An diesem Begriff kann man mal klären, was es mit den vielbeklagten „Vereinnahmungen“ und „Verwässerungen“ einer Idee durch das „Feuilleton“ und andere Agenten des Systems auf sich hat. Das Wort „Girlism“ hatte sich Spex nachweislich im Sommer des Jahres 1990 ausgedacht und lanciert (und nicht etwa „aus Amerika“ importiert). „Girlism“ war ein aus einer Art anthologischer Liste von Frauen in der Pop-Musik herausgewachsener Begriff für Tricks, Ästhetiken und Strategien, die Frauen im Pop-Feld angewandt hatten und denen ein gewisser, von uns damals begrüßter Anti-Authentizismus gemeinsam war. Der Begriff schwankte zwischen deskriptiv und normativ. Anders aber, als es die geläufigen Vorstellungen von „Verwässerung“, „Vereinnahmung“ und In-falsche-Hände-Geratens normalerweise darstellen, ist diese Idee nicht falsch verstanden oder erst verstanden, dann aber aufgeweicht und entschärft worden. In all den Darstellungen zwischen Spiegel, Petra und diversen Massenmedien, die im Laufe der 90er mit „Girlism“ operierten, ist der Begriff vielmehr sofort in einem leicht unterscheidbaren und entgegengesetzten Sinne gebraucht worden. Es ging nämlich nun nicht mehr um vorbildliche künstlerische Strategien von Frauen im Pop-Bereich, sondern darum zu fordern, Frauen sollten sich politisch und im Alltag so benehmen wie bestimmte junge Frauen das zu bestimmten Zeiten strategisch (politisch und künstlerisch) erfolgreich im Pop-Bereich getan haben.
Der Begriff kippte eindeutig auf die Seite der Norm – und zwar wie das im Journalismus so läuft, durch exzessive, extensive und euphorische Deskription. Und er überschritt – klassischerweise ein Manöver linker und oppositioneller Pop-Rezeption – das Feld der Kunst hinüber zur Politik. Das gipfelte in der Forderung an Frauen und vor allem Mädchen, statt sich einer politischen Strategie, genannt Feminismus, zu bedienen, sich im alltäglichen Leben doch so zu benehmen, als befänden sie sich im Pop-Feld, von dem auch noch idiotischerweise oder perfiderweise behauptet wurde, daß es dabei nur um Spaß und Sex ginge. Alles andere wäre doch altfeministisch. So wurde über diese Ineinssetzung von Pop und Alltag ein ganz besonderer sexistischer Backlash lanciert: die auch noch als emanzipativ verkaufte, antifeministische Projektion von jungen Mädchen, die vom Leben nur noch unpolitisch individuellen Spaß wollen, den sich dann die Spiegel-Redakteure für sie ausdenken. Sie sollten endlich mit den feministischen Politisierungen des Alltags aufhören und sich dort wieder wie auf der nicht hintergehbaren Show-Bühne des Konkurrenzkampfes bewegen. Vielleicht wurde mit diesem Transfer von Pop in den Alltag von Frauen als Avantgarde aber auch ausprobiert, ob man die Zumutung, im Alltag ein popfähiger Typ zu werden, nicht überhaupt und für alle als neue Norm ausgeben könne.
Der Begriff – oder sein Themenkreis – blieb trotz allem auch in anderem Sinne so attraktiv, daß Ende der 90er versucht wird, ihn so wiederzubeleben, als wäre in den mittleren 90ern nichts passiert. Tatsächlich ist das Erobern einer Selbstverständlichkeit in der popkulturellen Artikulation von Frauen eine immer noch ausstehende und ungelöste Aufgabe. Das wäre aber wieder etwas anderes als der alte und auch etwas naive Girlism von Spex, der aus beobachteten Strategien unter unbefriedigenden Bedingungen ein überlegenes Kalkül ableiten wollte, dessen man sich nur zu bedienen bräuchte. Die Lage ist schon grotesk: Jede komplizierte Sub-Spezialisierung hat heute in jeder Großstadt einen Plattenladen, unzählige Web-Sites, Fanzines und Label – nur die Einführung einer von Frauen kontrollierten, selbstverständlichen Artikulation in der Pop-Kultur läßt auf sich warten.