Herschell Gordon Lewis – Something Weird Comes To Haunt You …

Diedrich Diederichsen sprach mit dem Großmeister des Bettelbriefs und regelmäßigen Sprecher beim Internationalen Symposium für Direct Marketing über die Zeiten, in denen er jene Begabung noch in den Dienst einer großen Aufgabe stellte: der Erfindung des Gore- und Splatterfilms und der Dokumentation von Leben zu den sichtbaren Bedingungen einer Epoche.

Die Filme von Herschell Gordon Lewis sind die treuesten Dokumente echten Lebens im Kino, die ich kenne, und zwar echten Lebens, an dem nicht das Ewige und Rührende dessen, was man mit dieser pathetisch-expressionistischen Formulierung verbinden könnte, sondern das Zeittypische extrem ausgearbeitet ist, denn gerade das macht die Echtheit des hier fotografierten Lebens aus, daß es Menschen zeigt, die mit Enthusiasmus und ohne Transzendenz im Zeitgenössischen aufgehen. Sie werden keine Stars, sie tragen keine Namen, sie sind nur in einem scharf umrissenen, gegebenen Zeitraum so lebendig, daß dann gerade diese, jede Rolle, Handlung, Kostüm, Material überstrahlende Menschlichkeit absolut aufbewahrt ist auf den irren Sechste-Generation-Video-Kopien der Filme von Herschell Gordon Lewis. Man hat sie mit Warhol-Filmen verglichen, aber Warhols Darsteller sind sich immer ihrer Wirkungen bewußt, sind selber cool, diese sind immer kurz vor cool, sichtbar auf dem Wege dahin, aber immer noch sehr, sehr peinlich sie selbst und wissen nicht immer so genau, was sie tun (woran sich Lewis nicht eine Sekunde weidet oder aufgeilt, wie ein van Ackeren oder gelegentlich auch von Praunheim das tut, sondern das er in eine dringend und nach Schedule zu erledigende Arbeit einbaut, deren objektive Effekte ihm Sicherheit in diesem Chaos herumgescheuchter Meuten geben). Daß die Filme sich um Horror, Blut, Sex, Gewalt und Drastik und andere Effekte gruppieren, heißt ja nicht, daß du nur das siehst, du siehst sehr behutsam komponierte, hinführende Handlungen und Kleider, hörst Atmen und Füßescharren, Verlegenheitslösungen und abgründig blöde Witze, die alle nicht gemacht wurden, um So-schlecht-daß-es-schon-wieder-gut-ist-Beifall zu ernten, sondern um möglichst schnell möglichst viel zu schaffen und also lieber zehn blöde Witze zu erzählen, einer wird schon okay sein, als lange über einen guten nachzudenken. Lewis’ geradezu calvinistisch-kapitalistische Arbeitsmoral, seine Besessenheit von Effizienz und Effekten, führt dazu, daß die Leute in seinen Filmen gar keine Zeit und Muße haben, sich anders als wie sie selbst zu benehmen, wie arbeitende Menschen. „Für Ego ist kein Platz in billigen Filmen“, sagt er. Das heißt nicht, daß wir es mit Wundern grausiger Natürlichkeit zu tun haben (stattdessen finden wir in allen Lewis-Filmen einen ausgeprägten Sinn für das Vermittelte, Unauthentische fotografierter Bilder, „Reflexionen“ über das Filmemachen, ob im Arbeitsjournal zweier Soft-Pornographen, Boin-n-g!, oder in den Künstlerproblemen des mit Menschenblut malenden Malers in Color Me Blood Red), sondern mit fotografierter Wirklichkeit in einem Maße wie – das mußte kommen, ich weiß, aber es stimmt – sonst nur bei Jean-Marie Straub und Danièlle Huillet. Diesen Sommer habe ich fast jedes Wochenende mit seinen Filme verbracht und all das gesehen, was ich seit Jahren kaum noch in Kinofilmen gefunden habe: Leben zu den sichtbaren Bedingungen einer Epoche. Unschätzbare Dokumente. „Epoche“ heißt nicht auf dem Stand der Metropolen-Fashion, sondern auf dem Stand der Fashionploitation im Epizentrum Chicago, durch einen Mann, der hauptsächlich davon besessen war, so schnell und effizient wie möglich, so viele Effekte wie möglich auf die Leinwand zu bringen, und alle Trends und Moden nur daraufhin befragt, was er noch nie gesehen hat, nach Steigerung und Fortschritt. Diese Einstellung, die die vermeintlichen Stadien der Befreiung in der Teleologie der Subkultur und der Moderne mit einem fast pornographischen Blick ansieht, schuf – nicht paradoxerweise, weil im Gegensatz zur Pornographie Lewis das Eine (seine Entsprechungen dazu: Splatter und Sensationen) nicht unausgesetzt zeigen kann (und will) – die effektivste amerikanische Poesie: die Poesie, der die Effekte jede elende, aufgesetzte und von außen kommende Rechtfertigung abnehmen, wo gerade im nur auf Verwertbares bezogenen Arbeiten, das unverwertbare Genuine überlebt, ohne in einer Rechtfertigungsstruktur im Sinnstiftenden unterzugehen. Die Poesie aber auch der experimentellen Professionalität, des Eine-Sache-zum-ersten-Mal-Tuns. Lewis sagt, Blood Feast war wie Walt Whitmans amerikanische Gedichte, nicht perfekt, aber das erste Mal. Er hat diesen Ehrgeiz, zu improvisieren, Dinge das erste Mal zu tun, nicht aufgegeben. Solange er Filme machte, machte er Arbeitsreportagen. Der vielgelobte authentische Tierfang in Howard Hawks’ Hatari! findet bei Lewis seine Entsprechung in den halbverklemmt halbausgelassenen Bike- und Party-Spielen der She-Devils, den nettesten Menschen, die ich in diesem Sommer kennengelernt habe. Die Fake-Beatnik- und Kunstszene, die in Color Me Blood Red spielt und portraitiert wird, die Beat-Band und die Party-Poser aus The Girl, The Body And The Pill sind unmittelbare Zeugnisse von der Begegnung von unvorbereiteten, neuen Leuten mit neuen Geräten, Bildern die sich zu den offiziellen Sixties der Antonioni und Godard verhalten wie irgendeine Pebbles-Band sich zu Jefferson Airplane und Jimi Hendrix verhält. Lewis macht seit 72 keine Filme mehr, um seine Vorstellungen von einem experimentellen Arbeiten mit neuen Leuten, neuen Themen und vor allem neuer Technologie zu erfüllen, muß er noch bis zum nächsten Jahrtausend warten. In den experimentellen Jahren zwischen 62 und 72 hat Lewis 35-40 Filme fast im Alleingang gedreht, von Nudismus bis Black Power, Psychedelia bis Politikerkorruption nichts ausgelassen, was lustig und neu war und sich unter Slogans zusammenfassen ließ wie Lovin, Likker & Lawbreakin. Neulich habe ich dann doch mal in Chicago anrufen müssen.

SPEX: Werden Sie wieder einen Film machen Mr. Lewis?

HGL: Mir liegen diverse Vorschläge vor. Verschiedene Leute wollten schon mit mir „Blood Feast 2“ drehen. Aber bis jetzt ist es nie über Gerede hinausgegangen. Meine Antwort an Sie heute ist: ja, wenn mir jemand ein Angebot macht.

SPEX: Wie fanden Sie denn Blood Diner?

HGL: Ja, Jim Maslon hat diesen Film gemacht und wollte ihn wohl erst „Blood Feast 2“ nennen, entschied sich dann aber für Blood Diner, um das Bild von Blood Feast nicht zu beschmutzen. Ich habe den Film selber nicht gesehen, nur verschiedene Kommentare gehört, aber ich finde auch, die meisten High-Budget-Horror-Filme von heute sind billig und schlecht gemacht.

SPEX: Welche wären die Ausnahmen?

HGL: Es wäre leichter für mich, die zu nennen, die ich nicht mochte. Schlimm fand ich zum Beispiel das Remake von The Fly mit Jeff Goldblum. Das war zwar ekelhaft, aber nicht furchteinflößend, kein Horror. Das Casting war schlecht und die ganze Idee grauenhaft. Unfaßbar ist, daß sich Fans dieses Films zu Fanclubs zusammenrotten und nicht fassen können, daß ich diesen Film nicht mag. Ich muß sie dann an das Original erinnern, das ich wirklich beängstigend finde. Das Problem in unserer Industrie scheint mir die immer größere Abhängigkeit von chemischen Effekten, von Prothesen, Animation und Maschinerie zu sein, bei gleichzeitigem Verlust der klassischen Kunst, Leute zu erschrecken. Die Leute sitzen im Kino und goutieren die Effekte, finden es gut gemacht, aber sie sind nicht einbezogen, sie haben keine Angst. Sie kriechen nicht mehr unter die Sitze.

SPEX: That’s Postmoderne. Die Leute sind einfach zu schlau, um sich noch aufzuregen. Ist alles nur Kino.

HGL: Völlig richtig. Das hält die Produzenten von Horror-Filmen auf Trab. Ich kann mich noch daran erinnern, daß erwachsene Leute vom ersten Dracula mit Bela Lugosi wirklich schockiert waren. Damit locken Sie heute keinen Sechsjährigen mehr hinterm Ofen hervor. So sophisticated ist die Gesellschaft geworden.

SPEX: Aber war ihre Erfindung des Gore- und Splatterfilms, also das Drastische an seinerzeit Blood Feast, nicht schon eine Reaktion darauf, daß die Leute für die sogenannten psychologischen Tricks des klassischen Horrorfilms schon 1963 längst nicht mehr empfänglich waren?

HGL: Sie sind sehr scharfsinnig, Sir. Wir als unabhängige Filmemacher mußten entweder Neuland betreten oder das Bekannte drastisch steigern. Als wir Blood Feast machten, hatten wir eine völlig andere Lage als heute: es gab keine Videos und kein Kabelfernsehen, wir lebten und starben mit der Kino-Distribution. Nun gab es aber keine speziellen Nischen für spezielle Interessen, sondern seitens der Kinobesitzer nur die Frage: wie verdiene ich mit meinem Kino in kürzester Zeit das meiste Geld. Wir mußten also direkt mit Major-Filmen konkurrieren. Heute Ben Hur, morgen Blood Feast. Jeder Special Effect in Ben Hur kostete aber zehnmal soviel wie das ganze Budget von einem einzigen meiner Filme. Wie konnte ich also mithalten: die Antwort war, indem ich einen Schritt weiterging.

SPEX: Kann man sagen: die Kunst des Trash beginnt, wo ökonomische und materielle Zwänge zu Drastik und Überteibung zwingen?

HGL: Diesem Satz kann ich beipflichten. Er gilt nicht nur für die Filmindustrie, sondern auch für jede andere Kunst.

SPEX: Er ist auch sehr wahr in der Musik.

HGL: Ja, meine Frau und ich sind ja sehr aktiv hier im örtlichen Philharmonie-Orchester. Und da ist gerade ein neues Stück vorgestellt worden, das mit allerlei Späßen arbeitet, Synthesizer, eine Okarina mitten im Publikum, Soundeffekte mit einem Champagnerglas, lauter Sachen, mit denen der Komponist sagen will: ich habe etwas anderes gemacht. Auf meine Filme übertragen hieß die Idee: wir müssen Filme machen, die die Leute nirgendwo anders sehen können. Denn dies ist ein Argument, das auch jeder Kinobesitzer verstehen wird.

SPEX: Gibt es heute noch so etwas? Gibt es heute noch Dinge wie damals: Blut, Zerstückelungen, Drogen, Gewalt, Sex, Beat, Anti-Baby-Pillen und Nudisten, die man nicht sehen kann, und wenn ja, was wäre das?

HGL: Die Frage, ob es noch etwas Neues geben werde, ist im Film insofern schwer zu beantworten, weil alle Innovationen des Kinos immer mit Technologie zu tun hatten, mehr als mit Kreativität. Ich denke, daß um das Jahr 2001 es schon ein Sinneskino geben wird, das das Publikum über mehr als nur Augen und Ohren anspricht. Geruchsfilme werden ja schon ausprobiert, es gab ja Smell-O-Vision. Oder es gab die Sachen, die William Castle zu seiner Zeit so erfunden hat, etwa das, was er „Tingler“ nannte, wobei die Sitze im Kino mit einer Niedrigspannungsleitung verbunden waren. Ich habe immer darauf gewartet, daß das Ding verrückt spielt und das ganze Publikum auf dem elektrischen Stuhl stirbt. Haha. Es wird Gehirnwellenstimulation geben, eine Sache, die sich ja auch erst in einem embryonalen Stadium befindet, um die Gefühlslage des Publikums zu beeinflussen. Im Grunde ist das auch nur eine Erweiterung der Background-Musik im klassischen Kino, die ja auch nur die emotionale Aktivität des Publikums steigern und lenken sollte. Es wird auch eine Rückkehr des 3-D-Films geben …

SPEX: … der es ja nie richtig geschafft hat.

HGL: Nie! Weil man sich zu sehr um die Technik kümmerte und darüber die Stories vergaß. Es hat aber eine Verbesserung der Technik gegeben, die einen in die Lage versetzt, auf die blöden 3-D-Brillen verzichten zu können. Dann wird es aber von vorne losgehen. Einer wird kommen und einen Wahnsinnigen mit dem Messer auf die Kamera losgehen lassen und sie zerschlitzen lassen. Was soll nun der nächste Regisseur machen? Er kann nicht einen Wahnsinnigen mit einem Messer die Kamera zerschlitzen lassen. Das gibt es schon. Das war mein Problem. Bei Blood Feast gab es keine Probleme, vor uns hatte noch nie jemand eine Zunge aus dem Rachen geschnitten. Was sollte aber als nächstes passieren? Als ich zehn Jahre später die Gore Gore Girls machte, gab es Effekte, von denen viele heute noch sagen, daß sie bis heute ihresgleichen gesucht haben. Zum Beispiel die Szene, wo ein Mann ein Mädchen mit dem Kopf in kochendes Öl stößt und sich anschließend ihre Gesichtshaut ablöst. Nun wäre es aber wirklich sehr viel besser gewesen, wenn ich die Techniken zur Hand gehabt hätte, die sie heute haben, dieses künstliche Enthäuten, das man heute machen kann. Aber ich mußte es noch mit Hühnerhaut und Wachs machen. Bei 2000 Maniacs, dem zweiten Gore-Film, den ich gemacht habe, hackt der eine Knabe diesem Mädchen den Arm ab. Dafür mußten wir eine Schaufensterpuppe benutzen, deren Arme sich nicht durchbiegen. Sowas würde ich heute nicht einmal in Erwägung ziehen. Heute hat man künstliche Gliedmaßen, die sich wie echte bewegen, als hätten sie Gelenke. Die Industrie hat also Fortschritte gemacht, und ich glaube, wir haben noch nicht das Ende der Effekte gesehen, mit denen man Menschen zum Gruseln bringt, aber viele Leute reden sich was ein, wenn sie einen Halloween nach dem anderen und noch einen Friday the 13th drehen. Es gibt zwar ein Hardcore-Publikum, das sich jeden einzelnen dieser Filme ansehen wird, aber diese ewigen Wiederholungen führen doch zu nichts.

SPEX: Wie und wann kam es eigentlich zu Ihrer Wiederentdeckung?

HGL: Ich dachte, es wäre ein Witz. Ich saß im selben Stuhl, in dem ich jetzt sitze, und ein Mensch namens Rick Sullivan rief aus New York an und lud mich ein, als Ehrengast zu einem Halloween-Fimfest zu kommen. Ich sagte, ich ruf zurück, weil ich glaubte, daß mich einer verkohlen will: Sie sind doch der Herschell Gordon Lewis, der die Horrorfilme macht. Ja, aber das ist lange her. Ich rief zurück, und es war eine Büronummer mit einer Durchwahl, und eine junge Dame war dran und flötete, Sie möchten Mister Sullivans Büro, einen Moment, ich stelle durch. Der war also echt, ich war verblüfft. Ich fuhr nach New York, das war 1982, und war völlig überrascht. Das Kino war voller Leute mit blutig geschminkten Gesichtern in Gore-Kostümen, und die zu The Wizard Of Gore kreischten, demjenigen meiner Gore-Filme, den ich am wenigsten mag. Und sie hatten nicht etwa eine Videokopie, sie hatten eine 16-mm-Bootleg-Kopie. Ich wurde gebeten zu sprechen und mit Applaus überschüttet. Ich konnte es nicht fassen, so begann diese eigenartige Renaissance meiner Filme, die vor ein paar Jahren darin gipfelte, daß in Los Angeles 11 meiner Filme in einem 1000-sitzigen Kino an einem Wochenende zu sehen waren. Das Kino war ausverkauft, und das Publikum war viel zu jung, um sich noch aus den 60ern an diese Filme erinnert haben zu können. Jetzt sind die Filme, von denen ich glaubte, sie seien vor Jahrzehnten einen üblen Tod gestorben, in Videotheken ausleihbar, und neulich entdeckte ich 2000 Maniacs und einen anderen grauenhaften Film, den ich gemacht habe, im Kabelfernsehen, She-Devils On Wheels.

SPEX: Ein feministisches Meisterwerk. Kennen Sie die verschiedenen Versionen des Titelsongs, die es gibt?

HGL: Ich weiß nichts davon. Erzählen Sie.

SPEX: Die Cramps haben auf einer B-Seite „Get Off The Road“ aufgenommen, die Hellcats, eine Mädchenband aus Memphis, hat nicht nur eine Version gemacht, sie kleiden sich auch wie die Gang in dem Film, und erst vor kurzem hat eine New Yorker Mädchenband namens The Lunachicks den Song aufgenommen.

HGL: „Get Off The Road“? Unglaublich, sie sollten mir Royalties zahlen. Sie scheinen sich ja ernsthaft mit diesem Thema zu beschäftigen?

SPEX: Man tut, was man kann. Sie haben nicht nur die Titelsongs in ihren Filmen selber geschrieben, Sie haben auch die Trailer geschnitten, teilweise gesprochen, die Poster gestaltet, die Kleinanzeigen getextet und auch sonst alles gemacht?

HGL: Ja, aber wieder aus finanziellen Gründen, nicht wegen eines aufgeblasenen Egos. Ich habe die Songs geschrieben, weil ich niemanden für etwas bezahlen wollte, was ich für einen lächerlich einfachen Job hielt. Sogar die Stimme am Anfang von 2000 Maniacs ist von mir. Ich wollte niemanden bezahlen für etwas, was ich selber konnte. Ich habe sogar fast immer die Kamera selber geführt, nicht aus Begeisterung dafür, ein schweres Metallteil hin- und herzubewegen, sondern weil niemand in dem Tempo arbeiten wollte, das ich heute noch jedem empfehle und wo ich Ihnen heute, Dienstag, sagen kann, was ich nächsten Mittwoch um 16 Uhr tun werde. Der Nachteil dieser Arbeitsweise ist natürlich, daß man sich manchmal mit dem zweitbesten Effekt zufrieden geben muß. Und ich habe immer im O-Ton gedreht, nur in Year Of The Yahoo haben wir einmal etwas synchronisiert, weil gegenüber ein neues Haus gebaut wurde. In dem Film Color Me Blood Red mußten wir eine ganze Kunstgalerie mit vier kleinen Lampen ausleuchten. Der Strom in dem Gebäude war zu schwach. Das sind all die interessanten Probleme, die ein etablierter Filmproduzent nicht kennt, entweder, weil er im Studio arbeitet oder das Geld hat, sich mal eben einen Generator kommen zu lassen. Herausforderungen gibt es für diese Leute nicht. Für uns war das nicht einmal eine Herausforderung, es war die Art und Weise, wie wir Filme machen.

SPEX: Das macht ja auch einen Teil der Faszination Ihrer Filme aus, daß man sehen kann, wie sie gemacht sind, oder?

HGL: Sie sind nicht geleckt, nein, aber nicht weil wir nicht wußten, wie man Filme dreht, sondern weil wir im Rahmen eines begrenzten Budgets arbeiten mußten. Aber es gibt bei mir keine Stelle, wo ein Mikrophon in eine Szene hängt …

SPEX: … wie z. B. bei Hitchcock manchmal …

HGL: … wie bei Hitchcock oder bei Antonioni. In Blow Up gibt es eine Szene, wo ein frisch polierter Wagen zu sehen ist, in dessen Kühlerhaube sich die gesamte Crew spiegelt. Das gibt es bei mir nicht. Gut, unser Sound war oft komisch, weil wir immer mit Richtmikrophonen außerhalb der Szenerie gearbeitet haben, wir hatten keine Galgen oder Kräne, die das Mikro auf Kopfhöhe gebracht hätten, aber ich entschuldige mich nicht, unteure Filme gemacht zu haben. Das Interessante an billigen Filmen ist: Ego ist nicht gefragt. Ich würde niemals einen Fade im Labor machen lassen, ich habe immer die Fades in der Kamera gemacht. Niemand macht das heute mehr, und es ist keine hohe Kunst, aber es ist etwas Interessantes, was man tut, um Geld zu sparen.

SPEX: Sie kennen sicher den Satz von Godard, daß 2000 Maniacs sein liebster amerikanischer Film ist?

HGL: Nein, das wußte ich nicht. Ich bin begeistert, das zu hören, denn 2000 Maniacs ist auch mein liebster Film. Wenn Sie Herrn Godard begegnen, sagen Sie ihm … wo ist er, in Paris?

SPEX: Ich glaube in Genf.

HGL: Ich bin jeden April in Genf. Ich wünschte, daß unsere Wege sich kreuzten, denn ich bin auch sein Fan.

SPEX: Ich kenne ihn nicht persönlich, habe das nur gelesen.

HGL: Ich kannte das Zitat nicht, und Sie haben meinen Tag gerettet, indem Sie es mir erzählt haben.

SPEX: Wußten Sie, als Sie Color Me Blood Red drehten, daß es in Europa Künstler zur selben Zeit gab, die mit Blut gearbeitet haben?

HGL: Nein, und ich finde, daß ist eine ziemlich blöde Idee, denn Blut bekommt nach einer Zeit eine ziemlich unattraktive bräunliche Farbe.

SPEX: Das war auch keine Malerei, das war der sogenannte „Aktionismus“.

HGL: Die Welt der Kunst ist für mich voller Poser. Leute, die Baßgeigen verarbeiten oder Automobile zusammenpressen oder mit Farbe beschmierte Models über die Leinwand ziehen … das ist für mich keine Kunst.

SPEX: Aber ihr Film enthält alle Debatten und Mythen dieser Avantgarde-Kunst: die Mythen der Authentizität, des Opfers für die Kunst …

HGL: Jeder kann bluten, das ist doch keine Kunst.

SPEX: Wer hat denn die Bilder in dem Film gemacht? Der Künstler, der dann später mit seinem Blut und dem seiner Opfer malt, hat ja am Anfang ein ganz anständiges und total eklektizistisches Oeuvre geschaffen.

HGL: Wir haben den Film in Florida gedreht und zwar da, wo die meisten amerikanischen Zirkusse ihr Winterquartier nehmen. Wir haben den Mann gefunden, der die Kulissen und Schilder für die meisten amerikanischen Zirkusse macht, und er hat all die Bilder gemalt, ich habe noch ein paar davon auf meinem Boden. Nein, uns war völlig egal, was für Bilder er imitierte, ob Dalí, Rembrandt oder Degas, wir wollten nur einen Effekt.

SPEX: Sie haben viele Filme über Gangs, Jugendkultur, Drogen etc. gemacht. Haben Sie selber je etwas damit zu tun gehabt, oder haben sie diese Dinge auch nur benutzt, um Effekte zu erzielen?

HGL: Ich war nur ein Beobachter. Wir haben zum Beispiel einen Film gemacht wie Just For The Hell Of It, über eine Gang von Rabauken. Und wir hatten eine Menge Spaß dabei. Aber heute, wo ich dem Greisenalter näherkomme, muß ich sagen, bin ich doch ganz schön abgestoßen von so manchem, was in der Drogenkultur passiert und mit den Gangs in den Städten.

SPEX: Und Psychedelia? Ein Film wie Something Weird?

HGL: Das trifft unsere Absichten schon eher. Ich wollte die außersinnliche oder vielleicht besser psychedelische Wahrnehmung ausprobieren, und der Film spielte sehr sehr viel weniger ein als irgendeiner meiner Horror-Filme, aber wer den Film gesehen hat, mochte ihn in der Regel oder fand ihn interessant.

SPEX: In diesem Film spielt ein junger Mann die Hauptrolle, der auch in anderen ihrer Filme auftaucht, ein sehr gut aussehender Mann, der der schöne, junge Warhol sein könnte …

HGL: Ja, der junge Blonde. Er starb, soweit ich weiß, er hieß Tony … ich weiß es nicht. Wir fanden ihn, wo wir immer Schauspieler finden. Ein weiteres Kreuz, das wir tragen müssen, ist, daß wir Outlaws sind. Die ersten beiden Filme meines Lebens habe ich mit einer Gewerkschaftscrew gedreht und mir dann geschworen: nie wieder. Also mußten wir Schauspieler und Crews finden, die nicht in der Gewerkschaft sind, das war auf dem Theater. Deswegen ist das schauspielerische Niveau dieser Filme – und hier werden Sie vermutlich völlig anderer Meinung sein – meist viel höher als das Niveau der Bilder. Das rettet für mich auch einen Film wie 2000 Maniacs: die Schauspieler sind wirklich sehr gut mit der möglichen Ausnahme der Hauptdarstellerin.

SPEX: Ich finde das Spiel in fast all ihren Filmen sehr, ich würde sagen, künstlich. Man fällt sich zum Beispiel nie in die Rede. Vor jeder Szene ist ein kurzes Schweigen etc.

HGL: Ja, das habe ich gemacht, weil unsere Filme sehr stark von Klarheit abhängig sind. Ich mag overlapping talk, wenn es sehr gut gemacht ist. Wie zum Beispiel in dem Film The Thing von Howard Hawks und Christian Nyby, wo es zum ersten Mal überhaupt ausgeprägt verwendet wurde. Heute ist es üblich und vom Fernsehen popularisiert worden. Es gibt in unseren Filmen aber sowieso keine intensiven Dialogsituationen.

SPEX: Ich mag auch ihren sozialen Realismus. Wie z. B. der Schweinespießer und Familienvater in The Girl, The Body And The Pill am Ende nicht für seine Schweinereien bezahlen muß, sondern, wie immer, die armen Frauen.

HGL: In meinem allerersten Film, Living Venus, sieht ein Mann die Statue der Venus in einem Schaufenster und schmeißt die Scheibe ein, um die Statue zu bekommen. Später kommt er nochmal vorbei und wirft Geld in die Scheibe, weil wir niemand mit einer Untat davonkommen lassen wollten, ich mußte aber feststellen, daß so ein Verfahren für die Handlung auf die Dauer ziemlich idiotisch ist. Deswegen kommt der Mann, der seine Geliebte schwängert, weil deren Tochter ihr die Pille geklaut und durch Zuckerstückchen ersetzt hat, in dem Film davon.

SPEX: Was haben Sie seit ihrem letzten Film 72 eigentlich gemacht?

HGL: Lustigerweise sind eine Menge Legenden über mich im Umlauf: ich wäre Kettensträfling in Georgia, ich sei im Gefangnis gestorben oder gezwungen gewesen, das Land zu verlassen oder einfach tot. Das hat mein fauler, später Ruhm natürlich aus der Welt geschafft, aber ich habe eine ziemliche Bekanntheit in einem völlig anderen Beruf erreicht. Ich schreibe Mail-Order-Texte, ich arbeite für alle möglichen Firmen und Agenturen in der ganzen Welt, ich bin regelmäßiger Sprecher auf dem „Internationalen Symposion für Direct Marketing“, ich habe die zwei bestverkauften Bücher auf dem Sektor geschrieben, Direct Mail Copy That Sells und Herschell Gordon Lewis On The Art Of Writing Copy. Und zehn weitere Bücher, eines heißt: More Than You Ever Wanted To Know About Mail Order Advertisement. Letztens habe ich ein Buch geschrieben How To Write Fundraising Letters. Ich habe eine monatliche Kolumne im Direct Marketing Magazine namens „Copy That Sells“, ich bin auf dem Cover der Juli-Nummer von Direct Marketing Magazine, und ich schreibe auch die Kolumne in Catalogue Age, ich rede jedes Jahr in Montreux und Sydney und im September spreche ich in Neuseeland, im Oktober in London und Zürich. Wir haben eine Tochter in Saarbrücken. Also ich komm schon herum.

Filmographie (als Regisseur)

Verschiedene Quellen mit verschiedenen Angaben, daher ohne Gewähr:

Living Venus, s/w 1960
The Adventures Of Lucky Pierre, 61
Daughter Of The Sun, 62
Nature’s Playmates, 62
Boin-n-g!, 63 (zwei Filmleute drehen einen Film im Nudistencamp)
Goldilock And The Three Bares / Goldilocks’ Three Chicks, 63
Bell, Bare And Beautiful, 63
Blood Feast, 63 (der erste Splatterfilm aller Zeiten)
Scum Of The Earth, 63, s/w (Models-Tragödie)
2000 Maniacs, 64 (Nordstaatler-Touristen werden im Süden zerleiert und gemetzelt, zu extrem schöner Bluegrass-Musik von natürlich Herschell Gordon Lewis selber)
Moonshine Mountain, 64
Color Me Blood Red, 65 (Ein Maler schafft nur Meisterwerke, wenn er mit Menschenblut arbeitet. Dafür müssen Urlauber, seine Frau – mit deren blutendem Hals er eindrucksvoll über die Leinwand schrubbt – und fast ein Haufen beknackter Beatniks dran glauben.)
Monster A Go-Go, s/w 65
Jimmy The Boy Wonder, 66
Alley Tramp, s/w 66
An Eye For An Eye, 66, unaufgeführt
(Santa Visits) The Magic Land Of Mother Goose, 67, verschollen
Suburban Roulette, 67 (Partnertausch, Spiele der Erwachsenen)
Something Weird, 67 (Ein Elektriker hat nach einem Schlag ein verbranntes Gesicht. Eine Hexe, die nur für ihn ekelhaft aussieht – „häßlich“ geschminkt, verwahrlost mit einer Tätowierung auf dem Knie –, für den Rest der Welt wunderschön, zwingt ihn, gegen Rückgabe seines Gesichts mit ihr ins Bett zu gehen. Da er außerdem das zweite Gesicht hat, setzt ihn die Polizei zur Bekämpfung eines Mörders ein.)
A Taste Of Blood, 67
The Gruesome Twosome, 67 (Reizende alte Dame hat Perückengeschäft und debilen Sohn. Sie vermietet an College-Girls, deren Körper der Junge ausweidet, während die reizende alte Dame die Haare noch gebrauchen kann.)
The Girl, The Body And The Pill, 67 (vgl. Interview, sagenhafte Beatband The Fly-By-Nites mit dem Sheldon Seymour-(= HGL)-Song „The Pill“)
Blast-Off Girls, 67
She-Devils On Wheels, 68 (Die Mädchen Biker-Gang Hellcats setzt sich trotz Verlusten gegen die schwachsinnige Männer-Biker-Konkurrenz-Gang durch. Essential!)
Just For The Hell Of It, 68 (vgl. Interview)
How To Make A Doll, 68
The Psychic, 69
The Ecstasies Of Women, 69
Linda And Abilene, 69 (Nudie-Western)
Miss Nymphets Zap-In, 69
The Wizard Of Gore, 70 (HGL: „my least favorite“)
This Stuff’ll Kill Ya, 71
Year Of The Yahoo, 72
Black Love, 72 (Blaxploitation!)
The Gore Gore Girls, 72

Literatur:

Daniel Krogh with John McCarty: The Amazing Herschell Gordon Lewis And His World Of Exploitation Films, Albany, NY, 1983

RE/SEARCH 10: Incredibly Strange Films, San Francisco, 1987

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