Was man im Leben nicht aushalten kann, steigern Gore zum feinsten aller Kunstgenüsse. Wieder neu, göttlich, drogenfrei und höhere Harmonie.
Steve Albini verbrachte dieses Jahr seinen Sommer in Holland. Bevor er mit seiner ersten, eigenen Post-Big-Black-Projektgruppe Rapeman auf Tour kommen kann, wollte er es sich nicht nehmen lassen, Gore zu produzieren. Die Holländer (vgl. 8/87) haben nämlich die Plattenfirma gewechselt (zu Megadisc), neues, erweitertes Selbstbewußtsein geschöpft und ihren alten Gitarristen rausgeworfen: „Der war fertig. Hatte nichts mehr drauf. Konnte nicht mehr.“ Zwei neue mußten her (Frankie Stroo und Joes Bentley) und mindestens Steve Albini, der seine Sache extrem gut gemacht hat. Wenn man nämlich einen neuartigen, nicht gängigen Avantgarde-Heavy-Instrumental-Kram macht, also etwas, das keine vorhandene Nachfrage befriedigt, bestätigend, sondern neue Wege weisen will, muß man marketingmäßig noch viel besser und schlauer und härter sein; sogar die RAF hat ja einen neuen Grafiker. Aber Albini, als umtriebige Produzenten- und Guru-Figur sowieso besser als der alte große Schwarze, hat seine Sache wirklich verdammt gut gemacht. Diese Platte klingt. Das als allererstes, man mag von Big Black halten, was man will, ich wollte ja eigentlich nie so recht, aber diese Produktion ist 1 a.
Vor drei Monaten sah ich die neuen Gore als Sommerpausenunterhaltung in konzertlosen Wochen und war hingerissen, wie einer, dem man in der Wüste eine Gazpacho Andaluz reicht. Für den ausgestiegenen waren zwei junge, kleine neue Gitarristen gekommen. Der große, böse, magenumdrehende Gore-Groove, der einen früher von den Worten abschnitt, so daß man anschließend nur noch über das Ganze reden, sich an das Ganze erinnern konnte, war in viele kleine, nicht minder gewaltige, aber voneinander abgetrennte, durchgearbeitete Einheiten von oft nur zehn, zwanzig Sekunden vorhaltender, aber währenddessen so endlos wie unzerstörbar wirkender Beständigkeit unterteilt. Meine mittlerweile headbangkompatiblen Haare flogen im Uhrzeigersinn, und ich schaffte es erstmals, ein ganzes Gore-Konzert lang die Intensität der gleichzeitig, rhythmisch niedergehenden Äxte auszuhalten, mich ihnen auszusetzen, sie zu genießen, Mann (und das heißt mal wieder, den Unterschied zu erkennen zwischen Bewunderung und Genuß, letzteres ist eben doch so unendlich viel mehr / besser): viele kleine einzelne Worte im Kopf. In meinem Überschwang versprach ich den Jungs Titelbild und Triumphbögen. Filigrane Instrumentalmetal-Kränze und -Rosetten hatten mich so eingesponnen wie wach, wie aber auch willfährig gemacht. Eine neue Erfahrung: hier kommt so ein Break, mit seinem Hin und seinem Her, seinem Vor und seinem Zurück, und den kleinen Asymmetrien und Rösselsprüngen, die sich mittlerweile jede Metal-Band leistet, aber diese kommen nicht mehr zum Hauptstrom zurück, oder gar nicht erst von ihm her. Eine endlose Break-Kette, die aber – wie du mit der Zeit feststellen wirst und ich damals, vor drei Monaten im Konzert, noch viel schneller raus hatte als dann bei der Platte – aus lauter kleinen fertigen endgültigen Teilen bestand: Gödel-Escher-Gore. Kurios, das neue Doppelalbum von Gore handelt von einer Beziehung. Beziehungen und Musik haben gemeinsam, daß sie rhythmisch sind, daß Gleich- oder Ungleichzeitigkeit in beiden ein Problem sind. Mancher kann eine Beziehung ohne eine Mindest-Dissonanz/Ungleichzeitigkeit nicht ertragen, other people always zank, and then there are some evil mothers who können einfach keine atonale Musik aushalten. Ich für meinen Teil gehöre zu denen, die als das köstliche Privileg der Kunst zu schätzen wissen, daß sie einem zu genießen erlaubt, was man im Leben auf die Dauer nicht aushalten kann und nur sehr selten für kurze Zeit, einen aber im Falle guter Kunst nie ganz wirkungslos daran erinnert, was man aushalten können sollte: Ungleichzeitigkeit, Kollisionskurs, sich Strömen aussetzen, die einen in unbekannten Geschwindigkeiten auf den Dissonanztrip zum System, dem/den Anderen, der Welt schicken, auf Reisen, wo man, weil man die Geschwindigkeit nicht versteht, ständig mit zu früh / zu spät und zu schnell / zu langsam überrascht wird, was einem dann der Beat sagt, der immer noch von irgendwo kommt. Tja, Sound-Abenteuer, schärfen die Sinne für die echten Achttausender im Leben (oder lenken von ihnen ab?). Außer mir mag jedenfalls niemand atonale Musik und mag sie nicht nur nicht, sondern verläßt bei den ersten Tönen Tony Williams Lifetime, die ich auflege, Räume, wo er gerade Stunden mit äußerstem Genuß und äußerster Toleranz jede andere tonale Exzentrizität sich hat gefallen lassen. Was ich sagen will, ist dies: Würde ich eine Instrumental-Platte über Beziehungen machen, würde ich die auch im wirklichen Leben notwendigen, aber immer schmerzhaften Dissonanzen genießen, die im wirklichen Leben seltenen luxuriösen Harmonien nicht zum Ausruhen nutzen, sondern als objektive Dissonanz verleugnende Lüge.
Gore sind aber noch schlauer als ich, sie ahnen den Reiz dieser Umkehrung, aber auch ihre Gefahr, gehen also weiter, was ihnen erlaubt, realistisch zu bleiben und meine Idee zu verwirklichen: Sie spielen das dissonante Gemetzel als Glück und Harmonie, wie ich es gerne habe, aber sie spielen es unglaublich abgezirkelt und synchron, was eine andere Art Harmonie über die Dissonanz legt, denn das ist die Aussage des Doppelalbums: Wrede. Ein holländisches Wortspiel, das die Wörter für „Frieden“ und „grausam“ übereinanderlegt. Grausamer Friede. Denn Gore ist auch jetzt immer Rock, niemals Jazz, sagt Sachen, die Jazz niemals sagen könnte, weil der Jazzer eben immer allein bleibt, wie der Dichter, der Rocker aber ist immer auch Volksredner. Ist immer fähig, das ganz Komplizierte ganz einfach zu sagen. Marij Hel: „Wir haben einfach alle Moll-Akkorde abgeklappert, die ganze Platte ist in Moll.“
Marij Hel: „Die erste Seite handelt von Kennenlernen, Dynamik, die zweite von Dominanz, die dritte vom Auseinanderbrechen, die vierte ist der Tod, das Ende, aber auch das totale Glück.“
Ihr erinnert euch, daß Gore-Platten immer Geschichten erzählen, obwohl es Instrumental-Platten sind? Marij Hel schreibt sie, aber auch der Drummer Danny Arnold trägt sie mit, die beiden neuen Gitarristen wurden vor vollendete Tatsachen gestellt, das Material war schon zu Zeiten des alten Gitarristen fertig. „Wir finden diese Band aber auch so wie sie ist, als Instrumental-Band, gut, wir wollen es nicht anders haben.“ Habt ihr denn irgendwelche Freiheiten, oder führt ihr nur durch, was die anderen von der Urbesetzung euch auftragen? „Bis jetzt war es so, aber wir hatten ja auch keine Wahl, ich weiß nicht, vielleicht tragen wir demnächst auch was zu den Stücken bei, erst mußten wir die Platte einspielen, und nun gehen wir auf Tour.“ … „Der Einzige, der gewisse Freiheiten für sowas wie Improvisation hat, bin vielleicht ich“, sagt Danny, die anderen wären vollauf damit beschäftigt, ihre symphonischen Poeme vom Blatt runterzurezitieren.
Erst Europa, und dann die ganze Welt. Marij Hel, der Gore-Erfinder, speichert große Mengen Rockerweisheit in seinem gut trainierten Körper, den er nachts bei den Gigs wie ein Dynamo neu auflädt: „Die anderen verstehen das noch nicht oder sehen das anders, aber ich habe keine Präferenzen mehr, ich mag jede Art von Musik. Ich würde vor unseren Gigs gerne Cassetten mit Modern Talking oder anderen Dieter-Bohlen-Sachen laufen lassen, aber die anderen wehren sich dagegen.“ Bei den früheren, monolithischeren Sachen von Gore wurde oft von ratlos überrollten und von der gleichmäßigen, nur die Empfindung eines Ganzen zulassenden musikgeplätteten Konzertbesuchern eine Verbindung zu Drogen (aller Art übrigens, von Die Totale Saufmusik über Acid-Metal bis Haldol-Heavy) gesucht, was die vier völlig entrüstet zurückweisen: „Ich hatte als Mensch früher mit Drogen zu tun“ , so Danny, „um so besser kann ich beurteilen, daß die Musik nichts damit zu tun hat.“
Nein, hat sie wohl nicht, sie nimmt nur DAS LEBEN in dieser neuen, puritanischen Nüchternheit, die uns bei so vielen Post-Hardcore-Gruppen/Musikern der ganzen Welt begegnet, so ernst, wie man es früher und in Europa größtenteils auch noch heute nur unter gewissen Drogen tat (Halluzinogenen natürlich) oder unter anderen sogenannten Grenzerfahrungen, aber man vergißt ja auch immer, daß puritanische Nüchternheit auch eine Grenzerfahrung ist, sie läßt das Leben wie sonst nur Drogen, Kunst oder Fanatismus ebenso ungeteilt als ein Programm durchlaufen, wo es doch in unserer Zivilisation normal ist, daß man ständig zwischen den Programmen wechselt.