Genau über Ungenaues sprechen – The Melvins

Nach einigen Sequenzen dialektischen Schlingerns – Mainstream-tauglicher Platte folgt hyperexperimentelle, danach wieder Mainstream-taugliche mit einigen Ideen der letzten experimentellen usw. –, dem Verträge mit zwei Labels zugrunde lagen, einem Major und einem Minor naturgemäß, beschäftigen sich die Melvins auf ihrer neuen Platte (Honky, Amphetamine Reptile/Indigo 1997), nachdem der Vertrag mit dem Major endgültig gelöst ist, mit einem Weg zwischen den Extremen. Auf nichts von dem soll verzichtet werden, was vorher entwickelt wurde. (Über die Erfahrungen mit dem Major informiert ein amüsanter elektronischer Shuffle à la Düsseldorfer Fun-Experimental-Schule von 1980 mit Telefon-Zitaten: „Laughing With Lucifer At Satan’s Sideshow“).

Die Melvins dürften die einzige aktive Band aus dem US-Alternative-Rock-Kontext sein, die auf demselben Abstraktionsniveau spazierengeht wie die besseren Akteure der internationalen elektronischen Pop-Avantgarde. Ihre letzten Platten waren davon gekennzeichnet, zum einen die Musik, mit der sie angefangen haben – verlangsamter Metal, Hardcore – über immer neue Stufen der Abstraktion in seine musikalischen und zeichenhaften Bestandteile zu zerlegen und zum anderen alle bekannten Techniken – aus neuer Musik, Sound Art, Kagel, Stockhausen etc. –, mit derart zerlegtem Material umzugehen, auch an Material auszuprobieren, das nicht aus der Metal-Welt stammte. Dies alles wurde zusammengehalten von einem Proll-Humor, der einerseits genuin Metal-mäßig, zum anderen von der Radikalität geküßt war, die sie bei den anderen Parametern ihrer Musik zum Einsatz brachten. Diesem Proll-Humor ist auch der Titel gewidmet: „Honky“ wird auf dem Cover noch einmal ausdrücklich als abwertende Bezeichnung für Weiße definiert. Was wie reaktionär-trotzige Counter-Identitätspolitik klingen könnte, wird durch den Kontext der Melvins-Musik und -Geschichte zur leicht selbstironischen Kennzeichnung ihrer Grenzen: letztendlich sei man eben doch eine Metal-Band.

Nach all den Jahren der Überraschungen und Experimente überzeugen sie hier durch irre genau und sicher eingesetzte Elemente ihrer eigenen Geschichte und einer generelleren Geschichte auch unangenehmer Errungenschaften des Progressive Rock schlechthin. Tatsächlich tauchen hier die experimentelleren Momente von King Crimson bis zu frühen Pink Floyd auf, als Prinzipien ebenso wie als direkte Zitate. Von den vage metallenen Nummern abgesehen, herrscht mehrfach die Form der Suite vor. Eigentlich unverbundene kleine Ideen reihen sich zu bombastisch anwachsenden Pieces, wie etwa bei dem über zwölfminütigen „Air Breather Deep In The Arms Of Morphius“.

Isolierte Schlagzeugschläge (auf halber Resonanz gebremste Snare), die klingen wie elektronische. „Astronomy Domine“-Gewaber. Ätherische Gesänge mit Kat Bjelland in der Rolle der Julee Cruise aus Lynch-Soundtracks. Vollkommen abstrakte Schlagzeug-als-Maschine-Duette mit übel attraktiv-atmosphärischen Progressive-Keyboards aus einer Zeit, die noch nicht der Moog-Nostalgie zugeführt wurde (mein Lieblingstrack: „How –++–“). Jede Menge Geräusche, die Atmen und Dämpfe laut simulieren. Diese und viele mehr sind die immer wieder durch ihren isolierbaren Humor auffallenden Ingredienzien.

Man kann diese Platte auch als ein Werk hören, das abgestandene, bekannte Romantizismen wie Präraffaeliten- und Progressive-Rock leicht gesteigert und aktuell brutalisiert aufführt. Etwa um diesen Komplex heute 18-Jährigen zugänglich zu machen. Wir Älteren andererseits, die sowohl die Melvins wie King Crimson kennen, hören sie als eine ziemlich kühne Karikatur eines jeden Versuchs, „mit Musik Atmosphäre zu erzeugen“. Was die Melvins für das Studium aller grundsätzlichen Probleme jetziger und jeder Pop-Musik so wichtig macht: wie überaus genau sie mit Metaphern für Ungenauigkeit umgehen.