In London als bloody foreigner

Wenn es nicht noch nie so egal gewesen wäre wie heute, wo man lebt, und wenn man mir einen anständigen Job bei anständiger Bezahlung geben würde, dann lebte ich wahrscheinlich in London.

In London bestimmen mehr als in jeder anderen Stadt der Welt drei Dinge das tägliche Leben: Fußball, Pop und Klassenkampf. Sicher gibt es Orte auf dieser Welt und auch in England, wo eines dieser drei Dinge stärker ist als in London, aber sie alle drei gleich stark und alltäglich zu finden – das gibt es eben nur in der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs.

Kurzfristig ist der New York-Eindruck stärker, nämlich physischer, komprimierter und überraschender. Er nimmt ab, wenn man seine Prinzipien durchschaut und wenn man einen bestimmten Reifegrad erreicht, der einem folgendes sagt: Nicht die großen Ausnahmen, die schweiß- und blutgetränkten exotischen städtischen Artefakte sind die Schauplätze des wirklichen Lebens, nicht Berlin, Hongkong, New York, nicht Mutter Goddams Puff in Mandalay, nicht die Opiumhöhlen des alten Shanghai und eben auch keine Bruchbuden auf der Avenue C, sondern die weniger erhitzten, alten Zentren: London, Paris, Berlin und Moskau. Aus verschiedenen Gründen ist London die schönste: Als Zentrale der Popwelt ist sie die Stadt, die am intensivsten mit den Widersprüchen zwischen diesem einzigen Medium, das potentiell die Wahrheit sagt, und seiner Umgebung, die es daran zu hindern versucht, zu tun hat. In London entscheidet sich, wie sich der aufgeklärtere Teil der Menschheit ästhetisch orientiert. Es ist auch ein Ort, wo alle Menschen noch wissen, daß es Klassen gibt und wo jeder eine politische Überzeugung vertritt, wie bei uns zuletzt in der Weimarer Republik. Als Ausländer lernt man nicht nur die englische Sprache, sondern die englische Art, intellektuell zu sein, in Ellipsen zu sprechen, auch im Alltag nicht auf Rhetorik, Entertainment und auf diesen typischen, stets wachsamen soziologischen Feinblick zu verzichten. Auch ich habe zwar gelegentlich erfahren, daß englische Ironie und Aphoristik, wenn sie sich ihrer selbst zu sehr bewußt werden, wie etwa im Falle Oscar Wilde, unerträglich werden können, aber das Wunderbare an London ist, daß man diese Eigenschaft so oft in naturbelassener Form bei den letzten lads antrifft und auf die wirklichen Intellektuellen nicht angewiesen ist.

Wer in London lebt, ist meist recht einsam. Die Stadt ist so groß, daß die Distanzen im Taxi unbezahlbar sind. Nachts kriegt man ja nicht einmal ein Taxi nach Hause, selbst wenn man es sich leisten könnte. Das führt dazu, daß viele sehr ernst, mit einer inneren Down-and-out-Durchhaltemoral und sehr überzeugt arbeiten. Da sie Opfer bringen, reißen sie sich mehr zusammen als anderswo.

Gleichwohl spielt sich im Inneren der Stadt das schnellste, bewußteste und überraschendste Moderennen der Welt ab. Die Bedeutungen von in und out, die Permeabilität der Underground/Overground-Grenzen speisen weit intensivere Auseinandersetzungen, als wir sie anderswo beobachten können. Bohemia ist überall auf der Welt träger und langsamer, mithin provinzieller als in London. Im Moment ist man wohl auch hier etwas erschöpft.

In New York, Berlin und Paris aber liegen die Leute flach auf dem Boden, und alternde Breakdancer tanzen auf ihren eingedrückten Nasen.