Das letzte Mal, daß ich nach einem Konzert durch und durch aufgepeitscht und aggressiv, beleidigend und unrasiert durch Kneipen zog, war nach einem Gun-Club-Konzert, so ’82 oder ’83. Ich traf einen alten Bekannten auf dem Klo, der mich fragte, was ich denn daran so gut finden würde. Während ich ihm auf die Bally-Schuhe pinkelte, entwickelte ich die These: Diese Musik richtet sich gegen sich selbst. Ein sicherlich unbeholfener, aber in die richtige Richtung weisender Versuch in dieser Nässe, die unglaublich aufbauende Kraft von Negation und Aggression in den Griff zu bekommen, die von der Gun-Club-Musik ausging. Ich habe Jeffrey Lee Pierce nur einmal persönlich getroffen, in einer seiner nüchterneren und ruhigeren Lebensphasen. Aber ich werde ihn vermissen.
Als Ende 1982 absehbar war, daß die Zeitschrift Sounds, bei der ich damals Redakteur war, eingehen würde, überlegten wir uns, wie wir mit unserem letzten Titelbild ein Signal für die Zukunft geben könnten. Dies wurde dann der Kopf von Jeffrey Lee Pierce auf dem Cover der Ausgabe 1/83. Sounds hatte viel in jene Position investiert, nennen wir sie Popism, derzufolge britischer Pop mit seinem geschickten Händchen für Identitätenwechsel, flinke Strategien, Alltagsstatements und Stil bei Einbeziehung von Hitparade und Massenkultur die angemessene Sprache gegenkultureller Kulturpolitik sei.
Die Entscheidung für Pierce spiegelt die erste Enttäuschung mit dieser Position. Sie verweist auf einen anderen, amerikanischen Zugang (damals keineswegs Anti-Pop, Pierce war schließlich Präsident des Blondie-Fanclub), aber geprägt von einer Einsicht in die Zähigkeit der Verhältnisse, in die Vorteile der langfristigen und beharrenden Dimensionen von Radikalität.
1982 war Rock so tot wie dann lange nicht mehr bis vielleicht 1990, und Pierce war der erste Zeuge eines neuen, später alternativ genannten Rock, eines Lebens nach Rockism, einer Rockmusik, die durch Popism, Glamour, New Wave und Punk hindurchgegangen beim Blues landete, bei einem Blues freilich, der nicht einfach an die amerikanische „Scholle“ und „zeitlose Tradition“ glauben wollte, sondern immer von America als einem Bad America sprach. Dies allerdings nicht einfach distanzierend. Kurt Cobain hatte dann ja auch dieselbe Frisur.
In den Jahren ’83 bis ’88 war The Gun Club eine unumstrittene Einheit, die in wechselnden Besetzungen um Jeffrey Lee Pierce abwechselnd existentialistisch, alkoholistisch, sozialistisch gegen die zusehends unattraktiver werdende Pop-Postmoderne versuchte, irgendwie die primäre Erfahrung zu retten, ohne hinter die ästhetischen Standards von Punk zurückzufallen.
Ich selbst kam in jenen Tagen nicht umhin, den Titel für mein erstes Buch (Sexbeat, 1985) aus einem seiner ersten Songs zu leihen, dessen Schlüsselzeile „We can fuck forever but you will never get my soul“ ich nicht misogyn (wie sie vermutlich gemeint war, oder auch nicht), sondern als ein Modell für das Verhältnis zur Kulturindustrie deutete. Sachen gab’s. Auch ein Song wie „She’s Like Heroin To Me“ benannte eine Dimension von physischer Beteiligung, die der berechtigte Anti-Authentizismus nicht wegdiskutieren konnte.
Besetzungsänderungen überlebte die Band leicht: Miami und Las Vegas Story waren teilweise noch Steigerungen gegenüber der ersten LP The Fire Of Love: klassischer Blues, Coltrane und Sanders, aber auch seine literarischen Obsessionen erweiterten das Spektrum. Live war er oft besoffen, aber er schmiß, meiner Kenntnis nach, keine Gigs wie Nick Cave oder Harald Juhnke. Er erinnerte an Colonel Kurtz, und seine Stimme war scharf, verzweifelt und schneidend und alles mögliche andere, das normalerweise mit Aggressivität verbunden wird, aber eben auch schön und erlösend. Immer auf Plateaus klettern, verschwitzt ankommen und dann gleich weiterklettern, darin durchaus Coltrane verwandt, dessen „A Love Supreme“ er coverte.
Eigentlich war er Kollege: Als er während der späten Siebziger in L.A. seine Musikbegeisterung umsetzte, tat er es als Verfasser länglicher Plattenkritiken für das Slash-Magazin, die Zeitschrift, die damals von Chris Desjardins (später Chris D., Flesh Eaters, Divine Horsemen etc.) geprägt wurde und aus der später das gleichnamige Label hervorging. Neben ein bißchen – damals unzeitgemäßem – Blues war sein Spezialgebiet der Reggae.
Meine Lieblingsplatte ist die Death Party-EP mit „The House On Highland Avenue“ (ich wohnte mal einen Block weiter, und immer, wenn ich die Straße entlangfuhr, fragte ich mich, welches Haus er wohl meinte) und besonders dem kurzen, schnellen Song „The Lie“. Ein schönes, böses Liebeslied (läßt sich auch auf die Postmoderne übertragen).
Jeffrey Lee Pierce starb am 31. März im Alter von 37 Jahren an einem Schlaganfall. Er hinterläßt seine Frau Romi Mori, die einige Jahre beim Gun Club mitspielte. Zuletzt ist er mit einer Punkband in Japan aufgetreten, wollte mit ihr durch die Vereinigten Staaten touren, unterstützt von Henry Rollins hat er ein Buch geschrieben, das irgendwann bei 2.13.61 erscheinen wird, und während er sich bei seinem Vater in New Mexico aufhielt, ist er ins Koma verfallen. Eine Woche später verstarb er in einem Krankenhaus in Salt Lake City.