Ditdit-dehdehdeh – Ditdit-dehdehdeh. Ich schiebe die Bahnhofstür beiseite, ditdehdeh, ich tauche in die B-Ebene ein, ich habe keine Bom-ber-ja-a-cke dabei, die sie mir klauen können, dit, ich tauche aus der B-E-bene auf, werfe einen Blick in die heimelige Hütchenspielerknei-pe, lasse mein Auge die Skyline der Verwaltungsge-bäu-de absuchen. Frankfurt am Main, hier kommt Frank, und hier komme ich. Hier treffen wir uns in der Mitte: „I’m glad to be here. I’ve never been in the area, and I enjoyed to watch how it works.“
Thomas Mann war dabei, als man in Amerika die Popkultur erfand, zumindest las er die Zeitungen, die dabei waren:
Pacific Palisades, Sonntag den 15 VII. 43
/Organisation des Vortrags./Einleitung. Allein etwas gegangen. Häusliches Mahl, ohne Mädchen. Gelesen die Zeitung. Über die Ekstase des weiblichen Publikums gestern in der Bowl bei den Gesängen eines populären Baryton-Boys Frankie Sinatra. – Nachmittags allerlei Erledigungen mit Dr. Joseph. / Er beginnt, den Roman abzuschreiben. / Abends Kaffee. Gelesen im Schindler. – Abreise Churchills von Hydepark, wo er 3 Tage mit Roosevelt verbracht. Friedensdemonstrationen unter Bombardements in Italien. Rom überstürzt zur offenen Stadt erklärt.
Frankfurt überstürzt zum Tabellenführer erklärt. Bayerns fünfte Heimniederlage (heute am Tag der Niederschrift, eine Woche nach dem Konzert). Welchem Konzert, dem in der Hollywood Bowl? Das war exakt 14 Jahre vor meiner Geburt und 48 Jahre vor dem Auftritt in Frankfurt, von dem ich hier singe, exklusiv vor American Express Members und Schwarzmarkthöchstpreiszahlern. Wer was auf sich hielt, verschwand schon auf den von der Buchmesse her bekannten endlos langen Gängen des Ffm-Messe-Anwesens nach links in die V.I.P. Lounge. Aber auch für den Rest war gesorgt. Sechs bis sieben Bars, die um 5,80 Tuborg und andere Getränke feilboten. Duftende Garküchen, wo man warme Snacks bekam. Schmucke Kellner und Kellnerinnen, die ungefragt die Aschenbecher der Stehtischchen leerten.
„Tja, Leute was soll ich euch sagen: Man ist halt keine 15 mehr. Wozu auch? Ein gräßliches Alter, sage ich euch. Ich bin froh, daß ich’s hinter mir hab’. Da interessiert man sich ja noch nicht mal für Girls. Das heißt: That was a lie.“
Und ich dachte auch immer, es sei ein sehr gutes Jahr gewesen, als er seventeen war. Aus irgendeinem Grund bestand ein Großteil der Conference von Sinatra aus Bemerkungen darüber, daß er die Musik der jungen Leute nicht verstehe und man von ihm nicht erwarten dürfe, daß er so’n Zeugs singen würde. Aber wer hatte das denn erwartet? Nun, vermutlich der Baryton-Boy selber, war er es doch gewohnt, Girls – oder in seiner Sprache: Broads – zu bezirzen, die natürlich ein gewisses Alter nicht überschreiten durften. Und in letzter Zeit hatte er sich ziemlich stark in die aktuelle Jugendkultur eingemischt. Pop ist sein Metier, und was da läuft, ist noch immer seine Konkurrenz. Nachdem Sinead O’Connor einen Festival-Auftritt abgesagt hatte, weil zu Beginn die amerikanische Nationalhymne gespielt werden sollte, hatte Sinatra – was ging ihn das an? hätte er sich rausgenommen, seinerzeit Hendrix zu maßregeln? – sich angeboten, der jungen Dame Manieren beizubringen, „mit einem anständigen Tritt in den Arsch“, wenn Sie verstehen, was ich meine. Amerika ist begeistert. Als es neulich ein junger Fanzine-Redakteur unter Vorspiegelung der falschen Tatsache, einer von Frankies Unterwelt-Freunden zu sein – er ist bekannt dafür, alle italienischen Akzente der Chicagoer Unterwelt imitieren zu können –, tatsächlich schaffte, sich von Sinatras Sekretärin zum Chef durchstellen zu lassen, sich dann zu erkennen gab und ein Interview erbat, bekam er nach einer angemessenen Schweigepause zu hören: „Du bist tot. (Pause.) Deine Mutter ist tot. (Pause.) Dein Vater ist tot. Dein Bruder ist tot. Deine Schwester ist tot.“ Klick. Es gibt ein Problem mit den jungen Leuten, obwohl die ihm in den 80er Jahren zumindest hierzulande zu einer, sagen wir: siebten Karriere verholfen haben, und nun, zu Geld oder einer American Express Karte gekommen, einen nicht unwesentlichen Teil des Publikums stellten.
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In den mittleren 70ern erschien die bislang anschaulichste Geschichte der Pop-Kultur, Rock Dreams von Nik Cohn (Text, meist nur eine Zeile pro Bild) und Guy Pellaert (hysterische, gemalte Popstar-Porträts in Farbe und vor einem Hintergrund aus ein oder zwei markanten Details, die aus Songtexten und der Biographie entnommenen waren, so daß diese Details das wirkliche Image eines Popstars ergaben, nämlich die Summe aus dem biographischen und dem künstlerischen Image, aus Leben und Werk): auf der ersten Seite, sozusagen als Schmutztitel, das einzige Schwarzweiß-Bild: Frank Sinatra mit Glas und Ziese, darunter die unsterbliche (sic!) Zeile der Who: „Hope I die before I get old!“ Das war damals noch die Formel, mit der man sich für immer von ihm verabschieden konnte, auch wenn es die Anerkennung einschloß, daß mit ihm alles angefangen hatte – das Nichtmehraltwerdenwollen.
Wenn mich einer gefragt hätte, was Sinatra seit The Man With The Golden Arm gemacht hat, hätte ich bis 1982 garantiert auch keine Antwort gewußt. Sich scheiden lassen? Ein paar Frauenbekanntschaften, Mia Farrow, Lauren Bacalls erster Boyfriend nach Bogart, sich von seiner Tochter porträtieren lassen, Schutzgelder waschen, Leute, die Ava Gardner beleidigen, zusammenschlagen?
Junkie-Jazz-Drummer war vermutlich die letzte coole Rolle, die er gespielt hat. Als sich u. a. durch verstärkte Soul-Rezeption die panische Angst der Rock-Kultur vor Glanz, Streichern und Inszeniertheit von Gefühlen im Laufe der Postmoderne wie ein dummer Nebel langsam löste, wanderten alte Sinatra-Singles langsam in Jukeboxes von New-Wave-Kneipen. Man drückte sie noch bis circa Frühsommer 84 mit dem gleichen campy Vergnügen, mit den man vorher die Cramps und danach „Children Of The Revolution“ von T. Rex gewählt hatte. Das war die Zeit, als Konkret-Herausgeber Gremliza in dem legendären Spex-Interview „Härter als der Rest“ zu Gerald Hündgen sagte, er habe sich berichten lassen, in diesen New-Wave-Kreisen gäbe es eine neue Sinatra-Rezeption.
Daß dafür vor allem ein Song verantwortlich war, konnte man auch in Frankfurt wieder bestätigt finden: Als nach einem wunderbar gedehnten und mit viel Altmänner-Soul zelebrierten „One For My Baby“ die in diesem Kontext brachialen Fanfaren von „New York, New York“ die Stille zerfetzten, reagierte das Davis-Cup-Publikum mit dem größten Enthusiasmus, zu dem es fähig war. Das liegt natürlich daran, daß man hier auch den Text ganz auf sich als zeitgenössischen Nachnewyorkgeher übertragen konnte. In den 80er Jahren ging ja jedermann und sein Schwager nach New York, um es da zu „machen“ (und wenn das „machen“ nur darin bestand, als Tourist einen Bummel durch die South Bronx stolz zu überleben und davon zu prahlen), oder um woanders hinzugehen und es da zu „machen“, als wär’s New York (nach Frankfurt zum Beispiel mit seinen rührend blöden, aber beeindruckenden multikulturellen Weißweinskylines). Ich mußte den ganzen Song über an Bret Easton Ellis denken. Wenn ich in New York killen, schlitzen und foltern kann, kann ich überall killen, schlitzen und foltern (man denkt immer an solche Sachen, wenn Songs einfach zu bekannt sind, um sie noch einfach anhören zu können).
„The city is so nice, they had to name it twice“ (Jon Hendricks) Der Titel „New York, New York“ profitiert ja davon, daß er einfach nur die bekannteste Postanschrift der Welt postalisch korrekt wiederholt – nicht der Name der vergötterten Stadt wird wiederholt, nein, auf einen Brief nach New York schreibt man New York, New York, Stadt, Staat. Wann immer man die Adresse las, fing man an, diese Fanfare zu summen (guter Beat auch), seit der Zeit zumindest, als hier alle dahin aufbrechen wollten wie zehn Jahre vorher nach Indien. Grönemeyer versuchte diese Methode später erfolglos mit „4630 Bochum“ (freiwillig unfreiwillig) komisch zu kupfern.
Aber das war harmlos gegen die heutigen New York-Triebe. Wenn in Tempo der bisher nur ungefährlich-tattrige Matthias Horx sich ein multikulturelles Deutschland wünscht, das so richtig geil lebensgefährlich, brutal, konfliktreich, drogensüchtig, rassistisch, kriminell etc. sein soll wie Vorbild „New York, New York“. Wenn sich den Ausländerfeinden solche Ausländerfreunde hinzugesellen, die sich schon darauf freuen, daß bald noch mehr Leute für nichts und eine Hundehütte nicht nur in Kneipen arbeiten, sondern bald auch die Crack-Versorgung für pittoresk am Straßenrand herumliegende, Metropolenflair verbreitende Obdachlose sicherstellen (Tempo 10/91, S. 36).
Nach den Meldungen im Kölner Express, Sinatra habe Alzheimer, hatten wir uns noch vorgestellt, wie lustig es wäre, wenn er tatsächlich, wie dort behauptet, Textzeilen vergäße: „Start spreading the … äh … was mal noch? … disease?“ Die Idee, daß einer, der nur aus unsterblichen Textzeilen besteht, die jeder kennt, selber anfangen sollte, die unsterblichen Zeilen zu vergessen, hat etwas zuundzu Tröstliches. Sic-transit-gloria-Benneton-Soldatenfriedhof-mäßig. Stattdessen fast eineinhalb Stunden konzentrierte Show, fetter als die meisten der Peter-Weck-artigen, Rainer-Günzler-mäßigen und leicht ins Lou-van-Burg-hafte lappenden Herren, die ihre jüngeren Damen in den VIP-Bereich führten, wo sie Frank Sinatra nicht kennenlernen würden, weil der seine ganze Europa-Tour von einem Hauptquartier in Paris aus bestreitet, wohin es jeden Abend zurückgeht.
Ich hatte wirklich erwartet, eine Mumie singt ihre fünf bekanntesten Lieder, aber der Alte tigerte unentwegt charismatisch die Bühne rauf und runter und beklagte sich über die Jugend. Dazwischen kamen diese Hits, ein paar mehr, als ich dachte, aber das Orchester, das die durchweg von Sinatra angegebenen historischen Arrangements reproduzierte, fiel nicht weiter auf. Für meine Ohren war es sowieso schon so leise, daß ich’s fast nicht hören konnte und so nur die soulig brüchig gewordene, aber noch als einst GROSS erkennbare Stimme blieb. Die einem in ihrem vormaligen GROSSEN Zustand wohl nur auf den Nerv gegangen wäre (wer kann schon große Stimmen ertragen?).
Auf den Rängen war nicht viel los. Nur unten, im Service-Bereich, von wo aus auch die Gesichtszüge und das bekannte BLAUE in den blauen Augen auch für Leute, die weniger als 500,– bezahlt haben, zu sehen waren, ging es ab. Direkt an der Kordel, die verhindern sollte, daß man dem alten Charmeur zu nahe trat (in den Las-Vegas-Lounges der 50er mußten ihn im Schnitt zwölf Polizisten schützen), ballte sich die Hostessen- und Dienstleistungsaristokratie, die vorher so tapfer die Aschenbecher der Gestüts- und Saunabesitzer geleert hatte. Man sah: echte Kennerschaft. Ein Kellner, der seine Arbeit gut macht, war ja nicht erst für Thomas Mann der Inbegriff von würdigem Entertainment, kaum zufällig wird ja auch Hans Albers zur Zeit überall vor allem mit seinen Gastronomie-Klassikern geehrt. Servieren und nicht das Gesicht verlieren ist ganz nahe an Auftreten und Soul haben. Nicht umsonst heißt es: vom Tellerwäscher zum Hütchenspielerboß, nicht: vom Müllmann zum Midas. Hier also Menschen, die mit ihren Augen Sinatras ziemlich idiosynkratischen Wegen quer über die Bühne folgten, nach Zehntelsekunden die Arrangements erkannten und sogar selbstmitgebrachte Blumensträuße dabei hatten.
Denn Sinatra ist tatsächlich noch Pop, so seltsam es klingt. Alles, was in dem Genre, das er repräsentiert – eingefrorene Big-Band-Musik, eingefrorener Swing –, nur noch für die hohlsten unter den nostalgischen Affekten Platz läßt, wird von ihm einem Lebensgefühl zurückgegeben, wo noch heute Leute die Chance spüren, sich wenigstens vorstellen zu können, wie es wäre, wenn sie ganzheitliche Subjekte wären und autonom und souverän handelten.
Weil sie z. B. auch nichts anderes tun, als das, was man in Amerika schon vor fünfzig Jahren tat: Aschenbecher leeren und Kinder aufziehen. (Die vorübergehende Überholtheit Sinatras zwischen 68 und 82 hängt damit zusammen, daß in der Zeit die Aschenbecher voll blieben und die Kinder unerzogen.) Pop heißt ja nicht, Bedürfnisse durchzusetzen, auch nicht Bedürfnisse aufzuzwingen, umzuleiten etc., sondern sie für eine Zeit zu artikulieren. (An der sich manches schneller und anderes doch langsamer ändert.)
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Zuletzt hörte ich sie (DIE GROSSE STIMME) schwül, dramatisch, überhitzt und ziemlich GROSS in Spike Lees Jungle Fever, als fiebrige Untermalung der aufgeheizten Rassismen in der kleinen Bar im italoamerikanischen Bensonhurst, wo sich die italienischen Männer treffen und über die „Rassenschande“ debattieren, daß sich eine italienische Frau mit einem Schwarzen eingelassen habe. „When I was seventeen it was a very good year“ läuft viel zu laut und überdreht, wenn sich die Jungs gegenseitig aufheizen, bis man aus dem Stimmengewirr nicht mehr heraushören kann, ob eigentlich schon offen von Sex die Rede ist oder Rassismus noch als Vorwand dient. Leitmotiv bei Spike Lee ist ja der Verlust diverser traditionell italienischer Domänen, die im Laufe der letzten Jahrzehnte von Schwarzen erobert wurden, mitsamt den daraus sich ergebenden Aggressionen: Baseball, Basketball, Football, vor allem Boxen. „You gold-teeth, gold-chain-wearing, friedchicken-and-biscuit-eatin’, monkey, ape, baboon, big thigh, fast running, three-hundred-sixty-degree-basketball-dunking spade, Moulan Yan, take ya slice a pizza an go the fuck back to Africa!“ – „You Dago, Wop, garlic-breath, guinea, pizza-slinging, spaghetti-bending, Vic Damone, Perry Como, Luciano Pavarotti, Sole Mio, nonsinging motherfucker!“
Und das Showgeschäft. Früher war es selbstverständlich, daß all seine GROSSEN Rollen auch von Italoamerikanern besetzt wurden, heute verliert der letzte italoamerikanische Star, Sylvester Stallone, gerade sein Terrain an einen Mann aus der Steiermark (der besonders in der schwarzen Community sehr beliebt ist; und das nicht, wie neulich ein deutschkundiger Amerikaner meinte, weil sein Name „Black Negro“ bedeute). So brodelt dann in Jungle Fever die streicherüberladene, sich der gerade überwundenen pubertären Verklemmtheit noch erinnernde Sinatra-Sex-und-Souveränitäts-Nummer durch die kleine Bar in Brooklyn, die heute nur noch bittere Erinnerung an eine längst verlorene souveräne Sexualität (und Identität) unter den italian working class youths verbreitet, und an die Stelle dieser Souveränität ist eine Hoyerswerda-mäßige Raserei getreten. Noch diese Nacht machen wir Yusuf Hawkins platt. (Wahrscheinlicher ist, daß sogar die authentischen Mörder von Yusuf Hawkins schwarze Musik gehört haben, bevor oder als sie ihr schwarzes Opfer zu Tode prügelten.)
Der Verlust eines italienisch dominierten Showgeschäfts ist auch heute abend in Frankfurt bei einem Publikum, das zu einem nicht unwesentlichen Teil seine Eintrittskarten mit Schutzgelderpressung im mehr oder weniger übertragenen Sinne verdient haben wird, ein Punkt. Wenn Sinatra davon redet, daß die jungen Leute unverständliche musikalische Vorlieben haben, dann meint er auch, daß sie „Negermusik“ hören; diesbezüglich hat er sich ja auch schon zu Zeiten des Rock’n’Roll eingelassen. Die enge Beziehung der Musik, die er pflegt, zu einer früheren Phase von „Negermusik“ ist da kein Widerspruch. Der Name Quincy Jones als Songwriter oder Arrangeur fällt an diesem Abend mehrere Male, während der echte Quincy Jones sich bei jeder Gelegenheit dafür feiern läßt, wie nahe er sich gerade auch den jüngsten und aggressivsten Entwicklungen schwarzer Musik fühlt (seine sogenannte Bilderbuchkarriere kann man zur Zeit in einem Kinofilm bestaunen). Der imaginäre Barkeeper, der in „One For My Baby“ noch einen einschenkt (bzw. zwei), ist schwarz, aber er bedient nur (in der nächsten Generation wechseln unzählige seiner Nachkommen ins Soul-Fach). So kann man mit ihm auskommen und sich von ihm sogar Songs und Sounds zeigen lassen. Amerikanische Souveränität, wie sie Sinatra verkörpert, als den eigenen Weg, den ich ganz allein zu gehen glaube, denkt sich immer von einer Kriegerposition aus. In Frankfurt schleckt man nur den Sound der Würde, die so ein Veteran halt immer ausstrahlt. Daß diese Würde ein Gefühl ist, das in engstirnigen, klein- und großkriminellen Kämpfen gewonnen wurde, verstehen nur diejenigen Kriminellen im Publikum, die ein gutes Gedächtnis haben oder die Souveränität, sich nichts vorzumachen.
Miles Davis fällt einem ein, weil er aus den Entstehungsbedingungen seiner hohen, einsamen, allgemein als Eleganz-Chiffren gelesenen Trompetentöne nie einen Hehl gemacht hat. Gerade deshalb konnte er in das Reich romantischer Rassismen verweisen, was seine Kritiker immer so gerne behaupten: wie golden die Jahre waren, als Jazz noch von großen schwarzen Junkies mit der Hand gemacht wurde, nicht von Computern. Davis lobt die Zuverlässigkeit der Computer, er ziehe sie Saxophonisten vor, die schon wieder ihr Horn für Dope verpfändet hätten. Die Drogen-, Zuhälter- und Pfandleiherkunden-Epoche des Jazz sei keine goldene, kreative gewesen, sondern eine auszehrende, die sich nur ein romantischer Trottel oder Rassist zurückwünschen könne; die Trompetentöne als Negation der sie umgebenden erzwungenen Wildheit.
Sinatra – ähnlich dem Südstaaten-Soul – kommt noch aus der Zeit, als trotz aller Rassenkriege eine gemeinsame Vorstellung alle Working-Class-Amerikaner einte: Man könne da rauskommen und mit der dabei gewonnenen – die Umstände politisch oder individuell – negierenden Eleganz nicht nur Handel treiben, sondern auch ein Lichtlein hochhalten, das den anderen den Weg zeigt (ohne das moralisch zu meinen). Diese Gemeinsamkeit ist spätestens seit den 50ern in einem großen Teil, seit den 70ern in allen Bereichen der Produktion von Pop-Musik verschwunden. Wenn man immer dieselben unsterblichen Zeilen singt, bis man identisch mit ihnen wird, kann man die Erinnerung daran, als Person, als sogenannte lebende Legende, noch eine Weile erhalten. Die Erinnerung an das, wofür Soul – zu dem Sinatra sogar das Bindeglied aus einer noch weiter zurückliegenden Vergangenheit bildet – einst stand, ist noch so mächtig, daß immer wieder versucht wird, Soul zu formulieren (auch wenn Soul als Negation es immer schwerer hat, weil kaum noch jemand lernt, eine solche Negation des Erzwungenen für möglich zu halten und man heute – im Hip-Hop-Universum – dazu neigt, auf brachialere, individuellere Methoden zu setzen).
Eine hochgewachsene Frau, nicht in der Uniform des Service-Personals, nimmt mir jetzt kurz die Sicht. Als sie sich einen anderen Platz sucht, erkenne ich sie: Vattagrafs Nacktmodell mit Begleitung. Von „Würde“ redet zwei Tage später auch die FAZ in Form ihres an der Realität von Pop und Jazz sonst mit besonderer Konsequenz vorbeischreibenden Kritikers Obst. Er hat nicht nur beobachtet, daß die „Frankfurter Festhalle zu fliegen beginnt“, wie sonst nur Klassenzimmer, sondern er kennt auch die „typisch amerikanischen Allianzen (…) zwischen Kunst und Kitsch etwa, zwischen Mafia und Mädchen, zwischen Politik und Show, zwischen Geld und Geltung“. Das lässige „etwa“ signalisiert, daß die Kraft der Alliteration – die nur für die Politik durchbrochen werden mußte, obwohl sich doch hier „Show und Shmiergeld“ angeboten hätte – noch endlos weiter verbinden könnte, ohne daß irgendeiner der Anteile einbringenden Partner Schaden nehmen würde. Würde. Würde aber, so sehr wir sie genießen als ein Zeichen für den Sonderfall, daß einer die Gefährdungen – symbolisch – hinter sich gelassen hat, solche Würde aber ist immer Widerschein gnadenloser Willkür, ob von der Allianz Vattagraf und FAZ (daß es bei denen nie würdig widerscheint, liegt nicht an ihrer vielleicht noch verkommeneren Moral, sondern an Deutschland, wo eben nicht mal Gangster cool aussehen) ausgeübt oder von der Mafia an Mädchen verübt. Soul ist noch mehr, ein Sichverlassenkönnen auf kollektive Vermittelbarkeit sehr spezifischer Gefühle von Würde und Gefährdung. Ich will Frank keine Vorwürfe machen, gäbe ich was auf ein moralisches Urteil über seine Vita, hätte ich gar nicht erst anzufangen brauchen. Musik und Gesang sind nicht die Summe ihrer Produktionsbedingungen, und der älteste Hut ist, daß böse Menschen die besten Lieder haben. Mit dem Genuß daran die Forderung nach unverzüglicher Verschärfung der Lebensbedingungen in der BRD zu verbinden (wie Horx) ist die widerlichste Spätfolge des Authentizismus der Rock-Kultur.
Nein, das große Glück an einem Sinatra-Abend besteht gerade darin, daß diese (so natürlich eh nicht summenden) Allianzen sich auflösen. Wenn er „Come Fly With Me“ singt, sitzen immer noch dieselben Immobilienmakler im Publikum, und zwar fest auf ihrem irdischen Hosenboden, auf der Bühne eiert derselbe widersprüchliche, nette Kerl, aber sein Mikro überträgt etwas, das – um in der Sprache des FAZ-Kritikers zu bleiben – nur noch „Mädchen“ und nicht mehr Mafia ist. Es ist auf jeden Fall Würde, aber ich bin nicht ganz sicher, ob es Soul ist, ob er Soul hat. Aber daß Negation und Eskapismus, Abflug und Aufbruch auf Amerikanisch keine Gegensätze sind, wird man in Deutschland vielleicht nie ganz verstehen. Frankfurt übereilt zur offenen Stadt erklärt.
Man könnte argumentieren, daß eine besondere Schönheit von den Glücksvorstellungen und Schwerelosigkeiten ausgeht, die sich gegen besonders schwere und besonders unglückliche Umstände durchsetzen mußten, egal welchen Anteil der Vortragende an diesen Umständen hatte (selber bei der Mafia war). Abgesehen davon, daß solche Überlegungen romantische Spekulation wären, spielt es eben auch keine Rolle, weil man weder Glück noch Unglück – weder in der Kunst noch im Leben – messen kann, wohl aber kann man historische und sonstwie spezifische „Glücke“ unterscheiden und benennen. Sinatra kommt bei mir schon fast nicht mehr an, gerade eben noch. Und heute abend muß er über sehr viel Umgebung hinwegsingen. Wenn ich von „Glück“ spreche, meine ich schon nur noch eines, dem ich Erfahrungen hinzudichte, die ich mit den großen Euphorikern und Melancholikern späterer Generation gemacht habe.
„His entire life was a long, unending fight“, resümiert Sinatra-Biograph Gehman schon 1961 erstaunlich nekrologisch, weil er vermutlich ahnt, daß aus einer fightend verbrachten Vita gewonnene Gefühle bald keine Zuhörer mehr finden würden. Für eine gewisse Zeit waren die Leute ja schon mal so weit, daß sie auf diesen My-Way-Fight, egal wie dürftig ihre Lage war, zu Recht keine Lust mehr hatten; etwas Besseres als Karriere finden wir allemal. Diese Zeiten sind einstweilen oder für immer vorbei, Sinatra hat sie in Las Vegas ausgesessen.
Rückweg durch das postmoderne Möchtegernnewyork, Möchtegernnewyork zum Hauptbahnhof. Aus der Kneipe hört man Jauch und Sportstudio und kehrt gern auf ein Bier ein. In mein Gesichtsfeld setzt sich diesmal ein kleiner Mann. Unglücklich unterliegt der Hamburger SV bei Borussia Mönchengladbach. Neben mir ein kleiner Tumult, aber ich schau nicht hin, weil: Vielleicht gleichen sie ja doch noch aus. Der kleine Mann dreht sich um: „Hast gesehen, die Frau ist mit dem Geld durchgebrannt?“ – „Nee, ich hab ferngesehen.“ – „Mensch Junge, hast doch zwei Augen, brauchst du vier Augen?“ Und da sah ich, daß er nur noch eines hatte.