Ist was Pop?

„We came the long way / we came the wrong way / we play our songs much too loud / This is pop“

XTC, „This is Pop“, 1978

Im Zeit-Magazin heißt eine Rubrik für Kurzinterviews „Helden der Popkultur“. Darunter wird mit jeder und jedem, vom niedersächsischen Ministerpräsidenten bis zur Sex-Talk-Show-Moderatorin, irgendwie punktgenau poppig geplaudert. Ohne Verlust könnte man dabei den Begriff „Popkultur“ durch „Öffentlichkeit“ ersetzen. Aber das soll nicht. In der tageszeitung gab es eine längere Strategie-Diskussion zwischen LeserInnen und KolumnistInnen, ob Politik „popfähig“ sein müsse. Gemeint war je nach dem „verständlich“, „flott“, „bunt“ oder „sexy“. Aber es muß heute schon Pop sein. Im Spiegel und bei der Süddeutschen Zeitung und ihren diversen Kindern (SZ-Magazin, jetzt), wo „Pop“ am stärksten vertreten ist, gibt es gleichzeitig auch die Gegenbewegung: Im Spiegel verschafft sie sich über kulturpessimistische Gegenwartsdiagnosen à la „Die Deutschen – ein Volk von …“ Gehör, in der SZ etwa durch Partisanen der Hochkultur wie C. Bernd Sucher und dessen dezidierte Pop-Feindschaft. Neulich kam dort auch ein engagierter evangelischer Geistlicher zu Wort, der die Ursache für Entsolidarisierung und soziale Kälte in der „Pop-Kultur“ ausgemacht haben wollte. Seit der sogenannte Westerwelle Guildo Horn und Gerhard Schröder als Pop-Phänomene parallelisiert hat, geht selbst den gestandensten Intellektuellen beim Begriff „Pop“ völlig das Hirn auf Grundeis. Nun steht das Kurzwort meist für eine Abendland-verschlingende Verblendungsmelange, in der Horn, Helge Schneider, Harald Schmidt eh schon alle dasselbe sind.

Ob als Zeichen für den allgemeinen Werteverfall oder für attraktiv-transparente neue gesellschaftliche Verhältnisse: Der Pop-Begriff scheint nicht nur endlos zuständig, sondern auch endlos dehnbar zu sein. Zwar gab es schon zu seinen Anfangszeiten in den frühen 60ern unterschiedliche Verwendungsweisen, und einige sind hinzugekommen. Doch heute scheint schier alles Pop zu sein. Oder will Pop sein – vom Theatertreffen bis zur Theorie, von der sozialdemokratischen Kandidatenkür bis zur Kulturkatastrophe.

Damals stand Pop für den von Jugend- und Gegenkulturen ins Auge gefaßten Umbau der Welt, insbesondere für den von der herrschenden Wirtschaftsordnung verkraft- und verwertbaren Teil davon: sexuelle Befreiung, englischsprachige Internationalität, Zweifel an der protestantischen Arbeitsethik und den mit ihr verbundenen Disziplinarregimes, aber auch für Minoritäten und ihre Bürgerrechte und die Ablehnung von Institutionen, Hierarchien und Autoritäten. Dazu kam ein Begehren nach neuen Technologien und der von Andy Warhol besonders prominent inszenierte Kult um Berühmtheit an sich („Superstars“), wie er unter Bedingungen eines immer dichteren internationalen Mediennetzes möglich wurde. Dieses einigermaßen heterogene Sammelsurium aus inhaltlichen, medien- und technologiehistorischen sowie politischen Bestimmungen konnte immerhin eine Weile – als Formation – stabil bleiben. Zumal es in den 70ern dann gar nicht mal so populär war, pop zu sein oder Pop zu machen. Nach den Anfangs- und Einführungserfolgen setzten sich die Chefs und Eliten der 60er ein wenig ab. Und bald stand das englischstämmige Kurzwort fast schon eher für die Käuflichkeit gegenkultureller Ziele. Wer an sie in einem engagierten Sinne glaubte, wollte sich von deren warenförmiger Seite eher durch andere Etikette absetzen.

In den frühen 80ern waren dann wieder einige von den eigenen politischen und künstlerischen Strategien enttäuschte Vertreter aus Politik, Theorie und Kunst bereit, gerade in den Pop zugeschriebenen Attributen wie Geschwindigkeit, Warenform, Flüchtigkeit, allerdings verbunden mit Jugend einerseits und Minderheitenkulturen andererseits, durchaus Dispositive gesellschaftlichen Fortschritts zu erkennen. Foucault tanzte im Berliner „Dschungel“, Deleuze pries Patti Smith, Pop-Bands wie Scritti Politti und Dexys Midnight Runners feierten abwechselnd den bewaffneten Kampf, Derrida und Gramsci, und zwar in einem Atemzug mit Motown-Soul, irischem Rebellentum und schwulem Camp. In den 90ern nun haben sich Pop-Verwendungen, aber auch -Phänomene so vermehrt, daß „Pop“ zum begrifflichen Passepartout einer unübersichtlichen Gesellschaft werden konnte. Seitdem ist Pop – als von verschiedenen Seiten unterschiedlich besetzter – zeitdiagnostischer Dummy-Term im Einsatz.

Früher hätte man eine solche Entwicklung den üblichen Verschleppungen und Aufweichungen anderweitig präzise entwickelter Begriffe durch die schlamperte und korrupte Journaille zugerechnet. Schließlich kann man ohne allzu grobe Vereinfachungen behaupten, daß der deutsche Kulturjournalismus zwischen 1965 und 1990, mit den üblichen plusminus fünf Jahren für Schnell- oder Langsammerker, tatsächlich von Verfallsformen der einschlägigen Kategorien der Kritischen Theorie gelebt hat. Und nicht immer ganz schlecht. Wer aber danach nicht rechts oder wunderlich wurde, sondern sein Vokabular durch meist selbstgebastelte Bildungen und Semantiken von Pop ersetzte, hatte gar keine Theorie zur Verfügung, die unzulässig zu vereinfachen gewesen wäre: Keine Autoritäten hatten gesprochen. Bis heute müssen die Journalisten vorerst selber denken, auch weil das Phänomen ihre eigene Orientierung an Klassifizierungen wie „Feuilleton“, „Kulturjournalismus“, „Modernes Leben“ entlang mitbetrifft.

Wie sie nun das, was sie wahrnehmen, über den einen Kamm des Pop scheren, ist einerseits tatsächlich die übliche betriebsblinde Vereinfachung kultureller Phänomene. Andererseits scheint gerade diese homogenisierende Subsumption unterschiedlichster Phänomene aus den Bereichen Kultur, Öffentlichkeit, Medien unter den Begriff Pop nicht allein auf der Ebene der Interpretation stattzufinden, sondern selbst Ausdruck einer Entwicklung zu sein, die man als die von Pop (60er bis 80er, spezifischer Pop) zu Pop II (90er, allgemeiner Pop) bezeichnen könnte.

Pop I wurde meist als Gegenbegriff zu einem eher etablierten Kunstbegriff verwendet. Pop II steht dagegen neuerdings im Gegensatz zu Politik, auch wenn sicherlich Öffentlichkeit der produktivere Gegenbegriff wäre. Pop I war immer in grenzüberschreitende Bewegungen verwickelt, das Drama von Pop II besteht auf den ersten Blick darin, daß kein Terrain sich gegen seine Invasion mehr sperrt. Wollte Pop früher von der hohen Kunst zur Politik (Godard) oder von der Politik zur Kunst (Zappa) oder von der Massenkultur zur Gegenkultur (Marianne Rosenberg) oder von der Gegenkultur zur Massenkultur (T. Rex) oder von der Öffentlichkeit zur Gegenkultur und zurück (Horst Mahler) oder von der Kunst zur Öffentlichkeit und von da zur Gegenkultur und zurück (Otto Mühl), so bleiben heute all diese Bewegungen innerhalb eines neuen Feldes von Pop II bodenständig und überschreiten nichts mehr. Sie nehmen verteilte Rollen ein, wechseln diese und bleiben in einem neuartigen kulturellen Feld, das man im Unterschied zu seinen allerdings durchaus noch wirkungsmächtigen Vorläufern durch folgende neue Entwicklungen charakterisieren könnte:

1.) Eine neue pluralisierte Öffentlichkeit: Die Fülle neuer Talk-Shows, in denen die individuelle Seite des ganz Alltäglichen und Normalen prämiert wird; die sowohl enthierarchisierende wie verblödende Edutainment-Inszenierung der Nachrichtensendungen und die tendenzielle Entmachtung des Interpretationsmonopols samt der verlautbarenden, an alle gerichteten Sprache („Gute Abend, meine Damen und Herren!“) der alten, autoritären bis sozialdemokratischen öffentlich-rechtlichen Fernsehkultur haben einen neuen, mit Pop verwandten Typus von Öffentlichkeit hervorgebracht, bei der scheinbar jede Stimme den Zugang zu Verstärkermedien hat.

Nur ist es aber mitnichten so, daß nun, wo jeder bei Vera am Mittag über alles und jeden sprechen darf, die herrschenden Ideologien durch eine neue Form demokratischer Partizipation infrage gestellt würden. Das neue, alle einschließende Modell von Öffentlichkeit behauptet vielmehr täglich, wie sehr doch alle anderen normalen, authentischen Stimmchen von der Straße immer schon dasselbe denken, was vorher noch autoritär verhängt werden mußte. Die lockere Vielstimmigkeit artikuliert meistens die bekannte Ideologie, ja verstärkt diese meistens noch, wenn sich zunächst ganz weltoffene WiWi-Studenten-Yuppies bei Arabella in äußerst telegener Erregung über parasitäre Sozialhilfe-Schmarotzer in eine ebenso konsensfähige wie gemeingefährliche Weißglut steigern.

Das heißt nicht, daß in diesen Sendungen nicht dennoch mitunter Effekte einer inspirierenden Irritation entstehen und tatsächlich jemand etwas sagt und auf eine Weise sagt, wie man es noch nie öffentlich gehört hat. Diese Momente sind auf jeden Fall häufiger zu finden als im alten öffentlich-rechtlichen TV. Dafür aber auch in einem Öffentlichkeitstypus, der der einzelnen Überschreitung eine weit geringere Resonanz zugesteht, so daß noch heute alle TV-Historiker von den Provokationen eines Prinz von Homburg (schwieg seinen Interviewpartner Günzler an) oder Fritz Teufel (schoß auf Minister Matthöfer mit Wasserpistole) schwärmen.

2.) Verstärkte Durchlässigkeiten zwischen den Formen dieser neuen Öffentlichkeit und den Pop-Kulturen, wie wir sie kennen: Die kleinste Underground-Nischenkultur lebt von ihrer durch den Begriff und das Feld hergestellten Nachbarschaft zur Massenunterhaltung ebenso, wie die Massenunterhaltung wiederum von homöopathischen Underground-Spritzern profitiert. Die Grenze zwischen dem Erlaubten und der Provokation ist ebenso gefallen wie die zwischen den zumutbaren Genres und dem Underground. Auch ohne „verstanden“, entfaltet oder gewürdigt zu werden, schaffen es Phänomene, die eigentlich zur im alten Sinne oppositionellen Pop-Kultur gehören, in die neue Öffentlichkeit. Doch wenn die Goldenen Zitronen in einer Kinder-Popsendung Sympathien für linksradikale Militanz äußern oder Eric D. Clark von Whirlpool Productions in einer Mittags-Talk-Show Disco-Kultur erklären darf, repräsentieren sie dort nicht mehr (durch Style und Habitus), was sie inhaltlich vertreten (wie Pop es früher konnte).

Da, wo sich die ideologische Einverstandenheit aller als Vielstimmigkeit äußert, wie in den Talk-Shows der neuen Öffentlichkeit, läuft nämlich auch die nichteinverstandene Stimme Gefahr, nur zu einer weiteren anderen Stimme, nicht zur Vertretung einer anderen Position zu werden. Diese Form von Nivellierung hat wenig mit dem zu tun, was von subkultureller Seite früher als „Vereinnahmung“ beklagt wurde: Bestimmte Zeichen für bestimmte Inhalte wurden marktfähig gemacht und so unbrauchbar. Heute werden differente Zeichen in eine universelle Differenz, die sich leicht als Uniformität erkennen läßt, so eingeführt, daß eine Verbindung zu Inhalten gar nicht mehr als Problem erkennbar ist. Sehr selten gibt es dabei Brüche.

3.) Pluralisierung und Überlagerungen von Pop-Kulturen: Die Pop-Kulturen haben sich aus dem Zusammenhang von Pop I herausgelöst und vervielfältigt. Wie die neue Öffentlichkeit sind sie von einem formalen Gegensatz zum alten, für alle zuständigen Kulturtypus gekennzeichnet, der allerdings im Falle der neuen vervielfältigten Pop-Kulturen, anders als bei der neuen Öffentlichkeit, auch ein ideologischer sein kann. Die neuen Pop-Kulturen sind wie die alten von einer Dialektik aus Inklusion und Exklusion geprägt: Zum einen sind für die Teilnahme an Pop-Kulturen die klassischen bildungsbezogenen Voraussetzungen, im Gegensatz etwa zur elitären Künstlergruppe, gegenstandslos geworden, zum anderen zählen aber andere Voraussetzungen (Hipness), die sich auch oft aus der „Treue“ zum Gegenstand herleiten – sei es ein ästhetischer, politischer oder die für Pop-Kulturen so charakteristische Bestimmung moralischer über ästhetische Fähigkeiten. Pop-Bedeutungen lassen sich nicht mit klassischen hermeneutischen und kriminalistischen Verfahren, sondern nur durch Zugehörigkeit zur (oder über die Interpretation der) jeweils relevanten Gemeinschaft erschließen. Da sich immer mehr Gemeinschaften überlagern, ist nicht unbedingt klar, welche jeweils gemeint ist. Tatsächlich ist das Unklarlassen des Adressaten oft die Bedingung für größeren Erfolg wie gleichzeitig Verletzung der Regel Nummer eins, klare Zulassungsbeschränkungen zu erlassen (Vergleiche: „Crossover“ oder „Verrat“).

In Pop I dominierte die nachvollziehbare Verpflichtung auf eine Gemeinschaft, in Pop II dominieren die Überlagerungen. Die generell zum Verständnis und zum Gebrauch von Pop-Bedeutungen notwendigen Gemeinschaften scheinen in jeder Hinsicht immer flüchtiger zu werden – so wie die Lebenspläne heute nicht mehr über feste Modelle von Biographie, sondern aus ständig wechselnden, Bohemien-artig unabgeschlossenen Modellen zusammengesetzt sind. Viele Möglichkeiten der Partizipation existieren nebeneinander. Um die verschiedenen Staffeln von Star Trek zu „verstehen“, gibt es sehr unterschiedliche Angebote, und es gibt sehr unterschiedliche Intensitätsgrade des „Verstehens“, bis hin zur Vollmitgliedschaft bei den Trekkies. Um sich mit subkulturellen Sub-Genres auszukennen, muß man eine Fülle von hochspezialisierten Habitus-Tests und -Verfeinerungen durchlaufen, die jeden Dandy grob aussehen lassen. Doch auch diese Kenntnisse und Fähigkeiten sind wesentlich davon geprägt, daß sie sich anschließen lassen müssen. Dies gilt ebenso, wenn sich beobachten läßt, daß die sich überlagernden flüchtigen Gemeinschaften von Pop II – eine solche Gemeinschaft kann drei Tage lang aus den Leuten bestehen, die einen bestimmten auf Platz 44 plazierten Hit mögen und anschließend vergessen – ein Komplement in den entgegengesetzten pathetischen oder auch politisierten Verpflichtungen zur Treue, zur Wahrheit, zur Kompromißlosigkeit haben.

Phänomene wie der Easy-Listening-Kult von 1995 und die in deutschen Großstädten dazugehörige Kultur von Cocktail-Lounges in ehemaligen Animierbars, besucht von Flexibilisierungsgewinnern, die den klassisch-popkulturellen Zusammenhang zwischen ästhetischer Kennerschaft und ethischen Konsequenzen aufgekündigt haben, haben auch zu der Reaktion geführt, nun besonders trotzig an der kleinen, kontrollierbaren Gegenkultur und ihren Regeln über die Beziehungen zwischen politischen Inhalten und den dazugehörigen Zeichen festzuhalten. Mit diesem Festhalten an alten subkulturellen Zusammengehörigkeitsgefühlen und -regulierungen von Codes stellt dann die sich von Pop II zu Recht bedroht fühlende altsubkulturelle Szene eine strukturelle Gemeinsamkeit mit jenen Kulturkonsumenten her, die zur Flexibilisierung aus politisch ganz anderen, mitunter konservativen Gründen noch nicht finden konnten. Die so gefundene Gemeinsamkeit äußert sich mitunter im Festhalten an Ideen vom ganzen, echten Menschen, dem handgemachten Rock und anderen Elementen, die gerne von Werbespots mit Marcel Reif bedient werden – aber auch im Glauben, (nur) mit besonders brachialen und übersteuert sägenden Technotracks lasse sich die Unterscheidung von Schweinen und Menschen nochmal rekonstruieren.

Beiden – trotziger Subkultur und Freunden handgemachter Rockmusik einerseits wie zynischen Flexibilisierungsgewinnern der Lounge-Kultur andererseits – stehen die exzentrischen Konformisten gegenüber, die aus dem vor ein paar Jahren noch exklusiven Trash-theoretischen Gedanken (größtmögliche Authentizität entstehe nicht im Beherrschen, sondern im Verfehlen eines gleichwohl begehrten kulturindustriellen Standards) die bekannte Guildo-Horn-Bewegung gemacht haben. Das Prinzip der Trash-Begeisterung diente einst dandyistischen Geschmack-Subkulturen zur nonkonformistischen Selbststilisierung. Sein Witz war, daß es ein Bekenntnis zu ungeschützter Emotionalität – von Schlagern, B-Movies, besonderen Outfits, daran hängenden Träumen – mit einer schützenden Geschmackskultur kurzschloß. Darüber hinaus spielte ein ähnliches Prinzip eine nicht unwesentliche Rolle für einen kulturpolitischen Aspekt schwuler Identitätspolitik. Dieses Prinzip ist nun massenfähig geworden und dient allem Möglichen: Wer gerade noch seinen Platz im Konkurrenzkampf behauptet hat, entledigt sich seiner psychischen und sentimentalen Investitionen in Verlierer-Kultur – repräsentiert durch den Schlager – in einer rituell-kollektiven Ironie-Orgie. Andere mögen gerade in der Verbindlichkeitserklärung des Unverbindlich-Ironischen oder des Scheiternden tatsächlich authentische Entlastungen erleben, die ausgelassene Feiern wert sind.

Die Regeln von Pop II und neuer Öffentlichkeit sind selten formal beschrieben worden, weil das jeweils konkrete Treiben der Pop-Kulturen – Sicherheitsnadeln durch die Backe, freie Liebe, Avantgarde-Kunst, Techno tanzen, Piercen, Extremsport, Überraschungseier-Figuren sammeln – den Beobachtern (Soziologen, journalistischen Gegenwartsdiagnostikern) interessanter erschien als ihre Form oder Struktur. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Trotz aller Überbietungsversuche beim konkreten Inhalt – noch mehr Beats per minutes, noch länger Tanzen, noch mehr Hautflächen zutätowieren, sich beim Sammeln von Überraschungseier-Figuren spezialisieren und alle, die die Spezialisierung nicht mitvollziehen, „Faschisten“ nennen – ist „Pop-Kultur“ heute vor allem ein Begriff, an dem etwas über „uns“ oder die „Gesellschaft“ klarwerden soll. Das Gesamt-Territorium der Pop-Kulturen ist auffälliger als die einzelnen Ausprägungen, und von denen sind nur die relevant, die in ihrem pop-kulturellen Spezialtreiben das Gigantische und Massenhafte der Pop-Kultur an sich zum Ausdruck bringen, von der „Love Parade“ bis zur Guildomania. In dieser Größe kulminiert einerseits das Rätselhafte, Erklärungsbedürftige der Pop-Kultur, andererseits ist sie selbst die Basis für „Pop-Kultur“ als Begriff und Argument.

So stellt sich nun seit knapp einem Jahrzehnt, in den letzten Jahren aber mit gewachsener Drastik, den lockeren wie den lebensüberdrüssigen Kulturkritikern die Frage, ob die Pop-Kultur nun schon alles bedecke und „wir“ in einer einzigen solchen Kultur oder Gesellschaft schlimmerweise leben. Oder ob – im Gegenteil – am Ende gar die „Ordnung der bürgerlichen Klasse zusammengebrochen“ sei, wie am optimistischen Ende des kulturdiagnostischen Spektrums verdächtig aufgekratzt behauptet wird, und dann wieder „wir“ gesiegt hätten?

Dieses neue kulturelle Gebilde ist aber nicht eine einfach nur linear gewachsene Institution, die dann längst die Größe und die Funktion der einen großen Öffentlichkeit in der Tat überlagert hätte. Zum einen gibt es anstelle eines universalistischen Mainstreams die inklusive, aber über heterogenisierende Formen ideologisch homogenisierende neue Öffentlichkeit. Zum anderen sind aber auch die sich noch immer alternativ und gegenkulturell oder wenigstens spezifisch gerierenden Formen von Pop – im alten Sinne sozusagen – nicht mehr ein randständiges, minoritäres und subversives Gegenüber eines geschlossenen Mainstreams offizieller Werte und Institutionen. Vielmehr haben wir es, wie Tom Holert und Mark Terkessidis gezeigt haben, mit einem „Mainstream der Minderheiten“ zu tun.1

Für diese Fülle von nebeneinander existierenden Pop-Kulturen, ist allerdings konstitutiv, daß jede einzelne noch so strukturiert ist, wie Pop-Kulturen immer schon strukturiert waren: Um käufliche Kulturgegenstände herum wird eine mehr oder weniger von diesen Gegenständen begünstigte Semantik errichtet, die eine Gruppe für verbindlich erklärt – diese Semantiken reichen natürlich heute, wo die Leitdifferenzen nicht mehr (wie früher links/rechts, jung/alt, neu/alt und langhaarig/kurzhaarig) untereinander kongruent sind, von reaktionär bis progressiv, von sexistisch und rassistisch bis zu emanzipativ. Ihre immanente Organisation kann im günstigen Fall von der hochkünstlerischen Komplexität des Janet-Jackson-Videos „Got ’til It’s Gone“ bis zur formal geschlossenen Eleganz einer repetitiven One-Note-Techno-Komposition eines Jeff Mills reichen. Daß es die Instanz des Mainstreams nicht mehr gibt, der früher die Codes der Pop-Kulturen assimilierte und zu allgemeinverständlichen Codes der herrschenden Untertanenkultur resignifizierte, sollte aber nicht zu den jeweils unsinnigen Extrem-Diagnosen verleiten, daß entweder „wir“ gesiegt hätten und ein neues Zeitalter von Demokratie ausgebrochen sei – oder aber gar nichts mehr ginge und Pop-Kultur selbst alle Formen von Untertanenkultur übernommen habe.

Bei Pop-Kulturen geht/ging es immer – wie illusionär diese Selbsteinschätzung im Einzelfall auch sein mag – um die Durchsetzung der von den Beteiligten als „selbstentwickelte“, autochthone und angemessener empfundenen Sprechweisen. Diese scheinen heute in ihrer Vielfalt allgegenwärtig, werden aber als in letzter Instanz einverstandene Mehrheit in den vielen Sendungen inszeniert, wo Leute reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Auf der künstlerischen Seite von Pop ist Authentizität schon länger bankrott: Mit vermeintlicher „Authentizität“ – Bluesrock, U2, R.E.M. – pflastern blöde Bürokraten und kranke Karrieristen ihre Innenausstattung; mit vermeintlich „synthetischen“ Produkten der Kulturindustrie – Tic Tac Toe, Disco – wird dagegen noch der eine oder andere begrüßenswerte Wertewandel, das eine oder andere schwule Coming Out oder ein berechtigter Bruch mit einem blöden Boyfriend angeschoben. Und schließlich gibt es immer noch professionelle subkulturelle Lebens- und Produktionszusammenhänge (klassische Musik-Subkulturen, heutzutage vor allem um neue elektronische Musikformen), die sich immer noch gegen die Verwertungslogik donquichotesk stemmen und etwa durch Anonymisierung, Verweigerung von Öffentlichkeit und „White Labels“ das alte Independent-Projekt des Punk-Rock fortzusetzen suchen.

Der nächste Schritt, der Schritt zum Außen des Mikro-Projekts, wird jedoch immer schwieriger. Denn auch diesen Aktivitäten steht eine immer größere Abhängigkeit von einer immer blinderen, immer weniger lokale Produktivitäten langfristig hegenden, dafür punktuell toleranteren und inhaltlich komplett indifferenten Kulturindustrie gegenüber, welche die mitunter entstehenden Gemeinschaften zu einer gedächtnislosen Flüchtigkeit zwingt.

Die Nachbarschaft von künstlerischen und politischen Strategien in Pop II ermöglicht jedoch auch im produktiven Sinne unklare Überlagerungen von künstlerischen und alltagssprachlichen Äußerungen. Pop-Kultur war noch nie eine Konkurrenz für individuelles Kunstwollen oder politische Organisation, sondern stellt den Rahmen her, in dem individuelle Absichten und Interessen Austausch und ein Gegenüber finden, die weder den künstlerischen Weg zum entwickelten altabendländischen Autor-Ego abwarten noch sich auf die politischen Strukturen des Parlamentarismus und seiner Verlangsamungen einlassen wollen.

Pop II ist mittlerweile ein System, in dem diese Energien einerseits überhaupt erst Formen und Farben und Semantiken finden können, andererseits auch das System, das für die Grenzen ihrer Entfaltung, also für ihre Wirkung auf die gesellschaftliche Umgebung und auf echte Politik, immer stabilere Regeln und Hindernisse entwickelt hat. Während Pop-Kultur I unabhängig von ihren konkreten Inhalten immer einer oppositionellen Struktur folgte, als Komplement und Konkurrenz zur defizitären Repräsentationspolitik des Parlamentarismus und alter Herrschaftskulturen, bietet Pop II Matrizen für alles, innerhalb und außerhalb des normalen Spektrums. Das Gebiet, in dem Pop-Kulturen so viel Boden gut gemacht haben, ist das erfolgreiche Zusammenführen und Aufeinanderabbilden der Logiken unterschiedlicher kultureller Bereiche, von Hochkultur bis zu jenen kulturellen Notdürften, die wie der notorische Lore-Roman allenfalls kultursoziologischen Sozialarbeitern aufgefallen sind. Ihre Attraktivität liegt in der ständigen Möglichkeit zur Überschreitung von der einen Bedeutungsproduktionssparte zur anderen, wann immer ein Zeichen entleert wurde. Ihr Nachteil ist die Perfektion der Entleerung.

Trotz einiger Ansatzpunkte ist übermäßiger Kulturoptimismus aus der Blödheit seines Gegenteils jedenfalls nicht abzuleiten. Pop-Kultur II – so könnte man zuspitzen – hat heute eine Funktion wie das ästhetische Erlebnis in Kants Philosophie: Sie verankert auf der jeweils höchst subjektiven Ebene des Kunsterlebnisses und des „authentischen“ Sprechens – ob im Drum’n’Bass-Pattern oder in der Jeder-darf-mitreden-Show von Kerner – den allgemeinen kulturellen Zusammenhalt.

Daß ein solcher neuer Common Sense – der paradoxerweise aus lauter Partikularismen und Mini-Subkulturen besteht, die in der Vorstellung der Subjekte gerade nichts gemeinsam haben (außer nichts gemeinsam zu haben) – als Orgie der Differenz unsere Gegenwartskultur bestimmt, ist aber auch ein möglicherweise zu feuilletonistisch sauberes, zu totalen Optimismen oder Pessimismen verleitendes Zerrbild, wenn auch tendenziell triftig. Daß neben dessen neuen Formen die alten gesellschaftlichen Institutionen einerseits weiterbestehen, wie auch deren kulturelle Formen – „Hochkultur“, öffentlich-rechtliches Fernsehen – in vielen Punkten ungefährdet bleiben, um sich andererseits mit den neuen zu verketten und ideologische Formationen zu bilden, ergibt ein neues, dynamisches Verhältnis.

Dabei kommt es gerade darauf an, wie und wo welche Differenzen, die von den alten Institutionen gesetzt werden (z.B. Inländer/Ausländer) mit welchen neuen korrespondieren und wo nicht: Differenzen sind nicht per se gut oder schlecht. Dieses Verhältnis bedarf einer Analyse, die noch aussteht.

Die strukturell aus vielen Mini-Ein- und Ausschlüssen zusammengehaltene Pop-Kultur und die auf einer großen Inklusion basierende neue Öffentlichkeit stehen zwischen alter Repräsentationspolitik (eine Öffentlichkeit, eine Gesellschaft) und einer folgenlosen Pluralisierung zu flüchtigen Gemeinschaften. Letztere haben den Vorteil der Freizügigkeit um den Preis der Politikunfähigkeit, erstere den Nachteil der Langsamkeit und Totalisierung. Würde man die Gemeinschaften von Pop II stabilisieren, bestünde die Gefahr, „warme“ lebensweltliche Bindungen und Gemeinschaften auch reaktionär über „kalte“ Gesellschaften zu stellen, ohne die erwünschte Verbesserung von Oppositionalität zu erzielen.

Was not tut, ist eine Art Wissenschaft, die von Fans betrieben wird, die prinzipiell für die Potentiale von Pop-Kultur empfänglich sind, aber frei genug, den gesellschaftlichen Zusammenhang nicht ausblenden zu müssen, in dem über und mit Pop Macht ausgeübt und Verhältnisse stabilisiert werden, die abzulehnen sind. Eine Wissenschaft, die freilegt und benennt, was passiert, wenn Pop produziert und konsumiert wird, die das eigene Fasziniertsein nicht ideologisch ausblendet, sondern heuristisch fruchtbar macht. Ich mache mir keine Illusion über die erwartbar gräßlichen Resultate, die entstehen würden, wenn man das Feld den klassischen Sozialwissenschaften überließe. Andererseits kann es nur besser werden. Der Ausgangspunkt der klassischen Birmingham School, „Cultural Studies“ als die durchaus sympathisierende Beobachtung von Massen-, Minderheiten- und Subkulturen, könnte heute in einer ebenso prinzipiell sympathisierenden Beobachtung von Pop II eine Fortsetzung finden. Pop befindet sich in Konkurrenz zu und ist durchlässig für einerseits (neue) Kunst und andererseits (Repräsentations-)Politik, ohne mit einem dieser klassischen Felder identisch zu sein. Als solches ist Pop II weder gut noch schlecht, aber gerade weil es für jeden zu haben ist, der damit Geld machen, die Stimme erheben oder im Falschen richtig leben will, sollten auch die vom Staat bezahlten Wissenschaften sich damit beschäftigen.

Ist es also berechtigt gewesen, alles Pop zu nennen, war dies tatsächlich die große Neuheit? Zwar ist Pop als Pop II in alle öffentlichen Kommunikationsformen eingedrungen, aber noch immer in der Form der Tendenz, nicht als neue Totalität. Es gilt, sich mit dieser Tendenz in ihrem Verhältnis zu Pop I und der alten Öffentlichkeit auseinanderzusetzen und auf dieser neuen Ebene oppositionelle Effekte zu studieren und zu stärken. Allerdings geht das kaum von außerhalb. Was bleibt, ist wohl eh nur die Mitarbeit an Pop II: Nie war Bedeutungsproduktion so wichtig, als Rohstoff des Marktes wie als Ferment des Gesellschaftlichen – und damit im Prinzip auch einer neuen Politisierung zugänglich. Nie war sie gleichzeitig so unwichtig, so ersetzbar, so flüchtig, so resonanzlos.

Unter Pop läuft neuerdings aber auch die Reduktion auf die vermeintlichen Fakten, das Postulat der Bild-Zeitung, wer etwas zu sagen habe, sage es in kurzen Sätzen – mit anderen Worten, die rechte Propaganda. Auch das leiht sich von früheren Pop-Modellen die Frechdachsigkeit, die fiese Frische und den Kommando-Ton. Dabei kann man natürlich nicht mitarbeiten.

  1. Tom Holert/Mark Terkessidis (Hg.), Mainstream der Minderheiten, Edition ID-Archiv, Berlin/Amsterdam 1996 ↩︎