Unentbehrliches Notizbuch für alle, die den Jazz von daher aufrollen wollen (nicht vom Wag Club aus)
Die Illustrierten feierten dieses Jahr einen Mann namens Courtney Pine, er mag nicht der schlechteste sein und zudem gut aussehen, aber seine Musik ist im wesentlichen von 1959. Das ist für Pop erlaubt, dessen Wesen es bekanntlich ist, sich selbst und andere aufzuessen, für Jazz, dessen wichtigste Eigenschaft es ist, der Illusion der Entwicklung, des Voranschreitens anzuhängen, nicht. Pop ist Kannibalismus, Jazz Selbstauskotzung.
In diesem Punkt gehen alle Punkte an Last Exit und Miles Davis, an erstere für den Versuch, Lärm und Kompetenz sich reiben zu lassen, an letzteren für die erste sinnvolle Verwendung von Muzak-Jazz mit Muzak-Mitteln, das ist interessant, da gibt es wirklich was Neues zu hören.
Nun gehört es aber bekanntlich zu den seltsamen Einsichten unserer Zeit, daß ewiges Vorangehen nicht mehr möglich ist, die Zeit ist irgendwie seltsam kreisförmig geworden, und eigentlich kann es keinen Jazz nach altem Verständnis mehr geben. Zumal das Musikerindividuum komplett ausgekotzt und leer ist.
Dagegen hülfen zwei Eingriffe. Entweder man erfindet einen neuen Jazz-Begriff, wofür gelegentlich Materialien zu liefern ich mich letztes Jahr verstärkt bemühte, oder man hört alte Platten, was sich vor allem deswegen anbietet, weil zweitausendeins zur Zeit Platten aus dem italienischen Base-Records-Vertrieb verramscht und so die wunderbarsten Klassiker des nach impulse besten Free-Jazz-Labels (und ersten unabhängigen Underground-Labels überhaupt, wenn ich mich nicht irre, mit The Fugs, Holy Modal Rounders und Charles Manson, The Godz und Pearls Before Swine im Programm), ESP-Disk, zugänglich macht.
So empfehle ich die Platten des New York Art Quartet mit dem Posaunenkönig Roswell Rudd und dem Härtesaxophonisten John Tchicai, die den Dichter Imamu Amiri Baraka seinen „Black Dada Nihilismus“ zu ihren Improvisationen rezitieren lassen, Albert Aylers Spirits Rejoice, New York Eye And Ear Control und ganz besonders Bells und die vielen obskuren von den Italienern semigebootlegten Ayler-Live-Platten, die meist Wochen oder Tage vor oder nach den bekannten Platten aufgenommen wurden, so daß man vergleichen und exemplarisch verfolgen kann, wie ein Künstler bewußt den Weg aus der totalen Verfeinerung ins Inkompetent-Grobe geht und es schafft, das erste ins zweite einzuzwängen. Auch zwei rare Ornette-Coleman-LPs sind dabei, die es ermöglichen, diesen auch noch einmal als Komponisten von Orchesterwerken kennenzulernen (für mich das zweite Mal nach dem großartigen „Sounds And Forms For Woodwind Quintet“).
Durch Atlantic-Wiederveröffentlichungen sind auch einige Lennie-Tristano-Aufnahmen wieder verfügbar, auch wenn er bei diesen Platten offensichtlich immer gezwungen war, gegen sein „intellektualistisches“ Image anzuspielen, und der Covertext Entschuldigungen sucht, daß er sich von einem Bassisten und einem Schlagzeuger den Begleittrack vorab auf Band spielen ließ, um anschließend dazuzuspielen. Was natürlich nicht nur kühn und modern war für 1955, das Ergebnis, in einem Stück wie „317 East 32nd“, ist umwerfend. Nach Tristano gab es nur noch Cecil Taylor.
Entdecken sollten wir als Deutsche unbedingt Jutta Hipp aus Duisburg, die in den 50ern das mörderische Geschäft auf sich nahm, als Deutsche und Frau, von Tristano beeinflußten Jazz in der Adenauer-Zeit zu spielen. Dann ging sie nach Amerika, was die von Leonard Feathers geschriebenen Liner Notes ihrer Blue-Note-LPs rührend ausmalen, und nahm als einzige Deutsche je für Blue Note auf (Klavier-Trio-Platten). Was später aus ihr wurde, weiß ich nicht (würde es aber gerne erfahren).
Zum Einstieg: Ornette Coleman – Town Hall, 1962 / Albert Ayler – Bells / Cecil Taylor – Conquistador / Peter Brötzmann – Machine Gun