Welt. Bei Grateful Dead, die ja auch seit über 25 Jahren dabei sind, war ein jüngeres Publikum als bei jedem Hardcore-Konzert.

Lou Reeds bemerkenswertes Album New York sowie das Andy Warhol gewidmete, folgende Duett von John Cale verdanken sich einer simplen und gut bekannten Überlebensstrategie der Überheblichkeit. Hatte Reed früher Außenseitertum, Wahnsinn, Droge, Boheme etc. besungen, gefeiert, verklärt, ist er jetzt dazu übergegangen, sie als soziale Probleme zu beklagen. Betroffen, versteht sich. Mit messerscharfem Vokabular. Brillant recherchiert. Und absolut unbeteiligt. Ihm hilft die Parteilichkeit nicht, für die Armen und Schwachen, für die im Stollen der Stimulanz Verschütteten, die er zwischen die Zeilen flicht, sein Zugang nähert sich dem der Administration. Er steht auf der anderen Seite. Deren Denken er freilich mit der als ehemaliger Bestandteil der sozialen Probleme erworbenen Kennerschaft zu einer sich selbst klaren Schärfe verhilft, die diesem normalerweise abgeht. Vielleicht ist das aber noch schlimmer.

Neil Young hat seine Lebensprämisse „I Am A Child“ (ich begebe mich prinzipiell gerne in Zusammenhänge, die mich widerlegen könnten; also fordern) beibehalten, auf Kosten eines Jahrzehnts, in dem weder Plattenfirmen noch Publikum viel mit ihm zu tun haben wollten. Trotzdem erzählt sich Jahr für Jahr auf seinen dennoch und gegen alle Widerstände erschienenen Platten seine persönliche Postmoderne mit ihren irren Stilwechseln. Er erliegt nicht dem weit verbreiteten Irrtum, es gäbe gute und schlechte, vernachlässigbare Epochen, die sich zum Rückzug eignen. Kein Zeitgepräge ist zufällig, ihm vollkommen entgehen zu können zu glauben, ein seniler Größenwahn. Er hat also jeden Scheiß mitgemacht und daher gar keinen Scheiß gemacht. Alle zehn Jahre gelingt ihm sogenannte Allgemeinverständlichkeit, aber nie um den Preis eines Niveauverlusts. Er erzählt dann wirklich etwas Neues, das ich als neu erkenne und das mit meinen noch unformulierten Erfahrungen des gesellschaftlich Neuen kongruent ist. Dieses Neue braucht keine Generation, auf die es sich verlassen kann und an deren Verfall noch jeder mitverfallen ist, der es ihr recht machen wollte. Es schafft sich ein Publikum.

Dylan schließlich mußte das alles vorleben. Er war der erste unter den Inhalte vertretenden Rock-Stars, der sich dem Problem des Alterns stellen mußte. Sehr früh bezog er die Young-Position und öffnete sich dem jeweiligen Trend, der Mode – also dem unter klassisch kleinbürgerlichen Kontinuitäts- und Echtheitsfanatikern verachtetsten Feld. Der berühmte Griff zur elektrischen Gitarre in Newport. Der Rückzug nach Nashville unmittelbar nach den ersten Country-Rock-Erfolgen anderer. Die Idiosynkrasie des „Self Portrait“. Und immer wenn ein Zickzack-Kurs zur neuen Routine zu werden drohte: ein paar Jährchen Kontinuität. Nicht nur diese Strategien als Strategien begriffen und eingesetzt zu haben, adelt Dylans Werk zwischen ’65 und ’75, sondern vor allem, daß die Strategie von klar erkannten und nicht breit genörgelten, sondern beherzigten inhaltlichen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten seiner Position begleitet und begründet wurde. Von der sich anschließenden Ratlosigkeit können Young und Reed heute profitieren und sich auf ein Terrain, wo man den lieben Gott mehr als einen guten Mann sein läßt, gar nicht erst begeben. Die Frage ist, hat Dylans religiöse Verwirrung der frühen 80er (die darin bestand, nicht mehr verwirrt sein, sondern ein heiles Licht leuchten sehen zu wollen) Ergebnisse hervorgebracht, die für spätere Lebenswege mit diesem Problem nützlich sind. Wir wissen es nicht.

Meine Behauptung wäre: nach der religiösen Phase hat Dylan die Kontinuität und das Nacheinander von Haltungen, Strategien, Erlebensweisen ganz verlassen und nur noch Platten gemacht, die sich zwischen den verschiedenen Punkten seines bis dahin gegangenen Weges, eines Full Circle aus der Unklarkeit durch alle Stadien problematischer Klarheit zu einer neuen Unklarheit, die beansprucht, Klarheiten in sich aufzuheben (= Religion, Letztbegründungen), hin und her bewegt. Das Leben nach dem Leben. Es wäre ungerecht, dies als ein Schöpfen aus der Vergangenheit abzutun, dem ein Mangel an Erfahrung und Auseinandersetzung zugrunde liegt. Das Fatale aller Strategien besteht darin, daß die Wege und Kurven, die sie beschreiben, ein Eigenleben gewinnen, das all das regiert und dominiert, das durchzusetzen oder zu verteidigen sie einmal erfunden wurden. Der Formalismus (die Kunst, die Strategien abbildet, verfeinert, zum Inhalt erklärt) war schon immer die Falle, die für die Altersjahre von Künstlern vorgesehen war, auch schon für solche, denen Publikum und Neuheit ziemlich egal sein konnten.

Mir hat in den letzten Jahren keine Dylan-Platte mehr so gut gefallen, wie mir Blood On The Tracks, Blonde On Blonde oder Highway 61 Revisited gefallen haben. Ich weiß nicht, wovon er redet. Ich weiß nicht, was immer diese beziehungslos in seinen Aufnahmen rumstreunenden Prominenten wollen, ich weiß ganz besonders nicht, was Pseudo-Gospel in seinen Songs zu suchen hat. Aber wie soll ich das auch wissen. Ich bin ja erst so alt wie er bei Street Legal und habe nicht vor, nächstes Jahr Gott zu finden. Inhaltlich hat er alle Probleme auf Blonde On Blonde geklärt, wo er davon redet, wie es ist, irgendwo „stuck“ zu sein und das berühmte Bonmot prägte, daß man „honest“ sein müsse, um außerhalb des Gesetzes zu leben. Dieses Bonmot sollte man umdrehen: wenn man sich außerhalb der Gesetzmäßigkeiten zu begeben geschafft hat, die auch die Strategien prägen, beginnt ein Land, in dem so was wie Honesty herrscht. Ob er dieses Land wirklich betreten hat oder nur so tut oder sich hineinwünscht … Wie kann ich das wissen?