Haoui Montaug, 1952-1991

Als ich 1982 und ’83 ziemlich lange in New York abhing, war meine Stammkneipe das „Lucky Strike” in der 3rd Avenue (mittlerweile stehen Logo und Name für einen Künstlertreff in SoHo). Chef dieses ambitionierten Konzept-Hangouts war Haoui Montaug, die eine der beiden Kellnerinnen hieß Madonna. Haoui ließ sie gelegentlich in seinem multikulturellen Multi-Media-No-Wave-Kabarett „¡No Entiendes!“ auftreten. Ich setzte mich öfters nachmittags mit Haoui zusammen, der mir seine auf reichlich Erfahrungen basierende Subkultur-Soziologie erläuterte. Sein Begriff der „Privileged Poor“ z. B. bildete einen nicht unwesentlichen Bestandteil des theoretischen Fundaments meines seinerzeitigen Klassikers Sexbeat. Seine tiefen Einsichten hatte Haoui unter anderem erworben, indem er jahrelang in den wichtigsten New Yorker Clubs die Tür machte. Seine unorthodoxe, der Szene mehr als den Brieftaschen verpflichtete Tür-Politik half damals, die Idee in die Welt zu setzen, ein Türsteher könne so etwas wie ein Sozio-Künstler sein, sozialer Architekt einer Szene. Haoui hatte damals eine ganze Schule von Türstehern beeinflußt, vor allem solche, die mit ihm zusammengearbeitet hatten, die später in die Welt ausschwärmten und seinen Stil kurzfristig sogar in Etablissements wie dem Hamburger „Bsirs” durchsetzen konnten. Er hatte mittlerweile den East-Village-Kleinkunst-Circuit mit „¡No Entiendes!” (spanisch: Du verstehst nicht!) aufgemischt, einer Mischung aus Talentshow und New-York-bezogener politischer Agitation. Sein cooler Charme, seine klaren linksradikalen Haltungen, seine Positionen gegen Rassismus und für Gay Rights machten ihn zu einem wichtigen medien- und szenenübergreifenden Aktivisten, der schließlich eine entscheidende Rolle auch bei der Politisierung des New Music Seminars hatte, wo er in den letzten Jahren eine immer wichtigere Rolle innehatte. Mir (und vielen anderen Touris und Neugierigen) hat er in den frühen 80ern geholfen, New York zu verstehen. Permanent unterstützte er alle Arten von Talent, von jungen Disco-Sängerinnen bis zu schwer gezeichneten alten Beatnik-Poeten, Haoui Montaug starb im Juli in New York, seine Freunde sprechen von einem „AIDS-related death“ und von der „dignity”, mit der er sich seinem Schicksal gestellt hat.