Hausmitteilung, betr.: links

Falsche Beobachtungen werden nicht richtiger, wenn man sie verspätet macht. Die Hochkonjunktur von Diagnosen, die ein Ende der Links/Rechts-Differenz erkannt haben wollen, liegt eigentlich schon ein paar Jahre zurück. Doch ist der Fall noch lange nicht erledigt. In einer neuen Nummer der Neuen Rundschau, zum Jahrtausendende den Abschieden gewidmet, winkt der in Kalifornien lehrende deutsche Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht aus dem fahrenden Zug der Systemtheorie der zurückbleibenden Links/Rechts-Differenz zu. Eigentlich ein vertrautes Genrebild. Vor fünf bis fünfzehn Jahren verabschiedete man sich von einem eisernen Marxismus, um schnell in einer nicht minder sicheren theoretischen Trutzburg, meist der Systemtheorie, eine neue Heimat zu finden. Doch es blieb etwas in der Welt, mal als „Political Correctness“ geschmäht, dann wieder als „Rückkehr des Politischen“ zumindest zur Kenntnis genommen: Die marxistische Vergangenheit deutscher Geisteswissenschaftler hörte nicht auf, ihnen in der Gegenwart zuzusetzen, wenigstens als Gespenst sich immer wieder zu zeigen.

Um diesen Geist ganz auszutreiben, musste man den Pflock der Ideologie vom verflüssigten Links-Rechts-Gegensatz in die wiedergängerischen Leiber der eigenen politisierten Vergangenheit treiben. Gumbrechts Beispiel enthält gleich mehrere klassische Symptome der Rechts/Links-Abschaffer. Er kennt einen netten Menschen, der für die Republikaner antritt, eine afroamerikanische Frau in diesem Falle, mehrfach minoritär im Deleuze’schen Sinne und daher von Haus aus für alle Arten neuer (linker) politischer Subjektivitäten zuständig, reizend und tüchtig, die sich anheischig macht, im Team des Bush-Sohnes anzutreten. Nicht einmal die allerneuste amerikanische Version linker Politik, die minderheitenorientierte, so Gumbrechts implizite Argumentation, widersteht der Verflüssigung von rechts und links. Und schließlich hat auch er, wie Luhmann selbst, eine Favela-Erleuchtung: Er meint, dass die, die vom System nicht mehr erreicht werden, die ganz Armen, Ausgeschlossenen auch von links her nicht erreicht werden.

Um zu zeigen, dass Links und Rechts nichts mehr besagen, muss sich Gumbrecht wie alle seine Vorgänger auf linke Werte und seine eigene Sympathie mit ihnen beziehen. Dass jetzt eine Republikanerin diese Werte vertritt, diskreditiert für ihn die Werte so weit, dass es nicht einmal angehe, sie analytisch von anderen zu unterscheiden. Man muss sie nun wohl ganz aufgeben.

Man ahnt, dass dies in Wirklichkeit nicht die Probleme enttäuschter linker Pragmatiker sind (Gumbrecht gibt sich als solcher aus, wenn er sich SPD-Wähler nennt), sondern die eines allerdings schon sehr lange enttäuschten Linksradikalen. Warum konnte nun Gumbrecht nicht einfach seine doch offensichtlich vertraute Rechts/Links-Differenz dadurch retten, dass er altersradikal wird, den späten Luhmann metropolenguerrilamäßig zu Ende denkt, und das Manöver der tüchtigen Afroamerikanerin als subversive Mikropolitik bewerten?

Nun, Linksradikalismus steht nicht zur Verfügung, nicht so sehr theoretisch, sondern imagemäßig. Erfahren wir etwa von Reinhard Mohr. Mohr ist der, der nicht müde wird, seine eigenen biographischen Entscheidungen, von „Zerschlagt die Universitäten! Es lebe die Hochschulguerilla! Wir wollen alles“ (so Mohr 1978) zum pauschal-pathologischen Linken-Hasser in Spiegel-Artikeln und Hausmitteilungen zu rechtfertigen – als säße auch ihm irgendein Genosse mit Tomahawk im Nacken. Mohr wird offenbar besonders gnadenlos von einem rigiden alten linken Über-Ich verfolgt, dessen Unähnlichkeit zu heutigen linksradikalen Psycho-Konfigurationen ihn nicht daran hindert, dieses in einem Rundumschlag gegen die deutsche Linke auf alle möglichen, wenig mit einander zusammenhängenden Exponenten eines vermeintlich allen gemeinsamen linksradikalen Wahnsinns zu projizieren: Von Wolfgang Pohrt bis Klaus Theweleit, von Mathias Greffrath bis Jürgen Elsässer reicht Mohrs politisches Pandämonium der Nicht-Pragmatiker.

Sein Befund: Die radikale Linke ist nicht pragmatisch. Sie hat keine realpolitischen Vorschläge zu machen. Dann ist ja alles gut, ist man natürlich versucht zu antworten, dafür ist sie ja auch die radikale Linke. Die andere ist ja, glaubt man Gumbrecht, gar nicht mehr als solche zu erkennen. Wenn man allerdings seinen guten Willen gegenüber den deutschen Linken kurz vergisst, wenn man also zum Beispiel liest wie Jutta Ditfurth sich in der Neuen Revue an Joschka Fischer abarbeitet, dann kann man schon finden dass derlei private, aber leider symptomatische Schrullen wirklich über jedes erlaubte Maß hinausgehen. Dass diese diversen deutschen Bewegungen, Zirkel und Einzelfiguren tatsächlich etwas verloren in der Landschaft stehen, liegt aber nicht daran, dass sie „radikal“ oder „unpragmatisch“ sind, denn das ist ihr Job. Ihr Problem besteht eher darin, dass die gesellschaftlichen Institutionen, Denkschulen, Diskurse, die früher das Kontinuum zwischen radikalen und regierungswilligen Linken bildeten, langsam verschwinden. Die kritische Theorie und die um sie herum entstandene kritische Kultur hat ihre diversen Erneuerungen kaum überlebt, und ihre Protagonisten und Nachfahren sind entweder marginalisiert oder zu den Professoren befördert worden, die heute über die Verabschiedung einer Unterscheidung politischer Optionen anhand moralischer und philosophischer Grundeinstellungen nachdenken – über nicht weniger also als die Abschaffung der Demokratie als eine Veranstaltung, in der es noch um etwas geht.

Die von einer äußerst breiten gegenkulturellen Koalition von New Age bis Cyberanarchismus getragenen jüngsten Aufstände gegen die WTO in Seattle zeigen indes, wie sehr eine solche Kritische Theorie II gebraucht wird, soll der Aufstand gegen das abstrakte Kapital nicht in das konkrete Ressentiment gegen den konkreten Kapitalisten abrutschen. Diese KT II würde links und rechts nicht universal unterscheiden, sondern eher in Komposita wie linken Antikapitalismus und rechten, Linksfoucauldianer und Rechtsfoucauldianer, linke Black Nationalists und rechte et cetera unterscheiden, um so die Nahtstellen für die Patchworks aktueller linker Koalitionen diskutierbar zu machen. Es ginge bei neuer linker Politik weniger um den Unterschied zwischen links und rechts, sondern um den zwischen realpolitischer und radikaler Linker. Der droht aber nicht zu verschwinden, sondern unüberbrückbar zu werden.